„Der Raum, in dem es passierte“ - Boltons Abrechnung mit Trump

Kurz vor den US-Präsidentschaftswahlen tut sich erneut ein Skandal auf: Der Erz-Republikaner und ehemalige Vertraute Trumps, John Bolton, will den Präsidenten in seinem Enthüllungsbuch „The Room Where It Happened“ bloßstellen. Doch wie schädlich ist Boltons Buch für Trump wirklich?

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Einst waren sie enge Vertraue, nun rechnet Ex-Sicherheitsberater Bolton mit Präsident Trump ab / picture alliance

Autoreninfo

Dr. Florian Hartleb ist Politikwissenschaftler. Er lebt seit fünf Jahren in Tallinn, Estland, und ist als Politikberater und -experte zu den Themen Flüchtlinge und Digitalisierung tätig. Im Oktober 2018 erschien sein Buch „Einsame Wölfe. Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter“. Im Januar 2020 erschien die englische Ausgabe „Lone Wolves“.

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Florian Hartleb

Ein vermeintliches Enthüllungsbuch im Wahljahr? Das ist gerade in den USA nichts Neues. Eines gegen Trump – auch das nicht, da es bereits eine lange Reihe solcher Werke gibt. Immerhin geht aber nun der bisher höchstrangige Mitarbeiter von Präsident Donald Trump an die Öffentlichkeit. Es ist der frühere Sicherheitsberater John Bolton, der von April 2018 bis September 2019 im Weißen Haus arbeitete und dabei zahlreiche wichtige Entscheidungen begleitete, unter anderem zu Syrien, Iran, Afghanistan, China, Russland und zur Nato. Er wandelte sich von einem Trump-Anhänger zu einem entschiedenen Gegner. Der 1949 geborene Bolton ist untrennbar mit der republikanischen US-Außenpolitik verknüpft, besonders mit der Ära von George W. Bush. 

Der Mann mit dem buschigen Schnurrbart ist weder ein Freund der sanften noch der diplomatischen Töne. Er gilt als einer der Anhänger einer aggressiven, militärische Optionen nutzenden Außenpolitik. Er war einer der Vertrauten von Bush, als es darum ging, den Irakkrieg 2003 umzusetzen. Als Staatssekretär half er dabei, die Legende für einen Kriegsgrund gegen den Irak zu entwerfen: Der irakische Machthaber Saddam Hussein würde Massenvernichtungswaffen besitzen, behaupteten die USA, griffen das Land an und stürzten Hussein. Später erwies sich der Vorwurf als falsch. Unter Trump erlebte Bolton ein Comeback, das jäh endete. Der amtierende Präsident hatte Bolton wegen Meinungsverschiedenheiten laut eigener Aussage gefeuert, Bolton sagte, er habe gekündigt. Nun also die wenig diplomatische Abrechnung Boltons: Besonders missfalle ihm die „intellektuelle Faulheit“ von Trump. Seine geographischen Kenntnisse hätten ebenfalls Luft nach oben. So fragte Trump, ob Finnland nicht ein Satellit von Russland sei.

Zwei Millionen Dollar Vorschuss

Trump sei immer bizarr gewesen, umgebe sich mit Ja-Sagern. Die Bitternis eines Geschassten lässt sich nicht nur zwischen den Zeilen erkennen. Das 570-seitige Buch, das kurz vor Erscheinen gewollt oder ungewollt geleakt wurde, trägt den Titel „The Room Where It Happened“ (auf Deutsch: „Der Raum, in dem es passierte“). Das Salär war üppig. Von zwei Millionen Dollar Vorschuss ist die Rede. Selbstkritik findet man im Buch nicht, ebenso wenig eine Erklärung, warum Bolton im Impeachment gegen Trump stumm geblieben ist. Stattdessen wirken die Fotos am Ende des Buchs so, als sei Bolton selbst Präsident, zumindest aber der Strippenzieher der US-amerikanischen Außenpolitik.

Der Tenor des Buchs ist klar, Bolton stilisiert sich als Moralist. So schreibt er: „Ein Präsident darf die legitime Macht der Regierung nicht missbrauchen, indem er seine persönlichen Interessen mit den Interessen des Landes gleichsetzt.“ Wir wissen auch hierzulande, dass den führenden Sicherheitsberatern Eitelkeit nicht fremd sind. Davon zeugt etwa das Auftreten von Hans-Georg Maaßen nach seiner Entlassung als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz. 

Kein Enthüllungsbuch

Zurück zum Buch: Die Demokraten freuen sich ob des Wahlkampfgeschenks, werfen Bolton aber Opportunismus vor. Wenig überraschend schlagen Trump und seine Getreuen zurück. Bolton sei ein Lügner. Sie konnten aber das Erscheinen nicht verhindern, obwohl sie von Geheimnisverrat sprechen. Außenminister Mike Pompeo etwa verglich Bolton mit dem Whistleblower Edward Snowden und sagte, der Ex-Sicherheitsberater mache sich mit den von ihm veröffentlichten Informationen „strafbar“.

