Konservative Revolution - Die Herrschaft des Komplizierten

Egal, ob der Wahn von EU-Gesetzen, Gendertheorie oder Auswüchse in der Psychotherapie – es geht heute viel um komplizierte Nebensächlichkeiten. Doch eine große Kompliziertheit bringt Simplifizierer wie Boris Johnson hervor. Darum ist es Zeit für eine konservative Revolution

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Kann mit Boris Johnson eine konservative Revolution beginnen? / picture alliance

Autoreninfo

Dr. med. Burkhard Voß ist Neurologe und Psychiater und Autor von „Deutschland auf dem Weg in die Anstalt“ (Solibro Verlag).

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Kompliziert sind nicht nur Zicken. Oder Genderforscher, die sich auf Allüren von Zicken spezialisiert haben und mit deren Auswertung und Publikationen eine Universitätslaufbahn starten. Das Komplizierte, die kapriziöse Schwester des Komplexen, ist die unausgesprochene Diktatur der westlichen Welt und insbesondere Europas: mehr chemisch als mechanisch, gleich einem Narkotikum mit lähmender Wirkung bis hin zur Paralyse. Sensibilität, Achtsamkeit, Reflektion, Inklusion und Supervision sind die wichtigsten Strukturmoleküle dieses Narkotikums. Die ergiebigsten Therapiequellen für Verkomplizierungen aller Art sind derzeit Justiz, Psychologie und Genderideologie. Justiz und Psychologie hatten schon immer blühende Schnittmengen an Umständlichkeiten. Mit der „Genderideologie“ ist die Trinität des Verqueren perfekt.

Dabei hatte es so verquer und zurechtgedacht gar nicht begonnen. Die altrömische Göttin Justitia mit den Attributen Schwert und Waage hatte zusätzlich eine Augenbinde, um sich beim Abwägen mit dem Ziel Gerechtigkeit nicht ablenken zu lassen. Doch in Wahrheit ist die Augenbinde schon lange abgelegt, und Ablenkungsprozesse durch Stimmungen, Befindlichkeiten und komischen Gefühlen erzeugen Gesetzestexte, die selbst Juristen nicht mehr verstehen, wie bspw. an folgendem Absatz des § 6 b des Einkommensteuergesetzes ersichtlich wird:

Schmerzensgeld an die Leser

„(10) Steuerpflichtige, die keine Körperschaften, Personenvereinigungen oder Vermögensmassen sind, können Gewinne aus der Veräußerung von Anteilen an Kapitalgesellschaften bis zu einem Betrag von 500.000 Euro auf dem Wirtschaftsjahr der Veräußerung oder in den folgenden zwei Wirtschaftsjahren angeschafften Anteile an Kapitalgesellschaften oder angeschafften oder hergestellten abnutzbaren beweglichen, Wirtschaftsgüter oder auf die im Wirtschaftsjahr der Veräußerung oder in den folgenden vier Wirtschaftsjahren angeschafften oder hergestellten Gebäude nach Maßgabe der Sätze 2 bis 10 übertragen. Wird der Gewinn im Jahr der Veräußerung auf Gebäude oder abnutzbare bewegliche Wirtschaftsgüter übertragen, so kann ein Betrag …“

Schon jetzt müsste Schmerzensgeld an die Leser solcher Zeilen bezahlt werden, dennoch geht es fast 30 Zeilen weiter mit advokatorisch aufgeblähter geistiger Diarrhöe.

Wir folgern: Das Gehirn beschäftigt sich nicht nur mit wichtigen Dingen. Wahrscheinlich wird die Neurobiologie demnächst eine Area complicata entdecken, die bei drei Berufsgruppen überdurchschnittlich ausgeprägt ist. Doch auch deutlich kürzere juristische Texte ventilieren den Geist der Umständlichkeit, so § 164 des Bürgerlichen Gesetzbuches:

„Tritt der Wille, in fremden Namen zu handeln, nicht erkennbar hervor, so kommt der Mangel des Willens, in eigenem Namen zu handeln, nicht in Betracht.“

