Amoklauf von Winnenden - „Ich hab hier drei Leichen – so verkauft man heute News“

Vor genau 10 Jahren tötete ein 17-jähriger Amokläufer 15 Menschen in Winnenden. Anton Jany hat für das ZDF vom Tatort berichtet. Was er dort erlebte, hat sein Vertrauen in den Journalismus erschüttert. Doch ist es überhaupt möglich, ethisch korrekt über Katastrophen zu berichten?

Eine junge Frau beugt sich am Samstag (21.03.2009) in Winnenden vor der Albertville-Realschule über ein Meer aus Kerzen und Blumen. Der 17-jährige Tim K. hatte am 11.03.2009 an seiner früheren Schule, der Albertville-Realschule in Winnenden und auf der Flucht nach Wendlingen fünfzehn Menschen und sich selbst erschossen. Am Samstag 21.03.2009 fand in Winnenden die offizielle Trauerfeier statt
Trauerfeier für die Opfer von Winnenden: Damit die Hinterbliebenenen in Ruhe Abschied nehmen konnten, bekamen sie Polizeischutz / picture alliiance

Autoreninfo

Antje Hildebrandt hat Publizistik und Politikwissenschaften studiert. Sie arbeitet als freie Reporterin und Autorin. 

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Anton Jany hat sein Handwerk beim Südwestrundfunk (SWR) gelernt. Seit 1982 arbeitet er als freier TV-Journalist, unter anderem fürs ZDF.

Herr  Jany, Sie haben für das ZDF über den Amoklauf von Winnenden berichtet. Danach, so haben sie kürzlich in einem Interview gesagt, seien Sie kurz davor gewesen, Ihren Job als Reporter aufgeben. Warum?
Als ich aus Winnenden wieder abgereist bin, haben mich unterwegs die Ereignisse eingeholt. Ich musste ich von der Autobahn auf einen Parkplatz fahren. In diesen Momenten habe ich mich regelrecht ausgeweint, weil mich dieser Medienrummel so mitgenommen hat. In den Momenten auf dem Parkplatz habe ich ernsthaft überlegt, ob ich meinen Job an den Nagel hängen soll.

Der Amokläufer, ein 17-jähriger Schüler, hatte zehn Kinder erschossen. War der Anblick der toten Kinder nicht schlimmer als das Gerangel unter den Journalisten?
Von den Opfern haben wir gar nichts gesehen. Die Polizei hat damals den Tatort frühzeitig abgesperrt. Zum Glück. Im Kampf um die „geilsten“ Bilder hätte sich einige Kollegen womöglich auch noch auf die Toten gestürzt. Mir hat es so schon gereicht. Ich hatte den Eindruck, dieser Medienrummel war wie auf einer Kirmes. 
 
Kirmes?
Wenn Sie auf die Kirmes gehen, prasseln überall Töne, Bilder und Eindrücke auf Sie ein. Es war der europaweit größte Medienauflauf. Aus der ganzen Welt sind Teams angereist. Überall haben Kamerateams und Reporter die Trauerstellen belagert. Es gab kaum einen Bewohner, der unbehelligt blieb.
 
Was hat Sie am Auftreten Ihrer Kollegen gestört?
Es war vor allem die Art, wie die mit ihrem Gegenüber umgegangen sind. Ich habe zum Beispiel erlebt, wie ein Fotograf einem Kind einen Teddy und einen Geldschein zugesteckt hat. Das Kind sollte den Teddy für ein Foto zu den Hunderten Grabkerzen legen. Da waren Reporterinnen vom Privatfernsehen, die auf High Heels zwischen den Trauernden herumgelaufen und – pardon, ich muss das mal so sagen – nochmal Rouge aufgelegt haben, während nebenan Menschen hemmungslos weinten. Fotografen, die Trauernden Kommandos zugerufen haben wie beim Shooting im Studio. Es war ekelhaft.

