Fußball-WM in Russland - Ein spießiges Mittelklasse-Event

Alle vier Jahre werden rund um die WM Beschwerden über die Kommerzialisierung und Korruption der Sportart laut. Das wirklich Ekelhafte an dieser ganzen Veranstaltung ist jedoch ihre schmierige Scheinheiligkeit. Ein Land kann sich dieses Jahr jedoch glücklich schätzen, schreibt Alexander Grau

Robbie Williams bei der Eröffnungsfeier der Fußball WM in Russland.
Ein Sport der Arbeiter und Handwerker ist Fußball schon lange nicht mehr / picture alliance

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Alexander Grau

Italien, Du hast es besser: herrliche Landschaften, bezaubernde Städte, Baudenkmäler für die Ewigkeit, eine hervorragende Küche und vor allem – Dir bleibt in den nächsten vier Wochen eines der abstoßendsten Großereignisse dieser an vergleichbaren Veranstaltungen ja nicht armen Welt erspart. Wir reden natürlich von der Fußball-WM. Um es gleich zu sagen: Ich habe nichts gegen Fußball. Auch nicht gegen Handball oder Volleyball oder Basketball. Ich habe überhaupt nichts gegen Sport, im Gegenteil. Sport ist etwas Wunderbares, vor allem, wenn man ihn selbst ausübt.

Anderen Leuten beim Sportausüben zuzuschauen, wirkt auf den ersten Blick dagegen etwas befremdlich. Gleichwohl: Seit wir Zivilisationen kennen, gibt es Stadien, in den Menschen Wettkämpfe zur allgemeinen Volksbelustigung austragen. Diese Mischung aus quasireligiöser Anbetung der Helden der Arena, Kollektiverlebnis und Voyeurismusbefriedigung angesichts der Verletzten und Verwundeten scheint unüberbietbar und tief in die menschliche Natur eingeschrieben.

Kommerz und Korruption

Und weil das so ist, gehört die Politik seit Menschengedenken zum festen Bestandteil sportlicher Großereignisse. Man kann das beklagen, doch dreitausend Jahre Tradition haben einfach Fakten geschaffen. Natürlich bieten Arenen den Herrschenden Bühnen. Das war in der Antike so, das ist im massenmedialen Zeitalter nicht anders. Selbst wenn der TuS Hintertupfingen spielt, lässt sich dort der Bürgermeister sehen. Warum sollte ausgerechnet ein Wladimir Putin vor dem heimischen Fernseher hocken

Genauso illusorisch ist es, davon zu träumen, eine Massenveranstaltung, die Milliarden von Menschen in ihren Bann zieht, könnte befreit von ökonomischen Interessen über die Bühne gehen. Geldströme orientieren sich an der Nachfrage. Dass daher eines der attraktivsten Angebote der globalen Unterhaltungsindustrie, die Fußball-WM, hoch kommerzialisiert ist, kann nur Einfaltspinsel irritieren. Wo aber viel Geld fließt, da blüht – oh Wunder – die Korruption. Das bedeutet nicht, dass man zynisch vor ihr kapitulieren sollte, aber auf der Rechnung haben muss man sie. 

Die FIFA als Edel-NGO

Kurz und gut: Das übliche Gemäkel an der Fußball-WM geht an der Sache vorbei. Ja, Massenvolksbelustigungen sind nicht jedermanns Sache und natürlich sind sie hässlich und ordinär. Ja, die Vereinnahmung durch die Politik ist widerwärtig, aber etwas anderes zu erwarten, wäre weltfremd. Und ja, die Kommerzialisierung ist abstoßend und obszön. Wer sie nicht haben will, braucht aber nur den Fernseher auszuschalten. Wenn keiner mehr zuschaut, hat sich die Sache schnell erledigt, auch die Korruption im Umfeld.
 
Was an der WM und der ganzen schönen FIFA-DFB-Welt abstößt, sind nicht die absehbaren Begleiteffekte. Das wirklich Ekelhafte an dieser ganzen Veranstaltung ist ihre schmierige Scheinheiligkeit, das Hochglanzhafte, der moralische Weihrauch mit dem sie sich selbst einnebelt. Es ist dieses aufgesetzte Dauergesäusel von Miteinander und Völkerverständigung, von Toleranz, Fair-Play und keine Macht den Drogen, das angesichts der tatsächlichen Verhältnisse nur noch abstößt.

Wohl gemerkt: Gegen all diese Ziele ist überhaupt nichts zu sagen, im Gegenteil. Wenn aber ausgerechnet die FIFA sich als Edel-NGO aufführt, wenn man süßliche Töne anschlägt wie sonst nur auf einem Kirchentag, dann ist die Grenze zum Unerträglichen schon lange überschritten.

