- Für eine aufrichtige, interessengeleitete und konsequente Außenpolitik
Heute vor 70 Jahren traf Bundeskanzler Konrad Adenauer in Moskau mit dem sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow zusammen. Aus Adenauers diplomatischem und realpolitischem, aber gleichzeitig standhaftem Auftreten lassen sich Lehren für die heutige Politik gegenüber Russland ziehen.
1955 war ein herausforderndes, aber auch erfolgreiches Jahr für die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland in einem nach dem zehn Jahre zurückliegenden Krieg schwierigem Umfeld. Die von Bundeskanzler Adenauer verfolgte klare, aber innenpolitisch nicht zuletzt aufgrund der Wiederbewaffnung sehr umstrittene Linie lässt sich mit den folgenden Begriffen charakterisieren: Antikommunismus, Westintegration und Souveränität.
Heute vor genau 70 Jahren, am 8. September 1955, begann der fünftägige Besuch Adenauers in Moskau. Können wir aus dem Besuch Schlussfolgerungen für die heutige Politik gegenüber Russland ziehen? Die klare Antwort heißt: ja – und zwar aus mehreren Gründen:
Zum einen ist der Besuch, zu dem die sowjetische Seite bereits Anfang Juni 1955 eingeladen hatte, der Beleg dafür, dass Diplomatie nicht automatisch Appeasement bedeutet. Zwar verfolgte Chruschtschow mit der Einladung das Interesse, die in Deutschland sehr gängigen Wiedervereinigungsbestrebungen zu konterkarieren, die Spaltung Deutschlands in zwei Staaten durch das Angebot zur Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zwischen Moskau und Bonn zu vertiefen und damit die Konsolidierung der nach der erfolgten Bildung von Nato und Warschauer Pakt erreichten politischen und territorialen Verhältnisse in Europa abzusichern.
Durch geschicktes Auftreten vermochte Adenauer den Besuch jedoch als seinen Erfolg zu verkaufen: Er erreichte vermutlich durch die Drohung einer verfrühten Abreise der deutschen Delegation aus Moskau die Freilassung der ca. 10.000 in der Sowjetunion noch verbliebenen Kriegsgefangenen als Gegenleistung für den Botschafteraustausch zwischen Moskau und Bonn. Durch die entsprechende Darstellung in Deutschland kann sich Adenauer als „Befreier“ von tausenden deutschen Kriegsgefangenen feiern lassen; dies trug auch dazu bei, ihm die Wiederwahl bei den Bundestagswahlen 1957 zu sichern.
Das einseitige empörte Setzen der Europäer auf die militärische Karte ist schlicht verfehlt
Zum anderen zeigt der Besuch die Notwendigkeit einer strikt an realpolitischen Gegebenheiten orientierten Politik. Die Vereinbarung diplomatischer Beziehungen und damit die Akzeptanz der Spaltung Deutschlands – um diese ging es Chruschtschow ja vor allem – geriet wohl, nicht zuletzt auch bewusst durch den Einfluss Adenauers, etwas in den Hintergrund der innenpolitischen Debatte in Deutschland. Zwar wurde durch die sog. „Hallstein-Doktrin“ der Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik Deutschland aufrechterhalten; gleichzeitig war sich Adenauer jedoch auch der Gefahr bewusst, dass das Status-quo-Denken in den westlichen Hauptstädten zu Vereinbarungen führen könnte, die mit dem Wiedervereinigungsgebot des Grundgesetzes unvereinbar sein könnten. Auch dies mag ihn zur Annahme der Aufnahme diplomatischer Beziehungen bewegt haben. Aber noch wichtiger erscheint, was er auch selbst dazu festhält, dass nämlich eine Ablehnung derartiger Beziehungen angesichts der Bedeutung des Gesprächspartners und des notwendigen Austauschs mit ihm unverantwortlich gewesen wäre.