Ähnliche Erfahrungen hatten Angehörige von Opfern ja schon 2002 beim Amoklauf von Erfurt gemacht. Was war diesmal anders?
Das kann ich nicht sagen. Ich war nicht in Erfurt dabei. Ich habe zwar schon über einige Katastrophen berichtet, auch über einen Flugzeugabsturz mit 30 Toten oder einen Großbrand in einer Behindertenwerkstatt. Winnenden war aber eine ganz eigene Geschichte. Da hat sich der Medienrummel regelrecht verselbständigt.
 
Weil die Polizei besonnen reagiert und den Tatort abgeriegelt hatte?
Ja, aber gerade deshalb hat dort der Kampf um die „geilste“ Schlagzeile und das „geilste“ Bild begonnen. Ich will jetzt kein Kollegen-Bashing treiben. Aber mein Eindruck war: Viele Journalisten oder solche, die sich dafür halten, haben von ethischen Richtlinien nichts mitbekommen. Da hat sich auch wenig geändert. Heute kaufen sich manche für 2.000 Euro eine fernsehtaugliche Kamera, und damit machen sie dann Fernsehbilder. Das sind diese selbsternannten Kameraleute, die in die Redaktion kommen und sagen: „Ich hab hier drei Leichen“ – und winken mit einem Datenträger. So verkaufen manche heute ihre News.

Sie arbeiten seit 1982 als Journalist. Welche Regeln haben Sie gelernt?
Erst einmal Respekt vor dem Gegenüber. Mein Chef beim Südwestfunk hat uns eingetrichtert, dass wir uns nicht so wichtig nehmen sollen als Journalisten und dass sich die Welt auch ohne spektakuläre Headlines weiterdreht. Dass wir den Menschen nicht nur Fragen stellen, sondern auch mit ihnen reden müssen. Das hat sich mir eingeprägt.

Was ist der Unterschied?
Wenn ich mit Menschen rede, dann funktionalisiere ich sie nicht. So mache ich meinen Job draußen: Ich rede mit Menschen, bevor die Kamera läuft. Dann habe ich auch ein Gefühl dafür, was die Menschen wollen.

Leiten Sie daraus die Forderung ab, dass ethische Richtlinien Bestandteil der journalistischen Ausbildung werden sollte?
Ja, unbedingt. Heute haben wir rund um die Uhr Nachrichten im Fernsehen und auch im Internet arbeiten Journalisten und solche, die sich dafür halten, 24 Stunden ohnr Unterbrechung. Der Begriff ist ja nicht gesetzlich geschützt. Jeder darf sich Journalist nennen, der mal etwas veröffentlicht hat. So drängen immer mehr Laien in den Beruf. Und ich glaube, die verseuchen den Markt.

Das Image des Journalismus war schon mal besser. Aber am meisten Kritik muss sich derzeit das ZDF gefallen lassen. Wie erklären Sie sich das?
Ich finde nicht, dass sich das ZDF am meisten Kritik gefallen lassen muss. Als Reporter erfahre ich draußen immer wieder Lob und Zustimmung für unsere Arbeit. Und ich bin sicher, dass wir, wenn es um qualitativ wertigen Journalismus geht, weit vorn rangieren in der Gunst der TV-Konsumenten.

In einem Interview mit dem Medienmagazin „Zapp“ hat der Leiter der Waiblinger Volkszeitung gesagt, auch öffentlich-rechtliche TV-Sender hätten ihm nach dem Amoklauf von Winnenden hohe Summen für Fotos der ermordeten Kinder angeboten. 
Davon ist mir nichts bekannt. Ich würde sogar sagen: Von uns hat das keiner gemacht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass von den Kollegen vom SWR jemand Geld geboten hat.