Das Prinzip dahinter

Wenn ein Freund Sie bittet, seinen Wagen in die Werkstatt zu fahren, da er selbst verhindert ist und noch sagt, alles weitere zu veranlassen, dann ist klar, dass er als Wagenbesitzer die Rechnung bekommt und nicht der Freund. Das ist das Prinzip. Eigentlich ganz einfach. Doch man kann den Eindruck bekommen, dass Justitia schon lange nicht mehr auf der Suche nach Gerechtigkeit oder Einfachheit und Klarheit ist, sondern viel mehr dem Einfachen den Kampf angesagt hat. Ob Verwirrung stiften die Intention war? Das Ende des Pragmatismus ist Programm. Wunderschön dargestellt im § 267 des Bürgerlichen Gesetzbuches:

„Wenn ich jemandem Geld schulde und ein anderer diese Schuld begleichen möchte, darf die Person, der ich das Geld schulde, diese Rückzahlung ablehnen, und sofern sie die Rückzahlung dennoch akzeptiert, darf ich der Lösung meiner Finanzprobleme widersprechen.“

Es könnte ja sein, dass der Andere, der diese Schuld begleichen möchte, der Ex-Mann einer Cousine vom Ex-Chef der Deutschen Bank Josef Ackermann ist – und wer will schon Geld aus einem solch skrupellosen Haufen haben? So hat die deutsche Justiz auch das geregelt. Ist der Regelungsfuror, der auch noch von Steuergeldern bezahlt werden muss, ein deutsches Spezifikum? Unwahrscheinlich. Viel mehr sieht es so aus, als ob EU-Juristen und ihre deutschen Kollegen jeden Morgen in den Spiegel blicken und artig den Satz aufsagen: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wie vernichten wir die meisten Steuergelder im ganzen Land?“

Ein vollwertiger Gegner

In diesem Wettbewerb sind EU-Juristen ein vollwertiger Gegner. Sie wagen sich an die wirklich wichtigen Bereiche, die geregelt werden müssen, als da wären:

  • Korrekte Bezeichnung von Tagesmüttern
  • Farbe und Form von Führerscheinen
  • Länge von Schnullerketten
  • Optimale Benutzung von Teebeuteln
  • Durchmesser von Äpfeln
  • Zündeigenschaften von Zigaretten
  • Schweineställe und deren Inhalt
  • Pizzen und deren Eigenschaften
  • Volumen von Kondomen
  • EU-Beamte und deren Kostenerstattung für Viagra
  • Seiltänzer und deren Schutzhelmpflicht
  • Farbe von Notdienst- und Rettungswagen
  • Sonnenexposition für Arbeitnehmer
  • Publikation von Tierbildern im Internet

Wem noch weitere wichtige Bereiche einfallen, bekommt entweder einen Heiko Maas-Kommunionsanzug oder eine Katarina Barley-Barbie.

Doch damit nicht genug. Interessant auch, wie EU-Juristen Bäume definieren, die gefällt werden dürfen:

„Die Abholzigkeit wird festgelegt, indem man die Differenz zwischen den Durchmessern des Langholzes in einem Abstand von einem Meter der beiden Enden – in Zentimetern gemessen und nach unten abgerundet – durch die in Metern mit einer Dezimalstelle ausgedrückte Entfernung zwischen den Durchmessern teilt. Die Abholzigkeit wird in Zentimetern mit einer Dezimalstelle pro Meter ausgedrückt.“

Was erleben solche Menschen, wenn sie ein Bild von Caspar David Friedrich sehen? Besser nicht spekulieren. Immerhin gibt es auch noch vernünftige Juristen wie beispielsweise Ferdinand von Schirach, wenn er sagt: „Kompliziert sei das Wertvollste. Das ist Unsinn. In Wirklichkeit ist das Einfachste das Schwierigste.“ Ein Fünkchen Hoffnung bleibt bestehen.

Auswüchse der Psychotherapie

Um die metaphysisch ausgewrungenen Seelen der westlichen Welt kümmert sich die Psychologie, die zweite Säule der Kompliziertheit, eine Madonna complicata par excellence. Die Schnullerprothese für das gesamte Leben nennt sich Psychotherapie. Ohne die, so das Mantra, kann der Mensch nichts, weiß er nichts und aus ihm wird auch nichts. Ein Arbeitsplatzkonflikt ist nur ein Oberflächenphänomen. Dahinter verbergen sich Kindheitstraumata, dysfunktionale Beziehungsmuster oder Stereotype von anderen Menschen. Oder alle drei zusammen und noch mehr. In jedem Fall liegt die Deutungshoheit bei der heiligen Maria Psychotherapeutika, die die Probleme so interpretiert und formuliert, dass nur sie sie lösen kann. Was alles im Leben so gelöst werden muss, beziehungsweise zum Problem und dann zum Thema werden kann, lässt sich in den meisten Lehrbüchern über Psychotherapie nachlesen. Kleine Themenauswahl:

