Schlucht Debed
Luftaufnahme der Schlucht Debed in Armenien / picture alliance / imageBROKER | Frauke Scholz

Das Tor nach Zentralasien - Warum Europa den Südkaukasus neu entdeckt

Wollen Deutschland und Europa in einer multipolaren Welt nicht zum Spielball werden, müssen sie selbst Akzente setzen. Auch in Regionen, die lange als geopolitische Peripherie galten. Der Südkaukasus ist eine solche Region – als Energielieferant und Tor zu Zentralasien.

Autoreninfo

Oliver Rolofs ist Sicherheits- und Kommunikationsexperte, Direktor des Österreichischen Instituts für strategische Studien und internationale Zusammenarbeit (AISSIC) in Wien und Mitgründer der Munich Cybersecurity Conference (MCSC). Zuvor war er Kommunikationschef der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), wo er zudem das Cyber- und Energiesicherheitspolitik verantwortete.

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Über drei Jahrzehnte ging es gut, bevor dieses Modell der Sorglosigkeit kollabierte: Deutschland hatte seit dem Ende des Kalten Krieges seine Sicherheit weitgehend an Washington ausgelagert, seine Energieversorgung in erheblichem Maße auf Russland gestützt und sein exportorientiertes Wirtschaftsmodell vornehmlich auf den chinesischen Markt ausgerichtet. Über drei Jahrzehnte trug dieses Arrangement maßgeblich zum wirtschaftlichen Erfolg der Bundesrepublik bei. Es bescherte den Deutschen – und auch den Europäern – Sicherheit, günstige Energie und Wachstum und nährte die Illusion, Geografie und Geopolitik spielten im Zeitalter der Globalisierung keine entscheidende Rolle mehr. 

Zunächst die Pandemie, dann der russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine haben diese Gewissheiten zerstört und zwingen Deutschland und Europa in eine bislang ungewollte Rolle: entweder zum Spielball in einer multipolaren Welt zu werden oder selbst als geopolitischer Akteur Akzente zu setzen. Aus dieser Erkenntnis erwächst eine zwingende Konsequenz. Sie verändert den Blick auf die Landkarte. Regionen, die jahrzehntelang als geopolitische Peripherie galten, rücken plötzlich ins Zentrum europäischer Interessen.

Pipelines wurden zu politischen Druckmitteln

Nach dem Ende des Kalten Krieges dominierten offene Märkte und globale Lieferketten das Geschehen. Meerengen, Transitkorridore oder Pipelines waren die selbstverständlichen Vehikel des globalen Handels, während den geostrategischen Faktoren dieser Transportwege lange keine große Bedeutung beigemessen wurde. Mit Russlands Angriff auf die Ukraine änderte sich das schlagartig. Pipelines wurden zu politischen Druckmitteln, Häfen zu strategischen Zielen und Unterseekabel zu kritischer Infrastruktur.

Der aktuelle Iran-Krieg und die weiterhin schwelende Blockade der Straße von Hormus wirken als Brandbeschleuniger in der Debatte über Resilienz, wirtschaftliche Sicherheit und strategische Souveränität. Sie sind Ausdruck einer drastischen Entwicklung: Geografie ist als Machtfaktor zurück und kommt heute vor allem an jenen neuralgischen Punkten zum Tragen, an denen Energie fließt, Daten übertragen und Waren sowie Rohstoffe transportiert werden. Genau deshalb richtet sich Europas Blick inzwischen auf eine Region, die lange vor allem als Krisenherd wahrgenommen wurde: den Südkaukasus. 

Grenzfragen, Minenräumung und vertrauensbildende Maßnahmen

Über Jahrzehnte wurde die Region fast ausschließlich durch den Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die völkerrechtlich zu Baku gehörende Region Karabach wahrgenommen. Der Krieg bestimmte die politische Wahrnehmung, jedoch nicht das geostrategische Potenzial dieser Region. Seit der am 8. August 2025 in Washington eingeleiteten Friedensinitiative zwischen Armenien und Aserbaidschan beginnt sich dieser Blick in Brüssel und weiteren Hauptstädten Europas zu verändern. 