Glückliches Italien

Doch das alles hat natürlich System: Denn Fußball war einmal rau, derb, hart und ungezähmt. Und es war gerade das Archaische, das Verschwitzte und Schmutzige, das für viele – nicht zuletzt viele Intellektuelle – seinen Reiz ausmachte.

Doch aus dem Sport der Arbeiter und Handwerker, den so genannten kleinen Leuten, wurde mit Macht und Geld ein spießiges Mittelklasse-Event gemacht, antiseptisch, stubenrein, globalisiert und moralisch hoch korrekt. Wo einst Malocher kämpften, präsentieren sich heute gelackte Sportler-Karikaturen. Statt des Odems von Umkleidekabinen regiert heute im Weltfußball das Parfümierte. Und als ob das nicht schon alles abstoßend genug wäre, wurde diesem ebenso sterilen wie piefigen Kunstprodukt auch noch ein ideologischer Überbau aus politischer Korrektheit übergestülpt. Die Verlogenheit des Ganzen macht die Sache doppelt unerträglich. Wie gesagt: Glückliches Italien!

paul peters | Sa, 16. Juni 2018 - 10:21

seit geraumer zeit finde ich fußball-weltmeisterschaften aber auch die welmeisterschaften im handball oder eishockey oder gar olympiaden merkwürdigerweise mehr und mehr uninteressant, und zwar unabhängig davon wer sie aus- bzw. überträgt.
mehrstündige vor- und nachberichterstattungen, die sich oftmals nur mit randthemen des ereignisses bis hin zum boulevard befassen oder empfindlichkeiten von höchstbzahlten top-profis oder funktionären interssieren mich nicht die bohne.
wenn ichs einrichten kann, schalte ich zum anpfiff an und zum abpfiff aus.
schön waren die zeiten vor jahrzehnten, wo man sich auf die übertragungen ohne großen firlefanz freute - heute, wo man aus allem ein "event" zu machen meint, langweilen mich diese inszenierungen mehr mehr.
herr grau hat das, was sich offenbar bei mir im unterbewusstsein abspielt treffend beschrieben.

Heinrich Jäger | Sa, 16. Juni 2018 - 10:36

in der Holzhackerliga schließe ich mich ihren Ausführungen vollumfänglich an, kann man nicht besser beschreiben Bravo!

Schabert Albert | Sa, 16. Juni 2018 - 10:44

Nachdem Deutschland gegen England bei der WM 1966 2:4 verloren hatte,verbrannten wir Kinder unsere selbst hergestellte(Ölfarbe auf einem Leintuch) Deutschlandflagge.Weil ich nie wieder so entäuscht werden will,lehne ich solche Maßenveranstaltung ab.Immer wieder kommt es zu Ausrastern mit Verletzten,dabei soll das alles nur Sport sein-eine unkontrollierbare Meute.
Aber wenn sogar Frau Merkel den Sport für Ihre Zwecke nutzt .....

Bernd Muhlack | Sa, 16. Juni 2018 - 11:24

Naja Herr Grau, das ist jetzt wahrlich kein erbauliches Highlight, aber man kann nicht immer Spitze oder Weltmeister sein; was solls! --- Trotz all des Putin-/Russland-Bashings werde ich mir die Spiele nach Möglichkeit ankucken und SPA-POR war ja schonmal ne klare Ansage! --- Wir haben hier unser eigenes sehr überschaubares public-viewing, but everybody is welcome (also im Rahmen unserer Kapazität, nicht wahr; nickesse übertreiben, gell?) --- Ich wünsche allen Ciceros eine schöne WM und mögen die besten zumindest zweiter werden => gewinnen tun natürlich WIR … und unser aller Angie wird in Moskau die Arme hochreißen bis ihre meist zu enge Kutte platzt!

Italiener sind hier übrigens ebenfalls dabei, also bei "uns"; mache eine Pizza fiele bessa als wie in die Wärbung/aus die kalte truhe, si? => also ich nehme immer die integratione mit allem (ausser Paprika, dafür Sardellen doppelt) => Forza Italia!

Monique Nilsen | Sa, 16. Juni 2018 - 16:18

zu der die Medien ihren Beitrag leisten mit Titeln wie
"Christiano erschien in der Rolle Gottes". Nicht von ungefähr erlag man der Versuchung des Vergleichs.
Christiano als Avatara: das Herabsteigen der Gottheit in irdische Sphären. In denen mit Vidio-Chats, mit Computerspielen mit vergleichbaren Avataren - keine Macht den Drogen - weiterer Konsum gefördert wird.
Avanti Christo.