Sicherlich: Im Vergleich zu 1955 sind wir heute in einer anderen Situation. Aber: Das einseitige empörte Setzen der Europäer allein auf die militärische Karte und auf Sanktionen und Druck auf Russland ist schlicht verfehlt. Zwar werden die von Russland getöteten Zivilisten stets beklagt; die in die Hunderttausende gehenden getöteten oder schwer verwundeten Soldaten auf beiden Seiten scheint man weitgehend zu vergessen. Und das Sterben geht weiter. Dabei ist eine Beendigung der Kampfhandlungen nur durch Gespräche und Diplomatie denkbar. Zwar war anfänglich lediglich Präsident Trump dazu bereit, und ihm ist zu verdanken, dass die Tür zu Verhandlungen, die inzwischen von allen gefordert werden, aufgestoßen wurde. Aber ihm scheint es lediglich um einen schnellen Erfolg und sich selbst als möglichen Kandidaten für den Friedensnobelpreis zu gehen. Es geht ihm wohl kaum um die Sache selbst und die Bewahrung des transatlantischen Bündnisses; er sieht in dem Krieg inzwischen eher eine störende Angelegenheit, um die sich vor allem die Europäer kümmern müssen. Seine Sprunghaftigkeit und Unzuverlässigkeit lassen ihn zu einem echten Sicherheitsrisiko werden.
Die Europäer sind jedoch zumindest im Rahmen einer „Koalition der Willigen“ dabei, ihre Beteiligung an Sicherheitsgarantien zu definieren, um erneute Angriffe auf die Ukraine zu verhindern. Zwar haben die USA zugesagt, sich aus der Luft zu beteiligen, sie werden jedoch keine Bodentruppen entsenden; sie halten dies für eine Aufgabe vor allem der Europäer. Aber sind die Europäer überhaupt in der Lage, die zu einer Absicherung eines Waffenstillstands notwendigen großen Truppenkontingente bereitzustellen? Und wichtiger noch: Würde Russland, das ja den Nato-Beitritt der Ukraine vollkommen ablehnt, Sicherheitszusagen europäischer Nato-Staaten überhaupt akzeptieren, würde das nicht eine klare rote Linie überschreiten? Und unabhängig davon: Würden sich die europäischen Nato-Staaten damit nicht in höchste Gefahr begeben, in den Krieg als Partei einbezogen zu werden?
Die Fragen zeigen, dass hier Kreativität erforderlich ist. Dabei wird es wohl kaum um die Erzwingung eines Waffenstillstands gehen können, wie sich die Europäer dies vorstellen. Zu denken ist beispielsweise eher an eine UN-mandatierte Mission, an der auch und gerade Staaten außerhalb Europas teilnehmen müssten, wobei besonders auch demilitarisierte Zonen und Rüstungskontrolle als entflechtende Maßnahmen eine wichtige Rolle spielen könnten. Daneben dürfte auch die weitere Lieferung von ausreichend Waffen an die Ukraine zentral sein, damit die Ukraine erneute Angriffe russischerseits angemessen parieren kann; schon jetzt befinden wir uns in einer Lage, die für eine Weiterführung des Kriegs nach dem enttäuschenden Ergebnis des Anchorage-Gipfels zwischen Trump und Putin zu sprechen scheint.
Man darf weder die Gespräche mit unrealistischen Forderungen belasten, noch allem zustimmen
Letzteres scheint trotz der prekären Lage der russischen Streitkräfte auf dem Schlachtfeld, der wirtschaftlichen Lage Russlands, aber auch wegen der militärischen Erfolge der Ukraine keineswegs gewiss. Allerdings wäre es töricht, würde darauf gebaut, dass Russland „zu verlieren lernen müsse“, wie dies noch immer einige westliche Beobachter tun. Russland wird diesen Krieg nicht verlieren. Damit kommt wieder eine diplomatische Option ins Blickfeld. Diese sollte man nicht verwerfen, sondern muss sie unter Berücksichtigung der eigenen Sicherheit (auch vor einem apokalyptischen Einsatz von Nuklearwaffen) und der vielen unnötigen Opfer und Leiden, die der Krieg verursacht, weiter konsequent verfolgen.
