Kita-Öffnungen vs. Urlaub und Fußball - Die schönsten Nebensachen der Welt zuerst?

Außenminister Heiko Maas berät sich mit seinen EU-Kollegen über eine weitere Lockerung der Reisebeschränkungen. Auch die Fußballsaison geht weiter. Aber sind Reisen und Fußball systemrelevanter als die einheitliche Betreuung von Schul- und Kindergartenkindern?

/innenpolitik/kita-schulen-oeffnungen-fussball-urlaub-grenzoeffnung-muetter-eltern
Endlich wieder Urlaub – aber sollte die Politik nicht zuerst die Kitas wieder für alle öffnen? / dpa

Autoreninfo

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

So erreichen Sie Christoph Schwennicke:

Wie wir in die Corona-Sache reingeraten sind, so gehen wir auch die ersten Schritte wieder raus. Fußball und Urlaub hatten das Virus schlagartig verbreitet, nicht wenige sind direkt von der Skipiste in Südtirol oder Österreich direkt ins nächste Fußballstadion, um ja noch das letzte Spiel vor ausverkauften und gedrängten Rängen zu erleben. Das Virus bedankte sich für das doppelte Huckepack Mitte März mit einem fulminanten Sturmlauf. 

Fußball und Urlaub, das scheinen auch jetzt wieder die wichtigsten Dinge im Leben der Deutschen zu sein, die sich nach einem so genannten Lockdown, nach dessen Laxheit sich Spanier und Italiener die Finger geleckt hätten, sofort wieder diese beiden Annehmlichkeiten erbitten. Eine Art Grundrecht auf Urlaub und Fußball muss es als Gewohnheitsrecht hierzulande offenbar geben.    

Angebot auswählen und weiterlesen

  • Tagespass
    i
    • 24-Stunden-Zugriff auf alle Inhalte
    3,90 €
  • Monatsabo
    i
    Unsere Empfehlung
    • 4 Wochen gratis
    • danach 9,80 €
    • E-Paper, App
    • alle Plus-Inhalte
    • jederzeit kündbar
     
    0,00 €
  • 3-Monatsaktion
    i
    • 3 Monate lesen, 2 zahlen für 19,60 €
    • danach 9,80 pro Monat, jederzeit kündbar
    • E-Paper
    • alle Plus-Inhalte 
    19,60 €

Natürlich nichts, aber die Prioritätenabfolge verärgert nun mal. Schule ist einfach nicht wichtig genug, das kapiert ja jetzt jeder.

Michaela 29 Diederichs | Mi, 20. Mai 2020 - 15:00

Danke, Herr Schwennicke. Mich verärgern diese seltsamen Prioritäten. Kultur, Fußball, Reisen sind wunderschön, aber durchaus auch mal vorübergehend verzichtbar. Kinderbetreuung und Schule aber eben nicht. Ob die Deutschen wirklich Lust auf Reisen mit Beschränkungen haben, wird man sehen. Unbeschwert geht für mich anders.

Bernd Muhlack | Mi, 20. Mai 2020 - 16:09

Bei WELT-Online gibt es heute einen mMn sehr lesenswerten Gastbeitrag der ehemaligen CDU-Familienministerin Kristina Schröder; sie ist inzw. Mutter dreier Töchter.

Es geht ebenfalls um die Wiedereröffnung von Kitas und Schulen. Wie immer sind die Postings sehr interessant. Da dies ja nun wahrhaftig kein Anlass ist, sich über Fluch und Segen der AfD auszulassen, sind die Kommentare fast alle sehr sachlich.

Meine Frau und ich dürfen uns aktuell sehr glücklich schätzen, seit zehn Jahren geschieden zu sein und eine inzw. 29j Tochter zu haben.
Somit bleibt uns dieses sinnfreie Gestolpere der Politiker/Regierung/Kanzlerin erspart.
Drei Häuser weiter hat eine Familie kürzlich das dritte Töchterlein bekommen. Folglich dürfen die beiden älteren Schwestern (3 und 4) nicht mehr in die Kita!
Begründung: die Mutter sei ja sowieso zu Hause und Kita nur für systemrelevante Notfälle.
Wo leben wir?
Laut der Kanzlerin ist das ein Land in dem wir gut und gerne leben.

