Zum Tode von Kirk Douglas - Der gute Zorn

Mit Kirk Douglas verliert Hollywood einen Titanen. Der amerikanische Schauspieler verstarb im Alter von 103 Jahren in Berverly Hills. Was bleibt, ist die einzigartige Karriere eines Jahrhunderts. Ein Nachruf.

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Kirk Douglas (r) besucht seinen Sohn Michael (l) und dessen Kollegen Karl Malden am Set der Dreharbeiten zu der TV-Serie „Die Straßen von San Francisco" 1975 / picture alliance

Autoreninfo

Rüdiger Sturm ist Filmkritiker und lebt in München. Er recherchiert als Filmjournalist die Branche im In- und Ausland

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Am 19. September 2016 hatte Kirk Douglas einen frommen Wunsch: „Wenn ich in einem Monat meinen 100. Geburtstag feiere, dann möchte ich die Kerzen ausblasen und das Liedchen pfeifen ‚Happy Days Are Here Again.“ Dazu bedurfte es einer Voraussetzung, die er in einem Kommentar für die ‚Huffington Post’ formulierte: Ein Mann, der ihn an die „Hetze“ eines vermeintlichen „Clowns“ erinnerte, der 1933 an die Macht kam, durfte nicht Präsident werden. Es ist einer der absurden Zufälle der Geschichte, dass Kirk Douglas genau an dem Tag verstarb, an dem Donald Trump vom Vorwurf des Amtsmissbrauchs freigesprochen wurde.

Abgesehen von derartigen Querverbindungen gibt es freilich einen psychologischen Zusammenhang, der das Schicksal von Kirk Douglas mit dem des aktuellen US-Präsidenten verknüpft. Dieser lässt sich mit drei Worten beschreiben: „zorniger weißer Mann“ . Dass Trump und seine Anhänger diesen Typus verkörpern, der für reaktionäre, antiliberale Ansichten steht, dürfte hinlänglich bekannt sein. Aber Aggressivität war auch das Charakteristikum, das Kirk Douglas’ Leben und Karriere prägte. So beschrieb er sich selbst:„Ich bin ganz offensichtlich ein zorniger Mensch“, meinte er 1988 in einem Interview mit der New York Times. „Das war mein Treibstoff“, sagte er in der Johnny Carson Show.

Geprügelter Sohn eines Lumpensammler 

Aber es war eine Energie, dank der Kirk Douglas in Hollywood Geschichte schrieb. Und er war das beste Beispiel dafür, wie sich diese Aggressivität für positive Werte einsetzen ließ – sozusagen als der ‚angry white good guy’. Anders als bei vielen Vertretern des ‚white rage’ wurde sein Zorn nicht von der Angst um den eigenen Status genährt. Kirk Douglas wuchs auf als der klassische Unterdrückte, der sich Rechte und Status erst erkämpfen musste. In seiner Autobiografie beschrieb er seine Herkunft folgendermaßen: „Ich lebte im ärmsten Viertel der Stadt, und hier stand der Lumpensammler ganz unten auf der Leiter. Ich war der Sohn des Lumpensammlers.“ – genauer gesagt eines von sieben Kindern jüdisch-russischer Einwanderer, das um sein Leben kämpfen musste.

Jeden Tag wurde Issur Danielovitch Demsky – so sein richtiger Name – von anderen Kindern verprügelt: „Sie sagten, ich hätte Jesus Christus getötet. Dabei wusste ich nicht mal, wer das war.“ Dank diverser Stipendien konnte er studieren, doch bevor er sich als Schauspieler etablierte, musste er sich mit rund 40 Gelegenheitsjobs über Wasser halten, war unter anderem Ringer und Rausschmeißer. Und sobald er in der Branche Fuß gefasst hatte, verweigerte er sich dem System.

