Gedanken zum Jahreswechsel - Der alten Zeiten wegen

Zum Jahreswechsel nehmen wir nicht nur Abschied vom alten Jahr, sondern auch von der alten Welt. Wir leben in einer Zeit des radikalen Umbruchs. Doch jammern gilt nicht. Ein englischer Gassenhauer kleidet diese Stimmung in treffende Worte. Von Alexander Grau

30.12.2018, Mecklenburg-Vorpommern, Dranske: ILLUSTRATION - Vier Personen schreiben mit Wunderkerzen die Jahreszahl 2019 in den Abendhimmel auf einem Feld auf der Ostseeinsel Rügen.
Noch ist das neue Jahr nicht angebrochen und das alte nicht vorbei – Zeit für einen Rückblick / picture alliance

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Alexander Grau

Zum Jahreswechsel, wenn das alte Jahr verbraucht ist, entkräftet und ausgelaugt, das neue aber noch nicht richtig angebrochen, wenn also das Vergangene vergangen, die Zukunft aber noch keine Gegenwart ist, in diesem Schwebezustand zwischen Gestern und Morgen, singt man in der angelsächsischen Welt das herrlich sentimentale und zu Herzen gehende „Auld lang syne“ – auf Deutsch in etwa „seit langem“ („old long since“), poetischer formuliert: „Längst vergangene Zeiten“.

Geschrieben hat das eingängige Stück vermutlich der schottische Nationaldichter Robert Burns. Von wem die Melodie stammt, ist umstritten. Dass das Lied sich im Laufe des 20. Jahrhunderts als Neujahrs-Evergreen etablieren konnte, hat viel mit seiner Grundfrage zu tun: Soll das Vergangene, das Vertraute, wirklich vergangen sein und auf immer verloren? Oder lohnt es sich, hin und wieder an das Gestern es zu erinnern und es ins Gedächtnis zurückzurufen? „Should auld acquaintance be forgot and never brought to mind?”

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Ernst-Günther Konrad | Mo, 31. Dezember 2018 - 12:15

Sich des Alten zu erinnern, auf dem Wissen der Altvorderen aufbauen, das Wissen darum, das alles seine Zeit hat und hatte, wir alle aber ein Ende finden, sollten vor allem die von Ideologie zerfressen Mitmenschen verinnerlichen. Da niemand etwas mitnehmen kann, hinterlassen die meisten Menschen die Erinnerung an sie oder aber sie werden schnell vergessen.
Ich sehe auch einen Zeitenumbruch, weil sich vieles rasant verändert hat. Veränderung ist nicht per se schlecht. Nur muss moderne Welt erklärt werden und die Menschen die im Zeitenumbruch leben mitnehmen. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft denken. Dies erfordert aber elementares Grundwissen, sprich Bildung und Arbeits- und Lebenserfahrung. Daran fehlt es zunehmend den politischen Entscheidungsträgern.

Ich wünsche allen Kommentatoren und der Cicero-Mannschaft ein gesundes neues Jahr.

Eric Runkel | Mo, 31. Dezember 2018 - 12:48

Herzlichen Dank für Ihre immer geistvollen Kommentare. Gerade zum Jahreswechsel sei daran erinnert, dass man das alte neu gebären muss, um das Neue zu erschaffen.

Joachim Wittenbecher | Mo, 31. Dezember 2018 - 13:07

…... ja so ist es. Wie sollten wir darauf reagieren? Europäische Verteidigung schaffen, ohne zwingend auf die USA angewiesen zu sein, das wird schwierig und teuer, muss aber sein. Weitestgehende Abschottung gegen Gefahren aus Konfliktstaaten (Afrika, Naher Osten). Freihandel intensivieren (Südamerika, Südostasien, Kanada, Australien). EU reformieren (u.a. mit Bestandsgarantie für die Nationalstaaten und deren kulturelle Identitäten). Europäischen Kulturpessimismus überwinden, neues Selbstbewusstsein stärken - unser Lebensstil (der modifizierbar sein muss) ist ein Erfolgsmodell. Wenn sich Europa stabilisiert hat, andere Staaten versuchen einzubinden (USA, Russland usw.). Sollten die blutigen Konflikte innerhalb der arabischen Welt ausgestanden sein: kulturellen und wirtschaftlichen Austausch wieder stärken. Zusammengefasst: Europas Verteidigung aufbauen, Europa vor Gefahren abschotten, stabilisieren und danach, wenn möglich, wieder kontrolliert öffnen.

Zuerst: Demokratie, Meinungsfreiheit und Akzeptanz und Toleranz gegenüber Andersdenkenden wieder herstellen. Die Umkehr der linksvernebelten Wertevorstellung muss rückgängig gemacht werden: nicht die Mord-Opfer und deren demonstrierenden Angehörige sind die Bösen, sondern die Vergewaltiger und Messermörder … Mord bleibt Mord! Unsere Kultur und unser Grundgesetz muss wieder in den Vordergrund gerückt werden und ist nicht verhandelbar - auch nicht für Asylanten bzw. Schutzsuchende aus islamischen Ländern, denn kein Mensch ist gezwungen, in unserem Land zu leben!
Kriminell ist nicht, wer die Wahrheit sagt und öffentlich vertritt, sondern kriminell sind z.B. die linksradikalen Wahrheitsverdreher, die mit einem selbst produzierten Propaganda-Video in Chemnitz eine Hetzjagd in Szene gesetzt haben, die es nie gab. Das dubiose Video von "Antifa Zeckenbiss" - einer linksextreme Jugendbande - ist kein Beweis für die haarsträubenden Anschuldigungen gegen die Chemnitzer Bevölkerung!

ich stimme Ihnen bei der Beschreibung der Problemlage und den einzelnen Belegen, die Sie dafür anführen, weitgehend zu; dies gilt ganz besonders für die Hetze gegen Sachsen, die ich als bereits rassistisch empfand. Ich bezweifle aber, dass die Probleme wirklich als "links verursacht" einzustufen sind. Links - man kann zwar sehr viel dagegen einwenden - ist doch eigentlich anti-elitär. Vielmehr glaube ich, dass eine "global-elitäre und antiliberale" Ausrichtung von Akteuren in Politik und Wirtschaft die Probleme verursacht. Es wäre daher notwendig, dass man die Ambitionen und die Zielrichtung diverser "Denkfabriken" transparent macht, so dass man deren Handlungsstrategien erkennen und öffentlich thematisieren kann. Viele Grüße J.W.