Erich Haug | Sa, 16. Juni 2018 - 17:54

gibt es seit existieren der Menschheit. "Wer gut schmiert, der gut fährt!" Je größer das Geldvolumen das umgewälzt wird umso größer sind die Leckstellen. Daß sie ausgerechnet Italien als glücklich schätzen hat mir ein Schmunzeln entlockt.

Dimitri Gales | Sa, 16. Juni 2018 - 21:40

im Griff hat (oder vice versa), ist es so; auch diese und gerade diese Sportart ist pures Business geworden. Aber die Leute werden zahlen, um sich im Stadion oder vor der Glotze abzureagieren und sich an zweifelhaften Heroen zu ergötzen - zweifelhaft, denn auch da spielt das Geld mit. Das kann man manchmal, wie zeitweilig in Frankreich, bis zur Karikatur verzerrt beobachten - Spieler, die nur noch am Geld interessiert sind, an sonst rein gar nichts. Das hat nichts mehr mit der deutschen Nationalmannschaft zu tun, die erstmals nach 1945 in Bern das Spiel gewann - ich möchte wetten, da war nicht nur Sportsgeist, sondern auch Nationalgefühl dabei.

Konrad Perfeud | Sa, 16. Juni 2018 - 23:12

Die WM hat, wie die meisten Dinge, gute und schlechte Seiten. Ich verstehe nicht, wieso man jegliche Begeisterung um den Event mit so einer harschen Kritik versehen muss. Es stimmt, dass gerade die westeuropäischen Mannschaften ein übergestülptes, politisch korrektes Statement sind, welches die Fans eher zähneknirrschend akzeptieren, in Deutschland inzwischen pfeifend. Und viele Funktionäre sind korrupt, in Deutschland mehr in der From der opportunistischen Mitläufer. Anti-Rassismus oder Anti-Doping Bla Bla ist Teil der Geschäftspraxis. Trotzdem ist Fussball nicht das Gleiche wie der Gladiatorenkampf. Fussball wird von vielen Millionen Menschen freiwillig gespielt. Die WM ist der Wettstreit auf höchstem Niveau in einer Sache, für die sich viele Menschen wirklich ernsthaft begeistern. Es wäre allerdings schöner ohne Merkel, Putin, Erdogan und ARD und ZDF.

Alexander Mazurek | Sa, 16. Juni 2018 - 23:43

… Brot und Spiele, panem et circenses, und auch teile und herrsche, divide et impera, waren schon immer Symptome des Untergangs einer Zivilisation, wie der Hedonismus. Elend über Elend, nichts Neues unter der Sonne, so das AT. Heute kunterbunt, inklusiv, offen, "divers" und wie immer verlogen: Alles nur billige Instrumente der Herrschaft, damals wie heute. Freiwillige Sklaverei ist maximal wirksam, wie auch höchst schändlich. Heute Mal wieder "in", en marche!

Christian Döring | So, 17. Juni 2018 - 00:10

...ganz schön verbissen, Herr Grau. Bei Verlogenheit fallen mir viele andere, tägliche Dinge vorher ein als ausgerechnet eine vierjahres Fußball-WM. Man kann ein Sportmuffel sein und sich über alles und jeden aufregen. Wahrscheinlich ist die Gelegenheit günstig, da der Austragungsort Russland ist. Da ist natürlich alles erlaubt. Weiter so ...

Karin Zeitz | So, 17. Juni 2018 - 09:06

waren schon in der Antike ein probates Mittel, um das dumme Volk ruhigzustellen. Während solcher Großereignisse ist es heutzutage möglich, Gesetze zu verabschieden, gegen die sich in normalen Zeiten Widerstand in der Bevölkerung geregt hätte. Das war auch in Deutschland der Fall und in Russland wurde gerade die Erhöhung der Mehrwertsteuer beschlossen, ohne dass irgendwer sich darüber aufgeregt hätte.

