Xi Jinping trinkt Tee
China, das ist Grüner Tee und böse Politik, oder etwa nicht? / dpa

Deutschlands Bild von China - Das Ende der Realpolitik

Wer die aktuelle Berichterstattung rund um den Parteitag der chinesischen KP oder um die mögliche Beteiligung von Cosco am Hamburger Hafen verfolgt, der ahnt, dass es um die deutsch-chinesischen Beziehungen nicht gut steht. Allzu schnell ist China dieser Tage als das Reich des Bösen ausgemacht. Der Sinologe Ole Döring schreibt in einem Gastbeitrag für Cicero von einem ganz anderen China und plädiert dafür, sich der neuen Zerrbilder zu entledigen. Toleranz, so Döring, ist der Raum für Aktion und Zurückhaltung. Und das eigentliche Problem liegt vielleicht gar nicht in China, sondern in Europa.

Ole Döring

Autoreninfo

Ole Döring ist habilitierter Kulturphilosoph und Sinologe. Er vernetzt unterschiedliche Kompetenzen und Denkweisen zu Medizin und Gesundheit, Technologie, Soziales und Ökonomie. Döring beschäftigt sich mit kulturellen und philosophischen Fragen der Medizin und Bioethik und ist Vordenker einer globalen Gesundheits-Ethik. Zuletzt ist von ihm das Buch „Das Luther-Gen - Zur Position der Integrität in der Welt“ erschienen.

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Irgendwie lässt sich jeder Unsinn gebrauchen, um die eigene Meinung zu bestätigen. Weil Russland die Ukraine angegriffen hat und China auch im kulturfremden Osten liegt, müsse man Taiwan aus seinem Weg in die Normalisierung mit China „befreien“, hieß es jüngst höchstamtlich. Sprache verzeiht und Papier ist geduldig. Sie ermöglicht es, über Krieg, Verbrechen, terroristische Anschläge und ferngesteuerte Putsche epischen Ausmaßes zu reden, ohne zentrale Treiber dieser Geschäftspraktiken namentlich zu erwähnen. Man kann sagen, dass China kommunistisch ist, versteht dabei aber nur „DDR“ oder „Stalin“ – also gar nichts. Was nun, wenn das was unsere Worte, unser Denken und Vorurteile anrichten, wirklich keine Geduld mehr verzeiht? Für eine Weile mochte man hoffen, dass der gute Geist der Verständigungspolitik hinter den Kulissen und im Rahmen der Vereinten Nationen an Friedensdiplomatie unter Nutzung der chinesischen Position arbeiten würde. Statt stiller Diplomatie bestaunen wir jedoch die lautstarke Abschaffung der Realpolitik im Namen exklusiver Werte-Postulate. 

Können wir, ja wollen wir es uns leisten, China als starken und wichtigen Partner zu verprellen? Nur weil wir uns nicht trauen, den Phoenix anzusehen und seinem Blick standzuhalten, der nach zwei Jahrhunderten aus der Asche auf ein Normalmaß angewachsen ist? Vielleicht haben wir auch nicht den Mut, den Schritt aus vertrauten Denkmustern ins Licht einer neuen Wirklichkeit zu gehen. Die Welt ist heute so rund, dass einem wahrhaft schwindelig werden kann. Eigentlich ist Deutschland verfassungsmäßig so gut auf die nötigen Veränderungen eingestellt wie sonst kein anderes Land auf der Welt.
 
Russland ist in geostrategischen Fragen ebenso europäisch wie es vielleicht die USA sind. Man kennt sich. China aber kennt man nicht. Entschleunigen wir also kurz einmal und wechseln hinüber in die Gegenbewegung: Was ist China, wie sieht sich China in der Welt? China ist auf dem Weg, ein Garant der Nichteinmischung und des Friedens zu werden. Es führt keine Hegemonialkriege und macht sich aus eigenem Antrieb die Grundgedanken der UN zu eigen – solange zumindest, wie niemand es sabotiert. Wenn man Chinas positive Entwicklung unterstützt, hat es als einziges Land der Welt das Potential – und das kulturell wie vom Gewicht – die Zukunftskräfte über die kritische Schwelle der anstehenden Neuordnung der Welt zu heben. Ganz offensichtlich zeigt China auch den politischen Willen, diese Strategie nachhaltig zu verfolgen. Eben dies scheinen einige zu fürchten: Wäre das denn zu schön, um wahr zu sein? Oder verdirbt es am Ende nur das eigene Geschäftsmodell? 