Christa Wallau | Mo, 31. Dezember 2018 - 13:59

Aber: Kämpfen für den Erhalt des Guten und
Bewährten das gilt! Mehr denn je.

Zeiten großer Umbrüche und Veränderungen hat es
immer gegeben. Auch das stimmt.
Aber: Es stimmt auch, daß sie nicht immer zu
Verbesserungen und zu neuen Höhen führten, sondern in schlechteren Zuständen mündeten.

Ich pflichte Ihnen bei lieber Herr Grau:
In derartigen Zeiten ist es sinnvoll, nicht nur nachzudenken, sondern auch zu singen, um dem verunsicherten, bangen Gemüt Gutes zu tun; sei es am letzten Tag eines Jahres oder auch an jedem beliebigen Tag; und gemeinschaftliches Singen steigert die wohltuende Wirkung noch beträchtlich.
Also laßt uns singen, aus vollem Herzen und voller
Kehle: Nicht nur "Auld lang syne", sondern all unsere wunderbaren deutschen Lieder, die leider großen Teils in Vergessenheit geraten sind!

Ich wünsche allen, die dies lesen, ein
glückliches neues Jahr!

Norbert Heyer | Mo, 31. Dezember 2018 - 14:08

Wir leben - für jeden mit offenen Augen - in unruhigen Zeiten mit immer wieder neuen Problemen und Konflikten. Ein Problem ist die Tatsache, dass die jetzt verantwortliche Elite Not und Elend nie kennengelernt hat. Außerdem sitzen zu viele Abgeordnete im Parlament, die keinerlei Berufserfahrung haben und dadurch Menschenkenntnis und Realität für die Anforderungen des Lebens gänzlich fehlen, Theoretiker eben. Ideologie und einseitige Sichtweise sind ebenfalls keine gute Voraussetzung für kluge Entscheidungen. Wenn dann noch offensichtliche Fehlentscheidungen auf Teufel komm raus durchgezogen werden, ergeben sich eben solche Situationen, die wir jetzt erleben. Mittlerweile fürchte ich, dass die Politik jede Maßnahme unterlässt, diesen Zustand zu ändern. Die Angst vor dem großen Knall scheint größer zu sein, als den Versuch zu unternehmen, Rechtssicherheit und inneren Frieden wieder herzustellen. Mal abwarten, wie lange es mit dieser Einstellung noch gut geht ...

Hans Herzberger | Mo, 31. Dezember 2018 - 15:02

Danke Herr Grau für Ihren Artikel, der uns gedanklich einiges vergessen läßt und die Botschaft "Auf zu neuen Ufern" bringt.
EIN GUTES NEUES JAHR IHNEN UND ALLEN CICERO MITARBEITERN.
PS : Und betrachtet die Welt und das politische Geschehen weiterhin so kritisch, objektiv und ehrlich wie 2018 !

DANKE !

gabriele bondzio | Mo, 31. Dezember 2018 - 16:22

"Denn Halt, Identität, Stabilität gewinnen Dinge, Institutionen und Beziehungen zunächst nur durch die Vergangenheit."...das ist unzweifelhaft sehr klug gesagt. Und erinnert mich auch an das Zitat von Nietzsche „Allem Zukünftigen beißt das Vergangene in den Schwanz. Ich weigere mich aber Abschied zu nehmen, wenn ich nicht im entferntesten weis, wo die Reise hingegen soll. Noch muss ich mich mit Dingen anfreunden, die Andere für richtig halten.

Brigitte Simon | Mo, 31. Dezember 2018 - 16:30

Ein schöner, nachdenklicher Artikel von Herrn Grau. "Dazu fallen mir Worte von Dalai Lama ein.
"Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen man
nichts tun kann.
Der eine ist gestern, der andere morgen. Das
bedeutet, daß heute der richtige Tag zum Lie-
ben, zum Glauben und in erster Linie zum Le-
ben ist.
Dalai Lama

Allen Kommentatoren, selbstverständlich auch
Cicero, ein gutes, neues Jahr 2019.
Brigitte Simon, München

Eberhard Thamm | Mi, 2. Januar 2019 - 11:04

Wahrlich Zutreffend. Den Herren Konrad u. Wittenbecher nebst dem Autor Herr Grau kann man nur zustimmen und folgen. Jedoch bleibt nur zu hoffen, dass auch einmal die göttlichen Ratschläge durch Engel Aloisius die Berliner „Elite“ durchdringend erreicht. Allerdings größter Zweifel ist angesagt. Siehe nur den Diesel-Skandal und seine Lösung! Was bleibt ist Kopfschütteln bis es schmerzt!

Günter Johannsen | Mi, 2. Januar 2019 - 16:50

Mit jeder Verdrehung der Wirklichkeit führt die selbsternannte linke Moral-Elite und ihre Kanzlerin ihr unterirdisches Demokratieverständnis vor! Merkel nennt es zynisch "Modernisierung"!

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