Deutschlands wichtigster Handelspartner - Frankreich immer tiefer in der Krise

Immer offensichtlicher wächst die Coronakrise in Frankreich zu einer schweren Wirtschaftskrise an. Das hat Folgen auch für Deutschland, denn die Franzosen sind der größte Handelspartner in der EU. Präsident Emmanuel Macron aber bleibt bislang wenig konkret, wie der Wiederaufbau funktionieren soll.

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Das Luxushotel „Meurice“ an der Rue de Rivoli in Paris / dpa

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Kay Walter arbeitet als freier Journalist in Frankreich

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Kay Walter

Covid 19 hat Frankreich ins Mark getroffen. Nicht allein, weil das Land mit knapp 30.000 Toten eine schwere Bürde zu tragen hat und daher der Lockdown, französisch confinement, verglichen mit Deutschland, deutlich länger andauert und zudem erheblich durchgreifendere Konsequenzen hatte. Nein, auch die wirtschaftlichen Aussichten für Frankreich sind durch den dreimonatigen kompletten Shutdown mehr als nur schlecht.

Für das Jahr 2020 wird in Paris bereits jetzt mit einem Einbruch der Wirtschaft von mindestens 11 Prozent gerechnet – gegenüber 7 Prozent in Deutschland. Selbst 14-15 Prozent Rückgang scheinen denkbar, in jedem Fall aber wird der stärkste Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg prognostiziert. Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire hat allein im vergangenen Monat 800.000 zusätzliche Arbeitslose zu konstatieren. Vor allem aber betrifft die Krise alle Wirtschaftszweige des Landes:

– Der Tourismus liegt seit Mitte März komplett still. Keine Geschäfte, null. Das kann auch nicht wieder aufgeholt werden. Im Gegenteil, das Geschäft wird in diesem Jahr nur in Teilen wieder anlaufen. Das Gleiche gilt für Restaurants, Bistros, Autoverleiher und Dienstleistungen aller Art.

– Die Landwirtschaft sieht sich in eine fulminante Absatzkrise gestürzt. Käse, Fisch und Wein werden vor allem in Restaurants konsumiert, zumindest deutlich mehr als zu Hause. Das Schließen der Gastronomie hatte daher unmittelbare Folgen für alles, was nicht lagerfähig ist. Die Fischbestände haben sich nachweislich spürbar erholt, die französischen Bauern und Fischer aber sicher nicht.

– Die Industrie, ohnehin schon weniger stark  als die deutsche, musste die Produktion noch deutlicher drosseln, auf rund 40 Prozent der Vorkrisenleistung. Ob aber etwa Renault, trotz wuchtigen Sparkurses und angedachter Werksschließungen die Krise überleben wird, ist lange nicht ausgemacht. Auch das Baugewerbe kam nahezu völlig zum Erliegen.

Demonstrationen und Streiks als Folge

Das alles dürfte – als sei das nicht schon genug – eher zu neuen sozialen Spannungen führen, als zu gemeinsamer Kraftanstrengung. Soziale Spannungen bedeutet konkret: neue Demonstrationen und Streiks und damit einhergehend ein noch weiteres Absinken der Wirtschaftsdaten.

Wohl genau deshalb hat Präsident Macron in seiner Rede vom vergangenen Wochenende Steuererhöhungen zur Überwindung der Krise definitiv ausgeschlossen. Der französische Staat habe 500 Milliarden Euro in Rettungsprogramme investiert. Das sei zwingend notwendig gewesen, betonte Macron, um gleichzeitig zu mahnen: „Aber diese Schulden kommen zu unserer bereits bestehenden Schuldenlast hinzu.“ 

Lob für Merkel

Der Präsident lobte in diesem Zusammenhang das 750 Milliarden Aufbauprogramm der EU, das Resultat einer deutsch-französischen Übereinkunft, dass am Wochenende in Brüssel verabschiedet werden soll, als zentralen Baustein und als „historischen Wendepunkt“. Besonderes Lob, ja Bewunderung sprachen Macron und Le Maire der deutschen Bundeskanzlerin Merkel aus, weil ihre Änderung der bisherigen deutschen Haltung ein entscheidender Beitrag zur Rettung Europas sei.