Von kleinen Rollen und großer Karriere

Als man ihm 1948 die Hauptrolle in dem Hochglanz-Spektakel „Der Spieler“ anbot, wählte er statt dessen das kleine Boxer-Drama „The Champion“ (der deutsche Titel ”Zwischen Frauen und Seilen“ sei der Vollständigkeit halber erwähnt), das ihm prompt eine Oscarnominierung einbrachte. 1955 gründete er als einer der ersten Hollywoodstars eine eigene Produktionsfirma – Bryna (benannt nach seiner Mutter) – um seine Geschicke selbst zu steuern. Weil er bereit war, auf junge, nicht etablierte Regisseure zu setzen, erntete er auch einige seiner größten Triumphe. Paradebeispiel war die Zusammenarbeit mit Stanley Kubrick, mit dem er das Antikriegs-Drama „Wege zum Ruhm“ drehte und den er dann als Regisseur bei „Spartacus“ durchboxte. Immer wieder – auch in seinem persönlichen Lieblingsfilm „Einsam sind die Tapferen“ – ging es um Außenseiter, die sich gegen die bestehende Ordnung auflehnten.

Und Kirk Douglas tat dies auch in der Realität: Bei „Spartacus“ setzte er durch, dass Autor Douglas Trumbo, der, als Kommunist verfemt, unter Pseudonym arbeiten musste, eine offizielle Nennung erhielt. Gleichzeitig kultivierte Douglas nie ein Helden-Image, war bereit, die Schattenseiten des Repertoires auszuloten, ob als skrupelloser Filmproduzent in „Stadt der Illusionen“ oder als „Reporter des Satans“. Symptomatisch ist auch seine Traumrolle, die ihm letztlich entging: Eigentlich wollte er den Sanatoriums-Rebellen in „Einer flog über das Kuckucksnest“ spielen – bis ihm sein Sohn Michael, der den Film produzierte, erklärte, dass er dafür zu alt war. In den letzten Jahrzehnten wurden seine Filmauftritte zwangsläufig rarer. Dafür trat er stärker als Publizist und Buchautor hervor. Einer der Wendepunkte seines späteren Lebens war ein Hubschrauberabsturz 1991, den er im Gegensatz zu anderen Insassen überlebte. „Er fragte sich ‚Warum ich?’ Auf diese Weise entdeckte er seinen Glauben wieder und studierte das Judentum“, so Michael Douglas zum Verfasser dieser Zeilen.

Zorn als Triebkraft war nicht mehr nötig. Aber er blieb weiterhin sozial aktiv, spendete mit seiner zweiten Frau Anne Beträge von über $ 50 Millionen. Und er betätigte sich gelegentlich als politischer Kommentator, der unter anderem die Präsidentschaftskandidaten aufforderte, sich für das Verbrechen der Sklaverei zu entschuldigen. Einen Anlass, „Happy Days“ zu pfeifen, sollte er nicht mehr bekommen. Auch der Held seines wohl berühmtesten Films wurde von seinen Gegnern überlebt. Aber anders als Spartacus gingen sie nicht in die Unsterblichkeit ein. Und die dürfte auch für Kirk Douglas garantiert sein.

Bernd Muhlack | Do, 6. Februar 2020 - 18:58

S/W-Bilder sind einfach klassel!

"Die Straßen von San Francisco" war eine tolle Serie, wie auch "Einsatz in Manhattan" mit Lolli-Kojak; "entzückend Baby!"
(Das Stalin-Portrait im Office!)

Kirk Douglas war absolute Klasse!
Mein Opa Jupp sah ihm sehr ähnlich; er wäre jetzt 110!

Es gibt den Spruch "die besten sterben jung"; das stimmt nicht immer, q.e.d.

103 iss mal ne klare Ansage, woll?

Eines noch.
Die Unterschrift zum Bild ist ein Pleonasmus!

Michael (links) und Kirk (rechts) … AHA, SOSO!

… "ein runder Kreis" …

Johanna Schneider | So, 9. Februar 2020 - 07:49

Was für ein gelungener, kluger und runder Nachruf. Es war mir ein Vergnügen, lieber Herr Sturm, diese geschliffenen Zeilen zu lesen. (Zumal ich wenig Bezug zur Filmwelt habe)

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