Moralismus - „Politik ist das laute ‚Entweder‘, das ein leises ‚Oder‘ immer mitdenkt“

Franz Blei schrieb 1932 eine Biographie über Talleyrand, den Außenminister Napoleons. Darin beschreibt er glasklar, woran die politische Debatte krankt. In einer Zeit des rigorosen Moralismus ist seine Diagnose aktueller denn je 

10.08.2019, Nordrhein-Westfalen, Elsdorf: Greta Thunberg, Klimaschutzaktivistin, steht am Braunkohletagebau Hambach. Die Schwedin hat den Braunkohletagebau und den Hambacher Forst besucht.
Ikone des rigorosen Moralismus: Greta Thunberg / picture alliance

Autoreninfo

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Seltsame Zeiten sind das. Und schwere für den vernünftigen, den fairen politischen Diskurs. Da reist ein 16jähriges Mädchen durch die Welt, das sagt: „Ich möchte, dass ihr die Angst spürt, die ich spüre“, und alle Welt weiß dass dieses Mädchen eine Krankheit hat, die zur verzerrten Wahrnehmung, auch zu Angstzuständen führen kann. Aber weil sie in ihrer Botschaft der Klimarettung sakrosankt ist, dass (existenziell wichtige) das Ziel jedes Mittel rechtfertigt, wird das stillschweigend akzeptiert. 

Hingegen wird sofort zur Phobie erklärt, genauer: zur Islamophobie erklärt, wenn im anderen großen Thema unserer Zeit jemand den Hinweis gibt, dass die massive Migration aus dem entsprechenden Kulturraum mit einigen Kollateralerscheinungen einhergehen wird, wenn beide Kulturräume aufeinanderprallen. 

Schlag nach bei Franz Blei 

Hier ist etwas gewaltig verrutscht, man sucht dafür Erklärung und Halt. Und findet ihn manchmal in Texten, die lange vor dieser bestimmenden Phänomenologie unserer Zeit geschrieben wurden. Unlängst wurde ein Text von Theodor W. Adorno exhumiert, der das Erstarken von Rechtsaußen in den dreißiger Jahren analysierte  und viele jedenfalls diskutable Erklärungsmuster für den erstarkenden Rechtspopulismus heute bereit hielt. 

Eine eigene Lesefrucht dieser Tage im Zusammenhang mit dem schiefen politischen Diskurs dieser Tage, Woche und Jahre: Die Talleyrand-Biographie von Franz Blei von 1932. Franz Blei war ein österreichischer Schriftsteller, Übersetzer und Intellektueller, Zeitgenosse und Freund des großen Robert Musil. Herausgeber diverser Kulturessays und Zeitschriften. Bekannt geworden vor allem für sein spöttisch-ironisches „Großes Bestiarum der deutschen Literatur“.

Woran der politische Diskurs krankt

Seine stilistisch und gedanklich bestechende Biographie des Außenministers von Napoleon Bonaparte beginnt mit einem großen Gedanken, der wesenhaften Unterscheidung von Religion und  Politik. „wenn wir das Unbedingte in der Glaubenshaltung sehen“, hebt Blei an, „so ist es das Wesen des Politischen, daß es im Bedingten existiert“. Das Absolute: Das Reich des Glaubens. Das Bedingte: Das Reich der Politik. Logisch fährt Blei fort: „Politik kann immer nur von und mit Menschen gemacht werden, die mit sich reden lassen.“ Jeden Satz muss man hier nachhallen lassen: Politik ist nur möglich „von und mit“ Menschen, die mit sich reden lassen. Und so mündet der erste Absatz seines Buches in der logischen Schlussfolgerung: „Sie (die Politik. Anm. d. Autors) ist die Nachgiebigkeit scheinbar unnachgiebiger Überzeugungen, Interessen, Haltungen.“

Schließlich: „Sie ist ein lautes Entweder, das sich auf ein leises Oder eingestellt hat.“ Der Wesenskern der Politik: dass sich ein lautes Entweder immer auf ein leises Oder einstellt und es auch für zulässig, geradezu notwendig für die Existenz des Politischen erachtet. Das scheint – mir jedenfalls – der entscheidende Verlust des politischen Diskurses unserer Zeit zu sein: Im überzeugten Entweder das Oder mitzudenken. Oder zu wissen, dass es kommen wird. Kommen darf. Kommen MUSS!

