- Der Anfang vom Ende Großserbiens
Mit dem „Abkommen von Dayton“ endete im November 1995 nach dreieinhalb Jahren der Krieg in Bosnien und Herzegowina. Doch die Einigung wäre ohne ein Ereignis Anfang August des selben Jahres nicht möglich gewesen: der „Oluja“-Operation zur Befreiung Kroatiens.
Es war eine Entscheidung, die es in sich hatte: Am 4. August 1995 verkündete der bosnische Serbenführer Radovan Karadžić die Abberufung seines Militärchefs General Ratko Mladić. Mladić hatte sich seit Ende Juni in Ostbosnien, genauer gesagt in der Nähe der bosniakischen Enklaven Srebrenica und Žepa – den „Schutzzonen“ der Vereinten Nationen (UN) – aufgehalten. Vor Ort koordinierte er die Eroberung dieser sowie den anschließenden ersten Völkermord in Europa nach dem Holocaust der Nazis.
Am 11. Juli hatte Mladić im serbischen Fernsehen im Zentrum Srebrenicas verkündet, diese Stadt dem serbischen Volk als Geschenk zu gereichen und endlich „Rache an den Türken“ nehmen zu wollen, wie er seine bosniakischen Gegner verächtlich nannte. Doch warum war dieser – in den Augen extremistischer Serben beliebteste und scheinbar erfolgreichste serbische Militär – plötzlich bei seinem politischen Führer in Ungnade gefallen? Hatte er nicht „endlich“, nach über drei Jahren einer nicht enden wollenden Blutspur durch Bosnien, den östlichen Landesteil „bosniakenfrei“ gemacht?
Die Operation „Sommer 95“
Mit dem Fall Srebrenicas und Žepas wurden tatsächlich die letzten 60.000 Bosniaken, die noch an der Grenze zu Serbien lebten, vertrieben, deportiert oder ermordet. Das war genau das strategische Ziel Belgrads gewesen. Mladić hatte wohl im Blutrausch die Geschehnisse im Westen vernachlässigt. Denn von dort gab es allerlei „Neues“ – so die an Momentum gewinnende Offensive der regulären kroatischen Armee (HV) und des kroatischen Verteidigungsrates (HVO), des bewaffneten Arms der Kroaten in Bosnien.
Aus der Stadt Livno, die im Hinterland nur 50 Kilometer von der dalmatinischen Regionshauptstadt Split liegt – die Millionen Deutsche aus dem Urlaub kennen –, waren HV und HVO gen Nordwest vorgestoßen und hatten innerhalb von nur vier Tagen, zwischen dem 25. und 29. Juli, im Zuge der Operation „Sommer 95“ (Ljeto 95) die strategisch wichtigen Städte Glamoč und Bosansko Grahovo sowie 1600 Quadratkilometer Land befreit.
Die Operation wurde vom kroatischen General Ante Gotovina geführt. Karadžić war außer sich und warf Mladić vor, zu lange für die Eroberung Žepas gebraucht und zu viele Ressourcen dort gebunden zu haben. Er habe die „kroatische Gefahr“ ignoriert und sei damit für den Verlust der beiden Städte verantwortlich. Tatsächlich war „Sommer 95“ die erste Operation seit Kriegsbeginn, im Zuge derer wirklich große Geländegewinne gegen die serbischen Besatzer erzielt werden konnten. Mladićs Sieg in Žepa war ein Pyrrhussieg, der gleichzeitig die letzte serbische Eroberung des Bosnien-Krieges sein sollte.
Die Offensive „Sommer 95“ entlastete die bedrängte, weiter westlich liegende Enklave und UN-„Schutzzone“ Bihać. Zusätzlich rettete sie vielen Bosniaken der eroberten UN-„Schutzzone“ Žepa das Leben, denn während ihres Falls wurden serbische Einheiten von hier abgezogen und nach Westbosnien verlegt. Der angeblich „legendäre“ serbische Oberbefehlshaber, der sich gerne hinter der Front filmen und fotografieren ließ – auch von CNN –, hatte all diese militärischen Entwicklungen buchstäblich verschlafen und so das serbische strategische Ziel, die Errichtung eines Großserbiens, aufs Spiel gesetzt.
Belgrads Ziele in Kroatien
Auf den Trümmern der jugoslawischen Föderation hatte der serbische Präsident Slobodan Milošević seit 1989 die Vereinigung aller serbisch bewohnten Gebiete des Landes geplant. Dazu sollten ein Drittel Kroatiens und mindestens zwei Drittel Bosniens gehören. Und genau diese territorialen Ziele hatte Mladić seit 1991 versucht, für Milošević umzusetzen – zuerst in Kroatien und ab Sommer 1992 in Bosnien.