Der Weg zu einem belastbaren Frieden zwischen beiden Ländern bleibt zwar lang. Grenzfragen, Minenräumung und vertrauensbildende Maßnahmen sind weiterhin nicht abschließend geklärt. Dennoch hat sich der strategische Kontext grundlegend verändert. Europa beginnt, den Südkaukasus nicht länger nur als Konfliktraum zu betrachten, sondern als Bindeglied zwischen Europa und Zentralasien. So ist Aserbaidschan inzwischen ein unverzichtbarer Energielieferant Europas. 

Seit dem Strategischen Energie-Memorandum zwischen der Europäischen Union und Aserbaidschan im Juli 2022 baut Baku seine Rolle als alternativer Gaslieferant sogar kontinuierlich aus. Erklärtes Ziel der Vereinbarung ist es, die Lieferungen bis 2027 auf mindestens 20 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich zu steigern. Bis heute konnte Baku seine Erdgaslieferungen in die Europäische Union bereits auf 13 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr steigern. Vor 2022 waren es lediglich 8 Milliarden Kubikmeter.

Seit Januar 2026 werden erstmals auch Deutschland und Österreich direkt beliefert. Grundlage ist unter anderem ein zehnjähriger Liefervertrag zwischen SOCAR und dem deutschen Energieunternehmen SEFE über jährlich 1,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Inzwischen liefert Aserbaidschan Gas in 16 Staaten, darunter zehn Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Das Land am Kaspischen Meer ist damit in kurzer Zeit zu einem wichtigen Baustein der europäischen Diversifizierungsstrategie geworden.

Wichtiger Partner der Europäischen Union in der Region

Mit dem Südlichen Gaskorridor (Southern Gas Corridor) verfügt Europa zugleich über eine Energieverbindung aus dem Kaspischen Raum, die russisches Territorium vollständig umgeht. Das Energieinfrastrukturprojekt umfasst mehrere Pipelines, darunter die Transanatolische Pipeline TANAP, die Erdgas aus dem vor Baku im Kaspischen Meer befindlichen Shah-Deniz-Feld über Georgien und die Türkei bis an die europäische Grenze transportiert. Dort übernimmt die Transadriatische Pipeline TAP den Weitertransport nach Griechenland, Albanien und Italien. 

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine sind TANAP und TAP die Antworten darauf, Europas geopolitische Abhängigkeiten zu reduzieren. Doch Aserbaidschans strategischer Wert beschränkt sich nicht nur auf die Rolle als Energielieferant. Das Land ist zugleich das unverzichtbare Bindeglied zu Kasachstan, dem wirtschaftlich stärksten und rohstoffreichsten Staat Zentralasiens und ebenso wichtigen Partner der Europäischen Union in der Region. Von den kasachischen Häfen Aktau und Kuryk führt der Mittlere Korridor über das Kaspische Meer nach Baku und von dort weiter in Richtung Schwarzes Meer und Europa. 

Damit bildet Aserbaidschan inzwischen auch Europas Zugang zu Zentralasien und zum sogenannten Mittleren Korridor, der als Transkaspische Internationale Transportroute erheblich an Bedeutung gewonnen hat. Er verbindet Europa über Aserbaidschan mit Turkmenistan, Kasachstan und weiter mit Usbekistan, China und den Märkten Zentralasiens. Während die traditionelle Nordroute über Russland durch Krieg und Sanktionen nahezu zum Erliegen gekommen ist und der südliche Weg über den Iran geopolitisch hochriskant bleibt, entwickelt sich diese Achse zu einer der wichtigsten und verlässlichsten alternativen Landverbindungen zwischen Europa und Asien.