Politik vor der Hermetik der Echoblase

Was haben sich Franz Josef Strauß und Herbert Werner für erbitterte politische Duelle geliefert. Und sich doch hinterher auf ein Bier zusammensetzen können. So geht Politik. So ging Politik, muss man sagen. Vor der Hermetik der Echoblase. Und der Erhebung mancher politischer Positionen ins Unbedingte, ins Religiöse. Einen Politiker-Typus macht Blei, 1932 wohlgemerkt, aus, der sich für den politischen Diskurs als letal erweist. „Der rigorose Moralist“, schreibt Blei, „kann das Politische und den Politiker aufheben und hat es als dessen Antagonist immer getan.“ Und weiter: „Von der rigorosen Moral her gesehen ist Politik immer unmoralisch“. 

Der politische Moralist als Antagonist des Politikers und als jemand, der sich über ihn erhebt. Frage während der Lektüre Bleis: Könnte es sein, dass derzeit zu viele politische Moralisten im Gewand des Politikers unterwegs sind und den Wesenskern der Politik so zerstören? Man liest gebannt weiter und kommt an diese Stelle, die in einen unerhörten Schluss mündet, den Zusammenhang des politischen Moralismus mit dem Totalitären: „In Zeiten solchen moralischen Rigorismus wird man bis zum Auftreten des Diktators den Politiker vergeblich sich bemühen sehen.“ Den einen oder anderen politischen Raum auf dieser Welt gibt es schon, an dem der politische Rigorismus als falsch verstandener Ersatz für Politik in diese Richtung geführt hat. Es wäre wünschenswert, diese Zusammenhänge mehr zu erkennen, um dieser unseligen Entwicklung Einhalt zu gebieten. Blei lesen hilft da sehr. 

Wolf-Dieter Hohe | Di, 10. September 2019 - 14:18

Merci für diesen Beitrag.
Inhaltlich kann diese Hürde im öffentlichen Meinungssport gar nicht oft genug aufgestellt werden.
Vergleichbar mit einem (Fuß)Ballspiel, bei welchem eine Mannschaft für ein Foul vom Platz gestellt wird, dasselbe Foul bei der anderen wegen "Guter Absicht" nicht geahndet wird.

Im Detail liegt viel mehr der Teufel. Rigoroser Moralismus klingt hässlich, ja abschreckend. Aber was steckt dahinter? Ist Moralismus dann rigoros, wenn er einfordert,das aufzugeben, was uns lieb ist, worauf wir nicht verzichten wollen, was uns gegen den Strich geht? Im 21. Jahrhundert ist die Erde trotz allem technischen Fortschritts in einem miserablen Zustand. Der Mensch versaut das Klima, schon wieder besteht die Gefahr von Weltkriegen, ein paar Reiche besitzen viel, viele Arme wenig bis nichts. Die, die was haben, wollen ängstlich ihre Grenzen verbarrikadieren, die, die vor Krieg und Armut geflohen sind, sollen gefälligst draussen bleiben. Was interessieren uns hungernde Kinder ein paar tausend Kilometer entfernt? Uns ist es wichtiger, mit dem frisch gewaschenen SUV die Innenstädte verpesten zu können.
Jahrhundertelang wurde dem Menschen eingetrichtert, die bessere Existenz liege im Jenseits. Heute wird ein bedingungsloser Materialismus gepredigt. Die Weltbevölkerung explodiert.

Die Einen fordern Politik nur für das eigene Volk, die Anderen Zusammenarbeit der ganzen Menschheit. Diese ist zerstritten wie schon lange nicht mehr. In Washington, Moskau und Beijing sitzen Autokraten, die auf die Weltführerschaft lauern. In europäischen Staaten erfahren radikale, extreme Nationalisten Auftrieb; Extremisten, die an einer Vergangenheit orientiert sind, die hoffentlich nicht wiederkom
Will die Menschheit überleben, und schafft sie es, über die eigene Geldbörse hinauszuschauen, wird sie viel mehr moralisches Handeln - und Opfer - brauchen, als bislang. Nicht die verlogene Moral des geifernden Wutbürgers, die letztlich nur zutiefst egoistisch ist. Im Gegenteil: Eine Moral, die Menschen und Völker zusammenführt, das Klima schützt, Wohlstand besser verteilt - und Gegenteiliges ganz klar als ungewünscht, als unmoralisch und ungewünscht verurteilt. Und eine entsprechende, oft aus Kompromissen bestehende Politik - mit klaren, moralischen, vielleicht rigorosen Vorgaben.