Die Tür für Verständigung ist offen

Chinas Position wird manchmal als ambivalent bezeichnet. Das ist eine Ausrede für unsauberes Denken und Desinteresse an der Wirklichkeit, soweit es keine politische Trivialität beschreibt. Man muss sich sehr aktiv die Ohren zuhalten, oder auf die Kenntnis chinesischer Quellen verzichten, um die allgegenwärtige, immer wiederholte und gleichlautende Botschaft zu überhören: Keine Sanktionen und keine militärische Unterstützung! Das ist ein politisches Grundrezept für friedensstiftende Maßnahmen. China sieht sich durch die geistigen und materiellen Verwerfungen ganz Europas bestätigt. China hält die Tür für Diplomatie, Entspannung und Verständigung offen. Anstatt die Wertschöpfung durch Sanktionen vom Grünen Tisch unkontrollierbar zu stören und damit die Schere zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen in allen beteiligten Ländern, einschließlich denen der vermeintlich Strafenden, weiter auseinander zu treiben, während ökonomische Fehlanreize zugunsten von Vernichtungskapital gesetzt werden. Warum? Weil das die einzige erprobte Strategie ist, die funktionieren kann, weil sie auf dem Menschenbild der Vereinten Nationen besteht: dem Willen zur Vernunft und Zusammenarbeit aller Völker, Nationen und Menschen. Ironischer Weise erweist sich diese Einstellung auch unter den derzeit unerwünschten Rahmenbedingungen als profitabel. 

China ist nach den USA der größte Nutznießer der gegenwärtigen Kriegspolitik, jedoch ohne diesen Vorteil anzustreben. Denn ohne den Krieg ginge es auch China besser. Europa verliert am meisten. Chinas Schwachstelle liegt darin, seinen Anspruch „objektiv und fair“ vorzugehen, mit einer unausgegorenen Strategie des kommunikativen Lernens zu verbinden. Es reichen eben nicht immer subtile Gesten, wie das feinfühlige Weglassen von Bruderschaftsbekundungen gegenüber Russland.  

Zwischen vornehmer Zurückhaltung und auftrumpfendem Geschrei bieten sich vielfältige Zwischentöne an, die immer das vertrauensvolle, kritische Gespräch verlangen – seit Brandt und Bahr eigentlich im Repertoire deutscher Politik. Hier könnte respektvolles, kundiges und pragmatisches Verhandeln über gemeinsame Interessen Wunder wirken. Im Austausch zeigen sich auch Grenzen des jeweiligen Ansatzes und lassen sich ohne Gesichtsverlust korrigieren. China hat bis heute keine derartige Auseinandersetzung sabotiert, auch wenn Unbeholfenheit oder Signale, einander unter bestimmten Umständen aus dem Weg zu gehen, so missdeutet werden können. 

Das Völkerrecht setzt nicht auf die Wagenburgmentalität

Einige Schlaglichter zeigen, wie ein verachtetes und auf sich allein gestelltes China seiner globalen Verantwortung gerecht zu werden versucht. Nicht einmal in Zentralasien, dem notorischen Pulverfass vor der eigenen Haustür, denkt China über militärische Optionen nach  sondern setzt konsequent auf Vertragsdiplomatie und Wirtschaft. Das NATO-Land Türkei bekennt sich derweil offen zum Ziel, in die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) aufgenommen zu werden. Es diversifiziert die spezifischen Kontakte auf nationalstaatlicher Ebene. Das irritiert manche in der EU, die auf destabilisierende Absichten schließen. Es ist freilich schon aus Eigeninteresse nicht feindselig, sondern entspricht der Logik des Völkerrechts. Die legt ganz andere Reaktionen nahe als Abwehr und Wagenburgmentalität. Europa könnte die Herausforderung als Chance begreifen und durch den heilsamen China-Stresstest die eigene Stärke entwickeln. Dabei würde eine „Win-Win-Win“-Perspektive denkbar, in der Europa durch die bessere Zusammenarbeit mit China sowohl auf EU-Ebene als auch zwischen den Nationalstaaten eigenständig und resilient seine Zukunft als globale Verantwortungsinstanz einnehmen und mit China und dem globalen Süden gemeinsam eine multilaterale Weltordnung gestalten könnte. 

Dafür bedürfte es jedoch einer selbstbewussten Position echter Stärke, keines Pfeifens oder Kreischens im Walde. Über derart naheliegende Überlegungen wird leider kaum gesprochen, obwohl schon eine ergebnisoffene Debatte auf der Basis von Sachkenntnis eine positive Eigendynamik bewirken könnte, beginnend mit dem Aufbau einer angemessenen China-Kompetenz. Wer die Einladung zur Belt and Road Initiative im Ansatz ausgeschlagen hat, muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, selbst zur Schwächung Europas beigetragen zu haben, weil deren Stabilisierungspotentiale nicht einmal getestet werden sollten.  

China lernt langsam und gründlich. Es reagiert zunehmend empfindlich darauf, als Hort des Bösen diffamiert zu werden, weil es seinen eigenen Entwicklungsgang einschlägt und nicht den Träumen eines unilateralen Leitbildes nachläuft. Man kann mit Blick auf Russland in der Ukraine feststellen, „Dieser Krieg ist überhaupt nicht im Interesse der Chinesen“ und zugleich Widersprüche einer „Schaukelpolitik“ feststellen. Das macht China weder zum Schurken noch totalitär, wie es ausgerechnet das transatlantische Narrativ Mantra-artig in die Gehirne der Öffentlichkeit wäscht. Vielmehr ist man verärgert über das Versagen der russischen Führung, den eigenen Zuständigkeitsbereich in Ordnung zu bringen, um Kraft für die übergeordneten Ziele zu haben. Die werden im historischen Zusammenhang verstanden und erfordern einen entsprechend langen Atem. Massiven Druck auf Russland auszuüben, kommt angesichts der eigenen Maxime der Nichteinmischung nicht in Betracht. Die EU kann das nicht realistisch verlangen sondern täte gut daran, sich konstruktiv zu Chinas Angeboten zu verhalten, auch oder gerade wenn diese von Gerissenheit und Standfestigkeit gezeichnet sind. Die Belt and Road Initiative war offen angelegt, mit Gestaltungsspielräumen für intelligente Mitspieler. Warum hat man nicht längst die Initiative gestartet, um einen EU-China Kooperationsrat zu gründen? Wo sind die Pläne für ein deutsch-chinesisches Jugendwerk?  