  • Entspannen, natürlich genussvoll
  • Geschwisterkonstellation
  • Gespräche mit dem inneren Kind
  • Nähe und Distanz. Wie pendelt man das richtig aus?
  • Konflikterfahrung mit den Eltern
  • Überprüfen des Körperbildes
  • Begraben von Kriegsbeilen
  • Loslassen erproben
  • Ein krankes Körperteil schreibt mir einen Brief
  • Meine Eltern streiten sich
  • Migräne und andere Belastungen
  • Fotoalbum über persönliche Stärken und Schwächen
  • Wie schafft man Platz?
  • Problemebenen durch Schule lebendig machen
  • Sind Sie der Regisseur für körperliche Berührung?
  • Stützen und gestützt werden
  • Wie sicher ist ihr Kreis
  • Gibt es einen Seelentank?

So kann auch das Normalste innerhalb einer Psychotherapie zum Thema gemacht werden.

Eine Generationen übergreifende Wirkung

Psychotherapie – zwischen der sprechenden Medizin und einem Beerdigungsinstitut für Normalität liegt nur eine hauchdünne Membran. Der Übervater Freud hat ganze Arbeit geleistet. Zwar hat er keinen einzigen Patienten geheilt, aber seine literarischen und selbstanalysierenden Fußstapfen haben eine Generationen übergreifende Wirkung. Nicht nur psychotherapeutisch sondern auch philosophisch. Sein Kriterium der Wahrheit war die innere Stimmigkeit und nicht die objektive Realität. Unbewusste Wünsche und Bedürfnisse waren die Triebfedern der postmodernen Seele. Wenn der Philosoph und Psychiater Karl Jaspers (1883-1969), ein Kritiker der Psychotherapie, forderte, dass öffentliche psychologische Sprechstunden zur Seelenhilfe für jedermann eingerichtet werden sollten, so ist dies am Selbstverständnis des psychologischen Zeitgeistes ziemlich nah dran.

Für ein postmodern absurdes Theater sind Psychologie und Justiz eigentlich schon vollkommen ausreichend und erreichen ein mindestens 110-prozentiges Verkomplizierungspotential aller Lebensbereiche.

Die Genderideologie

Den letzten rosa Strampelanzug als Initialzündung für eine biedere Frauenexistenz anzuprangern, das kriegt nur die Genderideologie als dritte Säule der Kompliziertheit hin, die Primadonna des Zurechtgedachten. Ihre Pirouetten sind Steilvorlagen für Kabarettisten; so beriet der Europarat in der Beschlussvorlage 12.267 ernsthaft, ob der Begriff „Mutter“ als sexistisches Stereotyp bekämpft werden müsse. Und eine Berliner Senatsverwaltung gab Pädagogen grünes Licht für die Vorbereitung von Pantomime-Spielchen mit den Themen „Sadomaso“, „Porno“, „Darkroom“ oder „zu früh kommen“ – schön aufgeschrieben in LISKM, dem Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg.

Berlin ist bekanntermaßen sexy und beschäftigt sich nur mit existenziellen Themen. Wie die Vergabe von Frauennamen für Straßen, bis die 50 Prozent-Quote erreicht ist. Eine Herzensangelegenheit für den „Ausschuss für Frauen, Gleichstellung und Queer“. Auch bei der britischen Lesbe und Genderaktivistin Sheila Jeffreys ist endlich der Penny gefallen, wenn sie sagt: „Wenn eine Frau durch einen Mann zum Orgasmus kommt, kollaboriert sie lediglich mit dem patriarchalischen Unterdrückersystem. Sie erotisiert ihre Eigenunterdrückung.“

„Parent 1“ und „Parent 2“

Genau, wie blöd müssen wir gewesen sein, nicht selbst darauf zu kommen. Wahrscheinlich so blöd wie der emeritierte Politikwissenschaftler Herfried Münkler, der in seinen Geschichtsvorlesungen nicht exakt so viele bedeutende Frauen wie Männer porträtierte. Dass er dafür nichts konnte, weil bedeutende Frauen in der Geschichtsschreibung schlicht und ergreifend weniger vorkommen, ersparte ihm die mediale Hetzjagd durch gendergerechte Studentengehirne nicht. Auch jenseits des Atlantiks ist die Genderideologie der Taktgeber bühnenreifer Ideen. So machte sich die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton dafür stark, dass die Passformulare mit den Bezeichnungen „Mother“ und „Father“ durch „Parent 1“ und „Parent 2“ ersetzt werden sollten.

