Sexismus-Vorwürfe gegen Lidl - Schuss in den Ofen?

Schon wieder ein Shitstorm. Nach einer Werbeanzeige auf Facebook wird dem Lebensmittelkonzern Lidl Sexismus vorgeworfen. Die Debatte ist verbohrt und offenbart vor allem die Bequemlichkeit der linken Identitätspolitik

Das Logo der Supermarktkette "Lidl", fotografiert am 28.01.2016 in Potsdam (Brandenburg)
Gehört Lidl zur dunklen Seite der Macht? / picture alliance

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Ulrich Thiele lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Er schreibt für Cicero Online.

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Für große Aufregung sorgte diese Woche eine Facebook-Werbung von Lidl. Der Handelskonzern hatte mit dem Spruch „Loch ist Loch“ für seine Produkte geworben. Eine Anzeige zeigte einen Bagel und einen Donut, daneben besagter Spruch und zusätzlich: „Donuts & Bagel schmecken beide. Ob süß oder herzhaft.“ Falls es jemand nicht wissen sollte: „Loch ist Loch“ ist ein alter Machospruch, der so viel bedeutet wie: Egal wie die Frau aussieht, mit der man geschlafen hat, Hauptsache man hatte Sex. Man muss kein Dauerempörter auf der symbolpolitischen Jagd nach Gesinnungsverstößen in Werbeanzeigen sein, um zu wissen, dass dieser Spruch ungefähr so charmant ist wie eine Sex-Party von VW oder Ergo und so originell wie ein Fritzchen-Witz.

Der obligatorische Shitstorm folgte dementsprechend. Der Grundton: Lidl ist widerwärtig und sexistisch. Eine Facebook-Userin schlug Lidl für den zornigen Kaktus vor, einen Negativpreis für sexistische Werbung. Andere riefen zum Boykott der Lebensmittelkette auf. Was ebenfalls nicht fehlen durfte: Die Gegenempörung der Anti-Feministen, die sich über die Verbohrtheit der Feministen aufregten. Worüber sich wiederum die Feministen aufregten.

Lidl ist shitstormerprobt

Dass die Empörung offenbar einkalkuliert war, verdeutlichte die zunächst höhnische Reaktion des Konzerns – bad publicity is better than no publicity, Aufmerksamkeit ist ein Wert an sich. Das Lidl-Social-Media-Team postete eine Bildcollage, auf der ein Pärchen mit Popcorn und Cola in einen Kinosaal eilt. Der Schriftzug dazu: „Haben die Kommentare schon angefangen?“ Am Sonntagabend wurde der Beitrag schließlich von der Facebook-Seite genommen und die in der Shitstormroutine ebenso obligatorische Entschuldigung veröffentlicht. Man möchte unterhalten, „Unterhaltung hört aber da auf, wo sich Menschen verletzt fühlen und das ist leider auch passiert. Wir möchten uns also bei all denen entschuldigen, die sich durch den Post verletzt fühlen und werden zukünftig versuchen den Ton besser zu treffen.“ Frei nach Walter Ulbricht: Niemand hat die Absicht, mit einem kalkulierten Shitstorm Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen!

Lidl ist mittlerweile durchaus shitstormerprobt. Vor anderthalb Jahren hagelte es Kritik, als der Discounter die Kreuze auf Kirchen von Fotos griechischer Spezialitäten entfernte. Rechte sahen darin einen Beleg für die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes. Worüber sich wiederum Linke aufregten. Ebenfalls vor rund anderthalb Jahren stand Lidl in der Kritik, weil während des muslimischen Fastenmonats Ramadan im Rahmen einer Aktion namens „Die orientalische Woche“ ein Produkt mit Schweinefleisch angeboten wurde. Verbraucher warfen dem Konzern daraufhin „Respektlosigkeit“ gegenüber Muslimen vor. Worüber sich wiederum Rechte aufregten. Worüber sich wiederum Linke aufregten.

Rassismus- und gendersensible Großkonzerne

Empörungswellen gegen Werbeplakate infolge identitätspolitischen Beleidigtseins kommen, wie man sieht, aus allen Richtungen – auch wenn die Hysterie um politisch unkorrekte Werbung noch die Überhand zu haben scheint. Zumindest hat sie mittlerweile eine gewisse Tradition: Vergangenes Jahr ernannte der Konzern H&M eine „Diversity-Managerin“, die die Mitarbeiter für Vorurteile sensibilisieren soll. Vorausgegangen war der Entscheidung der Trubel um ein Werbeplakat, das als rassistisch kritisiert wurde. Die Aufregung war derart heftig, dass der Konzern einen Aktieneinbruch zu verzeichnen hatte. Nun kann H&M, Gott sei Dank, mit einer gesteigerten Sensibilität für Sexismus und Rassismus die (Kinder-)Arbeiter in Niedriglohnländern ausbeuten.