Versorgungsachse für Europas industrielle Zukunft

Die Europäische Union behandelt den Korridor inzwischen als strategisches Infrastrukturprojekt ihrer Global-Gateway-Strategie. Erst Ende Juni 2026 bekräftigten Brüssel und Astana ihre Absicht, den Ausbau des Mittleren Korridors sowie die Zusammenarbeit bei Energie, Digitalisierung und kritischen Rohstoffen deutlich zu beschleunigen. Der Mittlere Korridor ist deshalb weit mehr als eine Handelsroute. Er entwickelt sich zu einer immer wichtiger werdenden Versorgungsachse für Europas industrielle Zukunft, die Energie, Daten, Kapital und Waren zuverlässig zwischen beiden Weltregionen verbindet.

Eine der wesentlichen Ressourcen des 21. Jahrhunderts ist Konnektivität. Genau darin liegt auch der derzeitige Perspektivwechsel der Europäischen Union. Bemerkenswert war Anfang Juli in Baku weniger das angekündigte Investitionspaket als die Sprache Ursula von der Leyens. Die Präsidentin der Europäischen Kommission bezeichnete den Südkaukasus als einen der „größten Knotenpunkte der Welt“, der Europa mit dem Kaspischen Raum und Zentralasien verbindet. Kaum ein anderes Land, so von der Leyen, sei so gut positioniert wie Aserbaidschan, um regionale Zusammenarbeit und Stabilität voranzubringen, erklärte sie in Baku im Beisein des Präsidenten von Aserbaidschan, Ilham Alijew.

Ihre Wortwahl markiert einen tiefgreifenden Wandel europäischer Außenpolitik. Noch vor wenigen Jahren blickte man in Brüssel eher auf Konflikte und Defizite in dieser Region als auf ihre strategischen Assets. Heute verbindet die Europäische Kommission den Südkaukasus mit Konnektivität, strategischer Infrastruktur und wirtschaftlicher Resilienz. Das ist ein neuer Ton und Ausdruck einer beginnenden europäischen Geopolitik, die Geografie wieder als strategischen Faktor begreift.

Von der Leyen würdigte Aserbaidschan zugleich ausdrücklich als „verlässlichen und vertrauenswürdigen Energiepartner“. Europa habe nicht vergessen, dass Baku seine Gaslieferungen ausgeweitet habe, als Russland Energie als geopolitische Waffe einsetzte. Dabei bezeichnete sie den Südlichen Gaskorridor als eine Erfolgsgeschichte europäischer Energiesicherheit und stellte das nächste Kapitel der Partnerschaft mit dem Ausbau erneuerbarer Energien, dem Aufbau eines Grünen Energiekorridors zwischen dem Kaspischen Meer und Europa sowie einer engeren Zusammenarbeit bei Stromnetzen und regionaler Energieinfrastruktur in Aussicht. Mit einem höheren Anteil erneuerbarer Energie aus Aserbaidschan können zugleich zusätzliche Gasmengen für Europa freigesetzt werden, um die Versorgungssicherheit weiter zu stärken.

Steinmeier in Armenien und Aserbaidschan

Mit der neuen EU-Aserbaidschan-Konnektivitätspartnerschaft und dem Programm „Peace through Connectivity“ verfolgt die Europäische Union einen entsprechend umfassenden Ansatz. Über das Global-Gateway-Programm sollen bis zu 200 Millionen Euro an Zuschüssen Investitionen von bis zu zwei Milliarden Euro mobilisieren, etwa für Verkehrswege, Energieinfrastruktur und digitale Netze. Genannt werden unter anderem der Ausbau des Hafens von Baku, neue Bahnverbindungen sowie Projekte zur wirtschaftlichen Entwicklung der Grenzregionen. Das politische Ziel formulierte von der Leyen unmissverständlich: Frieden solle nicht nur auf dem Papier bestehen, sondern durch gemeinsame Infrastruktur und wirtschaftliche Verflechtung dauerhaft tragfähig werden.