Eben eine Gender-neutrale Beschreibung. Auch sonst war Hillary Clinton eine Vorkämpferin der Genderideologie – als Präsidentschaftskandidatin gegen Donald Trump nicht unbedingt von Vorteil. Oder hat sie geglaubt, bibeltreue Christen, die in den USA nicht gerade selten sind, wären von diesem Konzept zu begeistern? Das Wesen dieses Konzeptes hatte schon Napoleon erkannt: Man muss den Menschen mit Nebensächlichkeiten und Absurditäten beschäftigen, dann kann man als Machthaber seinen Streifen durchziehen.

Die Krönung der säkularen Überflussgesellschaften

Egal ob Justiz, Psychologie oder Genderideologie – wenn die Kompliziertheit eine kritische Masse überschreitet, treten die großen Simplifizierer auf den Plan, ob vom Schlage eines Donald Trump oder Napoleon, Boris Johnson oder Alexander Gauland. Ob das Künstliche und Zurechtgedachte diese besiegen wird? Der sogenannte Rechtspopulismus könnte so auch als Antwort auf das Künstliche und Zurechtgedachte in der Postmoderne interpretiert werden.

Die Herrschaft des Komplizierten ist die Krönung der säkularen Überflussgesellschaften. Deren Bürger sind nach Abschaffung der Transzendenz darin übereingekommen, dass in der begrenzten Lebensspanne gefälligst alles glatt und optimal zu laufen hat. Natürlich so individuell und divers, dass sich jeder eine Wellness-Oase aus Kompliziertheit, Sensibilität und Achtsamkeit zurechtzimmern kann. Natürlich mit Rechtsanspruch. Die höchste Kulturstufe ist erreicht. In dieser braucht die Politik nichts weiter zu tun, als all diesen Bedürfnissen und Stimmungen gerecht zu werden, mit welchen Gesetzen auch immer. Ob Ausstieg aus der Atomkraft, Inklusion als Menschenrecht oder Ehe für alle – nur die weisesten Entscheidungen werden nach diesem Prinzip gefällt. Allgemein gültige Ernährungsvorschriften liegen schon in der Luft. Égalité um jeden Preis lässt grüßen.

Die Jagd nach den letzten Wählerstimmen der Hyper-Individualisierung könnten Funktionalität und Handlungsdynamik des Staates drastisch reduzieren. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Herrschaft des Komplizierten von Anfang an mit einer allmählichen Selbstzerstörung beschäftigt ist. Wenn dann noch absurde Debatten über Frauenquoten im Parlament, Absenken des Wahlalters auf 16 Jahre, gendergerechte Sprachregelungen und Intersextoiletten den medialen Raum erfüllen, dann ist es höchste Zeit für eine konservative Revolution.

Gegen die Gefahren der Diktatur

Konservative Revolution – was irgendwie nicht zusammenpasst, passt bei näherer Betrachtung sehr wohl. Denn gerade im hysterisierten Medienzeitalter, wo das Motto gilt, „Zuerst einmal durchdrehen, danach sehen wir weiter“, bedarf es schon einer Revolution, um Grundlegendes zu bewahren und zu schützen, Dinge, die es wert sind, weil sie sonst Gefahr laufen, einer hysterischen Neuerungssucht geopfert zu werden

Bei der konservativen Revolution geht es gegen die Gefahren der Diktatur, die Diktatur der öffentlichen Meinung inklusive, aber auch gegen Auswüchse der Demokratie bis hin zur Ochlokratie, der Pöbelherrschaft; um die Infragestellung des seit 1789 bestehenden Glaubens an den Menschheitsfortschritt; um die Absage an den neuen Menschen und die Hinwendung zu einem realistischen Menschenbild. Oder, um es mit den Worten von Ernst Jünger auszudrücken: „Der Mensch ist aber nicht gut, sondern er ist Gut und Böse zugleich. In jeder Berechnung, die der Wirklichkeit standhalten soll, ist einzubeziehen, dass es nichts gibt, dessen der Mensch nicht fähig ist.“