Das Ende des Monopolismus

Nicht ohne Enttäuschung über das Ausbleiben jeglicher Resonanz, vor allem vom Lieblingspartner Deutschland, betreibt China seine Agenda. Dabei nimmt man in Kauf, dass einstweilen die strategische Gesamtentwicklung auf Kosten taktischer Rückschläge geht. Die Tatsache, dass China sich mit seiner Position in der Mehrheit der Nationengemeinschaft befindet, wird von amerikanischen Medien wahrgenommen. Newsweek warnt, „In der allgemein als ‚Globaler Süden‘ bekannten Welt ist China heute beliebter als die Vereinigten Staaten“ und weist damit auf eine längst laufende globale Emanzipation vom System-Monopolismus hin, die sich auf allen Ebenen der Infrastrukturen, Soft-Power und institutionellen Ausrichtung, zu den Organisationsprinzipien der UN hin vollzieht. 

Hier mag man sich wundern, aber wie soll das gehen? Auf ein Gespräch mit dem Fremden kann man sich vorbereiten. Dabei hilft die Frage: Warum machen die es so und nicht anders? Trotz der dynastischen Regentschaft der Partei geht es China, verglichen mit der Situation vor 50 Jahren sehr gut. Das „Wegen“ an die Stelle des „Trotz“ zu denken scheint ein Tabu zu sein - Tabus sind jedoch Hinweise auf besonders geschuldete Aufmerksamkeit. Gerade hat die in Genf ansässige Weltorganisation für geistiges Eigentum den „Globalen Innovations-Index 2022“ veröffentlicht. In diesem Ranking rückt China auf Platz 11 vor und überholt Frankreich, als einzige Volkswirtschaft der mittleren Einkommensgruppe. Das drückt vor allem einen echten Zuwachs an ökonomischen Schlüsselkompetenzen aus.  Wie kann das sein? 

Chinas Außen- und Innenpolitik drückt in wachsendem Masse Chinas eigene kulturelle Befindlichkeit aus. Was außen am Beispiel Ukraine sichtbar wird, hat einen inneren Resonanzboden. Nach wenigen Jahrzehnten des friedlich wachsenden Wohlstands bestimmen nicht der kurzatmige Blick auf Börsenwerte oder vorlautes Twittern das Leben sondern: der weite Blick in Zeit und Raum hegt die Enge und Hektik der Lebenswirklichkeit ein. Wer im Alltag zufrieden und in Würde, im Gewimmel einer Milliardenbevölkerung zurechtkommt, findet seinen eigenen Lebensrhythmus, weiß etwas über die Zeit, die er sich zwischen den Reibungspunkten mit allen anderen herausnehmen kann. Was man von außen sieht ist die Geschwindigkeit und Ordnung. Was man sehen lernen muss ist die Zeit, auf der das beruht. Das fließt aus einer früh trainierten Haltung, im Inneren Abstand zu nehmen, um sich selbst treu zu bleiben. Wenn die Welt um einen herum keine Ruhe gibt, verlangt es die gesunde Entwicklung, sein Innenleben einzurichten und mit dem Maß an Verlässlichkeit zu verbinden, das zuverlässig ist. So gewinnt Freundschaft einen höheren Stellenwert als institutionelle Pflichten. Hier überlebt, wer sich aus dem Strom heraus nehmen kann. So entsteht ein unternehmerischer Ansatz. Jeder muss mit der Zumutung fertig werden, für sein Schicksal Verantwortung zu tragen. So beginnt ein Ansatz der sozialen Vernunft. 

Das Gegenteil von Konfrontation

Die tastende Vorsicht, der man auf allen Ebenen der Gesellschaft begegnet und durch die Beziehungen ausgehandelt werden,  kultiviert eine Tugend, die wir als Toleranz kannten: Duldsamkeit, etwas zuzulassen oder zu ertragen, ohne den Blickkontakt aufzugeben. Im Inneren bestimmt die Risikovermeidung die Haltung. So wird ein breites Spektrum ausgemessen, vom aktiven Risikomanagement präventiver Absicherung und Opportunismus mit Rückzug ins Private – zur Feier der eigenen Fortschrittsgewinne, bis hin zur Apathie des idiomatischen „Flachliegens“ oder „Gammelns“ der Entmutigten. Nach Außen tritt dieses Spektrum der tätigen Duldsamkeit als Nichteinmischung zu Tage, idealer Weise in der klassisch konfuzianisch-daoistischen Tugend des Wuwei (Nichteingreifen). 