Martin Arndt | So, 17. Juni 2018 - 10:12

Sehr geehrter Herr Grau,
da muss ich Ihnen widersprechen. Sollte es eine „quasireligiöse Anbetung der Helden der Arena“ geben, dann ist diese doch besser als die Bewunderung mediokrer Gestalten aus der Politik oder dem TV. Wir suchen bei den Sporthelden Exzellenz und Disziplin – und werden meistens nicht enttäuscht. Wer C. Ronaldo im Spiel gegen Spanien gesehen hat, vergisst die Mittelmässigkeit und Banalität der meisten bipedalen Zeitgenossen. V. Putin ist fürwahr nicht aus dem Holz der Kauders, Stegners, Altmeiers, Steinmeiers etc. geschnitzt. Dass Geld eine Rolle bei den Grossevents spielt, ist nicht zu bestreiten. Aber welcher der Kritiker von „Korruption“ lebt schon nach seinen eigenen Prinzipien? Der „moralische Weihrauch“, der die WM umgibt, ist die Fassade von PolitikerInnen u. „Show“-Stars, die uns in ihrem unerträglichem Schmalz zu benebeln...

Winfried Sautter | So, 17. Juni 2018 - 15:11

Einfach nur treffend !!!

Per L. Johansson | So, 17. Juni 2018 - 17:06

Zitat: "Wer sie nicht haben will, braucht aber nur den Fernseher auszuschalten."

Wenn es denn damit getan wäre...
Leider finanziert man das alles über die Rundfunksteuer zwangsweise immer mit, ob man will oder nicht.
Pardon, ich meinte natürlich unseren völlig gerechtfertigten „Beitrag“ zur Sicherstellung der öffentlichen Meinungsbildung, wie das unsere werten Verfassungsrichter so überaus staatstreu ausgeführt haben.
Aber auch das ist ja nicht neu. Circus Maximus und Kolosseum wurden schließlich auch von den Herrschenden zur Dauerberieselung der Untertanen erbaut und unterhalten. Und die durften ihre Ruhigstellung natürlich über ihre Steuern auch noch selbst finanzieren. Wie überaus praktisch für die damaligen und heutigen „Eliten“.

Zur Schulzeit haben wir die alten Römer verlacht. Wie konnten die Massen sich damals nur so billig lenken lassen!
Wenn man älter wird, merkt man mit Schrecken, daß sich gar nichts verändert hat. Die Spiele sind nur noch langweiliger geworden.

Klaus Funke | So, 17. Juni 2018 - 17:57

Die Kanzlerin war nicht zur Eröffnung, die Kanzlerin geht nicht zu den einzelnen Spielen. Sie hat nicht begriffen, was sie damit anrichtet. Hier wird sich wie schon 98 der liebe Gott einschalten. Unsere Jungs fliegen aus dem Turnier - die schwache Leistung gegen Mexiko scheint bereits ein Zeichen - und am Ende geht auch die Kanzlerin so wie 1998 der Kanzler Kohl vom Platz.

Hans Pauckert | So, 17. Juni 2018 - 22:27

Ja, die Weltmeisterschaft verändert unser liebes Volk. Ich bin bestimmt auch Mittelklasse (sieht man am Auto). Habe nach dem ersten Spiel meinen Lieblingsautor Sauter gelesen.
Ansonsten rate ich den Kommentar beim Fernsehen abzudrehen. Ein echter Genuß.

Dieter Hegger | Mo, 18. Juni 2018 - 07:59

Kein Kommentar erforderlich ! Dieses Jahr habe ich keine Dauerkarte mehr gekauft, späte Einsicht, aber immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Das Geld lasse ich einer bedürftigen Person in der Nachbarschaft zukommen, persönlich. Die Charity - Industrie ordne ich ähnlich ein wie die FIFA.

Bernhard Jasper | Mo, 18. Juni 2018 - 09:25

Ob man dem Schauspiel folgen will oder nicht, mit den medialen Zwangsgebühren finanziert man das System immer mit. Die Darsteller auf dem Spielfeld sind wertvolle Werbeträger, daraus erwächst die medial-ökonomische Funktion. Durch die Bilder und Texte der Medien wird diese Trivialisierungsstrategie deutlich. Mit visuell harten Schnitten, weichen Blenden, slow motion und grauenhaften (Fach)-Kommentaren zum Spielgeschehen wird auch der „Star“ medial konstruiert, im Idealfall wird er zum „Helden“, dann steht den Werbemaßnahmen nichts mehr im Wege.
Für dieses mediale Schauspiel braucht man den instrumentalisierten Fan, der sich durch Identifikation und Projektion auszeichnet. Das kann dann bis zu krankhaften Erscheinungen führen, indem ein „Wir“- Gefühl erzeugt wird. Und in der Halbzeitpause redet im Interview der Verbandsfunktionär staatstragend vom „Kollektiv“, denn die Interessen sind genau kalkuliert und miteinander auf´s vielfältigste verbunden.

Peter Lieser | Mo, 18. Juni 2018 - 10:34

Opium für's Volk ! Keine Ahnung wer das mal gesagt hat ;-)