Anders Indset über Digitalisierung - „Influencer-Mädels sind moderne Prostituierte“ 

Vor 27 Jahren wurde das Internet eingeführt. Die Hoffnung, dass das Medium zu einer globalen Demokratisierung führen würde, ist längst Ernüchterung gewichen. Der Wirtschaftsphilosoph Anders Indset vertritt die These, dass uns der eigentliche digitale Tsunami erst noch bevorstehe

YouTuberin Bianca "Bibi" Heinicke (r) posiert am 09.05.2017 in Berlin im Madame Tussauds neben ihrem Hologramm. Es ist das weltweit erste Hologramm einer Person in einem Madame Tussauds. Es ist möglich, sich mit ihr fotografieren zu lassen und anhand von sechs verschiedenen Sequenzen mit ihr zu interagieren. Über eine App können die Fans mit ihr ein personalisiertes Video erstellen.
Who's who? Influencerin Bianca Claßen alias „Bibi“ und ihr Avatar / picture alliance

Autoreninfo

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Er wird Wirtschaftsphilosoph genannt, der Norweger Anders Indset, und was er zu sagen hat, hört sich beim ersten Hinhören branchenspezifisch an, ist aber gesellschaftlich hoch relevant. Das Netz und die sozialen Medien bestimmen zunehmend die Themen und den Ton, sie wirken dabei oft gesellschaftszersetzend. Die große entfesselte globale Demokratie, als die das einmal gefeiert wurde, erweist sich zunehmend als kommunikative Kloake, in der obendrein – Stichwort Influencer – auf fragwürdige Weise Schleichwerbung gemacht wird und Grenzen verschwimmen. 

Daran haben wir uns alle ein Stück weit gewöhnt. Der wirkliche digitale Tsunami aber, sagt Indset in einem Meedia-Interview, „ steht uns in den nächsten zehn Jahren bevor – wenn Künstliche Intelligenz, Deep Fakes und die Verschmelzung von Technologien exponenziell voranschreiten werden.“

Den angemessenen Umgang mit dem Internet üben

Seine Vision, die heute schon Gestalt annimmt, sind Avatare, geschaffen aus künstlicher Intelligenz, die statt Influencer aus Fleisch und Blut die Schleichwerbung unter die Leute bringen. Influencer von heute seien „der letzte krampfhafte Versuch, das Thema Marketing aufrechtzuerhalten.“ Dies sei eine natürliche Folge des Hypes um Social Media. Die Bedeutung dieser Form der Influencer werde aber radikal zurückgehen – weil die User lernfähig sind: „Heute machen diese virtuellen Avatare das Gleiche wie irgendwelche Mädels, die für mich – auch wenn es hart klingt – die modernen Prostituierten sind.

Da wird erstmal ein Netzwerk ehrlich aufgebaut, und dann beginnen sie, ihre Seele und ihre Körper zu verkaufen, und machen Werbung für Produkte, hinter denen sie nicht stehen.“ Kurzfristig würden einige Unternehmen daran viel verdienen. Auf der anderen Seite entstehe „eine unfassbare Müdigkeit, wenn Menschen vier Stunden am Tag irgendwelchen sinnlosen Tätigkeiten nachgehen, um irgendwelche Posts über bezahlte Hotelübernachtungen zu liken. Und davon werden wir bald genug haben, und dann werden die Karten neu gemischt.“ Mit anderen Worten: Über 20 Jahre nach Einführung des Internets üben wir immer noch den angemessenen Umgang damit. 

Das ganze Interview lesen Sie hier: https://meedia.de/2020/01/28/influencer-sind-der-letzte-krampfhafte-versuch-das-thema-marketing-aufrechtzuerhalten/

Dorothee Sehrt-Irrek | Do, 30. Januar 2020 - 11:38

Diese "Norweger", sehen die Sonne kaum und dann geht sie nicht mal unter?
Überspitzt gefragt.
Ich habe früher gelitten mit Menschen, die ein Produkt bewarben in der Öffentlichkeit, gar auf Jahrmärkten.
Auf eine gewisse Art muss ich ziemlich verstaubt influiert worden sein oder es war ein Elfenbeinturm.
Ich will mich nicht für Prostitution stark machen, die viele entsetzliche Seiten hat, in irgendeiner Form wird es sie aber wahrscheinlich weitergeben.
Influencer sind keine Prostituierte.
Aber auch dann würde ich sie nicht verachtenn.
Influencer promoten ein Produkt und sich selbst.
Alte Omas haben vielleicht weniger Durchschlagkraft, sollen junge Menschen deshalb in Sack und Asche gehen?
Arbeitsrechtlich sollte man da vlt. einiges tun können, aber meine Stunden mit HSE24 nimmt mir keiner weg.
Mein Vater liess mich einmal einen Aufsatz schreiben über den Satz "Bauknecht weiss, was Frauen wünschen".
Seither weiss ich, wie komplex Werbung ist und ich mag gute.
Leben ist auch werben.