Auch Deutschland erkennt inzwischen die geopolitische Bedeutung des Südkaukasus. Der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Armenien und Aserbaidschan Ende März und Anfang April 2025 war weit mehr als protokollarische Diplomatie, sondern Ausdruck eines gewachsenen energie- und infrastrukturpolitischen Interesses Berlins. Für Deutschland geht es dabei längst nicht mehr allein um Gas. Es geht um resiliente Lieferketten, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und den Zugang zu den Märkten Zentralasiens. Bundeskanzler Friedrich Merz hat vor diesem Hintergrund Präsident Ilham Alijew zu einem offiziellen Besuch nach Deutschland eingeladen – auch mit dem Ziel, die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Aserbaidschan im Rahmen der europäischen Energie-, Infrastruktur- und Konnektivitätspolitik weiter auszubauen.

In diese Entwicklung fügt sich auch die im Rahmen des Washingtoner Abkommens vereinbarte TRIPP-Initiative („Trump Route for International Peace and Prosperity“) ein. Die als internationaler Transitkorridor im Südkaukasus geplante Route basiert auf dem Friedensabkommen zwischen Armenien und Aserbaidschan, das im August 2025 im Weißen Haus unter Vermittlung der Vereinigten Staaten geschlossen wurde. Der Korridor soll das aserbaidschanische Festland auf einer rund 40 Kilometer langen Strecke durch den Süden Armeniens, die Region Sangesur, mit der aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan und der Türkei verbinden. Die Route umfasst Straßen, Eisenbahnschienen, Energiepipelines und Telekommunikationskabel. Betrieb und Bau sollen durch eine US-Entwicklungsgesellschaft erfolgen, während die formelle territoriale Hoheit und Grenzkontrolle jedoch vollständig bei Armenien verbleiben sollen.

Abseits der Machtzentren Washington, Moskau und Peking

Die strategische Richtung ist dennoch eindeutig: Infrastruktur wird nicht mehr nur als wirtschaftliches Projekt verstanden, sondern als Instrument der Friedenssicherung. Der amerikanische Analyst Gregg Roman wies jüngst darauf hin, dass sich der Westen häufig auf die großen Machtzentren in Washington, Moskau oder Peking konzentriert. Die eigentliche geopolitische Dynamik entsteht jedoch zunehmend entlang der Korridore, die Europa mit dem Südkaukasus und Zentralasien verbinden. Nicht die Peripherie gewinnt an Bedeutung, sondern jene Räume, in denen Energie, Handel, Daten und Infrastruktur zusammenlaufen.

Europa hat aus der Energiekrise gelernt, dass wirtschaftliche Abhängigkeiten schnell zu sicherheitspolitischen Risiken werden können. Die Antwort darauf kann jedoch nicht darin bestehen, alte Abhängigkeiten lediglich durch neue zu ersetzen, wie es gerade beim wachsenden Bezug von US-amerikanischem Flüssiggas (LNG) erneut zu geschehen droht. Europas strategischer Handlungsspielraum wächst dort, wo neue Verbindungen entstehen: zu neuen Partnern, diversifizierten und resilienten Lieferketten sowie alternativen Verkehrsachsen.

Genau deshalb ist der Südkaukasus heute weit mehr als eine Region zwischen Schwarzem Meer und Kaspischem Meer. Er ist zu einem wichtigen geostrategischen Baustein europäischer Geo- und Wettbewerbspolitik geworden. Betrachtet man die Region weiterhin ausschließlich durch die Brille vergangener Konflikte, verkennt man ihre wachsende Bedeutung für Europas Energieversorgung, seine industrielle Wettbewerbsfähigkeit und seinen Zugang zu Zentralasien und neuen Wachstumsmärkten. Auf diese neuen Korridore kommt es an. Wer die Bedeutung dieser Verbindungen richtig erfasst und mitgestaltet, gestaltet die europäische Ordnung des 21. Jahrhunderts mit.

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