Über so ein Verbrechen zu berichten, ohne Bilder der Opfer zu zeigen, ist schwierig. Brauchten Sie selber gar keine Bilder?
Doch, ich habe in Erinnerung, dass wir bei den Kollegen der Zeitung danach gefragt haben, ob es Bilder gäbe. Das ist gängige Praxis im Alltagsgeschäft einer TV-Redaktion. Wir Öffenlich-Rechtlichen haben ja auch Formate wie „Hallo Deutschland“ oder „Brisant“, wo Emotionen mehr gefragt sind als in Nachrichtenformaten. Aber ganz klar: Von uns ZDF-Reportern wurde niemand gedrängt, bei Privatpersonen zu klingeln, um Fotos zu besorgen. Ich habe auch nicht das Internet durchforstet auf der Suche nach Bildern von Privatpersonen.

Anton Jany
Anton Jany / privat

Was nützen denn die ethischen Grundlagen des Journalismus, wenn RTL-Kollegen bei den Hinterbliebenen im Wohnzimmer sitzen und der Focus eine Fotogalerie der Verstorbenen auf sein Cover gedruckt hat, während Sie nicht mal ein Foto haben. Gerät man da nicht unter Druck?
Das sorgt natürlich für einen gewissen Druck. Aber dieser Druck kam nicht vom ZDF oder von meiner Redaktion, sondern ....

... von der Konkurrenz?
Nein, man gerät als Reporter vor Ort irgendwie in einen Drive. Man muss funktionieren. Und irgendwann ist man vielleicht an so einem Punkt, an dem man es dann vielleicht auch gut fände, auch ein Bild zu haben; zum Beispiel von einem der Opfer. Das ergibt sich aus der Situation. Wir hätten das allerdings nicht ohne Verfremdung gesendet. Da bin ich mir sicher.

Als gab es doch Konkurrenzdruck.
Aber ich gehe doch nicht gezielt mit dem Vorsatz dorthin: Ich brauche ein Foto vom Opfer und vom Täter. Man hat die ersten Nachrichten-Sendungen bedient, und dann fragt man sich: Was könnte ich noch leisten? Wir haben uns damals sehr auf den Täter fokussiert.

Als Reaktion auf die vielen Beschwerden über die Berichterstattung aus Winnenden hat der Deutsche Presserat 2010 einen Leitfaden herausgegeben: „Berichterstattung über Amoklöufe – Empfehlungen an die Redaktion. Darin heißt es zum Beispiel: „Eine extensive, täterzentrierte und detaillierte Amokberichterstattung ist Katalysator für Nachahmungsphantasien amokgeneigter Menschen.“
Diesen Leitfaden kenne ich nicht. Wir haben beim ZDF eigene Leitlinien, wie wir mit so einem Fall umgehen.

Welche sind das?
Es sind Leitlinien, wie wir mit Persönlichkeitsrechten oder mit Fotos aus dem Internet umzugehen haben. Wenn wir heute das Foto eines Opfers oder eine Täters veröffentlichen, würden wir es entweder verpixeln oder den Abgebildeten unkenntlich machen.

Sie müssen sich selber nicht fragen, ob Sie in Winnenden etwas falsch gemacht haben?
Doch, natürlich. Ich mache meinen Job so, wie ich es gelernt habe. Doch mir ist bewusst, dass das dennoch immer eine Gratwanderung ist. Allein schon an so einem Tatort zu sein, ist manchmal bedrückend für die Angehörigen der Opfer. Wer von so einem Verbrechen betroffen ist, nimmt die Berichterstattung ganz anders wahr. Aber es gibt eben auch die andere Seite, die ein Recht auf Berichterstattung hat. Und die bedienen wir. So eine Tat wirft Fragen auf. Und die versuchen wir zu beantworten.

Machen Sie es sich nicht ein bisschen zu leicht, wenn Sie die Medien in gut und böse trennen – und die Bösen sind natürlich RTL und irgendwelche Paparazzi?
Das habe so nicht so gesagt.

