Ein französischer Polizist in Paris am 13. November 2015
Ein französischer Polizist in Paris am 13. November 2015 / picture alliance / abaca | Lefevre David

Cicero-Serie: 10 Jahre Terrornacht von Paris - Teil 1: Drei Stunden und achtunddreißig Minuten

Vor zehn Jahren ereignete sich der schwerste Anschlag in der französischen Geschichte: im Bataclan, vor dem Stade de France und auf den Straßen von Paris veranstalteten Terroristen ein Massaker. In einer fünfteiligen Serie beleuchtet Cicero das nationale Trauma, das Frankreich seither prägt.

Autoreninfo

Carolina Kaube studierte Governance and Public Policy – Staatswissenschaften in Passau und absolviert derzeit ein Redaktionspraktikum bei Cicero.

 

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Am Freitag, den 13. November 2015 ereignete sich der schwerste Anschlag in der französischen Geschichte. Islamistische Attentäter rissen an diesem Abend in Paris und Saint-Denis 130 Menschen mit sich in den Tod und veränderten damit das Gesicht der Grande Nation. Anlässlich des zehnten Jahrestags widmet sich Cicero den Geschehnissen von damals: Was ist genau passiert, welche Folgen hatte der Anschlag für die französische Politik, Gesellschaft und auf jene, die seitdem ohne einen geliebten Menschen zu leben lernen mussten? In einer fünfteiligen Reihe gehen wir auf die verschiedenen Facetten dieser Fragen ein und beleuchten das nationale Trauma, das Frankreich seit dieser Nacht prägt.

Aus Belgien kamen sie über die Grenze: Zehn junge Männer, die in Gruppen verteilt an diesem Abend des 13. November 2015 an drei verschiedenen Orten zuschlagen werden, um der Aufforderung ihres Chef-Ideologen vom IS, Abu Mohammad al-Adnani, nachzukommen: die „bösen, dreckigen Franzosen“ umzubringen ist das Ziel, und es ist ihnen gelungen. Beim Stade de France, vor verschiedenen Cafés, Bars und Restaurants im Osten von Paris sowie im Konzertsaal Bataclan werden die Terrorkommandos zuschlagen und dabei 130 Menschen ermorden.

Chronologie einer Nacht des Terrors 

Um 21.20 Uhr beginnt das Grauen, um 00:58 Uhr in der Nacht ist es offiziell vorbei – drei Stunden und 38 Minuten, die als schlimmster Terroranschlag in die Geschichte Frankreichs eingehen werden.

Der erste Anschlagsort ist das Stade de France in Saint-Denis, einer unmittelbar nördlich von Paris gelegenen Stadt. Hier findet gerade das Freundschaftsspiel zwischen den Fußballnationalmannschaften von Frankreich und Deutschland statt, auch der damalige Staatspräsident François Hollande und Frank-Walter Steinmeier in seiner Rolle als deutscher Außenminister sind vor Ort.

Eigentlich haben die Terroristen vorgehabt, ihre Sprengstoffgürtel im vollbesetzten Stadion mit 80.000 Zuschauern zu zünden – dass dieses Blutbad verhindert wurde, liegt nur daran, dass die Attentäter sich zuvor keine Tickets gekauft haben und von der Security daran gehindert werden, das Stadion zu betreten.

Also sprengen sich die drei Männer vor dem Stadion in die Luft, verwunden mehrere und reißen einen Mann in den Tod – ein Passant, der zur falschen Zeit am falschen Ort war und oft vergessen werden wird, wenn von den Attentaten „in Paris“ oder gar nur „vom Bataclan“ die Rede sein wird.

picture alliance/dpa/dpa Grafik | dpa-infografik GmbH

Nahezu zeitgleich beginnt das Morden im 10. und 11. Arrondissement von Paris. Es handelt sich hierbei um beliebte Ausgehviertel, das Publikum ist jung und voller Lebenslust. An diesem Freitagabend im November ist es mild – die Leute sitzen in typischer Pariser Manier auf den terrasses vor den Restaurants und Cafés direkt an der Straße und genießen den Start ins Wochenende. Um 21.25 Uhr kommt ein schwarzer Seat mit belgischem Nummernschild vor der Bar Le Carillon und dem Restaurant Le Petit Cambodge, die sich direkt gegenüber liegen, zum Halten. Männer mit Kalaschnikows steigen aus und zielen auf die Gäste. 

