Kalter Krieg - Wie der „Unternehmen Barbarossa“ zum Abenteuerurlaub wurde

In Landser-Heften und Illustrierten verwandelte sich Hitlers Überfall auf die Sowjetunion in den fünfziger Jahren in ein heroisches Ereignis, das seinen eigenen Platz im Kalten Krieg behauptete.

Diesen Artikel finden Sie in der Juni-Ausgabe des Cicero.
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Die Trümmer in den deutschen Städten waren noch nicht weggeräumt, die Kriegsversehrten und Kriegsblinden gehörten noch zum Straßenbild, alte Wehrmachtsmäntel wurden noch aufgetragen, eine Bilanz des millionen­fachen Völkermords an Europas Juden existierte noch längst nicht, und Zehntausende Verantwortliche für das größte moralische und politische Debakel der deutschen Geschichte saßen weiterhin in Amt und Würden.

Ein Jahrzehnt nach Kriegsende stieg die publizistische Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zum vierfarbig illustrierten Unterhaltungsgenre auf. Das „Unternehmen Barbarossa“, der Überfall auf die Sowjetunion, erschien als militärisch heroisierende Abenteuerserie in der Zeitschrift Kristall. Verfasst hatte sie ein gewisser Paul Carell. Hinter dem Pseudonym verbarg sich der ehemalige SS-Obersturmbannführer Paul Schmidt und Sprecher von Ribbentrops Auswärtigem Amt, der inzwischen hoch bezahlter Berater des Verlegers Axel Springer geworden war. Er sollte später den Russlandfeldzug als „Präventivkrieg“ charakterisieren. Seine Interpretation des Überfalls gehörte während der Gründung der Bundeswehr zur mentalen Ausrüstung vieler ehemaliger Wehrmachtsoffiziere in neuen Uniformen.

Immerhin gab es in den fünfziger Jahren bereits erste Verfahren gegen Kriegsverbrecher vor deutschen Gerichten: „Denn sie mussten wissen, was sie tun“, überschreibt die Illustrierte Stern im Jahr 1958 ihren Prozessbericht gegen sechs Angeklagte, die beschuldigt wurden, in den letzten Kriegstagen auf Befehl des SS-Generals Hans Kammler 129 russische Arbeiter, 77 Frauen und zwei Kinder erschossen zu haben. Der nachfolgende Artikel nimmt den Vorwurf des Titels allerdings zurück: Vor Gericht ständen „sechs unbescholtene, korrekte und erfolgreiche Bürger aus unserer Mitte“. Die zahlreichen Fotos zeigen nicht die Opfer, sondern mitfühlend die mutmaßlichen Täter: freundliche Familienväter im Kreis ihrer lächelnden Familie. Viele Leser protestierten gegen die Überschrift: „Hört doch auf mit dem Irrsinn, deutsche Menschen zu verurteilen, die keine Zeit zum Überlegen hatten, was sie taten oder tun sollten“, oder: „Ich bin erstaunt, dass Sie sich jetzt an der Hetze gegen eine tapfere Truppe und an der Schwarzmalerei beteiligen.“

Die Illustrierten Stern und Quick erreichen in den fünfziger Jahren ein Millionenpublikum. Die Hefte werden gekauft, weitergereicht, in Arztpraxen und beim Friseur gelesen. Von Kriegsverbrechen wie anlässlich des Prozesses in Arnsberg berichten die Reporter eher selten und wenn, setzen sie „Kriegsverbrecher“ in Anführungszeichen, oft mit dem Zusatz „sogenannte“. Umso leidenschaftlicher erinnern sich Fortsetzungsromane und historisierende „Tatsachenberichte“ an Vergangenheit und Krieg. Deren Akteure handeln, denken und fühlen wie Romanfiguren. Im Zentrum der Quick-Serie „So wahr mir Gott helfe“ steht der Hitlerjunge Hans, der den eleganten Major Dittrich grenzenlos bewundert: Er betrug sich wie ein Sportsmann, deshalb bekam ihm der Krieg. „Er war undenkbar ohne Reitstiefel und Pistole. Von beiden trug er immer das neueste Modell. Hans dachte: Was für ein großartiger Kerl, so möchte ich auch sein.“