Auch der Biermarke Astra wurde wegen ihrer Werbeanzeigen bereits Sexismus und Rassismus vorgeworfen. Für die Werbung eines Mischgetränkes hing die Brauerei auf der Hamburger Reeperbahn ein Werbeplakat auf. Darauf wurde ein Mann mit scheinbar indischem Migrationshintergrund gezeigt. Er trägt ein Meerjungfrauen-Kostüm, darunter der Slogan: „Wolle Dose kaufen?“ Das Plakat wurde schlussendlich auf Druck der Kritiker wieder entfernt. Der FC St. Pauli veröffentlichte letztes Jahr gemeinsam mit dem Verein Pinkstinks einen Flyer, der neue „Regeln für Kommunikation ohne sexistische Kackscheiße“ aufstellte. Unter den genannten Negativbeispielen waren auch Motive der Astra-Brauerei zu sehen. Erstaunlich an all der (teilweise durchaus vertretbaren) Kritik ist, dass sich bisher kaum jemand daran störte, dass Astra in seiner Werbung seit Jahren mindestens genauso stark das stereotype Bild vom „Proll aus der Unterschicht“ bedient. Welche Erkenntnisse soll man aus der Ungleichempörung ziehen? Dass Unterschichten-Bashing weniger schlimm ist als Rassismus und Sexismus?

Der blinde Fleck der linken Identitätspolitik

Dass die Jagd auf sogenannte Mikroaggressionen mitunter groteske Züge annimmt, ist eine Sache. Mit dem rigorosen Habitus eines moralischen Säuberungsbeauftragten werden jene Rassismus- und Sexismus-Kritiker weniger Menschen für ihre im Kern richtigen Anliegen gewinnen, als sie unnötig verprellen. Die andere Sache ist, wie aus dem Dreiklang von gender, race und class, der zum Kern der politisch Linken gehört, ein Zweiklang wird. Sieht man sich die Aufregung über Werbeanzeigen an, fällt auf: Der dritte Punkt, der ökonomische, ist für sie sekundär, ihre Kritik bleibt im warmen Nest des anerkennungspolitischen Mikrokosmos. Der blinde Fleck der linken Identitätspolitik sei ihr fehlendes Klassenbewusstsein, schreibt der Dramaturg Bernd Stegemann in seinem Essay „Das Gespenst des Populismus“ treffend.

Im Interview mit Cicero sagte der Aufstehen-Initiator dazu: „Darum ist der Neoliberalismus so ein Fan von diesen beiden Formen der Anti-Diskriminierung, weil sie simpel gesagt nichts kosten und weil sie den Markt – sowohl der Arbeitskräfte als auch der Konsumenten – vergrößern. Der Kampf gegen den dritten Punkt der Diskriminierung, die Armut, würde hingegen etwas kosten.“ Mit Blick auf die Sensibilisierungskurse für H&M-Mitarbeiter bleibt nur zu sagen: Da ist wohl was dran.

gabriele bondzio | So, 10. Februar 2019 - 10:44

Bah...wie kann man so was sagen!
Wertegerüste, an die man sich früher festhalten hat, entschwinden, werden verzirkuliert oder gänzlich umgekehrt. Diese ganze Rassismus-Debatte ist eine verschachtelte Lüge.
Lese derzeit Ulfkotte/ Alles Einzelfälle (die Säuberungsbeauftragten werden jetzt am Rotieren sein). Da ich immer neugierig auf Literatur bin die vorher zerrissen wird (besonders aus Kreisen, die Menschenrechte als Werthülsen vor sich hertragen). Und ich sage ihnen, mein Entsetzen erlaubt mir nur wenige Seiten pro Tag. Auch prüfe ich natürlich die Aussagen auf Wahrheitsgehalt nach.
"Welche Erkenntnisse soll man aus der Ungleichempörung ziehen?"...ja richtig, Herr Thiele, einer wird immer betrogen. Oder wie Hauschka es mal formulierte: "Wer die Wahrheit hören will, den sollte man vorher fragen, ob er sie ertragen kann."