Keine sozialen Konstrukte

Dies ist natürlich Kulturpessimismus pur, aber auch realistisch, und fern ab jeder Utopie. Also kein Grund zur Resignation. Konservative Revolution heißt auch, vehement dafür einzutreten, dass es Selbstverständlichkeiten gibt, die nicht weiter hinterfragt werden können. Selbstverständlich sind Mann und Frau keine sozialen Konstrukte, die man nach Belieben auswechseln kann. Oder doch? Wenn die Kompliziertheit in den Armen der einfach Strukturierten liegt, wird regelmäßig mehr als eine Frage zu viel gestellt. Manchmal kann zu viel Fragen und Reflektieren auch ein Kriterium für Dummheit sein. Die konservative Revolution berücksichtigt auch die besondere Wirkung der Romantik auf die Deutsche Volksseele. Auf die Hinwendung zum Irrationalen und Okkulten. Aber auch die Hochschätzung von Pflichten und Diensten. Dienen und Abtreten statt narzisstischer Selbstbespiegelung.

Konservativ bedeutet auch nicht Rückschritt, sondern engagiertes Arbeiten am Veränderbaren und Akzeptanz von Unabänderlichkeiten. Und, was nicht häufig genug betont werden kann, Konservative Revolution hat mit Faschismus und Nationalsozialismus nichts zu tun, sie ist viel mehr deren Gegner. Nicht häufig genug zu betonen deswegen, da nach einer jahrzehntelangen und mittlerweile chronischen Verschiebung des politischen Koordinatensystems nach links alles als faschistisch beziehungsweise nationalsozialistisch bezeichnet wird, welches auch nur feinste Ausdünstungen von Preußentum oder Autoritarismus hat. Das ist ungefähr so, als würde man in Helmut Schmidt einen Stalinisten sehen, nur weil er Sozialdemokrat war und damit eher zum linken als zum rechten Spektrum der Politik gehörte.

Politische Konstante mit globaler Dimension

Wenn konservative Werte von ehemals konservativen Parteien in Serie verraten werden, dann wird es höchste Zeit für eine Renaissance der konservativen Revolution! Diese ist weder auf Deutschland beschränkt, noch begann sie erst 1918. Im Grunde begann sie mit der französischen Revolution 1789 als der Glaube entstand, die Essenz des Menschen verbessern zu können. Der sich dagegen erhebende Konservatismus blieb nicht auf Frankreich begrenzt, sondern entwickelte sich von Deutschland ausgehend zu einer fundamentalen politischen Konstante mit globaler Dimension.

Der Konservatismus sollte jedoch in einem entscheidenden Punkt modifiziert beziehungsweise neu gedacht werden. Der revisionsbedürftige Punkt ist der nicht nur aus der Romantik entstandene Hang zum Mystizismus und zur Irrationalität. Gerade in Zeiten von Fake-News und Verschwörungstheorien besteht hier kein Erweiterungsbedarf. Es kann nicht sein, dass in einem Wohnkomplex ein Kernspintomograph, der definitiv keine Radioaktivität erzeugt, nicht installiert werden darf, nur weil ein hysterischer Zeitgenosse sagt: „Aber ich habe Angst“. Wenn naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu beliebig austauschbaren sozialen Konstrukten werden, dann sind wir an den Hexenverbrennungen näher dran, als dies zur Zeit der französischen Revolution (1789) der Fall war. Wissenschaft und Rationalität müssen wieder zum Lackmustest für das werden, was man Wahrheit nennen darf. Wohl vergegenwärtigend, dass es eine Transzendenz gibt. Und dann hat auch die konservative Revolution eine realistische Chance.

Tomas Poth | Mi, 9. Oktober 2019 - 14:30

die einleitenden Sätze machen Spaß diesen Artikel zu lesen. Es sind ja nicht nur die Zicken sondern jedwede Art der so selbstverstandenen Besonderheiten, einschließlich Denkknoten im Gehirn, die eine gesellschaftlich anerkannte Stellung wollen, bis hin zum Artenschutz.
Es ist der Ausfluss einer überdrehten Gesellschaft, die alles mit RotGrünen Pflasterchen und Globuli betüteln will und Abhängigkeiten zur Absicherung der eigenen Existenz schafft.
Dieser Artikel ist ein MUSS.

Klaus Decker | Mi, 9. Oktober 2019 - 14:39

Ein wunderbarer Artikel! Wenn ich nicht schon Abonnent wäre, ich würde es sofort werden!