Alle diese Ebenen und Spielarten der Toleranzbereitschaft verbindet es, das Gegenteil einer Haltung der Konfrontation zu sein. Es braucht sehr viel Frustration, ehe sich Ärger außen störend bemerkbar macht – aber dann bleibt kaum ein Ansatz für Maß und Ziel. Die Harmonie ist historisch tief leiderprobt, die Regierenden kennen und fürchten den Moment, in dem die Ströme des Volkes das Boot der Herrschaft ins Wanken bringen. Für das Interesse an Frieden muss man keine Menschenliebe oder Sentimentalität unterstellen. Es ist vor allem der ökonomischen Einsicht geschuldet, dass gute Haushaltsführung darin besteht, alles von Wert schonend zu behandeln und pfleglich zu nutzen. Es ist demnach widersinnig, die Kuh zu quälen oder zu töten, solange man sie melken kann und sie einem nichts tut. 

Man fährt auf Sicht, vermeidet starke Signale und gliedert sich ein – nicht aus Harmoniesucht sondern um auf die Gelegenheiten zu warten, die einen entschlossen zugreifen lässt. „Sein Licht unter den Scheffel zu stellen“ hilft dabei das eigene Kapital richtig einzusetzen. Die Effekte eben dieses kulturellen Grundmusters hat Deng Xiaoping freigesetzt, als er 1978 verkündete, bis auf weiteres sei es in Ordnung reich zu werden und ganz gleich, welche Farbe der geschickte Räuber dabei trage. Immer war selbstverständlich, dass diese Ansage einem vorübergehenden Zweck diente, jederzeit korrigiert werden konnte und anschließend durch eine weitsichtig geregelte Politik abgelöst werden würde. Denn der Zustand der fortdauernden Ausnahme-, Krisen- und Profitmaximierung ist dem historischen Wissen ebenso zuwider wie der sozialen Vernunft.  

Chinas Monroe-Doktrin

Diese Kultur lebt von der Navigation in Grauzonen und Zwischentönen, nicht weil es besonders anheimelnd wäre, im Ungefähren zu wabern, sondern aus Interesse an der richtigen Gelegenheit. Melancholie hat dagegen ihren Platz, wie bei Heine, in der Poesie. Die politische Seite ist glasklares Kalkül. Es ist klug, Gelegenheit nicht zu forcieren sondern sie zu nutzen wie sie sich ergibt. Man lädt Fortuna ein, indem die Türen offen bleiben und eine freundliche Begrüßung bereit steht, nicht durch Sprach- oder Quotenzwang. 

Einen Krieg außerhalb seiner unmittelbaren territorialen Grenzgebiete hat China niemals geführt. Seine Monroe-Doktrin ist Jahrtausende älter und subtiler als die uns geläufige. China verteidigt seine Interessen auch am Hindukusch, aber konsequent mit diplomatischem und wirtschaftlichem Vorgehen. Bomben, Auftragsmorde und Putsche zerstören Vertrauen, Infrastruktur und die wertschöpfende Resilienz jeder Gesellschaft, sie vernichten Ressourcen anstatt deren Einsatz klug für die Wertschöpfung zu steuern.  

China ist kulturell sehr gut darauf eingestellt, insbesondere international tolerant zu sein. Wikipedia erklärt Toleranz als „ein Gewährenlassen und Geltenlassen anderer oder fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten.“  Duldsam, nachsichtig und weitherzig zu sein verbindet die Völker ebenso wie Humor. Wenn die NZZ am 4. Oktober meldet, „Außenministerin Annalena Baerbock sieht derzeit keine Chance für Verhandlungen über ein Ende des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine.“, so ist da von alledem keine Spur, denn nicht einmal der gute Wille kommt vor.  Humor entsteht im Versuch, Differenz überraschend neu zu denken. Er ist ein erprobtes Mittel, aufzurütteln, Gelegenheit zu schaffen und eigene Verkrampfung zu lösen. Das geht aber nur, wenn man souverän genug ist, das zu verstehen und zu wollen. Geltenlassen ist ein aktiver Willensakt, kein larmoyantes Wegducken.

Krieg ist Krieg

Die Angst vor einem neuen Freund im Osten, der plötzlich nicht mehr exotisch ist, wirkt engherzig und kleinkariert. Dass diese Abwehrhaltung ein Problem ist, das auch ohne China besteht, sich aber China gegenüber besonders schrill ausdrückt, zeigt die neue Sprache der „Zeitenwende“. Sprache ist der erste Ort der Verantwortung. Vom „Krieg“ zu reden bedarf keiner Steigerung oder Betonung, keines „brutalen Angriffs“- oder „verbrecherischen Vernichtungs“- Zusatzes. Krieg ist Krieg, das Unsagbare menschlicher Gemeinheit. Wer mehr Worte braucht, dem fehlt es einfach an Wissen. Auch hier ist Sparsamkeit ein Gebot, in dem sich der eigentliche Wert des Ökonomischen in der Sprache zeigt. Die deutschen Medien passen nicht auf, sondern sie machen mit. In China hält sich die ihrem Auftrag gemäß staatstragende Presse an das Gebot Berichte von Meinungen zu unterscheiden und möglichst sachlich zu berichten; Hetze und Diffamierung kommen nach Plan zum Einsatz, das Thema Krieg ist besonders sensibel. 