Was steckt also hinter dem eher nüchtern geschriebenen Enthüllungsbuch? So viel vorweg: Wer das K.O. von Donald Trump erwartet, dürfte enttäuscht sein. Weniger der Inhalt ist interessant, sondern die Art der Missgunst, die Trumps Entourage scheinbar auszeichnet. Dass Trump seine Politikerkolleginnen und -kollegen ganz unterschiedlicher Couleurs „liebt“, von Angela Merkel bis Kim Jong-Un, ist hinreichend bekannt. In seinen Bewertung dreht er sich freilich wie das Fähnchen im Wind. In der Debatte über das Ziel, dass alle NATO-Staaten zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für ihre Verteidigung ausgeben sollen, bezeichnete Trump die deutsche Kanzlerin als „eine der größten Stepptänzerinnen der NATO“. 

Trump ist jedes Mittel recht

Es wird klar, dass Donald Trump schon früh an einen erneuten Wahlsieg dachte, ihm für diesen jedes Mittel recht ist. Bolton beschreibt etwa ein Treffen zwischen Trump und seinem Chinesischen Kollegen Xi Jinping auf dem G-20-Gipfel in Japan vom vergangenen Jahr. Schnell kam er auf die Präsidentschaftswahl zu sprechen, um die Bedeutung seiner Wiederwahl für China herauszustreichen. China hätte ja „die wirtschaftlichen Kapazität, die anstehenden Kampagnen zu beeinflussen.“ Laut Bolton soll er Xi Jinping gesagt haben, dieser solle den Bau von sogenannten Umerziehungslagern in der Region Xinjiang im Nordwesten Chinas vorantreiben. Das sei „exakt der richtige Weg“.

Gemäß dem Buch bot er dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan 2018 Hilfe an, Untersuchungen gegen ein türkisches Unternehmen in den USA wegen einer möglichen Verletzung der Iran-Sanktionen zu stoppen. Er kümmere sich um solche Sachen, zumal die Ermittler „Obama-Leute“ seien. Bolton greift Trump vor allem mit seinen persönlichen Beziehungen zu politischen Akteuren auf der Weltbühne an. Beispiel Wladimir Putin. „Putin denkt, er kann mit Trump spielen wie mit einer Geige“, mokiert sich Bolton. „Er hält Trump nicht für einen ebenbürtigen Gegner.“ Beim Lesen dieser Zeilen kommt einem der Eindruck, das gelte auch für Bolton. Bolton versucht, Trump als außenpolitisches Irrlicht darzustellen. So soll Trump einen Nato-Austritt ernsthaft erwogen und eine Invasion Venezuelas als „cool“ bezeichnet haben.

Trumps zweite Amtszeit wäre „zügellos“

Werde Trump wiedergewählt, schreibt Bolton in seinem Schlusskapitel, werde er viel ungezügelter sein als in der ersten Amtszeit. Zu zügellos verfolgt er den Anspruch auf „totale Autorität“: Für diese Erkenntnis braucht es die Lektüre nicht, die ohnehin nur für Interessierte in die Details der US-amerikanischen Außenpolitik unter Trump interessant sein dürfte. Schon in seiner Zeit unter George W. Bush machte sich Bolton viele Feinde. Diplomaten und Mitarbeiter des Außenministeriums beschwerten sich, von ihm beschimpft und bedroht zu werden. Eine Parallele zu heute. Trump dürfte die Abrechnung aus Kalkül wenig schaden. 

Juliana Keppelen | Do, 25. Juni 2020 - 13:17

öffentliche Person in den USA. Ich persönlich vergleiche ihn mit Göbbels nur intelligenter. Seine Auftritte in der UNO waren oft nur geifernde Pamphlete. Gut, dass Herr Trump ihn rausgeschmissen hat.

Bolton mit Goebbels zu vergleichen, halte ich für völlig überzogen, denn im Gegensatz zum "Propagandaminister" eines totalitären Regimes, welches u.a. industriell organisierten Völkermord betrieb, ist Bolton nie durch geifernde Pamphlete aufgefallen. In dieser Hinsicht ist ihm auch Trump weit voraus, wobei der mich in Mimik und Gestik eher an Mussolini erinnert.
Wichtiger aber als solche Vergleiche: Trump hat Bolton zu seinem Nationalen Sicherheitsberater gemacht, weil es durchaus Schnittmengen gab zwischen den beiden, z. B. stark ausgeprägte Islamophobie im Allgemeinen und die Haltung zum Iran im Besonderen.
Ich sehe auch nicht, dass Boltons Ausscheiden (es ist nicht geklärt, ob er entlassen wurde oder zurücktrat) irgendwelche positiven oder negativen Auswirkungen gehabt hätte. Trump dilettiert wie eh und je.