Kurz darauf: dasselbe vor der Bar La Bonne Bière und der Pizzeria Casa Nostra. Schließlich: der schwarze Seat, vor der Bar La Belle Équipe. Drei Geburtstage werden an diesem Abend in dem beliebten Lokal gefeiert, 19 Menschen werden keinen einzigen Geburtstag mehr feiern. Nur wenige Fahrminuten entfernt kommt es in der Brasserie Comptoir Voltaire zu einem Selbstmordattentat. Die Bilanz dieses Massakers auf den Straßen des 10. und 11. Arrondissements: 39 Tote, unzählige Traumatisierte. 

Death Metal und grausame Ironie

Im Bataclan tritt an diesem Abend die amerikanische Rockband „Eagles of Death Metal“. Die Show ist ausverkauft, der beliebte Konzertsaal fasst ungefähr 1200 Menschen, die Stimmung ist ausgelassen. Um 21.40 Uhr verschafft sich die dritte und letzte Gruppe der Terroristen Zutritt zu den Räumen. Das Massaker im Bataclan dauert am längsten und fordert die meisten Toten – ein Grund, weshalb es in der kollektiven Erinnerung oftmals als Synonym für die Attentate des 13. November gilt. Die Attentäter feuern mit Schusswaffen ins Publikum und werfen Handgranaten, sie bringen 90 Menschen um. 

Nach einer Geiselnahme einiger Konzertbesucher durch zwei der Attentäter – der dritte hat sich bereits in die Luft gesprengt – kommt es schließlich zum Eingreifen der Spezialeinheiten BRI und RAID, denen es gelingt, die Geiseln zu befreien und die verbliebenen beiden Terroristen zu eliminieren. 

Wovon viele Überlebende danach berichten werden: ineinander gekeilte Körper, neben- und übereinander im Parkett verstreut unter dem grellen Deckenlicht. Blut und Undefinierbares überall, hervorgerufen durch die Kugeln der Kalaschnikows sowie durch den Selbstmordattentäter, der seinen eigenen Körper in Erwartung des Paradieses auf der Konzertbühne zum Explodieren gebracht hat. Das nicht enden wollenden Klingeln von Mobiltelefonen um die Körper der Leichen herum, deren Mütter, Väter, Brüder, Schwestern, Kinder, Geliebte, Freunde und Bekannte verzweifelt auf ein Lebenszeichen hoffen.

Polizei vor der Konzerthalle Bataclan / picture alliance / dpa | Christophe Petit Tesson

Um 00:58 Uhr am 14. November 2015 ist der Anschlag vorüber. 130 Menschen sind tot. Es gibt fast 500 Verletzte, darunter mehr als 100 schwer. Von 1298 psychisch Verwundeten und mehr als 2600 direkten und indirekten Opfern dieses Abends spricht das interdisziplinäre Forschungsprojekt „13-Novembre“, das sich formieren und in Jahren danach mit einem Team aus Psychiatern, Historikern, Soziologen und Juristen daran machen wird, die Folgen dieses Attentats für die französische Gesellschaft zu rekonstruieren und aufzuarbeiten. 

Es hätte jeden treffen können

Das Jahr 2015 stellt eine Zäsur dar. Seit den Madrider Zuganschlägen von 2004 sind nicht mehr so viele Menschen in Europa Opfer eines Terrorattentats geworden. Die Anschlagsserie, die den Kontinent, aber insbesondere Frankreich, trifft, steht in direktem Zusammenhang mit dem Aufstieg des sogenannten Islamischen Staats: In den Wirren des syrischen Bürgerkriegs befindet dieser sich seit 2014 auf dem Vormarsch. Er breitet sich in Syrien und im Irak aus, woraufhin eine internationale Allianz mehrerer Staaten gebildet wird, die Luftschläge gegen die Stellungen der Islamisten fliegen. Auch Frankreich beteiligt sich im Rahmen der „Opération Chammal“ daran. Die Ideologen der Terrororganisation nehmen das Land daraufhin in den Fokus und rufen zum Dschihad auf. 