Unsere Nachbarn sehen das anders.

Heinrich Ulbrych | Mi, 20. Mai 2020 - 16:47

Was hat das eine (Wiedereröffnung Kitas, Schulen) mit dem anderen (Bundesligaspiele ohne Publikum) zu tun, erschließt sich mir nicht. Es sollte doch nicht um die Frage der Systemrelevanz gehen sondern um die Infektionsgefahr und um die Verbreitungswege der Krankheit.
Dazu einpaar Zahlen.
Bei Spielen ohne Publikum befinden sich ca. 300 Personen auf einer freien Fläche von der Größe eines kleinen Stadtparks. Davon nur 30 ohne Mundschutzmasken (aktive Spieler + Schiedsrichter). Also insgesamt in Deutschland an einem Spieltag ca. 5.400 Leute für 2-3 Stunden.
In Kitas werden ca. 800.000 Kinder betreut. Zusammen mit Personal ergibt sich eine Anzahl von ca. 1.000.000. Mehrere Stunden täglich, fünf Tage in der Woche. Rein zahlenmäßig ist die Wahrscheinlichkeit einer Infektion in einer Kita um Faktor 200 größer. Und zwar bei jeder Krankheit, nicht nur Covid19.
Zum Schluss - ich bin für sofortige Wiedereröffnung der Kitas, Schulen und allen Sportarten (vorläufig noch ohne Publikum).

Möglicherweise haben Fußballspiele und Urlaub mit der Schulbildung nichts zu tun. Aber die Brisanz, wenn Schüler ein Vierteljahr nicht in die Schule gehen können ist vielleicht nur demjenigen klar, der selbst Kinder hat. Einer meiner Söhne ist in der zehnten Klasse und soll in zwei Jahren Abitur machen, G8 wohlgemerkt! Die 10. Klasse ist für das Abitur immens wichtig, dennoch darf er frühestens erst Mitte Juni wieder zur Schule. Derweil öffnet Österreich die Grenze für deutsche Touristen damit dort wieder Geld verdient werden kann. Dort , wo sich im März Tausende von Leuten angesteckt haben. Welche Prioritäten deutsche Politiker hier setzen ist eine Unverschämtheit. Somit kann ich dem Artikel nicht zustimmen, denn es sind nicht die Deutschen die nicht auf Fußball und Urlaub verzichten mögen, sondern diese Entscheidungen werden von der Politik getroffen.

Jens Böhme | Mi, 20. Mai 2020 - 19:36

Die Kardinalfehler waren die Kita- und Schulschliessungen sowie Spielplatzschliessungen. Das Kindeswohl wurde heftigst mit Füssen getreten. Für die Bereinigung dieser Fehler wurden die Verursacher beauftragt. Und diese sind immer noch untauglich und haben nichts gelernt. Ich lese bei deren Öffnungs-Entscheidungen solch Begriffe wie vorsichtig und behutsam. Da gruselt es mich in Bezug auf sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Supergau.

Caroline Heck | Do, 21. Mai 2020 - 09:31

Volle Zustimmung bezüglich der falschen Prioritäten. Und es irritieren auch die Details:

Fußball wird zwar unter freiem Himmel gespielt, aber ein Mindestabstand kann naturgemäß nicht eingehalten werden und aufgrund der körperlichen Anstrengung wird intensiv geatmet. Während niemand auf die Idee kommt, dass die Spieler als Vorbilder eine Atemschutzmaske tragen sollten, wird das in den meisten Kliniken in Deutschland von gebährenden Frauen im Kreißsaal erwartet.
Das ist kein schlechter Schwerz, sondern Realität.

In einem Interview mit der Bruchsaler Rundschau sagte Gynäkologe Jürgen Wacker dazu: „Ich bin zwar Verfechter der Schutzmaske [...] aber Presswehen sind harte körperliche Arbeit“. Eine Gebärende müsse in dieser Situation das Gesicht frei haben. „Sonst atmet die Mutter schlecht und und hyperventiliert womöglich – und das Kind soll ja auch Sauerstoff kriegen.“

Mir werden demnächst die Weisheitszähne gezogen, natürlich ohne Maske. Aber eine Gebährende soll eine tragen?