„Schwere deutsche Bombenangriffe setzten die Eisenbahnlinien außer Betrieb, brachten den Straßenverkehr durcheinander und unterbrachen das Nachrichtennetz. Die Heeresgruppen säubern das besetzte Gebiet.“ Mit kühlem Stolz beschreibt die Stern-Serie „In Europa gingen die Lichter aus“ den deutschen Vormarsch nach Osten. Diese Texte, von einzelnen Autoren oder Autorenteams von Heft zu Heft verfasst, spiegeln einen Mainstream von Ansichten, Interpretationen und Überzeugungen wider, auf die sich die Mehrheit der Leser – auch mit kontroversen Leserbriefen – verständigt. Immer wieder geht es um die Frage, ob die Offiziere und Mannschaften der Wehrmacht nun eigentlich (böse) Nazis oder (gute) loyale Soldaten gewesen seien. Generalfeldmarschall Walter von Reichenau beispielsweise, von dem die Quick weiß, dass der „Führer“ ihn einst mit Tränen in den Augen empfing, „weil Sie der einzige General des Heeres sind, den man als Nationalsozialisten bezeichnet und den ich aufrichtig schätze“, bekommt den Beinamen „General zwischen den Stühlen“. Er wird als Mann „mit einem Ruck zum Genialen“ charakterisiert: „Ein sprühender Kopf, den die Einfälle jagen, der die halbe Welt bereist hat, ein halbes Dutzend Sprachen und die Literatur kennt, der Shakespeare übersetzt und Gedichte hersagt und zugleich doch so fest in der militärischen Wirklichkeit steht.“ Walter von Reichenau, der mit der 6. Armee „nach Russland marschiert“, habe das Verhängnis gesehen, heißt es nebulös, aber das sei die Schuld derer, die versäumten, rechtzeitig „die Hand auf Hitler zu legen“. Solche rhetorischen Fragen und Antworten wiederholen sich häufig: Waren die Offiziere „Paladine“, also ergebene Gefolgsleute, „treugläubige Werkzeuge“ oder „erbitterte Gegner“ Hitlers? Antwort: Ein jeder suchte nach seinen Möglichkeiten, „die Hand auf Hitler zu legen“.

So gab es beim Überfall auf die UdSSR, in diesem „Weltanschauungskrieg“, keine „schwarzen Schafe“, Sadisten und Mörder? Doch. Zufälligerweise aber (fast) nur unter denjenigen Offizieren, die in sowjetischer Gefangenschaft dem „Nationalkomitee Freies Deutschland“ beitraten, „Verräter“, nach landläufiger Auffassung. Unter der Überschrift „Der große Schwindel“ beklagt der Stern 1952 die ungerechte Verurteilung der Generäle Hermann Hoth und Hans von Salmuth wegen Judendeportationen: „Zwei Generäle büßen für die Tat des dritten“, heißt es in dem Bericht, denn der wirklich Schuldige, General Vincenz Müller, der nun in der DDR lebt, habe nicht vor Gericht gestanden: „Müller leitete persönlich den Einsatz von Heeresteilen bei den Judenerschießungen. In Artemowsk wurden 1300 Juden liquidiert.“ Offenbar überrascht diese Nachricht (von der Judenerschießung) die Leser nicht. Sie wissen jetzt Bescheid.

Trotzdem wird die Formel „nichts gewusst zu haben“ gehörig strapaziert. Wie absurd sie war und ist, verrät eine Passage in der Quick-Serie „Haie und kleine Fische“. Darin diskutieren die beiden Fähnriche Heyne und Teichmann die Ermordung der Juden. „Meinst du, die hohen Generäle, die Marschälle, die Oberbefehlshaber – wissen die das?“ „Nein, ich glaub, sie wissen’s nicht. Der von der Luftwaffe – ja.“ Die jungen „Frontsoldaten“ wissen ganz selbstverständlich von Vorgängen, die ihrer Führung angeblich verborgen bleiben. Und dann schlägt Teichmann vor, mit „diesen Brüdern“ nach dem Krieg abzurechnen: „Wenn wir Frontsoldaten uns zusammentun, von allen drei Wehrmachtsteilen – und ich garantiere dir, dass auch die Fronttruppen der SS mitmachen würden –, dann ist Himmlers Gangsterclub erledigt.“

Doch sobald in einer anderen Serie Himmlers „Gangsterclub“ ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, stellt sich heraus: Er ist weniger furchterregend als gemeinhin angenommen. Dies schildert eindrücklich jene Stern-Geschichte, in der Oberleutnant Hartmann zum SS-Geheimdienst SD abkommandiert wird. Ihm ist mulmig zumute. Aber: Ein blonder Obersturmführer öffnet im Bademantel die Tür eines sonnendurchfluteten Hotelzimmers und fragt, „mit einem Gesicht, das immer zum Lachen bereit schien: ‚Sekt oder Weißwein?‘ ‚Wenn schon, dann Sekt‘, sagte Hartmann und lachte mit.“ „Deutsche Frontsoldaten“, auch die von der SS, sind in derlei Serien stets hochgewachsen und haben fröhliche Augen, während die „Sowjetsoldaten mit stechenden Augen“ „Mord, Brand und Vergewaltigung vor sich hertragen“.

So erschien in den Erzählungen der Nachkriegspresse der Bundesrepublik, in den Landser-Heften und Konsalik-Romanen der Überfall auf die Sowjetunion jahrelang als ein sportliches, gefährliches Abenteuer – bis die Leser genug hatten von der Glorifizierung einer geschlagenen Wehrmacht und es vorzogen, die Augen erst einmal vor der eigenen Geschichte zu schließen, und bis die ersten NS-Richter in Pension gingen und die Auschwitz-Prozesse von 1963 an das ganze Grauen des Ostfeldzugs vor aller Augen führten. Doch die Täterrolle der Wehrmacht in ihrem „grauen Ehrenkleid“ im Holocaust blieb noch jahrelang ein deutsches Tabu.

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Inhalt Juni 2011

 

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