Joshua Wong Chi-fung - Der Protest-Veteran

Schon bei den Umbrella-Protesten in Hongkong verwandelte sich Joshua Wong Chi-fung vom schüchternen Studenten in einen mitreißenden Politaktivisten. Die Stadt lag dem heute 22-Jährigen 2014 schon zu Füßen. Ein Porträt über den damals 17 Jahre alten Hongkonger

 Joshua Wong Chi-fung bei seiner Ankunft in Berlin
Joshua Wong Chi-fung bei seiner Ankunft in Berlin 2019 / picture alliance

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Inna Hartwich ist freie Korrespondentin in Peking und hat die Studentenproteste 2014 in den Straßen von Hongkong mitverfolgt

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Am Montag, nein, da habe er keine Zeit. Am Dienstag, Moment, schnell checken, leider auch nicht. Am Mittwoch, tatsächlich, da ginge es kurz. Zwischen zwei Terminen, in Ordnung? Als man Joshua Wong Chi-fung endlich treffen kann, lässt er sein Mobiltelefon nicht aus den Augen. Er ist gefragt, befragt, unterwegs. Gerade erst saß er in einer Radiosendung, ein Format,wie für ihn gemacht. Hier kann er loswerden,was er denkt, wie er sich Hongkongs Zukunft vorstellt. Kein Moderator neben ihm, nur sein Freund Oscar Lai Man-lok, sein Mitstreiter. „Wir müssen das Unmöglichemöglich machen“, sagt Joshua Wong Chi-fung. Es ist ein Satz, der ihm ein Dutzend Mal am Tag über die Lippen geht. Auch jetzt noch, nachdem die Proteste für freie Wahlen in Hongkong abgeflaut sind.

Nun kann er ein wenig durchatmen, den Schlaf nachholen. Denn der Aufstand für mehr Demokratie in der Stadt, die zu China gehört, aber nicht recht dazugehören will, ist noch lange nicht zu Ende. Für die Hongkonger nicht und schon gar nicht für Joshua Wong Chifung, den dürren Jungen mit der Hipster-Brille. „Hongkong ist Hongkong, nichtirgendeine chinesische Stadt.“ Deshalb sein Einsatz für diese Herausforderung, Peking die Stirn zu bieten. Der schmächtige17-Jährige lächelt scheu und muss weiter, „die nächste Radiosendung“. Der nächste Kampf.

Joshua Wong hat Größeres im Sinn

Mit Kämpfen kennt sich Joshua Wong Chi-fung aus. Er war erst 14 Jahre alt, als „diese Sache“, wie er die Ereignisse nennt, passierte: ein Plan der Regierung, in Hongkongs Schulen, nach dem Beispiel aus Festlandchina, das Fach „Nationaleund moralische Erziehung“ einzuführen. Ein subtiler Versuch, aus den britisch geprägten Hongkongern gute chinesische Patrioten zu machen. Das war 2011. Mit ein paar Freunden aus der Mittelschule, einem privaten christlichen College auf der Halbinsel Kowloon, gründete er „Scholarism“. 2012 brachte die Gruppe knapp 120.000 Menschen auf Hongkongs Straßen, Schüler, Eltern, Lehrer. „Wir lassen uns doch nicht unsere Gehirne waschen“, sagte Joshua damals und probte seine ersten Auftritte. Gelassen anfangen, klar formulieren, deutlich artikulieren, immer lauter werden, die Arme nacheinander heben, mit dem Zeigefinger Akzente setzen, die Stimme weiter ansteigen lassen, aber nur so weit, dass sie nicht bricht, wieder ruhiger werden. Sein erster Erfolg: Die Regierung nahm den Plan zurück. Die Schulen entscheiden selbst, ob sie den Patriotismus-Unterricht anbieten. Joshua hat nun Größeres im Sinn.

Beim Demonstrieren verwandelt sich der schüchterne Jugendliche in einen mitreißenden Politaktivisten. Seine Eltern hatten ihm den kantonesischen Namen Chi-fung gegeben, die „Spitze eines Messers oder Schwertes“ – als hätten es Roger und Grace Wong geahnt, was aus ihrem Jungen einmal wird. Heute führt ihr Sohn quasi als Speerspitze eine Generationan, die sich von Peking nicht bedrängen lassen will. Sie fordert Selbstbestimmung, fordert Demokratie, voller Leidenschaft und Idealismus. „Meine Lehrer sagten schon immer, ich habe das Reden im Griff“, erzählt Joshua Wong. Damit überdeckt er auch seine Legasthenie-Schwierigkeiten.

Chinas Medien streuen, er sei von der CIA gekauft

Mittlerweile besucht er die Offene Universität in Hongkong, hat sich für Politikwissenschaften eingeschrieben. Ein „Frischling“, der die Uni erst einmal Unisein lässt. Staatlich kontrollierte chinesische Medien hatten ihm das Attribut „Extremist“ verpasst, vor zwei Jahren bereits, haben Gerüchte gestreut, er sei von der CIA gekauft. Für viele Hongkonger, drei-, viermal so alt wie Joshua, ister die „Hoffnung Hongkongs“. Martin Lee Chu-ming, der 76-jährige Gründervon Hongkongs Demokratischer Partei, ist stolz: „Unsere Stadt hat eine helle Zukunft– unserer wunderbaren Jugend wegen.“ Selbst bei Benny Tai Yiu-ting, demKopf der Occupy-Central-Bewegung, die mit Joshuas „Scholarism“ Hunderttausende zum Campieren im Finanzdistrikt brachte, ist die Skepsis über das anfänglich forsche Vorgehen der Jugendlichengewichen. Mancher Taxifahrer nimmt Joshua Wong Chi-fung auch schon einmal umsonst mit, so bekannt ist sein Gesichtin der Stadt.