Jede sprachliche Relativierung von Krieg oder Holocaust ist ein Akt der Verrohung. Das frivole Amalgam aus Verharmlosung des Grauens und Verhöhnung der Opfer hält das Übel nur weiter am Drücker. Das spürt man auch in China, wo existentielles Grauen weniger explizit als subtil präsentiert wird. Auch hält man sich mit der Suche nach „Schuldigen“ eher zurück, denn man geht davon aus, dass die amerikanische Macht in der Lage sei, auch diesen Krieg abzuwenden, wäre ihr das ein Anliegen gewesen. Vor allem aber, es gibt Historiker und internationale Richter, die sich darum kümmern sollen. Der Politik ist aufgegeben, zu lernen, nicht zu zanken. 

Die Gesellschaft muss sich daran gewöhnen, dass einfache Wahrheiten in unserer Risiko-Weltgesellschaft ihren Preis haben, je lauter desto verdächtiger. Dem trägt China mit seiner Graustufen-Modulation Rechnung. Die Differenz zwischen Krise, die furchtbar genug sein kann, und Krieg lässt geistige Spielräume bis zum letzten Moment offen, die für Frieden zu nutzen ist. Toleranz ist der Raum für Aktion und Zurückhaltung, der entsteht, wenn Haltung und Sprache durch Humor im Leben bleiben.  

Chinas Strategie für eine neue Weltordnung will keinen Krieg. Sie verlangt zwar, auf Aggression vorbereitet zu sein, zielt aber ihrerseits durch die Bäuche und Herzen auf die Köpfe der Menschen. China hat den Kampf um die Deutungshoheit, was eine gute Demokratie sei, nicht aufgegeben, sondern soeben wieder belebt.  Da sonst niemand zu wagen scheint, den fortlaufenden Kampf um die Gestaltung der Demokratie zu führen, nimmt China das planvoll und mit einigem Aufwand in die Hand. Auf die amerikanische geistige Besitzstandskampagne des „Demokratiegipfels“ im Dezember, der von China überhaupt nichts wissen wollte, reagierte man fast stoisch: dann machen wir es eben selbst. Davon erfährt die deutsche Öffentlichkeit nichts, unter dem Filter, der meint, „glaub ich nicht - kann nicht sein“. Deutschland erscheint zur Zeit, aus China betrachtet, auch dem Deutschen als ein fremder Planet, einst von einer hochstehenden Zivilisation bevölkert und plötzlich von allen guten Geistern verlassen, mit verfallenden Infrastrukturen und geistig verödend. Alles Gute für den Neuanfang! 
 

Jan Kreppel | So., 23. Oktober 2022 - 09:06

Welch ein großartiges Land, so friedliebend und tolerant! Dass Millionen von Uiguren in‘s KZ gesperrt werden? Dass das abtrünnige Taiwan bedroht und eingeschüchtert wird? Dass jede Opposition in Hongkong (wie auch im eigenen Land) brutal unterdrückt wird? Ach was, niemand ist perfekt!

Ja, ich hätte aufhören sollen zu lesen nach: „China ist auf dem Weg, ein Garant der Nichteinmischung und des Friedens zu werden.“
Der Text von Herrn Düring ist ein klassisches Beispiel von „going native“, ein Begriff, der den Prozess der Anpassung des Forschers an das Erforschte bezeichnet, mit der für die wissenschaftliche Disziplin einhergehenden problematischen Konsequenz des Verlusts von Distanz und Objektivität.

Bernd Windisch | Mo., 24. Oktober 2022 - 11:43

Antwort auf von Kai Hügle

Der Text von Herrn Kreppel ist ein klassisches Beispiel von „going Narativ“, ein Begriff, der den Prozess der Anpassung des Schreibers an den Mainstream bezeichnet, mit der für den politischen Diskurs einhergehenden problematischen Konsequenz des Verlusts von Distanz und Objektivität.

Mit einer aus dem Mittelalter stamenden Hau - Drauf - Sichtweise fliegt uns diese schöne Welt alsbald um die Ohren. Ein schünes hat diese Sichtweise allerdings. Um den Klimawandel muss nun niemand mehr ein Gewese machen. Folgen wir den Falken lösen sich alle Probleme von ganz allein. Darauf ein riesengroße(r)(s) Pils.