Vor allem aber forderte Macron gleichzeitig seine Landsleute dringlich dazu auf, „härter zu arbeiten und mehr zu produzieren“. Der unausgesprochene Hintergedanke: man solle nicht nur neidisch auf Deutschland schauen, man müsse schon selbst etwas tun. Denn durchaus nicht wenige Franzosen hatten den Lockdown bei üppigem Kurzarbeitergeld wie einen zusätzlichen Urlaub betrachtet. Und ähnlich der deutschen Autoindustrie glauben auch in Frankreich einige Wirtschaftsbosse, staatlich Hilfen taugten als Ersatz dafür, das eigene Unternehmen zukunftsfähiger aufzustellen.

Schluss mit dem Zentralismus

Während Macron zu Beginn der Corona-Krise sämtliche Vorhaben seiner Präsidentschaft, von der Rentenreform über das Schulwesen und die geplanten Änderungen der Institutionen bis zu den Wirtschaftsreformen, auf Eis gelegt und für gestoppt erklärt hatte, klang in der Rede vom Sonntag an, dass der Reformkurs nun doch wieder aufgenommen werden solle. Wenig konkret, das ist sicher richtig. Aber das mag der Tatsache geschuldet sein, das viele Franzosen ihren Präsidenten zuletzt für exakt die Reformen vehement angriffen, für die sie ihn zuvor ins Amt gewählt hatten.

Es soll Schluss sein mit dem absoluten Zentralismus, statt dessen mehr dezentrale und  verteilte Verantwortung. Die politische Gestaltungsmacht der lokalen Akteure, von Bürgermeistern, Unternehmern, Gewerkschaften und Vereinen soll verbessert werden. Man kann das als Schritt hin zu mehr Föderalismus verstehen. Und das sind dann für französische Ohren doch ziemlich neue und fast unglaubliche Töne.

Deutschlands größer Handelspartner in der EU

Deutschland hat indessen ein fundamentales Eigeninteresse daran, dass die französische Wirtschaft wieder auf die Füße kommt, weil Frankreich – von der politischen Bedeutung der Partnerschaft ganz abgesehen – nach den USA für die deutsche Wirtschaft der zweitgrößte Handelspartner überhaupt ist. Wenn also der bayerische Ministerpräsident und mögliche Kanzlerkandidat in spe Markus Söder im FAZ-Interview feststellt, „Wenn Deutschland Italien und Spanien hilft, dann helfen wir damit uns selbst – und zwar nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch-kulturell“, dann gilt das mindestens so sehr für Frankreich.

Zumal auch die französische Politik, versteckt im 750-Milliarden-Programm der EU, einen Paradigmenwechsel vollzogen hat. Anders als bei den bisher favorisierten Eurobonds ist hier keine gesamtschuldnerische Haftung jedes einzelnen Mitgliedsstaates (was ohnehin für die kleinere Ländern unter gar keinen Umständen zu schultern gewesen wäre) mehr vorgesehen, sondern eine Gesamthaftung der EU. Deutschland wäre also im Fall der Fälle in der Größenordnung seiner Wirtschaftskraft haftbar, mithin mit 27 Prozent. Immer noch ein ziemlich dicker Brocken, aber eben nicht 100 Prozent.

Für das Wiedererstarken der eigenen Wirtschaft muss Frankreich selber sorgen. Aber ohne Hilfe von seinen Freunden wird es nicht funktionieren. Ebenso wenig wie die Rückkehr zur „eigenen Lebensart“. Denn vor Beginn der Krise war Paris wegen eben dieser Lebensart, die meistbesuchte Stadt der Welt.

Ernst-Günther Konrad | Mi, 17. Juni 2020 - 08:00

Ach Herr Walter, ich gönne Ihnen Ihre Sichtweise, sie ist aber nicht die meine. Frankreich war doch schon vor der Corona-Hysterie wirtschaftlich auf Knien. Die Politiker aller Herren Länder versuchen jetzt dem "bösen" Virus ihr Versagen in die Schuhe zu schieben. Sie tun das auch und feiern ganz nebenbei Merkels Versagen als Erfolg bei Corona. Okay, wenn Sie das glücklich macht.
Ich sehe nur einen großen Widerspruch bei Macron und den anderen Politikern, die vehement versuchen, die für mich gescheiterte EU - nicht Europa- irgendwie noch schön zu schwätzen und zu retten. Die EU hat fertig. Der Versuch mit aller fiskalpolitischer Gewalt, das in den Sand gesetzte illegale Konstrukt EU-Parlament zu erhalten, ist ein letztes Aufbäumen. Der Zentralstaat Frankreich will föderalistischer werden, in der EU aber, sollen die vereinigten Staaten Europas entstehen? Macron ist vor COV 19 gescheitert, Merkel ebenso. Macron bewundert "Merkel"? Der bewundert nur eines. Das Geld deutscher Steuerzahler.