Günter Fischer | Mo, 11. Februar 2019 - 14:05

In reply to by gabriele bondzio

Ja, irgendwie geht einem das auf die N... (den Keks). Das künstliche Aufputschen hat Methode und soll von wichtigeren Themen ablenken.
Damit es für die Zukunft bei diesem Thema keine Verdächtigungen und Polemik auftauchen, empfehle ich, dass jeder seinem Text einen Satz voranstellt oder am Ende anfügt. Dieser sollte den sinngemässen Inhalt haben:

"Wer auch immer meinen Text liest, diesen in einem Sinne interpretiert, aus welchem ein Sexismusvorwurf abgeleitet, konstruiert, interpretiert oder was auch immer gemacht werden könnte, so versichere ich hier an Eides statt, dass es in jedem Falle nicht in diesem Sinne gemeint ist und weder so abgeleitet, konstruiert, interpretiert oder was auch immer daraus gemacht werden könnte. Gegenteilige Behauptungen, Vermutungen oder wie auch immer vorgenommene Äusserungen werden juristisch gewürdigt."

Bürokratie sind alle gewohnt.

:-D

Jens Rotmann | So, 10. Februar 2019 - 10:57

Danke für den Hinweis, kannte ich nicht. Meine Frau wollte schon ihre ganzen Backformen entsorgen, zum Beispiel den für den Gugelhupf. Da ist auch ein Loch drin !!! Der könnte politisch auch nicht korrekt und irgend jemand beim Damenkränzchen am Kaffeetisch verletzen. Wir haben jetzt einen Blumentopf draus gemacht .

... pflichte Ihnen bei, kannte ich vorher auch nicht - wie ungebildet kann man sein? Beim nächsten Gugelhupf-Essen, der mit dem "Loch", laden Sie mich aber bitte ein, kann auch der aus dem Blumentopf sein . . .
Originell sein, ist alles . . .

Ernst-Günther Konrad | So, 10. Februar 2019 - 11:31

Wenn man mit politischen Inhalten nicht Punkten kann, die feministische Aufregung geht immer. Ich gebe es zu, als Vater von zwei Kindern und durchaus dem weiblichen Geschlecht zugetan, ich kannte diesen "sexischen" Spruch so nicht. Hab ich was verpasst? Offenbar. Denn diejenigen, die bösgläubig und feministisch sind, kannten ihn offenbar. Wenn jetzt schon jeder Werbespruch gezielt politisch provokaktiv erfunden oder wie in diesem Fall bewusst falsch verstanden wird oder mit dem nötigen bösgläubigen Hintergrund öffentlich szensiert wird, da haben wir in D keine Probleme. Der MfS der linken Feministinnen hat da wieder zugeschlagen. Es gibt Sprüche darüber kann Mann und Frau lachen und erzeugt auch durchaus auf beiden Seiten humorvolle Gegenreaktionen. Wer Anstand und Moral hat, weis durch Erziehung, wann es unter die "Gürtellinie" geht. Mann darf bald gar nichts mehr sagen, könnte es doch je nach politischer Einstellung dazu führen, dass er ein Sexist ist.
Die haben sie nicht mehr alle!

Christa Wallau | So, 10. Februar 2019 - 12:17

Wenn die Deutschen nur immer etwas zum Empören haben, was die eigentlichen Entscheidungssträger nicht m e h r kostet, als aufgeregt mitzuspielen, dann ist die heile Welt der Herrschenden in Ordnung. Ob es Konzerne sind oder Parteien: Vom tatsächlich Skandalösen können sie schon seit Jahrzehnten nicht besser ablenken als durch das Hochspielen von angeblichem Sexismus, Rechtsradikalismus oder Rassismus! Auf dieser Klaviatur kennen sich alle Kontrahenten perfekt aus. Jede Woche ein anderes Konzert. Und Viele, viele gehen begeistert mit!

Weder die faktisch ausgehebelte Demokratie, die chaotische Energie- u. Migrationspolitik, die Bevormundung durch Staat u. Medien noch die Billiglöhne u. der auf Sand gebaute Wohlstand in Deutschland sollen Max und Marie aufregen - nein: Ein Werbespruch von Lidl oder ein Ausspruch von Aleaxander Gauland müssen die hohen Wellen
schlagen!
(Die Gelbwesten in Frankreich sind eben von einem
anderen Kaliber als die Nachfahren eines Diederich Heßling.)

ingrid Dietz | So, 10. Februar 2019 - 15:42

ist bis zu einem gewissen Grad "gesundheitsfördernd" !

Also bitte regelmäßig weiter aufregen oder aufregen lassen !