Sie haben die Bedeutung des "going native" offenbar nicht mal ansatzweise verstanden. Denn durch den Hinweis auf die Drohungen gegen Taiwan, die Gleichschaltung Hongkongs und die Lager, in denen Hunderttausende Uiguren interniert sind, hat Herr Kreppel (mit einer gehörigen Portion Sarkasmus) die Auslassungen Herrn Dörings offengelegt. Die UN hat zu den Lagern in Xinjiang kürzlich einen bedrückenden Bericht vorgelegt:

https://www.sueddeutsche.de/politik/china-menschenrechte-un-bachelet-ui…

Manfred Bühring | So., 23. Oktober 2022 - 09:07

Ein sehr kluger Beitrag über ein China neben dem Sozialkreditpunktesystem. Man muss sich hin und wieder vergegenwärtigen, dass China in der Neuzeit keine aggressive und expansive Außenpolitik betreibt, keine Rohstoff- oder Stellvertreterkriege vom Zaun bricht, kein Regime-Change über die eigenen Geheimdienste initiiert, keinen Kolonialismus a la Europa in Afrika betreibt bzw. betrieben hat. Man kann nicht müde werden, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die ökonomische und kulturelle Zukunft Europas in der eurasischen Achse, also der Zusammenarbeit mit Russland und China liegt. Eine moralgetriebene Politik, wie sie derzeit von unserer Bundesregierung praktiziert wird, allen voran den Grünen, ist dazu natürlich unfähig mit fatalen Folgen für unser Land.

Alexander Brand | Mo., 24. Oktober 2022 - 09:30

Antwort auf von Manfred Bühring

China betreibt die weltweit aggressivste Außenpolitiken, allerdings unterscheiden sich die Mittel der Chinesen von denen des Westens. Sie sind subtil, sie finden im Verborgenen statt, sie breiten sich aus, wie ein Krebsgeschwür und wenn man es merkt, ist es i.d.R. zu spät – Exitus!

China kauft unbemerkt Industrien/Infrastruktur in Europa auf, China hat an jeder großen Uni in der EU eine Dependance des Propagandaministeriums sitzen, sie nehmen Einfluß auf die Meinungsbildung, China saugt unser Wissen und somit unseren Wohlstand systematisch ab, China vergibt an die Pleitestaaten des europäischen Ostens und Südens Massenkredite und erzeugt so Abhängigkeiten. Die „Diskussion“ um den Hamburger Hafen ist das jüngste Beispiel: wer unsere Häfen kontrolliert, der kontrolliert unsere Wirtschaft denn er bestimmt was rein und was raus darf!

Die Entwicklungen sind fatal, wer die immense Gefahr die von China ausgeht unterschätzt, ist entweder dumm oder naiv! Mit „Moral“ hat das nichts zu tun.

Christoph Kuhlmann | So., 23. Oktober 2022 - 09:21

Es ist ein Unterschied, ob ein Elefant verstimmt ist oder eine Maus Tollwut hat. China ist einfach aufgrund seiner Größe und seinem Mangel an Demokratie kritisch. Zudem wurde uns unsere Abhängigkeit von diesem Land durch die Coronakrise vor Augen geführt. Zahlreiche Hafenprojekte der Seidenstraße haben Chinas Partnerländer in die Geiselhaft der Schuldenabhängigkeit geführt. Aber, verglichen mit dem europäischen Imperialismus ist das natürlich harmlos. Im Gegenteil, es wird die Schuldenkrise in China verstärken, von der niemand weiß, welche politischen und ökonomischen Folgen sie haben wird. Xi Jinping will die Taiwan-Frage in den nächsten fünf Jahren lösen. Die USA schmieden ein Bündnis mit den asiatischen Mächten der Region, um dem chinesischen Hegemoniestreben zu begegnen. Niemand weiß, wie die USA auf eine Besetzung Taiwans reagieren wird. Die chinesische Rhetorik ist diesbezüglich brutal und kriegslüstern und die Warenströme aus China lassen sich auf dem Seeweg leicht blockieren.

Karl-Heinz Weiß | So., 23. Oktober 2022 - 09:27

Nach der Lektüre frage ich mich: warum hat Xi die Beglückungsmaßnahmen "Gesichtserkennung" und "Sozialpunktesystem" nicht viel früher eingeführt ? Lassen sich die Uiguren vom Autor des Beitrags überzeugen ?

Helmut Bachmann | So., 23. Oktober 2022 - 12:40

Antwort auf von Karl-Heinz Weiß

Man sollte Tibet nun wirklich nicht vergessen.

Andre Möller | So., 23. Oktober 2022 - 10:40

zum Text zeigen, dass er sehr notwendig ist. Gelesen wurde er zwar, aber nicht ansatzweise im eigenen Hirn "verarbeitet". Nur exzessives "Nachgequatsche" der üblichen Floskeln und des beabsichtigten Narrativs der westlichen Propaganda. Primärquellen scheinen nicht mehr zu existieren. Das ist das Verhalten von Troglodyten, die die richtige Welt fürchten und nicht ertragen. Europa ist von allen guten Geistern verlassen. Leider. Verfangen in Unbildung, Nichtwissenwollen, Denkfaulheit und Hegomonialität - eingebildeter wie realer (US-amerikanischer), aber verdrängter. Daher die Lautstärke und der Geifer gegen alles östliche. Wie war das mit dem Splitter und dem Balken... Jeder außerhalb Europas kann bemerken, wie schwach und irrational deshalb die EU und damit ganz Europa dasteht.