Ellen Wolff | Mi, 9. Oktober 2019 - 15:25

Die beispielhaften Gesetzestexte bringen den grassierenden Irrsinn auf den Punkt. Wenns nicht so bitter ernst wäre, könnte man sich darüber köstlich amüsieren.

Danke für den hervorragenden Artikel.

Marianne Bernstein | Mi, 9. Oktober 2019 - 15:42

Die Beispiele sind gut gewählt, nur ist jedem klar, dass daran nichts ändern wird, vorallem deshalb weil es ist wie es ist!
Juristische Texte sind deshalb schwer verständlich, weil sie das Leben abstrakt regeln. Es geht eben nicht (nur) um das Auto und die Rechnung sondern um jede Situation, wo durch einen Dritten gehandelt wird. Trotzdem könnten die Texte vereinfacht werden, wenn man sich trauen würde ganze Gesetzesbücher neu zu schaffen. Irgendwie ist das so wie in einem alten Haus, viele haben da was abgestellt und man braucht trotzdem neue Dinge, für die aber kein Platz ist. Nur ist das eben auch nicht einfach Platz zu schaffen.
Wir müssen aber verstehen, dass wir das lösen müssen, weil die Demokratie sonst wie Weimar endet. Nicht weil die Demokratie schlecht ist, sondern weil sie die Probleme der Menschen und der Zeit nicht lösen kann. Da bringt auch das Schimpfen auf sogenannte Populisten nichts.

Gesetzestexte sind deshalb so schwer verständlich, damit Sie einen Anwalt nehmen müssen! Das Steuerrecht wurde gestaltet, damit Sie einen Steuerberater brauchen. Inzwischen gibt es Berater für alle Lebesbereiche, was sollten die denn tun, wenn Sie alleine klarkämen?

Also diese Kausalkette beweist, dass der Kommentator einer der großen Vereinfacher ist, die eingangs des kommentierten Artikels kritisiert werden.
Mit Verlaub: es ist nichts als grober Unfug zu behaupten, die – zugegebenermaßen – teilweise sprachlich irrsinnigen Steuergesetze seien geschaffen worden, um Steuerberater zu beschäftigen. Nein! Sie sind sprachlich oft so missglückt, weil ein Finanzministerialer nach dem anderen an jeden Paragrafen noch irgendetwas dranflickt und keiner mehr den Überblick hat.
Das gleiche gilt für sonstige Gesetze, die sind auch keine ABM für Rechtsanwälte. Die Welt wird halt komplizierter und damit die gesetzlich zu regelnden Sachverhalte.
§ 164 BGB ist übrigens für die kritisierten Zustände ein denkbar schlechtes Beispiel. Diese Vorschrift ist unverändert seit dem 1.1.1900 in Kraft und leistet seither beste Dienste. Besser und kürzer kann man den Sachverhalt eigentlich nicht regeln. Recht hat eben eine Fachsprache,wie Medizin die ihre.

Josef Olbrich | Mi, 9. Oktober 2019 - 16:22

Wunderbar - danke für diesen Kommentar. Ja, in gewissen Zuständen des Lebens ist nichts unverständlicher als das Einfache. Dafür hat der Teufel gesorgt. Er hat es verstanden den Menschen weiß zu machen, dass es ihn nicht gibt. So ist sein Wirken aus dem menschlichen Alltag in Vergessenheit geraten. Daraus schlussfolgern nun die Menschen, gibt es einen Gott, der in Transzendenz seine Wirkung entfaltet. Ja, es gibt einen Gott, denn von Heisenberg stammt folgende Erkenntnis: Nimmst Du den ersten Schluck aus dem Kelch der Wissenschaft, dann glaubst Du - es gibt keinen Gott - hast Du den Kelch gelehrt, dann schaut ER Dich an.

Ernst-Günther Konrad | Mi, 9. Oktober 2019 - 17:04

Bin total begeistert Herr Voß. Kann alles unterschreiben was sie sie in ihrem Artikel darstellen. Als ehem. Gesetzesanwender könnte ich Ihnen unzählige Texte liefern, nach deren Verzehr es Ihnen wechselweise übel oder eiskalt den Rücken herunter läuft. Hatte viel mit Juristen zu tun. Einige sehr am wahren Leben orientiert, andere dermaßen im Juristennirwana, da bräuchte es ettliche Sitzungen bei Ihnen, bis die wieder ins Leben zurück kommen würden.
" Konservative Revolution hat mit Faschismus und Nationalsozialismus nichts zu tun, sie ist viel mehr deren Gegner."
So sehe ich auch die Sichtweisen vieler Kommentatoren hier im Forum. Kein Mensch will einen "Führer" neu installieren, wir wollen unser konservatives Deutschland zurück, in dem mit Sinn und Verstand gestritten wird und nicht per Order mufti der Bürger bis zum Gang auf's Klo bevormundet wird. Wi Wissenschaft durch Politik nicht gekauft und missbraucht wird und Politiker mit Geistes- und Herzensbildung das Ruder übernehmen.