Hartmut Seinsch | Di, 10. September 2019 - 15:30

Lieber Herr Schwennicke, wenn Sie in einem andern Artikel von vor wenigen Tagen Herrn Gauland mit einem Frankenstein'schen Monster vergleichen, nur weil auf Ortsebene eine CDU-AfD Koalition gebildet wurde, in der genau das geschieht, was Blei als leises "Oder" bezeichnet hat, kann es da sein, dass Sie Blei noch nicht gelesen hatten? Ich bleibe dabei zu behaupten, dass die Moralisten in dieser Gesellschaft sich im linken Spektrum befinden, welches sich momentan weit in die Mitte der Gesellschaft hineingefressen hat. Die moralische Überlegenheit, die sich aus dem angeblich zwingenden Klimakollaps und der Empörung über angebliche Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ergeben hat, legitimiert das links-grüne "Monster" (ich drehe den Spieß jetzt einmal um) zu einer unnachgiebigen Haltung, die bei mangelnder politischer Führung durch unsere Kanzlerin den politischen Diskurs in den Medien bestimmt.

...auch der ein geriebener,großer Politicus,welcher Bismarck spüren ließ,wie Politik gehen kann.Dem heutigen Kaffeetantenregime geht es lediglich um 51% Genderquote in den Vertretungen oder was noch...

Maria Fischer | Di, 10. September 2019 - 15:51

Die Grundlage jeder Ideologischen Staatsform ist die Abstinenz von dialektischem Denken und der daraus folgenden öffentlichen Argumentation und Diskussion.
Die Tabuisierung von Themen ist dabei als entscheidender Faktor zu sehen.
Als Stabilisatoren dienen Moralität, Krisendenken und apokalyptische Visionen.
Eine auf Demokratie- und Zivilisationkritik basierende Grundauffassung von Politik.
Die ganze Geschichte hat nur ein Hacken,
Moralität nutzt sich ab.
Immer neue Themen und Maßnahmen müssen geschaffen werden um diesen Status Quo zu erhalten, mehr Misstrauen, mehr Feind- mehr Angstbilder- mehr Staat!
Das Ideologische ist zugleich das Totalitäre.

Ein sehr guter Kommentar Frau Fischer. Ihre Sicht ist auch meine Sicht. Nach meinem Verständnis hat Blei mit dem Entweder oder nichts anderes begründet, als den Kant'schen Zweifel. Viele Sprichwörter geben indirekt diese Überlegungen wieder. Viele Wege führen nach Rom. E gibt nicht nur die eine Wahrheit. Jede Medaille hat zwei Seiten. Die Moral hat den Anspruch alles zu sein und duldet keinen Widerspruch und grenzt den Zweifel, das entweder oder aus. Auf diesem Weg ist die deutsche Politik wieder einmal. Ich schrieb hier schon einmal. Moral kennt den Zweifel nicht, er frisst ihn auf.

Christa Wallau | Di, 10. September 2019 - 17:17

... dass derzeit zu viele politische Moralisten im Gewand des Politikers unterwegs sind und den Wesenskern der Politik so zerstören?"
Lieber Herr Schwennicke, f r a g e n Sie sich das allen Ernstes noch? Die Antwort liegt doch längst vor unser aller Augen! Seit vielen Jahren sind die Moralisten in D überall fleißig am Werk, ignorieren Gesetze u. diffamieren alle Mitbürger, die ihre Meinung nicht teilen.
Moralische Rigoristen u. Politiker sind per se
Antagonisten - sie müssen es sein. Gute Politik orientiert sich wertungsfrei am realen Menschen mit seinen Schwächen u. Stärken. Sie versucht, unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bringen.
Eine spezifische Moral kann immer nur für Individuen oder Gruppen (Sekten, Religionsgemeinschaften) gelten, die sich ihr freiwillig unterordnen.
Kann es sein, daß unsere Politiker das alles nicht mehr erkennen u. berücksichtigen, weil sie kaum noch über Geschichtskenntnisse verfügen u. sich nie z. B. mit Talleyrand o. Blei beschäftigt haben?