Aber Sie haben schon gesagt, dass das ZDF ethische Leitlinien habe – und dass es Konkurrenten gäbe, denen es daran mangele.
Ich habe nur erzählt, was ich beobachtet habe. Dass der Markt um spektakuläre Bilder immer umkämpfter ist und dass immer mehr Menschen auf diesen Markt drängen, die die Grundlagen des Journalismus und Respekt vor dem Gegenüber nicht gelernt haben. Das war keine Medienschelte. Die kann ich mir gar nicht anmaßen, weil ich nicht weiß, ob andere Medien nicht auch eigene Richtlinien haben.

Beim Deutschen Presserat sind damals 80 Beschwerden über die Berichterstattung aus Winnenden eingegangen. Der Rat kann die betreffenden Medien aber nur rügen. Ist er ein stumpfes Schwert im Kampf gegen Sensationsjournalismus?
Könnte man meinen. Denn was ist so eine Rüge gegen die Summe  X, die ein Fotograf dafür bekommt, dass er es mit einem geilen Foto auf Seite eins einer Boulevardzeitung geschafft hat? Vielen Kollegen geht es doch mehr um die Kohle als um die Frage, ob sie nach ethischen Richtlinien arbeiten, mit denen sich immer weniger beschäftigen. 

2016 gab es den nächsten Amoklauf in München. Ein 18-jähriger Schüler tötete neun Menschen. Haben Sie den Eindruck, die Medien hätten irgendwas aus den Fehlern in Winnenden gelernt?
Nein, es war vielleicht sogar noch schlimmer. München war allgegenwärtig, der Zuschauer war live dabei, egal, ob auf Twitter oder im Fernsehen. Da kamen zwei Dinge zusammen: Einerseits der Kampf um die spektakuläre Nachricht – und andererseits die Veränderung in der Technik. Die Übertragungstechnik ist inzwischen  so ausgereift, dass wir innerhalb von zehn Minuten live in eine TV-Sendung geschaltet werden können.

Wozu braucht man die? Jeder Anfänger kann heute live mit dem Smartphone berichten.
Das kommt auch noch dazu – dieser Handy-Hype. Stellen Sie sich mal vor, den hätte es schon in Winnenden gegeben. Ich mag mir das gar nicht ausmalen. Das Internet und vielleicht auch die eine oder andere TV-Sendung wären überschwemmt worden mit Bildern von sterbenden Kindern.

Ernst-Günther Konrad | Mo, 11. März 2019 - 09:27

Was Herr Jany da beschreibt kann sich inzwischen jeder selbst erschließen, der jemals mit einem Reporter gesprochen hat oder Berichterstattung hinterfragt. Sind wird doch ehrlich. Journalisten verdienen mit Reportagen und Berichten, Bilder und Filmen ihr Geld. Jeder will und muss inzwischen auch der schnellste und der scheinbar"informativste" sein, auch wenn er eigentlich nichts oder wenig berichten kann. Ein Reporter ohne Bild zum Text, der verkauft seine Story in der Regel auf dem freien Pressemarkt nicht. Die fest angestellten Journalisten der ör bedienen letztlich nur die Anforderungen ihrer Redaktionen. Da wird dem Einzelnen, Richtlinien hin- oder her freie Hand gelassen. Hauptsache man ist zuvorderst dabei. Die Konkurrenz ist auch deshalb groß, weil viele Privataufnahmen im Netz erscheinen, die sich dann der ein oder andere Journalist aneignet und "seine" Story erzählt. Es ist leider inzwischen, wie an einem Freßtrog in einem Stall. Moral und Anstand gehen bei vielen verloren.