Ernst-Günther Konrad | Mo, 11. Februar 2019 - 12:47

In reply to by ingrid Dietz

Ich sage Immer: Wer sich aufregt, weis , dass er noch lebt.:)

Günter Fischer | Mo, 11. Februar 2019 - 14:09

In reply to by ingrid Dietz

dass jeder einen Satz voranstellt oder am Ende anfügt. Dieser sollte den sinngemässen Inhalt haben:
Wer auch immer meinen Text liest, diesen in einem Sinne interpretiert, aus welchem ein Sexismusvorwurf abgeleitet, konstruiert, interpretiert oder was auch immer daraus gemacht werden könnte, so versichere ich hier an Eides statt, dass es in jedem Falle nicht in diesem Sinne gemeint ist und weder so abgeleitet, konstruiert, interpretiert oder was auch immer daraus gemacht werden könnte. Gegenteilige Behauptungen, Vermutungen oder wie auch immer vorgenommene Äusserungen werden juristisch gewürdigt.

Klaus Dittrich | So, 10. Februar 2019 - 17:43

Shitstorm = Kampfplatz der Dumpfbacken! Wobei besonders die "linken" Dumpfbacken eine "intellektuelle" Arroganz beanspruchen.
Anders formuliert: Statt rationalen Debatten herrscht in Deutschland ideologische Schlammschlacht.
Armes Deutschland!

Rob Schuberth | So, 10. Februar 2019 - 18:10

In welcher Gesellschaft leben wir nur. Wie wäre es mit mehr Gelassenheit auf derlei bewusst inszenierte Werbung zu reagieren.
Abkühlung in beiden lagern tut Not.
Daher einfach öfter mal bis 10 zählen...und abhaken.

Man muss sich nicht immer angesprochen fühlen.

Richtig. Heute ist das Aufregen der Schneeflockenjungend und pseudo Feministen das was dabei rauskommt wenn man eine Generation von unsicheren Weicheiern erschafft. Es ist Werbung. Fertig. Echte Frauenrechtler kämpften um Wahlrecht, gleiche Bezahlung bei gleicher Qualität. Heute ist alles Mikroaggression und Eindringen in die Safe Zone von sozialen Gruppen...jetzt hab ich "Eindringen" geschrieben...verhaftet mich.

Tomas Poth | So, 10. Februar 2019 - 19:50

auf diese Interpretation muss man erst mal kommen. Nun denn, wir drehen total ab in eine "Sonstwas-Wächter-Republik". Tiefstes Mittelalter, oder höchste Prüderie, mir graust vor diesem Pack!

Dorothee Sehrt-Irrek | Mo, 11. Februar 2019 - 12:58

Werbung!
Am Donut interessiert mich nicht das Loch, sondern das Eigentliche, das evtl. seinem Kunden erklären muss, warum es überhaupt ein Loch gibt.
Ergibt das einen Sinn bei Donuts, vlt. Aufbewahrung, Produktion etc.?
Vielleicht, HOFFENTLICH! war die Assoziation gemeint, Loch an Loch und hält doch, eine Kette also, um die Kundschaft gleich zum Verzehr vieler Donuts zu animieren?
Wie fast überall ist es hilfreich, Experten für Männer und Frauen zu befragen, wenn man etwas verkaufen will an beide Gruppen.
Im Zeitalter der Suchmaschinen sollte es zudem umfassend möglich sein.
Hatte einmal etwas völlig Abstruses beschreiben wollen mit den Worten, wenn das Sinn macht, könnte ich Witzliputzli heissen.
Schaute erst später nach, was das Wort bedeutet und wollte eigentlich überhaupt nicht auf die Ebene.
Sketch History (ZDF NEO) gestern mit dem wunderbaren Song "Ich brenn für Dich" als Liebesduett Hexe/Kirche beruhigt mich im Nachhinein.

Sie treffen den Nagel auf dem Kopf .Das Loch beim Bagel ist nun wirklich uninteressant,es ist im Übrigen eine falsche Interpretation. Die jüdischen Bagel-Erfinder sehen darin k e i n Loch ,sondern einen R i n g .Es ist in ihrer Kultur ein Zeichen von Unendlichkeit. Da bekommt die Sache dann doch eine ganz andere Richtung.

Wolf Silius | Mo, 11. Februar 2019 - 20:24

ist ein Gebot der Stunde, weil sie die pc als Waffe stumpf macht. Lidls Loch-"Metapher" ist ein plumper Versuch, der das Gegenteil bewirkt. Er läßt mich an eine Sentenz des formidablen Michael Klonovsky denken, die ich aus dem Gedächtnis zitiere:
"Die Emanzipation des Proletariats hat nicht die Verbürgerlichung der Proleten bewirkt, sondern vielmehr die Proletarisierung des Bürgertums".

Romuald Veselic | Di, 12. Februar 2019 - 09:11

Schlüssellöcher haben eine Genitalform. Dies sollten die #Gesinnungsbüttel auch mal thematisieren...