„Ich bin kein Held“, hat er vor einem Jahr sein Buch genannt. Auch nach seiner Festnahme, die ihm 40 Stunden Haft einbrachte und viele in Hongkong erst auf die Straße brachte, sagte er: „Was soll ich bitte für ein Held sein? Während ihr hier dem Tränengas widerstanden und euch mit Regenschirmen dagegen gewehrt habt, habe ich untätig in der Zelle gesessen.“ Seine Zuversicht schöpft der Hongkonger aus dem Glauben. Als Christ reiche es nicht, die Bibel in der Kirche zulesen, als Christ müsse man sich für die dort verankerten Werte auch einsetzen. Am 13. Oktober feierte Joshua Wong Chi-fung seinen 18. Geburtstag. Wenige Tage zuvor hätte er mit anderen Aktivisten am Verhandlungstisch mit der Regierungsitzen sollen – damit er irgendwann einmal wählen kann. In seiner Stadt, dem chinesischen Hongkong. Die Regierungaber machte einen Rückzieher.

Dorothee Sehrt-Irrek | Di, 10. September 2019 - 12:48

?
Nur von ganz Weitem:
Ich glaube nicht, dass sie imstande sind, alleine politisch zu agieren.
Dem großen evtl. unsichtbaren Zusammenhang ihrer Person steht aber eine auch erwachsene Bevölkerung evtl. teils "gegenüber".
Ich hoffe, dass sich aus seinen sicher berechtigten Forderungen nach Zuständen, die ich ihm nicht zutraue, beurteilen zu können und aus dem Sachverstand der übrigen chinesischen Gesellschaft eine friedliche und alle umfassende Entwicklung ergibt.
So geht das wohl nicht weiter mit der Einparteienherrschaft der KP China!
Ich erinnere einen Film mit dem noch sehr jungen Chen Kun, der auch die Zeit des Kulturkampfes streift.
So ganz anders empfinde ich diesen jungen Mann nicht.
Schon Sebastian Kurz braucht noch viel Zeit, um politisch zu reifen.
Möge diese Zeit Herrn Kurz wie auch diesem jungen Mann gegeben sein.
Respekt

Susanne Dorn | Di, 10. September 2019 - 21:56

…vor diesem mutigen jungen Mann, der weiß, was eine kommunistische Zukunft für Hongkong bedeuten würde, wenn die Demokratie ausgeschaltet wird. Durch viel Überzeugungsarbeit bei der Jugend Hongkongs, ist es ihm gelungen, sich durch friedliche Proteste Gehör zu verschaffen und schädliche Entwicklungen vorerst zu stoppen und wer weiß, vielleicht sogar komplett abzuwehren.

Die chinesische Regierung fürchtet zu Recht das Übergreifen dieser Proteste von der Südküste ins gesamte Land hinein. Wenn Milliarden Chinesen „aufstehen“ würden, wäre auch die chinesische Regierung machtlos. Das ausgebeutete chinesische Volk wird immer unruhiger, und diese Proteste in Hongkong stellen eine immense Gefahr für die KP dar.

Ich wünsche Joshua viel Erfolg, auch für seine weiteren Vorhaben!

Hut ab vor dieser Jugend! Sie kämpfen nicht für Ideologien, sondern für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie!

Bernd Muhlack | Mi, 11. September 2019 - 18:47

Frau Sehrt-Irrek, welchen von diesen etwa 250 tsd Chen Kun´s meinen Sie?
Ich kenne 3 Hans Schmitt sowie 4 Peter Fischer; so lange ich sie noch unterscheiden kann, geht es mir wohl noch gut.
OK, sie meinen sicherlich Chen Kun 221.478, diesen Schauspieler, Sänger, Künstler …

"Noch ein Kind in der Weltpolitik" schreiben Sie. Nun ja, J.-W. Chi fung ist Greta um einiges voraus. Nicht nur einige Jahre, sondern insbesondere eine vollkommen andere Umgebung, Edukation, Sozialisation, nicht wahr?
WASA, Smörebröd, Skolstreik? Was ist das?
HO-KO, ATTENTION, be carefull!

Frau Sehrt-Irrek, bitte erklären Sie mir diesen Satz: "Ich hoffe, dass sich aus seinen sicher berechtigten Forderungen nach Zuständen, die ich ihm nicht zutraue, beurteilen zu können und aus dem Sachverstand der übrigen chinesischen Gesellschaft eine friedliche und alle umfassende Entwicklung ergibt."
Das erinnert spontan ein wenig an Nietzsche, muss man wohl mehrmals lesen!
In der Mao-Bibel wurde ich auch nicht fündig!

Dorothee Sehrt-Irrek | Do, 12. September 2019 - 17:39

In reply to by Bernd Muhlack

ich "antworte" Ihnen nicht, denn Sie neigen m.E dazu, sich Ihre Fragen selbst zu beantworten.
Dennoch Respekt vor Ihren künstlerischen Versuchen im Kommentarbereich.
Ich lese sie.
Und bitte entschuldigen Sie meinen evtl. manchmal "extravaganten" Stil?
So etwas bildet sich halt auch manchmal aus.
Sie verstehen mich ja dennoch ganz gut.
Die Mao-Bibel kenne ich nicht.
Haben Sie den Film gefunden, den ich meinte?
interessant auch der Film "So Young" von Zhao Wei oder "Bittersweet Life"" (habe ich nur als Trailer gesehen) oder "Fallen Angels - Ending" von Wong Kar-Wai etc.
Es gibt großartige asiatische Filmkunst und die erzählt nicht selten etwas über das Leben dort.

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