Manfred Bühring | Mi, 9. Oktober 2019 - 17:28

"Der Tod stellt aus versorgungsrechtlicher Sicht die stärkste Form der Dienstunfähigkeit dar."
Zitiert aus "Unterrichtsblätter der Bundeswehrverwaltung"
Aber letztlich sind es die Juristen selbst, die mit Prozessen gegen alles und jeden diesen juristischen Bullshit, den sie dann selbst nicht mehr verstehen, mit zu verantworten haben. Wir haben in D einfach zu viele Juristen. Das war schon während der Nazizeit so; dort wimmelte es auch vor lauter "furchtbaren Juristen".

Christa Wallau | Mi, 9. Oktober 2019 - 18:01

Was wir brauchen, ist die Rückeroberung der Macht durch diejenigen, die von den grün/linken Genossinnen/Genossen als "Konservative" bzw. als "Rechte" bezeichnet werden, in Wirklichkeit aber die benötigten "Realisten" sind.
Sie allein können nämlich den ver-rückten, illusionistischen Blick auf die Welt, der zur Zeit vorherrscht, wieder durch eine vernünftige Betrachtungsweise ablösen, den angehäuften, überflüssigen Plunder abräumen u. damit gesunden Fortschritt in die Wege leiten.
Ich möchte es die "Rückkehr des gesunden Menschenverstandes" nennen, die wir dringendst
benötigen.
W a n n , ach wann, ist es endlich so weit, daß der Wahn in D abgeschaltet u. die Ratio eingeschaltet wird? Ob ich (76) dies noch erlebe? Wahrscheinlich nicht, es sei denn: Der wirtschaftlich-finanzielle Crash in der Euro-Zone kommt bald u. reißt vor allem Deutschland in ein tiefes Loch.
Dann ist es aus mit spitzfindiger Justiz u. Psychologie u. erst recht mit jeglicher Gender-Ideologie. Darauf wette ich!

...für das, was kommen muss - und kommen wird, Frau Wallau. Denn er umfasst sowohl die Rückkehr zum Realismus als auch die Rückverschiebung des politischen Koordinatensystems in seinen Ursprungszustand. In ihm sind Konservative nicht länger Nazis und Linksgrüne repräsentieren nicht die Mitte der Gesellschaft.
Ob Sie das mit 76 Jahren noch erleben werden ? Ich wette eine Flasche Champagner darauf! Die Krise ist schon sichtbar - und es ist nicht allein die wirtschaftliche Rezession, sondern der bevorstehende Bankenkollaps im Euroraum, der die ökonomischen und gesellschaftlichen Verwerfungen einleiten wird. Leider braucht es
soetwas, damit sich in D die Dinge ändern - schade!

Achim Koester | Mi, 9. Oktober 2019 - 18:59

Die "Dinger", die die EU jetzt verboten hat, früher vereinfachend "Strohhalm" genannt, sind also nach heutiger EU Definition eine "oral anzuwendende, mechanisch wirkende Unterdruck-Getränke-Ansaugvorrichtung" :)

Karsten Paulsen | Mi, 9. Oktober 2019 - 20:16

Herzlichen Dank für dies unterhaltsamen Artikel. "Übervater Freud hat ganze Arbeit geleistet. Zwar hat er keinen einzigen Patienten geheilt, ..." Wenn Sie mir zu diesem Satz noch eine Qulle nennen könnte wätre ich Ihnen sehr dankbar.

Dorothee Sehrt-Irrek | Do, 10. Oktober 2019 - 14:27

Hat der Autor eine Ahnung, dass das auch schon früher diskutiert wurde?
Ohne mich.
Konservative und Revolution, das passt überhaupt nicht zusammen.
Ich kann den Artikel noch nicht lesen, ich muss erst einmal mein Entsetzen verarbeiten.

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