Der Anschlag des 13. November trifft die Franzosen nicht aus heiterem Himmel – der islamistischen Gefahr ist man sich spätestens seit den Anschlägen im Januar 2015 auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt Hyper Casher bewusst. Im Sommer desselben Jahres senden ein Anschlag mit einem Todesopfer in Lyon sowie die Attacke in einem Schnellzug auf der Fahrt zwischen Amsterdam und Paris, die nur durch das beherzte Eingreifen mehrerer Passagiere keine Leben kostete, Schockwellen durch die französische Gesellschaft. Doch wie „gewohnt“ kann man schon an den Gedanken sein, jeden Moment sterben zu können? 

Die Fanatiker des 13. November treffen somit auf eine ohnehin vulnerable Gesellschaft, und anders als bei den vorangegangenen Attentaten auf Charlie Hebdo und den Hyper Casher erwischt es nun nicht eine spezifische Gruppe, auf welche die Islamisten es abgesehen haben – linke Karikaturisten, die sich das Recht auf Blasphemie nicht nehmen lassen wollen, Juden, die in einem koscheren Supermarkt einkaufen gehen –: an diesem milden Herbstabend sind es ganz gewöhnliche Pariserinnen und Pariser, Touristen, Fußballfans und Konzertliebhaber. Es hätte jeder sein können. Es ist auch diese Erkenntnis, die sich in das nationale Bewusstsein eingraben und ihre Spuren hinterlassen wird.

Ein Schockzustand, der anhält

Nach dem 13. November 2015 wird der Ausnahmezustand ausgerufen. Das ist das letzte Mal während der Vorstadt-Unruhen von 2005 geschehen, davor 1961 während des Algerienkriegs. Dieser Zustand wird in den kommenden zwei Jahren immer wieder verlängert werden. Er dient der Terrorbekämpfung und ermöglicht es den Behörden beispielsweise, schnellere Hausdurchsuchungen durchführen und Hausarreste verhängen zu können. Die unter Hochdruck geführten Ermittlungen, an denen mehrere Geheimdienste beteiligt sind, haben Erfolg und führen zu einer Terrorzelle im belgischen Molenbeek. Diesem als Dschihadistenhochburg berüchtigten Stadtviertel von Brüssel hat die einstige Entscheidung der belgischen Regierung, die Verwaltung der Religionsausübung der mehrheitlich aus Marokko eingewanderten Bewohner Molenbeeks an das wahhabitische Saudi-Arabien zu übertragen, nicht sonderlich gutgetan. Hier wird schließlich auch Salah Abdeslam, der einzige Überlebende der Attentäter und danach Flüchtige, 2016 aufgespürt und verhaftet. Er wird im Rahmen eines von den französischen Medien als „Jahrhundertprozess“ titulierten Gerichtsverfahrens 2022 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Den Opfern und Hinterbliebenen des 13. November 2015 ist dies nur ein schwacher Trost. Zur Wahrheit gehört auch, dass sich in den darauffolgenden Jahren drei Menschen das Leben nehmen werden, weil sie die Ereignisse dieser Nacht nicht vergessen können. Für manche sind diese drei Stunden und 38 Minuten, die die Französische Republik vor zehn Jahren erschütterten, nie vorbei. 

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Stefan | Mo., 10. November 2025 - 17:08

Ich lese diesen Bericht im Cicero und habe die Rede von Frank Walter Steinmeier, des Bundespräsidenten, zum 9. November gehört,die keineswegs neutral war.
Das Resultat einer Politik,die Frank Walter Steinmeier offensichtlich mit trägt,wird am heutigen Prozesstag zum weihnachtlichen Terroranschlag von Magdeburg deutlich.
Jeder Bundesbürger kann sich dazu selbst seine Gedanken machen.
Ich für meinen Teil,kenne Aufrufe zum diffamieren und bekämpfen der Opposition, lediglich aus Diktaturen in aller Welt.
Ich bin erschüttert und fassungslos angesichts der Tatsachen von Magdeburg, Aschaffenburg und den vielen anderen Anschlagsorten und einer Bundesregierung die das nicht zu verhindern in der Lage ist.
Steinmeier war/ist Genosse der SPD, so wie Klingbeil und Miersch, das sagt alles aus was ich wissen muss und schauen wir mal,wie friedlich dieses Jahr die Weihnachtszeit verläuft.
Ob Betonsperren, sowie die Politik unseres offenbar roten Kanzlers unsere Bürger diesmal schützen bleibt fraglich.