Lieber Herr Möller, ich wäre sehr dankbar, wenn Sie mir Ihre "Primärquellen" nennen würden.
Herzlichst, Ihr Troglodyt, Jan Kreppel

Helmut Bachmann | So., 23. Oktober 2022 - 11:47

Nun also auch Chinaversteher. Alles supi da drüben, wir sind die Bösen. Die Naivität der Grünen einfach umgekehrt. „Versteher“ nerven, denn sie müssen zwanghaft das Gut/Bösespiel beibehalten, eben nur umdrehen.

Sabine Lehmann | Mo., 24. Oktober 2022 - 14:59

Antwort auf von Helmut Bachmann

Die Abkehr vom plakativen, eindimensionalen "scharz-weiß", "gut-böse" war genau das was der Autor eigentlich mit seinem Beitrag vermitteln wollte. Sie haben die Intention leider nicht verstanden, Herr Bachmann.

Gerhard Lenz | So., 23. Oktober 2022 - 12:17

Durch den großen Vorsitzenden. Der auch schon mal Führer hieß, oder noch anders.

Das geht verlässlich in die Hose. Demokratie ist also, was die Führungsclique dafür hält? Und wer solches Demokratieverständnis nicht teilt, ja dies sogar in der Öffentlichkeit zeigt, wird gegebenenfalls von Panzern überrollt.

Auch der "demokratische Zentralismus" war ja in der Theorie eine Form von Demokratie - es wurde immer gewählt, auch wenn das Ergebnis bereits vorher bestimmt wurde.

Demokratie birgt immer ein systemimmanentes Risiko: Sie kann sich, höchst demokratisch, selbst abwählen.
Das war in Deutschland der Fall, als ein Großteil der Deutschen zu Hitlerfans mutierte. Das ist in Italien der Fall, wo demokratische Demokratiefeinde an die Regierung kamen. In den USA, wo ein Trump und zahlreiche Verbündete nur eigene Wahlsiege als "echte Demokratie" verstehen.
In einem demokratischen Staat zu leben bedeutet nicht, dass auch demokratisches Bewußtsein Allgemeingut ist.
Sonst gäbe es keine AfD...

"Demokratie birgt immer ein systemimmanentes Risiko: Sie kann sich, höchst demokratisch, selbst abwählen.
Das war in Deutschland der Fall, als ein Großteil der Deutschen zu Hitlerfans mutierte. "

In Deutschland wurde noch nie die Demokratie abgewählt. Haben Sie schon einmal etwas von der Machtergreifung Hitlers gehört? Im November 1932 wurde die NSDAP stärkste Partei verfehlte aber mit 43,9 % die absolute Mehrheit. Die Machtübergabe durch den greisen Hindenburg hat Hitler den Weg in die Diktatur eröffnet. Die deutschen haben also mitnichten die Diktatur gewählt.

Es ist immer wieder erstaunlich mit welch dürftigen Hintergrund an Wissen die Welt in Schwarz und Weiß eingeteilt werden kann. Der antike Demagoge war übrigens ein angesehener Redner und Führer des Volkes bei politischen Entscheidungen. Heute sind Demagogen, wie im vorliegenden Fall, eher peinlich.

Markus Michaelis | So., 23. Oktober 2022 - 12:53

Was ich teile ist die Kritik an Europa und dem Westen: KEINE Werte, auch nicht "unsere" Demokratie, Menschenrechte etc. sind so universell, dass man sie als DIE Werte für die ganze Welt ansehen sollte. Schon weil wir unsere genaue Vorstellung davon ja auch laufend verändern und aus Respekt vor all dem, was auch wir nicht verstehen und nicht letztlich verstehen können im menschlich-gesellschaftlichen Durcheinander. Der Westen ist zu absolut in seinen Auffassungen bei gleichzeitiger fortlaufender Neuausrichtung wo gerade aktuell der absolute Nordpol liegt.

Die Darstellung Chinas in diesem Artikel hat denke ich Punkte, über die es sich lohnt nachzudenken - auch um zu verstehen, dass nicht die ganze Menschheit westlichem Denken folgt. Andererseits kommt mir die Sicht auf China hier auch einseitig schöngefärbt vor. Ich sehe bei China viele Dinge, Politik, Verhaltensweisen, die ich mir für meine Politik und Gesellschaft so nicht wünsche.

Gerhard Fiedler | So., 23. Oktober 2022 - 12:58

Es war nötig, das Bild von China, lieber Herr Döring, einmal ganz anders zu zeichnen, als dies in Deutschland gemeinhin geschieht. Als nicht souveränes Land sich stets dem Denken und den Vorgaben der USA verpflichtet zu fühlen, wie dies schon zu Russland der Fall ist, formt auch unser Bild von China. Nicht zuletzt tragen die Unfähigkeit der deutschen Politik, eigenständig und realitätsbezogen denken und handeln zu können, ihre geistige ideologische Verödung und ihr fehlender Mut dazu bei. China hingegen hat es völlig richtig erkannt, wie Sie es, Herr Döring, mit Ihren Worten zum Schluss ausdrücken: „Deutschland erscheint zur Zeit, aus China betrachtet, auch dem Deutschen als ein fremder Planet, einst von einer hochstehenden Zivilisation bevölkert und plötzlich von allen guten Geistern verlassen, mit verfallenden Infrastrukturen und geistig verödend.“ Treffender kann man den Zustand Deutschlands nicht beschreiben. Von daher muss auf den Neuanfang wohl noch lange gewartet werden.