Christa Wallau | Mo, 11. März 2019 - 09:30

"Das gehört sich nicht." / "Das tut man nicht."
"Das ist unanständig."
Gibt es darüber noch Konsens in unserer Gesellschaft? Ich bin der Meinung: Schon lange nicht mehr. Schamgefühl ob eines Verstoßes gegen gesellschaftliche Regeln ist selten geworden. Das Wort "Scham" exisitiert nicht mehr im Sprachgebrauch vieler Leute.
Wenn nicht alle kleinen Kinder lernen, daß gewisse Verhaltensweisen sich nicht gehören und daß man sich schämen muß u. zur Rechenschaft gezogen wird, falls man sich nicht an die allgemein anerkannten Konventionen hält, dann werden sie es als Erwachsene auch nicht mehr lernen.
Journalisten sind nicht anders als die Mehrheit der Menschen in der Gesellschaft, für die sie schreiben: Sie liefern, was eine innerlich verrohte Masse haben will.
Empathie (Mitmenschlichkeit) und Anstand lernt man von Mutter u. Vater bzw. von der gesamten Familie - oder eben nicht. Kindergarten, Hort und Schule können nur unterstützen und fortführen,was in der Familie vorgelebt wird.

erlauben Sie mir ihren wiedermal trefflichen Text zu erweitern. Wer fordert letztlich denn Konventionen, Sitte, Anstand und Moral ein? Diejenigen die es tun, sind ewig gestrige. Im Zeitalter der Digitalisierung erfährt der Voyerismus und die Neugier ungeahnten Zuspruch. Ein Handy oder PC hat keine Emphatie, es ist Arbeitsgerät. Wer sich elektronisch unterhält bemerkt oft nicht, wie er andere verletzt oder eben ungehörig im Ton wird, es findet ja keine unmittelbare Kommunikation mehr statt. Die Sensationsgier auch der Leser, welche Journalisten glauben uneingeschränkt bedienen zu müssen, kennt keine Grenzen mehr. Video von Gaffern, intime Bilder und mehr in soz. Netzwerken, vor nichts mehr wird halt gemacht. Oft hat es ja auch keinerlei Konsequenzen für diejenigen, die veröffentlichen. Wer soll denn auch die Kinder erziehen, wenn Eltern arbeiten sind und selten den Kindern das vorleben, wofür sie eigentlich in die Welt gesetzt wurden. Die Welt wird immer kälter und emphatieloser.

Heidemarie Heim | Mo, 11. März 2019 - 16:09

In reply to by Ernst-Günther Konrad

Wie so oft erübrigt sich eine persönliche Kommentierung, denn Frau Wallau und Sie werter Herr Konrad nehmen mir das Wort sozusagen aus dem Mund. Natürlich ist es eine allgemeine Schamlosigkeit und ein weitestgehender Mangel an Empathie was eine verrohte Gesellschaft kennzeichnet. Der der eigenen Natur innewohnende Voyeurismus ist aber dann spätestens zu Ende wenn man selbst als schutzloses Opfer, entblößt, geschunden und seiner Würde beraubt den Blicken der Sensationsgier ausgesetzt wird. Das zweite Trauma erfolgt noch meist auf den Fuß, indem man als Opfer zugunsten des Täters schnellstens in Vergessenheit gerät, oder angemessene Empathie-Bekundungen nach einem Jahr Überlegung? erfolgen.
Im Fall Winnenden hat der Opferschutz dank der dafür zuständigen Ermittlungsbehörden und der Helfer vor Ort funktioniert. Und ich befürworte eine konsequente Verfolgung und Strafe dieser Art schamloser Grenzüberschreitung. Öffentliches Interesse hin oder her! Alles Gute! MfG

Robert Müller | Mo, 11. März 2019 - 17:41

In reply to by Heidemarie Heim

Meiner Ansicht nach sind Nachrichten ein Geschäft und trauernde Kinder bringen besonders viel Geld ein. Wobei nicht die Reporter das treibende Moment sind, sondern die Redaktionen, die diese Aufnahmen von wem auch immer einkaufen wollen, weil sie wissen das das Publikum genau das will.

