Merguez auf den Grill - Diese Bratwurst erinnert Sie nicht an Gütersloh

Billig-Bratwurst hat derzeit ein gewisses Image-Problem - Stichwort Tönnies. Kein Grund auf sommerliche Grillfreuden zu verzichten, meint Rainer Balcerowiak und empfiehlt knackig-würzige Merguez aus Lammfleisch als Alternative.

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Mediterranes Grillen: Zur Merguez-Wurst am besten Rotwein / dpa

Autoreninfo

Rainer Balcerowiak ist Journalist und Autor und wohnt in Berlin. Im Februar 2017 erschien von ihm „Die Heuchelei von der Reform: Wie die Politik Meinungen macht, desinformiert und falsche Hoffnungen weckt (edition berolina). Er betreibt den Blog „Genuss ist Notwehr“.

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Wenn man aktuell übers Kochen und Essen nachdenkt, kommt man an zwei Faktoren wohl kaum vorbei. Zwar beginnen die sogenannten Hundstage, also die im statistischen Mittel heißeste Phase des Sommers, erst in vier Wochen, doch bereits jetzt wird die 30-Grad-Marke gelegentlich geknackt, zumindest regional. Entsprechend nimmt die Grillsaison allmählich Fahrt auf. Besonders an lauen Sommerabenden sieht, hört und riecht man es an allen Ecken brutzeln.

An den Glaubenskriegen zwischen der Holzkohle- und der Gasfraktion mag ich mich nicht beteiligen, zumal ich persönlich zur meist belächelten Randgruppe der Elektro-Griller gehöre. Deutlich wurde in den vergangenen Jahren allerdings, dass grillen mit Gas längst zum Distinktionsfaktor geworden ist, wovon nicht nur verbreitete Nobelgeräte im vierstelligen Preisbereich, sondern auch auch spezielle Hochglanzmagazine zeugen.

Wurst von Tönnies? Nein Danke!

Ein weiterer Faktor könnte – wenigsten kurzzeitig – die Grillkultur in diesem Jahr beeinflussen. Bratwürste und Nackensteaks für Dumpingpreise aus dem Supermarkt sind ein wenig in Verruf geraten. Zwar sind die furchtbaren Haltungsbedingungen, der dafür verwendeten Tiere, und auch die desaströsen Arbeits- und Lebensbedingungen, der in den Schlachtbetrieben beschäftigten, meist osteuropäischen Leiharbeiter, schon seit langer Zeit bekannt, aber den unbeschwerten, günstigen Grillspaß mochten sich davon nur die wenigsten Brutzelfreunde verderben lassen.

Doch in Corona-Zeiten ist vieles anders. Da sich der Marktführer dieser Branche in zwei nordrhein-westfälischen Landkreisen als Brutstätte für eine neue, derzeit noch lokale Infektionswelle entpuppt hat, könnte dem einen oder anderen der Appetit auf Bratwürste und Steaks aus dem Hause Tönnies vergangen sein – und das nicht nur in Gütersloh und Umgebung. Fast schon vergessen scheint zu sein, dass es auch beim Konkurrenten Westfleisch im Mai eine Convid-19-Welle gab, die zur zwischenzeitlichen Schließung einiger Betriebsteile führte.

Wenn schon Merguez, dann authentisch

Wie ich bereits erwähnt habe, mag ich mich an den Glaubenskriegen um das Grill-Equipment nicht beteiligen. Ich folge der Prämisse: Hauptsache heiß, saftig, lecker und manchmal auch kross. Wobei wir beim nächsten Glaubenskrieg wären: marinieren oder nicht, und wenn doch, dann wie? Naja, das hängt natürlich vom Einzelfall ab. Wesentlich spannender ist meines Erachtens die Auswahl des Grillguts. Nichts gegen die klassische deutsche Bratwurst, die zumeist ausschließlich auf Schweinefleisch basiert. Doch allmählich etabliert sich auch eine aus Nordafrika und einigen arabischen Regionen stammende Wurst auf hiesigen Grillrosten.