Urban Will | So., 23. Oktober 2022 - 13:04

lässt, wenn man es schafft, komplett aus seinem westlich geprägten Kopf heraus zu gehen und versucht, in den der Chinesen hinein zu schauen.
Das Prinzip der kompletten Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer, verbunden mit dem Anspruch an die anderen, dies auch bei China selbst zu berücksichtigen, lässt natürlich freie Hand im Umgang mit dem eigenen Volk und unliebigen Minderheiten im Lande.
Für den Westen ist dieses Prinzip quasi undenkbar. Er mischt sich immer ein, wo er kann, aber vor allem, wo er es auch möchte.
Das kann vorteilhaft sein, kann aber auch zu widerlicher, geradezu lächerlicher Unkonsequenz führen. Gerade zu sehen beim Ukrainekrieg.
Die eingeforderte Gesinnungspflicht, die blinde Bereitschaft, das eigene Land in den Abgrund zu führen, die Weigerung, zu verhandeln, all dies – unter dem Aspekt der Vergangenheit, der selbst geführten Kriege - sind Zeichen komplett verlorenen Gespürs, einer unsäglichen Dummheit.
In der Tat: Alles Gute, Westen!

D. H. | So., 23. Oktober 2022 - 14:13

„Es führt keine Hegemonialkriege“ - das Aufschütten neuer Inseln weitab vom eigenen Festland vor den Küsten anderer Staaten und die militärische Einschüchterung gegenüber Taiwan ist, aus meiner Sicht, nicht weniger aggressiv.
Der Artikel ist genauso einseitig, wie das westliche Bild.

Walter Bühler | So., 23. Oktober 2022 - 18:58

Ich freue mich, dass der Cicero wieder einen Versuch macht, die Stereotypen zu konterkarieren, die in D gegenüber anderen Ländern gepflegt werden, jetzt im Falle China, und vor kurzem im Falle Ungarn.

Dass es in einem so reisefreudigen Land wie Deutschland eine solche Blindheit gegenüber fremden Völkern geben kann, liegt vielleicht daran, dass bei Reisen in fremde Länder überwiegend (billiger) Luxus, und exotische Natur im Vordergrund stehen. Die Träume unserer Vorväter, wenn sie in die Kolonien gereist sind, werden auch heute noch geträumt. Eingeborene sind entweder ein Teil der romantischen, exotischen Natur wie die Löwen und Dromedare, oder sie sind freundliche Dienstboten, oder sie sind auch ein wenig unheimliche Schlingel, mit denen man auf dem Markt um schöne Erinnerungsstücke feilscht. Mehr nicht.

So ist die Welt aber nicht mehr. Die Fremden sind besser.
Wir müssen wieder lernen, selbst zu arbeiten und selbst zu lernen, wenn unser Land in Zukunft noch eine Rolle spielen will

Gisela Fimiani | So., 23. Oktober 2022 - 19:36

Ihr Beitrag, Herr Döring, bezieht seine Einsichten aus der Tiefe einer sehr alten Kultur. Insofern ist Ihr Blick breiter und weiter und vernachlässigt den Blick, den man als kulturell-westlich gewachsen bezeichnen darf. Aus eben diesem Grunde erscheint mir Ihre Darstellung so bedenkenswert. Eine kluge Geopolitik kann nicht aus rechthaberischer, kurzsichtiger und selbstüberhebender Attitude erfolgen. Besonders wir im Westen, sollten derartigen Moralismus unterlassen. Wir sind nicht die „Besseren“! Wir können aber lernen, indem wir über den Anderen lernen. Gleiches gilt für Russland und den Krieg in der Ukraine. Klugheit und Weitsicht sind leider in D nicht zu finden. Hier wird aufgerüstet - von der Moral zur Hypermoral - zum „einzig“ richtigen Weg, der uns jedes gesunden Menschenverstandes beraubt, weil er uns täglich neu aufpeitscht und der Besinnung beraubt. Die „Banalität“ des Bösen ist im Begriff von der Banalität des „Guten“ übertroffen zu werden - mit sichtbaren Folgen.

Sabine Lehmann | Mo., 24. Oktober 2022 - 14:55

Ich empfehle hierzu auch das Gespräch von Herrn Hanselle mit Herrn Döring im podcast. Sehr interessant, weil es eine andere Perspektive zeigt. Diese entspricht aber grundsätzlich nicht dem aktuellen Zeitgeist der Moralapostel, vor allem nicht dem des Weltmeisters in allen politischen Moralfragen, zumindest dann, wenn es gerade ins Kalkül passt und man trotzdem weiter auch doppelmoralische Präferenzen unterbringen kann. Weil nützliche Idioten finden sich auch unter Diktatoren, da wiegt der Nutzen dann manchmal doch mehr als die Menschenrechte. Doppelmoral ist eben doch eine hervorragende Eigenschaft.