Cicero im Dezember - Mischas Bester

Er war einer der absoluten Top-Spione der DDR, und doch ist sein Name bis heute praktisch unbekannt. Dabei hatte Adolf Josef Kanter direkten Zugang zu Politikern wie Helmut Kohl oder Hans Dietrich Genscher. Aufgrund bisher unausgewerteter Dokumente zeigt sich in der neuen Ausgabe von „Cicero“ das Bild eines Mannes, der die Bundesrepublik erpressen konnte

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Wer war Adolf Josef Kanter? / Illustration: Simon Prades

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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Es könnte die Millionen-Euro-Frage bei Günther Jauch sein: Wie hieß der größte Spion der DDR? War das a) Peter Pauls, b) Günter Guillaume, c) Mata Hari oder d) Adolf Josef Kanter?

Die scheinbar leichte Frage würde jeder Quiz-Gast schnell beantworten – und damit 500.000 Euro verspielen. Der erfolgreichste Geheimagent, den die DDR in der Bundesrepublik je hatte, war nicht Günter Guillaume, sondern ein unscheinbarer Herr, der sein Büro Tür an Tür mit dem Parlamentsbüro des Spiegels in der Bonner Dahlmannstraße hatte. Unser Autor Dirk Koch, damals dort Büroleiter, hätte Adolf Josef Kanter einst mehr Aufmerksamkeit schenken sollen. Dann würde diese Geschichte nicht erst 30 Jahre nach dem Mauerfall erzählt werden.

Informationen für die DDR

Es gab Hinweise. Geheimdienstchef Markus (Mischa) Wolf bezeichnet Kanter in seinen Memoiren als seinen besten Mann. In den Erinnerungen von Eberhard von Brauchitsch finden sich Passagen zu dem Mann, der sich erfolgreich an die Rockschöße der Schlüsselfigur der Flick-Affäre gehängt hatte. Kanter hatte Zugang zu Helmut Kohl, Hans Dietrich Genscher, Wolfgang Schäuble, Franz Josef Strauß und Egon Bahr. Sein Wissen und sein Geld machten die Spitzenakteure des Bonner Parketts abhängig. Seine Informationen gaben der DDR ein Dossier an die Hand, mit dem Markus Wolf und Erich Honecker die Regierung in Bonn jederzeit hätten düpieren können.

Das Wissen wurde von der DDR gehütet und nur manchmal eingesetzt, wie möglicherweise beim ominösen Zwei-Milliarden-Kredit, den Strauß der zahlungsunfähigen DDR 1983 gewährt hatte.

Ein Urteil der Milde

Über Kanter war bislang wenig bekannt. In seinem dürren Wikipedia-Eintrag stimmt nicht einmal der Vorname. Koch hat über Jahre die Puzzleteile zusammengefügt, bei der Stasi-Unterlagenbehörde recherchiert, mit Zeitzeugen gesprochen, das bisher geheime Gerichtsurteil gegen Kanter aufgetrieben – und damit der DDR ihr letztes Geheimnis entrungen.

Mit zwei Jahren auf Bewährung kam Kanter nach seiner Enttarnung davon. Ein Urteil der Milde, das weggeschlossen wurde. Der politische Betrieb hat Kanters Fall immer vertuscht. Nach Kochs Recherche muss nun in jedem Fall die Wikipedia-Seite über Adolf Josef Kanter umgeschrieben werden. Vielleicht sogar ein Teil der deutsch-deutschen Geschichte.

Die Titelgeschichte lesen Sie hier.

Dieser Text ist in der Dezember-Ausgabe des Cicero, die Sie am Kiosk oder direkt bei uns portofrei kaufen können.

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Klaus Funke | Mi, 27. November 2019 - 14:07

Ach, lieber Schwennicke, was soll das? Dafür gibt doch niemand etwas. Das ist alles so lange her. Hätte, wäre, wenn.... Und hat es was gebracht? Hat der Spion die BRD erpresst? Dieser Staat ist von ganz anderen Leuten erpresst und in Haftung genommen worden, nicht von der kleinen, unbedeutenden, halb verhungerten Schwester DDR. Honecker und Wolf hatten Skrupel, die dann ihre späteren Richter nicht hatten. Allerdings, wenn man weiterdenkt, so gibt es inzwischen Erben, die den Staat BRD beinahe an den Rand der ursprünglichen Existenz bringen, die fast eine DDR 2.0 daraus gemacht haben. Sie sind die wahren Vollstrecker von Honecker und Wolf. Denn wie sagte einst William Faulkner (und Christa Wolf hat diesen Satz in einem Vorwort ihres Romans "Kindheitsmuster"übernommen): "Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist noch nicht einmal vergangen!"

Klaus Decker | Do, 28. November 2019 - 15:34

Ich bin Cicero außerordentlich dankbar für die Veröffentlichung dieses Recherche-Berichts. Für mich
als Juristen - und Verfechter unseres Rechtsstaates - sind die dargestellten Fakten so ernüchternd, dass ich den "Glauben", in Deutschland seien Affären wie in einigen westeuropäischen Ländern
nicht vorstellbar, begraben muss.

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