Ernst-Günther Konrad | Di, 10. September 2019 - 17:18

ich hatte doch glatt begonnen sie zu vergessen, die Weltuntergangs-Greta. Immerhin hat sie hier bei uns in D den medialen Stellenwert eines Nostradamus oder den der Mayas erlangt.
Wie komme ich drauf. Der Maya - Kalender endete 2012 was von vielen als Weltuntergang interpretiert wurde. Nostradamus warnte vor der gelben Gefahr und sah ebenso in den heutigen Tagen die Apokalypse kommen, wenn man seinen Jüngern folgt. Greta warnt vor dem Klimakollaps spätestens in den nächsten 10 Jahren, wenn Merkel nicht macht was sie sagt.
Völlig untergangen ist im Klima-Hype die Klage des Dr. Michael Mann gegen Dr. Thomas Bell -Klimaforscher - wegen Beleidigung.
Die Beleidigungs-Klage bezog sich auf einen Artikel von Ball, in welchem er schrieb, dass das IPCC fast alle Forschungsgelder und wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema anthropogene globale Erwärmung umgeleitet hat. Forschungen zum menschengemachten Klimawandel wurden gar nicht durchgeführt. Die Gerichte wiesen die Klagen ab.

Horst Weber | Di, 10. September 2019 - 17:25

Unterschiede zwischen Ethik und Moral sind vorhanden; ebenso sind wir Menschen in der glücklichen Lage diverse Farben unterscheiden zu können. Deshalb erscheint mir die hiesige Diskussion typisch für Farbenblindheit. Blei hat - sicher unabsichtig - der Politik einen Persilschein ausgestellt, der sie von Moral und Ethik frei agieren lassen soll. Aber das ist ja das Dilemma: dort. wo wir in diesem Stile Politik erleben oder befürchten müssen, wird Moral durch sogenannte "Sachzwänge" und Alternativlosigkeiten ersetzt.
Mir fehlen zumeist die intelligenten Ansätze eines politischen Farbenreichtums, der auch die nötige Prise Moral nicht vermissen lässt. Reine Moralisten sind genauso farbenblind wie diejenigen, die sich jeglicher Moral enthalten. "Farbe muss ins Leben" !
Ein Zitat von Prof. Manfred Hansmann (+) - einem meiner Ultraschalllehrer.-

Tülay Öncü-Tüncher | Di, 10. September 2019 - 22:02

Bilden wir binnen politisch opportunen Themen - mit einer Neigung nach Links - eine uniformierte Moral-Herden-Gesellschaft? Ihre Beiträge sind - wie immer - umfangreich und treffend formuliert. Danke!

Romuald Veselic | Mi, 11. September 2019 - 07:42

Das für mich Vorrangige, ist nicht der Klimaschutz, der nie so funktionieren wird, wie sich das die Grünen-Khmer in Deutschland vorstellen, das nichts über seine Grenze bewirken kann. Ich persönlich habe nichts davon in einem Raum ohne "Mikrostaub" zu leben, denn der Makrostaub immer präsent ist oder wenn ich bei einem Terroranschlag umkomme.

Armin Latell | Do, 12. September 2019 - 12:50

Die Fähigkeit des Lesens, Buchstaben zu Wörtern und Sätzen zusammenzuführen, ist das eine, den Sinn des Gelesenen zu verstehen und aufzunehmen das andere. Genau daran würde es bei den allermeisten scheitern.
Zugegeben, es wäre menschliche Größe, über seinen eigenen Schatten zu springen, möglicherweise die Unzulänglichkeit der eigenen Position wenigstens in Betracht zu ziehen oder wenigstens die andere Position zu tolerieren. Bei denen, die ihre behauptete Toleranz als Monstranz vor sich hertragen, absolut unmöglich.
Da hilft auch kein Blei. Moral ist mittlerweile zu einem negativen Begriff geworden.

Ernst-Günther Konrad | Fr, 13. September 2019 - 08:14

Während Greta überall versucht wird mit ihrer Klima-Ideologie an Mann und Frau zu bringen
und gerade in den uninteressierten USA wie Sauermilch angeboten wird und unterstützt durch unsere Kanzlerin offenkundig Tür und Tor geöffnet bekommt, hat sie dem chin. Freiheitskämpfer bislang noch nicht mal die Hand geschüttelt. Sie läuft vor ihm weg und schickt das Maasmännchen vor. Offizielle Parteinahme für die Freiheit vertreten durch diesen jungen Chinesen wird mittels ihrer typischen Phrasen abgedeckt. Wieder wird die Doppelmoral unserer Politiker offenbar. Mit den einen schmückt man sich und hypt sie, die anderen sind offenbar ein notwendiges Übel. Dass das eigene Handeln überdacht, in Zweifel gezogen wird? -Fehlanzeige-
Wer alternativlos von sich und seinen Sichtweisen überzeugt ist und dies auch von anderen abfordert und Gegenargumente verbietet, ausblendet oder diffamiert ist der größte Feind der Freiheit.
ALEXA - sag den etablierten Parteien sie sollen gehen.

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