Ab März 1991 hatten Einheiten der serbisch kontrollierten Jugoslawischen Volksarmee (JNA) im Verbund mit Spezialeinheiten des serbischen Innenministeriums und lokalen serbischen paramilitärischen Verbänden ein Drittel Kroatiens erobert und diese Gebiete in „Republika Srpska Krajina“ („RSK“) benannt. Hierbei handelte es sich um die Krajina-Region, West- und Ostslawonien, die Baranja sowie Westsyrmien.
Die kroatische Bevölkerung dieser Gebiete wurde systematisch vertrieben, mehrere Tausend kroatische Zivilisten wurden getötet. Allein in der von serbischer Artillerie „pulverisierten“ ostslawonischen Stadt Vukovar kamen bis zu 3.000 Kroaten während der dreimonatigen Belagerung um. Nach der Eroberung der Stadt räumten serbische Verbände das städtische Krankenhaus und brachten knapp 300 Patienten sowie die Belegschaft auf eine außerhalb gelegene Schweinefarm. Dort wurden die Gefangenen gefoltert, exekutiert und in einem Massengrab verscharrt.
Wer auch immer noch behauptet, niemand hätte voraussagen können, was die Serben mit den Gefangenen von Srebrenica tun würden, sollte sich den Fall Vukovar anschauen. Die Verteidiger der zur gleichen Zeit ebenfalls belagerten Küstenstadt Dubrovnik – der „Perle“ der Adria – konnten selbstständig den serbischen Belagerungsring aufbrechen und die Aggressoren zurückdrängen. Trotzdem wurde Dubrovnik während des gesamten Krieges immer wieder beschossen, letztmalig im August 1995. Von den knapp 200.000 kroatischen Flüchtlingen fanden 1991 rund 150.000 Schutz in Deutschland.
Eine Schutztruppe der Vereinten Nationen (UNPROFOR) mit Hauptquartier in Sarajevo wurde Anfang 1992 in der „RSK“ stationiert, um den Waffenstillstand zu überwachen. Bis auf einige begrenzte Militäraktionen Zagrebs und den gelegentlichen Beschuss kroatischer Städte durch die „RSK“-Armee hielt der Waffenstillstand bis Ende April 1995. Nach der Ablehnung des „Z-4-Friedensplans“ durch die „RSK“, der ihnen weitreichende Autonomie in Kroatien garantiert hätte, griffen kroatische Verbände am 1. Mai das serbisch besetzte Westslawonien an und befreiten dieses innerhalb von 36 Stunden.
Die Operation „Blitz“ (Bljesak) gilt als „Generalprobe“ für die folgende Operation „Sturm“ (Oluja). Als Reaktion auf den „Blitz“ ließ der Führer der kroatischen Serben, Milan Martić, Zagreb mit Raketen beschießen, wobei fünf Zivilisten starben und Dutzende verwundet wurden. Er erhielt vom UN-Kriegsverbrechertribunal hierfür und für andere Verbrechen eine der längsten Freiheitsstrafen.
Rettung für Bihać: Die „Deklaration von Split“
In seinem Rassenwahn und siegestrunken von den Eroberungen und dem Völkermord an 8.500 Bosniaken im Osten hatte Mladić völlig ignoriert, was die Präsidenten Bosniens und Kroatiens, Alija Izetbegović und Franjo Tuđman, auf Vermittlung des türkischen Präsidenten Suleyman Demirel vereinbart hatten: Die nach der dalmatinischen Stadt benannte „Deklaration von Split“ legalisierte den Einsatz kroatischer Armeeeinheiten in Bosnien und rief diese dazu auf, insbesondere zur Rettung der bedrängten westbosnischen UN-„Schutzzone“ Bihać beizutragen. Demirel, der ausgezeichnete Beziehungen zu Tuđman und Izetbegović pflegte, besuchte diese nach dem Fall Srebrenicas und initiierte die „Spliter Deklaration“.
Diese Abmachung war für Zagrebs nationale Sicherheit von großer Bedeutung; für Sarajevo war es fast eine Überlebensfrage, denn Bihaćs Fall hätte erhebliche serbische militärische Kapazitäten freigesetzt, die dann gegen die bosnische Regierung hätten eingesetzt werden können. Die serbischen Kräfte waren – sowohl in den besetzten Gebieten Kroatiens als auch Bosniens – chronisch ausgedünnt. Insbesondere mangelte es an Infanterieeinheiten, die nur durch die enorme Überlegenheit an Artillerie und Panzern kompensiert werden konnten. Bis eben zur Involvierung der kroatischen Armee.