Klaus Funke | Do, 25. Juni 2020 - 14:06

Da prallen zwei aufeinander, denen man es wünscht. EIner ein homo unsympathicus wie der andere. Bolton ist zweifellos ein mieser kleiner "Eckenpinkler". NIcht nur unter Trump, er war ja schon früher unangenehm aufgefallen. Es ist wie im Alten Rom: Ein verbannter Senator schießt gegen seinen Kaiser. Das Ergebnis wird die Medien freuen: Wieder wird es kräftige Schlagzeilen geben... mir ist einer so egal wie der andere... und verdient haben den "Ärger" beide! Statt ordentlich zu regieren, treten sich die Herrschaften in Washington selber gegen das Schienbein. Hoffentlich tut´s ordentlich weh!

Diese fantasievolle Wortschöpfung gefällt mir sehr lieber Herr Funke! Der Eine für mich ein Kriegstreiber und Antiberater, nun noch ein Diensteidbrecher wie er im Buch steht, der andere Einer, der seine Verbündeten (Kurden) und damit ganze Bevölkerungsteile ohne mit der Wimper zu zucken im Stich lässt und gemeinsame Sache mit dem für ihn geopolitisch wichtigeren türkischen Despoten gegen die so Verratenen und Verkauften macht. Kurz, ich finde beide und ähnlich gelagerte schlichtweg zum K....n! Alles Gute! MfG

Chris Groll | Fr, 26. Juni 2020 - 09:55

In reply to by Gast

Danke, genauso sehe ich es auch.

Klaus Funke | Do, 25. Juni 2020 - 14:06

Da prallen zwei aufeinander, denen man es wünscht. EIner ein homo unsympathicus wie der andere. Bolton ist zweifellos ein mieser kleiner "Eckenpinkler". NIcht nur unter Trump, er war ja schon früher unangenehm aufgefallen. Es ist wie im Alten Rom: Ein verbannter Senator schießt gegen seinen Kaiser. Das Ergebnis wird die Medien freuen: Wieder wird es kräftige Schlagzeilen geben... mir ist einer so egal wie der andere... und verdient haben den "Ärger" beide! Statt ordentlich zu regieren, treten sich die Herrschaften in Washington selber gegen das Schienbein. Hoffentlich tut´s ordentlich weh!

Ulrich Jarzina | Do, 25. Juni 2020 - 19:44

Bolton hatte die Gelegenheit, die in seinem Buch beschriebenen Vorwürfe vor dem Kongress öffentlich zu machen. Dazu hätte er seine Aussagen allerdings unter Eid vorbringen müssen. Dass er sich das nicht getraut hat, spricht Bände, was den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen betrifft.

Bolton war bereit, unter Eid auszusagen, nachdem das Repräsentantenhaus Anklage gegen Trump erhoben hatte. Die republikanische Mehrheit im Senat lehnte es jedoch ab, weitere Zeugen anzuhören. Auch die beiden Zuarbeiter von Giuliani (Parnas und Fruman) wollte man lieber nicht vorladen, nachdem ein Tondokument bewiesen hatte, dass Trump mit den beiden die Abberufung der US-Botschafterin in der UKraine besprochen hatte - obwohl er sie offiziell gar "nicht kannte"!
Bolton hätte aber auch nicht wirklich viel Neues beitragen können. Seine Aussagen im Buch decken sich mit denen von mehr als einem halben Dutzend VEREIDIGTER Zeugen, die allesamt das bestätigten, was auch das Transkript des Telefonats beweist: dass Trump seinen ukrainischen Amtskollegen aufforderte, Ermittlungen gegen die Bidens einzuleiten und dies verknüpfte, mit der Auszahlung von Geldern, die bereits vom Kongress bewilligt worden waren.

Ernst-Günther Konrad | Fr, 26. Juni 2020 - 09:27

Schon vor seiner Wahl und bis zum heutigen Tage lesen wir fast ausschließlich nur, was Trump alles Böses gemacht hat und jetzt aber.... eigentlich müsste er, könnte, sollte, wird er wahrscheinlich.
Ja, er ist ein Unsympath, ja, Diplomatie scheint ein Fremdwort zu sein. Ja, beratungsressistent könnte hinkommen.
Aber, er ist der Präsident der USA, er hat in den meisten Fällen das Sagen und die Entscheidungsbefugnis.
Bislang haben sich alle Vorwürfe nicht erwiesen oder relativiert. Immer werden seine politischen Entscheidungen kritisiert, als unmöglich und was weiß ich alles kommentiert. Mag ja alles sein. Nur, das ist bei Frau Dr. Merkel auch nicht anders. Beide sind noch da.
Was aber ein absolutes Pfund für ihn ist: Er hat das gemacht, was er angekündigt hat. Einiges mit Schwierigkeiten durchgesetzt, anders in schwacher Form, vereinzelt wurde er erfolgreich blockiert. Er will wieder gewählt werden und ich sehe niemand, der ihm die Wiederwahl ernsthaft streitig machen kann. So what.

Tomas Poth | Fr, 26. Juni 2020 - 13:47

Da haben wir ja den Grund, 2 Mio Dollar vorab.
Das Buch wird in Kreisen der Demokraten ein Renner werden. Das wird ein Kassenschlager, dafür plaudert man dann doch mal gerne aus dem Nähkästchen oder.