während der Finanzkrise auch Schäuble zu achten, weshalb ich persönlich mich mittlerweile pudelwohl in der großen Koalition fühle.
Es ist klar, wie ich speziell und fast ausschliesslich zu Frau Merkel stehe, aber statt mich zu wiederholen, gehe ich ersteinmal davon aus, dass Macron evtl. damit Schäubles Engagement nicht herabsetzen wollte, sondern Merkel als pars pro toto anspricht.
Daraus wird medial evtl. LEIDER leicht eine rein persönliche Huldigung(Hofberichterstattung) an Merkel.
Vielleicht ist es ja auch eine an die Bundesrepublik?
Wenn Macron die wirtschaftspolitische Intelligenz der BUNDESREPUBLIK anerkennt, werde ich für mich bei ihm keine Abstriche in der Wertschätzung vornehmen.
Die EU als "Zwangsvereinigung" steht hoffentlich nicht zur Debatte und also ist eine Rückabwicklung nicht erforderlich.
England ist aber ein mächtiger Schuss vor den Bug der EU und ich mag die Engländer sogar besonders, überlege also, wie ich mit dem Austritt zum Wohle Aller umgehen kann.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi, 17. Juni 2020 - 09:30

wenn zwei Haltungen miteinander verglichen werden, die so gar nicht zusammenhängen.
Die Finanzkrise erforderte keine Eurobonds, im Gegenteil und das hat nichts mit Gesamtschuldnern zutun, sondern dass Bonds in dem Zusammenhang Öl ins Feuer giessen?
Restrukturierung und Validität waren nach der Finanzkrise angezeigt und bleiben es.
Die Coronakrise ist demgegenüber zwar immer noch gravierender für Länder mit hoher Verschuldung und mangelnden Strukturreformen, sie ist aber nicht selbst verschuldet.
Dennoch sollte die EU darauf achten, dass der Restrukturierungsplan nicht ins Stocken gerät und "geschenktes" Geld nicht contraproduktiv verwendet wird, mit der Folge stetig anwachsenden Bedarfs.
Ja, der Tourismus wird einbrechen.
Dessen Strukturen dürfen nicht wegbrechen, Wiederaufbau kostet mehr?
Hilfen müssen im Zusammenhang mit eigenständiger Bewältigung(Aufwand) der Pandemiefolgen stehen.
Es ist Unsinn, Märkte zu erhalten, wenn man sich darin selbst schadet.
Balance/ökonomische Vernunft

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi, 17. Juni 2020 - 09:57

Das habe ich mit 11 Jahren gelernt, dass man "Ertrinkende" nur retten kann mit Kraft und Technik, nicht mit Herzigkeit.
Ebenso hinderlich ist eine angeschlagene eigene Gesundheit.
Corona betrifft alle Länder, wenn auch unterschiedlich.
Darauf kann man entsprechend reagieren, um genau den Corona-Effekt abzumildern, unter der Voraussetzung, dass man anderswo so hilft, dass das eigene Land es erübrigen kann und dass die hilfsbedürftigen Länder mindestens selbst "schwimmen" können.
Es stört mich immer mehr, wenn Länder glauben, auf "Schwimmkurse" verzichten zu können, bezahlen wird die Rettung schon jemand, denn wer will schon, dass jemand "ertrinkt"?
Ich betrachte das als "passive Erpressung".
Mein Wunsch zu helfen ist groß, ich darf/muss mich aber nicht selbst damit gefährden und ich muss den Willen sehen, daraus keine Alimentation auf Dauer zu machen, sonst tendiere ich zu Hilfe im Gegenzug für Vorschriften.
"Ich" möchte helfen, aber wenn ich solche Texte lese...
Falsch gelesen?