Zum Vergleich: Die Armee der Karadžić-Serben, die im Juli 1995 rund 70 Prozent Bosniens besetzt hatte, war ungefähr 80.000 Mann stark, wohingegen die bosnischen Regierungstruppen über 200.000 Soldaten aufzubieten hatten – die allerdings oftmals dürftig bewaffnet waren. Grund hierfür war das im September 1991 vom UN-Sicherheitsrat erlassene Waffenembargo gegen alle sechs Teilrepubliken Jugoslawiens, das die kroatischen und bosnischen Aggressionsopfer sehr benachteiligte und ein Glücksfall für die serbische Seite war, denn diese kontrollierte den Großteil des militärisch-industriellen Komplexes Jugoslawiens und dessen Volksarmee. Diese war damals die drittgrößte Europas. Belgrad konnte – und kann nach wie vor – von Patronen und Granaten über Kampfpanzer bis zu Artillerie und Flugzeugen alle Militärgüter autark produzieren und exportiert sogar große Mengen.
Großserbien war zum Greifen nah
Zusätzlich bestand die Gefahr eines erneuten serbischen Völkermordes an den knapp 200.000 Einwohnern. Für Kroatien wäre die Befreiung der Krajina durch den Fall Bihaćs wahrscheinlich unmöglich geworden, denn dann wären für die serbische Seite die besetzten Territorien Westbosniens mit der Krajina verschmolzen. Das Resultat wäre ein territorial kompaktes großserbisches Gebilde gewesen, angefangen südlich von Zagreb, über Bihać bis an die dalmatinische Küste bei Zadar. Und diese Gebiete wären über Banja Luka und den Posavina-Korridor bei Brčko mit Belgrad verbunden gewesen. Ein Albtraum für Kroatien, der dessen Mitgliedschaft in Nato und EU unmöglich gemacht und das Land dauerhaft geteilt hätte. In Bihać hielt übrigens die Militärallianz zwischen Bosnischer Armee (ARBiH) und HVO auch während des „Krieges im Kriege“ – zwischen Bosniaken und Kroaten –, der von April 1993 bis Februar 1994 in Zentralbosnien und der Westherzegowina tobte. Immenser US-Druck auf Kroatien hatte diesen im März 1994 mit dem Washingtoner Abkommen beendet.
Die Eroberung von Bosansko Grahovo und Glamoč war aber nicht nur essenziell, um gen Bihać vorzustoßen. Durch Bosansko Grahovo führte auch die wichtigste Verbindungsstraße nach Banja Luka, der Hochburg der bosnischen Serben in Westbosnien, in die „Hauptstadt“ der Krajina, nämlich Knin. Somit war Knin bereits ab dem 29. Juli weitgehend vom Hinterland abgeschnitten. Um die Krajina herum hatten nun die kroatischen Streitkräfte begonnen, starke Verbände zusammenzuziehen.
Am frühen Morgen des 4. August 1995 begann kroatische Artillerie, serbische Ziele in der Krajina zu beschießen; Panzer und Infanterie rückten noch am selben Tag vor. Bis zum 7. August war das serbische Terrorregime der „RSK“ in sich zusammengefallen. Dass 200.000 Serben flüchteten und mehrere Hundert, zumeist ältere, zurückgelassene Bewohner umgebracht wurden, ist eine Tragödie, die im Wesentlichen Milošević anzulasten ist. Er und sein innerster Zirkel benutzten die hier seit Jahrhunderten lebenden Serben für ihre zynischen Zwecke. Drei kroatische Generäle wurden wegen Kriegsverbrechen im Zuge „Olujas“ vom UN-Kriegsverbrechertribunal angeklagt, wobei diese letztinstanzlich freigesprochen wurden – unter ihnen General Gotovina.