Ernst-Günther Konrad | Do, 30. Januar 2020 - 12:25

Über die Verwendung der Begrifflichkeit Prostitution läßt sich in diesem Zusammenhang sicherlich inhaltlich trefflich streiten. Er passt irgendwie und dann doch nicht. Egal. Ich stimme den Aussagen des Herrn Indset zu. Das ist alles Zeitgeist, dauert mal kurz und mal lang und irgendwann hat man sich satt gesehen. Man will nicht mehr. Gerade die Jugend, die täglich neue visuelle Inspiration braucht wird zunehmend gelangweilt. Was sind das für Kinder und Jugendliche, die diese Influencer anhimmelm, sie liken und versuchen zu kopieren. Die ziehen sich aufgrund ihrer penetranten Übertreibungen selbst den Stecker. Und wenn nicht? Nun auch Internet braucht Strom. So wie bei uns die Strompolitik läuft fahren wir eh bald alle Fahrrad, schicken Brieftauben und fangen wieder an, uns von Angesicht zu Angesicht zu unterhalten. Die Überfrachtung der virtuellen Welt frisst sich selbst auf. Und ja, sieht man die vielen sicher hübschen Menschen dort, reduzieren die sich selbst nur auf ihr Aussehen.

Bereits in den 60er/70er Jahren hat der kanadische Medienwissenschaftler McLuhan die interessierte Öffentlichkeit mit einer radikalen These schockiert: „Das Medium ist die Botschaft“. Mit Medien meinte er grundsätzlich Technologien. Er behauptete diese würden auf die psychische und soziale Organisationsstruktur tiefgreifende Wirkungen entfalten, unabhängig von der Verwendungsform. Das Kommunikations-Modell „Sender und Empfänger“ wird/ist obsolet.

Und da wären wir bei der Kulturgeschichte der Medien, die sich immer verändert hat. Jedoch, das Buch ist nicht verschwunden, oder das Fern-Sehen mit seinen Bildern und Tönen. Sie existieren nebeneinander (Parallel-Gesellschaften).

Die Neuen Medien jedoch rücken uns in eine imaginierte Nähe und heben die Distanz auf. Ob beim Hochfreqenzhandel oder bei Twitter, alles in Echt-Zeit.

Herr Schwennicke, was einmal gut gemeint war, wird sogar inzwischen kontraproduktiv (im Sinne von zielgruppenorientiertem Marketing).

Neue Medientechnologien beunruhigen uns deshalb, weil wir ahnen, und begründete Indizien dafür haben, dass sie unsere Art der Wahrnehmung und der Erfahrungsbildung sowie die Grundformen des menschlichen Zusammenlebens nachhaltig umgestalten könnten.
Ich möchte weder eine optimistische noch kulturkritische Wertung betreiben, aber es ist sicher eine Strukturveränderung mit größeren Breitenwirkungen. Historische Umbrüche in der Entwicklung von Kommunikationstechniken kann man auch als eine evolutionäre Errungenschaft betrachten.

Medien konstruieren Wirklichkeit. Wahrnehmungen und Anschauungsformen aller Art. Wirklichkeit wird grundsätzlich gemacht. Und diese Wirklichkeitserzeugung erfolgt mit fiktionalen Mittel, durch Anschauungsformen, Grundbilder, Leitmetaphern und Phantasmen.
Es bleibt jedoch eine Frage der wissenschaftlichen Diskussion und Interpretation, welche Medien-Innovationen man den Status der evolutionären Errungenschaft zusprechen wird.

Andreas Zimmermann | Do, 30. Januar 2020 - 14:23

Diese Modererscheinung Internet, dieser kurzfristige Hype und alles was damit zusammenhängt ist sowieso bald vorbei. In 12 Jahren (spätestens) geht laut Greta die Welt unter... :-)

Benno Pluder | So, 2. Februar 2020 - 14:03

Wo ist das Problem? Man muss sie doch nur nicht aufsuchen.
Ich lese hin und wieder einen Artikel über sie, informiere mich also, besuche sie (aus gutem Grund) jedoch nicht.

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