Das gleiche Spiel wird im übrigen auch bei den "moralischen"-Vorgaben gespielt, wobei Twitter den Vorteil hat, dass das kostenlos vom Büro aus genutzt werden kann - also ohne einen Journalisten los zu schicken. Genau deshalb liebt die Presse auch Twitter und kann. z.B. nicht genug von Trumps Twitterei bekommen.

Ergo: Es ist so wie es ist, weil wir das so wollen.

Wolfgang Tröbner | Mo, 11. März 2019 - 11:13

Ich hatte in meinem Leben mehrmals die Gelegenheit, Journalisten bei der Arbeit hautnah zu erleben. Jedes Mal haben sie es mit der Wahrheit nicht sehr genau genommen, zumindest aus meiner Sicht. Eher im Gegenteil. So wurde z.B. das, was ich im Interview sagte, vollkommen sinnentstellt oder in einem ganz anderen Zusammenhang wiedergegeben. Beschwerden meinerseits wurden abgeblockt mit dem Hinweis, man wüsste schon, was man tue. Ich habe schon damals gedacht, dass einige Journalisten ihre Story schon fix und fertig im Kopf hatten, bevor sie zum Interview anreisten und dass sie eigentlich nur noch ein Gesicht brauchten, um die Story zu bebildern. Relotius ist also kein Einzelfall, das gilt auch und gerade für den ÖR. Und zum ZDF sei noch hinzugefügt, dass ich schon seit Jahren auf deren Nachrichten verzichte, gerade weil man nie weiß, ob die bekannten Fakten wirklich vollständig sind oder verzerrt oder einfach weggelassen wurden. Eine verlässliche Informationsquelle sieht anders aus.

Dass Herr Jany das ZDF in Schutz nimmt, wundert mich nicht. Das würde ich an seiner Stelle auch tun. Ich schaue mir kaum mehr ZDF-Sendungen an, weil das ZDF zu einem Staatssender mutiert ist. Die ARD ist da allerdings auch nicht viel besser.

..ist es, mal wieder auf den ÖR und die diffamierend als Mainstreammedien gescholtenen Medienhäuser einzudreschen.
Tatsächlich sind diejenigen, die ständig über diese Medien- die nach wie vor das Vertrauen der Mehrheit besitzen - herfallen, nicht mal halb so kritisch, wenn es um Nachrichtenquellen nach passendem eigenem Geschmack geht.
Dort wird dann blindlings jeder Quark geglaubt, Verschwörungstheorien eingeschlossen, da werden nicht mehr ethische oder moralische Standards eingefordert, sondern werden angebliche Transparenz und Mut zur Offenheit auch noch gelobt.
Nach einer kürzlichen Untersuchung haben ca. 25% der Deutschen das Vertauen in die "Mainstreammedien" verloren. Allerdings hat man versäumt, nachzuhaken, wo sich diese 25% informieren. Meist bei Medien, die sich gerne als neutral oder alternativ darstellen, tatsächlich aber in der Regel höchst einseitig und weitaus verzerrender(als die ÖR) berichten.

Wolfgang Tröbner | Di, 12. März 2019 - 11:29

In reply to by Gerhard Lenz

Mich würde schon interessieren, was Sie, Herr Lenz, zu Ihrer Meinung berechtigt, dass es unehrlich sei, "auf den ÖR und die diffamierend als Mainstreammedien gescholtenen Medienhäuser einzudreschen" und dass "diejenigen, die ständig über diese Medien- die nach wie vor das Vertrauen der Mehrheit besitzen - herfallen, nicht mal halb so kritisch" seien "wenn es um Nachrichtenquellen nach passendem eigenem Geschmack geht." Haben Sie schon mal deutschsprachige Medien aus der Schweiz gelesen? Und auch mal englischsprachige Medien? Und mal verglichen, wie und wann über Ereignisse gerade hier in Deutschland berichtet wird? Um nur ein Beispiel zu nennen: über die Ereignisse zu Silvester 2015 konnte man sich in Schweizer Medien schon einen Tag später informieren. Beim ZDF hat es fast eine Woche gedauert, bis dieses Thema überhaupt zur Sprache kam.