Die Merguez verbreitete sich durch Zuwanderer aus ehemaligen Kolonien zunächst in Frankreich und anderen Regionen Südeuropas, bevor sie weiter nach Nordwesten vordrang. Ursprünglich wurde ausschließlich durchwachsenes, pikant gewürztes Lammfleisch verwendet. Mittlerweile werden meistens Merguez aus Lamm- und Rindfleisch mit deutlich milderen, „europäisierten“ Würzmischungen angeboten, besonders in Supermärkten. Doch wer sich umhört, mit den jeweiligen Fleischern spricht und vielleicht auch ein bisschen rumprobiert, sollte kein Problem haben, authentische Merguez aufzutreiben. Für optimales Grillvergnügen sorgt auch der als als Hülle verwendete Schafsdarm, der Merguez eigentlich immer saftig und kross werden lässt.

Dazu Rotwein statt Bier

Zu einer Grillwurst gehört natürlich auch ein anständiger Salat, aber der Bratwurstklassiker Kartoffelsalat wäre hier eindeutig fehl am Platz. Ein mit Olivenöl und Balsamico angemachter grüner Salat mit Tomaten – gerne auch ein wenig Knoblauch – passt dagegen hervorragend. Auch das Bratwurst-Bier sollte im Kühlschrank bleiben. Stattdessen lieber einen mittelschweren, südfranzösischen Rotwein, etwa eine klassische Cuvée aus dem Languedoc, am besten leicht gekühlt bei 12 bis 14 Grad. Das alles kann einen Urlaub am Mittelmeer vielleicht nicht ersetzen, aber wenigstens ein bisschen mediterranes Feeling auf die heimische Terrasse zaubern.

Klaus Peitzmeier | Sa, 27. Juni 2020 - 13:42

H.Balcerowiak,bitte denken Sie auch an die Folgen, wenn Sie etwas schreiben.
"Wurst von Tönnies? Nein Danke!" ist voll daneben.
Bisher habe ich gehört, daß Tierwohl in den Tönnies Schlachthöfen, soweit man von Tierwohl in diesem Zusammenhang reden kann, ist ok. Daß die Qualität der Ware schlecht sein soll,habe ich noch gar nicht gehört.
Weg müssen die unter ROT/GRÜN eingeführten Werkverträge. Aber dann EU weit. Garantiert halten die ersten Großschlachter schon Ausschau nach Objekten direkt hinter der ostdeutschen Grenze.
Was haben wir davon?Bessere Qualität?Bessere Arbeitsbedingungen? Nein, noch billigeres Fleisch. Und wenn Sie uns jetzt noch die Tier-,Schlacht- u Arbeitsbedingungen in Nordafrika als zukunftsweisend anpreisen wollen, dann hört mein Verständnis völlig auf. Oder wollten Sie uns nur sagen, daß die Merguez Wurst eine Alternative zur Bratwurst aus deutschen Schlachtereien sein könnte? Dann hätten Sie sich nur in der Überschrift "Wurst von Tönnies? Nein Danke!" vertan.

Habe wahrscheinlich vor einigen Jahren im Ausland ein Original dieser durchaus leckeren Wurstsorte durch Zufall erwischt. Also ich hatte da eher an einen Feuerlöscher als an Rotwein denken müssen;)! Trotzdem (sau)-Lammgut! MfG

Ich glaube nicht, das Herr Balcerowiak uns den Appetit auf deutsche Wurst verderben wollte lieber Herr Peitzmeier! Vielmehr den Appetit auf die Methoden Tönnies und anderer Monopolisten, die unter den Augen der Politik alle halbwegs ordentliche mittlere und kleine Betriebe mit in der Mehrzahl noch deutschen Arbeitskräften einen nach dem anderen schluckten und die industrialisierte Massentierhaltung mit all ihren Folgen bis ins Obszöne steigerten. Was nützt es Ihnen und mir, wenn wir jeden Tag Fleisch und Billigwurst auf dem Tisch haben, aber unser Grundwasser mit Nitrat verseucht wird. Oder können Sie sich auch nur vorstellen, was momentan mit den fertig gemästeten, ihren Gitterstall sprengenden zig Tausend schlachtreifen Schweine passiert, die nun weniger oder nicht mehr bei Tönnies verarbeitet werden? Bei 30 Grad in den LKW und sonst wo hin gekarrt oder der Not gehorchend gleich alle keulen? Sorry! Nun habe ich mir und Ihnen wahrscheinlich wirklich den Appetit verdorben.MfG

Helmut Bachmann | Sa, 27. Juni 2020 - 17:00

hin zu mehr Genuss. Da möchte ich mal eine Lanze brechen für das lokale Handwerk! Ganz gleich welche Wurstart.

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