Voraussetzung für einen Frieden in Bosnien
Die kroatisch-bosnische Offensive hatte noch ein überregionales Ziel, und zwar, die festgefahrenen Friedensverhandlungen zum Leben zu erwecken. General Gotovina beschrieb die damalige Lage in einem Interview mit der kroatischen Zeitung Nacional wie folgt:
„Die USA begannen, sich intensiver für den Frieden in der gesamten Region einzusetzen. Sie konnten sich mit Milošević auf nichts einigen, weil er arrogant war und glaubte, die Situation sowohl in Kroatien als auch in Bosnien und Herzegowina völlig unter Kontrolle zu haben. Die Alliierten begannen, mit uns zu spielen, weil sie erkannten, dass Bosniens Armee zu schwach war, um die Situation aus eigener Kraft zu lösen, und Bihać am Rande des Falles stand. Vergessen wir nicht, dass die Serben damals 13.000 ihrer besten Soldaten um Bihać herum konzentrierten. Um den Einmarsch der kroatischen Armee in das Territorium von Bosnien zu legalisieren, unterzeichneten Izetbegović und Tuđman die ‚Deklaration von Split‘. Erst dann brachen wir mit dem Segen der USA und mit der Erlaubnis des offiziellen Sarajevos mit unseren Truppen durch Bosnien bis zum Gipfel des Dinara-Gebirges auf und bezogen mit Artillerie und Panzern oberhalb von Knin Stellung.“
Die USA hatten seit Anfang 1994 eine aktivere Rolle eingenommen, um die Kriege zu beenden. Es sollte ein Gleichgewicht der Kräfte hergestellt werden, um Belgrad an den Verhandlungstisch zu zwingen. Um die serbische Vormachtstellung zu schwächen, war die Wiederbelebung der bosnisch-kroatischen Militärallianz essenziell. Dann begann Washington, mittels pensionierter US-Offiziere der Firma MPRI, die kroatische Armee nach Nato-Standard und -Doktrin auszubilden.
Das erwähnte UN-Waffenembargo wurde ab Herbst 1994 von den USA nicht mehr durchgesetzt. Somit konnten muslimische Staaten wie Malaysia und der Iran per Schiff Infanteriewaffen in kroatischen Häfen löschen. 30 bis 50 Prozent dieser Waffen gingen an die HV und den HVO, der Rest an die ARBiH. So wendete sich langsam auf dem Schlachtfeld das Blatt. Der erste Sieg der Allianz war im November 1994 die Einnahme des strategisch wichtigen Kupres-Passes. Dann folgten Westslawonien, Bosansko Grahovo und Glamoč.
Nach der Befreiung der Krajina und der UN-„Schutzzone“ Bihać Anfang August 1995 begannen ARBiH, HV und HVO erstmals gemeinsam eine großangelegte Operation in Westbosnien in Richtung der Serbenhochburg Banja Luka. Parallel hierzu kam es zum ersten größeren Kampfeinsatz der Nato gegen die bosnischen Serben: Nach einem serbischen Artilleriemassaker in Sarajevo Ende August bombardierte die Nato zwei Wochen lang serbische Stellungen. Dies und die erfolgreiche Offensive in Westbosnien führten zu dem von den USA angestrebten Patt.
Genau als dies erreicht war, gab sich Milošević verhandlungsbereit. Washington insistierte nun auf eine Einstellung der bosnisch-kroatischen Offensive, was diese nur sehr widerwillig taten – hatten sie doch erstmals in dreieinhalb Jahren Krieg das Momentum auf ihrer Seite. Nur 20 Kilometer vor Banja Luka stoppten die kroatischen Panzer. Auch die Gemeinde Prijedor, wo die Karadžić-Serben 1992 ein berüchtigtes Netzwerk von Konzentrationslagern für Bosniaken und Kroaten unterhalten hatten, durfte nicht mehr befreit werden. In den Konzentrationslagern Omarska, Trnopolje, Manjača und Keraterm waren binnen weniger Wochen Zehntausende Kroaten und Bosniaken gefoltert und ausgehungert, Tausende ermordet worden.
Im Oktober wurde ein Waffenstillstand beschlossen, auf den die Friedensverhandlungen von Dayton in Ohio im November folgten. Nach drei Wochen Verhandlungsmarathon war der Rahmenvertrag für einen Frieden in Bosnien, landläufig „Dayton“ genannt, beschlossen und wurde Mitte Dezember 1995 in Paris unterzeichnet. Wie die Beispiele der Kriege in Kroatien und Bosnien zeigen, kann Diplomatie nur erfolgreich sein, wenn sie militärisch unterstützt wird. Frieden ohne Stärke ist eine Illusion. Dies hat auch 30 Jahre später seine Gültigkeit – sei es auf dem Balkan, in der Ukraine oder für die Europäische Union.
Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.
Absolut lesenswert. Hintergründe über Jugoslawien die ich, noch nicht kannte. Der Balkan ein Pulverfass! Heute ist es der Islamismus, mit den eingeschleppten Problemen für Europa!