...ich lese sie fast täglich. Nehmen Sie mal den britischen Guardian , oder den Independent, den es nur noch als Online-Zeitung gibt. Oder die französische Le Monde. Die unterscheiden sich überhaupt nicht von deutschen Qualitätsmedien. Was ja auch in der häufigen Zusammenarbeit von Süddeutscher Zeitung, WDR und beispielsweise dem britischen Guardian zum Ausdruck kommt.

Nein, Herr Tröbner, ausländische Zeitungen (oder Fernsehanstalten) berichten keineswegs anders als deutsche.

Nennen Sie doch mal Beispiele für Presse- oder Medienorgane, wo das nach Ihrer Auffassung anders ist.

Karl Müller | Di, 12. März 2019 - 12:22

In reply to by Gerhard Lenz

bei dieser Deliktform genau so unqualifiziert verhalten wie die yellow press. Und aufgrund der selektiven Berichterstattung ist das bis Heute nicht besser geworden. Kriminologisch betrachtet verbreiten die ÖR kaum weniger fake news zu diesem Thema als die Privaten. Beide Quellen sind ähnlich unglaubwürdig bemüht man die entsprechende Fachliteratur. Wer sich informieren will, nicht mit leistungsstarkem Anspruch an Deutungshoheit berieseln, der kommt um die Primärquellen nicht herum.
Es ist naiv, und fragwürdig, dazu ein angeblich "weniger verzerrend" agierendes, nicht berichtendes, Medium zu loben. Das der Befragte sich ahnungslos gibt hinsichtlich der copy-cat Problematik dieser Deliktform belegt nur dessen distanzlose Inkompetenz.

Und was sollen diese sein? Augenzeugenberichte? Die sich anschliessend als "angeblich" herausstellen? Wo finden Sie die? Etwa in sozialen Medien? Da können Sie ja gleich in die Glaskugel schauen. Oder zu windigen, "alternativen" Quellen wechseln, die sich gerne als neutral loben, aber durch und durch politisch indoktriniert sind.

ÖR und private Fernsehanstalten unterscheiden sich durchaus nicht gewaltig, was die Berichterstattung angeht, höchstens qualitativ. Ihre Aussage, man berichte "selektiv", drückt wohl eher "subjektives" Missfallen aus.

Davon abgesehen ist Ihre Aussage, der ÖR produziere gleichfalls viele Fakenews, durch keinerlei Beweise gedeckt.

genau die gleichen Erfahrungen habe ich in meiner aktiven Dienstzeit erlebt. Lokalreporter die durchaus bewusst und rücksichtsvoll mit Informationen umgingen und eben die sensationsgeilen Medienvertreter einer großen deutschen Zeitung, die den Opfern noch ins Gesicht fotografieren wollten und ihre persönlichen Sachen durchwühlten. Die befragten Zeugen die Worte im Munde herum drehten, nur weil sie nicht sagten was ihnen besser zur Story passt. Ja, solche Widerlinge als Journalisten getarnt gibt es. Ich muss aber zur Ehrenrettung der Presse auch sagen, dass das noch immer die Ausnahme ist und gerade die Lokalreporter bemüht sind, sachlich und unaufgeregt zu berichten.

Klaus-Dieter Kaiser | Mo, 11. März 2019 - 19:05

Erinnere mich noch, in einem FAZ-Artikel wurde mitgeteilt ein Moderator (bekannt durch ZDF-Sportstudio) hat um Mitternacht im Zelt des ZDF, einen Schüler der Schule nach seinen Empfindungen befragt, ein Tiefpunkt, der, soll man hier wirklich Berichterstattung sagen?
Oder war es schon immer so?