Jens Böhme | Mo., 10. November 2025 - 17:17

Nach solch Terroranschlägen sind Schock und Trauer schnell da. Noch schneller ist das abwehrende Mantra, dass das Leben weiter ginge. Konsequenzen aus den Terroranschlägen werden nicht gezogen. Und wenn, wie nach dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt - Kosten und KnowHow für öffentliche Sicherheit erhöht, dass das öffentliche Leben langsam - aber "sicher" - vor die Hunde geht. In verständliches Deutsch übersetzt: die Ursachen könne man nicht minimieren.

Stefan | Mo., 10. November 2025 - 18:03

Und da hatten wir gestern den 9. November den "Schicksalstag" der Deutschen und heute den Prozessauftakt zum weihnachtlichen Terroranschlag von Magdeburg.
Gestern sagte Frank Walter Steinmeier in seiner Rede an diejenigen die "Unsere/Ihre Demokratie" verteidigen sollen, daß man quasi der Opposition Paroli bieten müsse, denn wer sonst, auch wenn er die AfD nicht namentlich genannt hat, sollte damit gemeint sein ? Ich kenne so etwas lediglich aus Diktaturen, die zum Boykott der Opposition und deren Verbot aufrufen, aber auch die Unterstellung sie seien aus dem Ausland gesteuert
Der Bundespräsident ist/war Mitglied der SPD, wie Klingbeil und Miersch deren Felle davon schwimmen, also Brandmauerbefürworter.
Ulbricht baute einst auch eine Mauer, die konnte man in Berlin besichtigen, die Neue ist in den Köpfen derer, die politisch Magdeburg, Aschaffenburg und alle anderen Anschläge mitzuverantworten haben.
Da ist es schäbig diejenigen zu verdammen, die Abhilfe schaffen wollen.

Christoph Kuhlmann | Di., 11. November 2025 - 10:47

Ich schätze das hat das Mitleid mit IS und Kalifat in der Subkultur enorm reduziert. Man hatte sowieso nichts mit einander zu tun. Die Selektion trifft nicht der Türsteher sondern der Sound.

Christa Wallau | Di., 11. November 2025 - 11:56

D a s ist doch die alles entscheidende Frage.

Für mich gibt es da nur eine einzige Antwort.
Es ist dieselbe, welche Israel auf den Terrorüberfall der Hamas gefunden hat:
Menschen, die derart brutal gegen Andersdenkende vorgehen, gehören selbst in die Wüste geschickt bzw. ausgelöscht!

Mit ihnen sind Verhandlungen unmöglich; denn in ihrem furchtbaren Haß und ihrer Mordlust haben sie längst alle Maßstäbe und Gesetze, welche im sog. "Westen" herrschen (sollten), hinter sich gelassen.

Wenn Frankreich, Großbritannien und - seit dem Jahr 2015 - auch Deutschland (Belgien sowieso!) nicht endlich mit radikalen Maßnahmen auf die Terroristen im eigenen Land reagieren, werden sie den Kampf gegen diese über kurz oder lang verlieren.
Endgültig.
Entweder erhält sich Europa seine über zwei Jahrtausende gewachsene Kultur o d e r es wird zu einer Beute des Islams.
Die Schlacht ist längst im Gange.
Schauen wir nur in den Sudan! Dort können wir täglich beobachten, wozu Terroristen fähig sind.

Hallo Frau Wallau, da ich ähnliches schreiben wollte, kann ich mir einen Kommentar ersparen.
Aus den Anschlägen wurde gar nichts gelernt und es wurden auch keine Konsequenzen gezogen.
Terroristen konnten seit den Anschlägen ungehindert in unsere Länder einreisen, sie erobern. Sie dürfen lauthals ihre Forderungen nach einem Kalifat skandieren. Niemand hindert sie daran. Sie dürfen auch (zum Teil ungestraft) weiter morden.
Es ist die absolute Unterwerfung unter eine mörderische Ideologie.