Aber auch hierzu hält der Besuch Adenauers in Moskau 1955 einige wichtige Lehren bereit: Zum einen muss man wie Adenauer von der Notwendigkeit von Gesprächen und Diplomatie überzeugt sein. Und man darf weder die Gespräche einfach mit unrealistischen Forderungen belasten, noch einfach allem zustimmen; aber man sollte im Interesse der Sicherheit zu vielleicht auch schmerzhaften Kompromissen bereit sein. 1955 hat die Akzeptanz des territorialen und politischen Status quo und die Aufgabe des Anspruchs auf eine kurzfristige Wiedervereinigung Deutschlands – die ohnehin auch mit den westlichen Partnern so nicht realisierbar gewesen wäre – eine wichtige Rolle gespielt. Aber auch jetzt scheinen viele nicht zu notwendigen territorialen Zugeständnissen, die für einen Waffenstillstand oder eine Friedensregelung unabwendbar sind, jedoch nicht unbedingt formeller Zustimmung bedürfen, bereit zu sein.
Und nach wie vor wird ein Gespräch mit der russischen Seite abgelehnt, weshalb der EU und ihren Mitgliedstaaten nicht anderes bleibt, als gegenüber den USA zu antichambrieren und den Einfluss über Trump geltend zu machen versuchen. Dies führt angesichts der erratischen Haltung von Trump, der nur die USA bzw. sich selbst im Blick hält und offenbar Sympathien für Putin hegt, nicht weiter. Die Versuche der Einbindung von Trump wirken lediglich unterwürfig, und die Europäer haben bisher noch nichts unternommen, um als ernstzunehmender Faktor von den USA wie von den anderen Großmächten wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Und die Diplomatie kann – auch dazu liefern die Gespräche außerhalb der formellen Treffen von Adenauer in Moskau ein beredtes Beispiel – neue Perspektiven eröffnen.
Das zentrale Interesse Europas muss es sein, dass wieder Frieden auf unserem Kontinent einkehrt. So sehr die Empörung über den russischen Angriff verständlich sein mag, man darf die westlichen Versäumnisse wie auch die Nato-Erweiterungsabsichten, die insbesondere von den USA schon seit langem verfolgt werden, nicht einfach ignorieren. Dabei wird es gelten, glaubwürdig, realpolitisch wie auch aufrichtig zu handeln. Dies bedeutet, dass wir im Rahmen der EU wie der europäischen Nato-Staaten unsere Werte leben und bewusst nach außen – gegen Russland wie den USA – verteidigen wie auch für eine prinzipienorientierte internationale Politik eintreten. Wie im Kalten Krieg sollten wir keine Scheu haben und auf die Attraktivität unserer freiheitlich-demokratischen Politik setzen; allerdings ist diese nicht – wie man manchmal angesichts unserer Diskussionen den Eindruck bekommt – nur durch Wahllosigkeit und Beliebigkeit bestimmt.
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wieder Frieden auf unserem Kontinent einkehrt."
Zweifellos! Außerdem ist praktisch alles richtig, was der Autor hier schreibt.
>> Das einzige Poblem: was will Putin wirklich? Was ist sein wirkliches Ziel und wofür tut er das alles?
Von ganz persönlichen Motiven mal abgesehen geht es ihm um die Wiederherstellung der Bedeutung Russlands weltweit und insbesondere als eine führende nicht zu übergebenen Macht in Europa, am besten als europäischer Hegemon. Der Angriff auf die Ukraine ist das Mittel dazu - nicht mehr und nicht weniger.
Ein großes Ziel, welches Russland/Putin grundsätzlich NICHT durch eine Teileroberung der Ukraine, sprich die territoriale Einvrrleibung der im Augenblick zur Diskussion stehenden vier Oblaske + der Krim, also durch einen Waffenstillstand oder Verhandlungen irgendeines Status Quo erreicht werden kann - nein, dazu braucht er die gesamte Ukraine unter seiner militärischen Dominanz.
Und die wird er sich holen..., mMn, in den nächsten 2-3 Jahren, während Trump... 🤔
'nicht zu übergehende Macht in Europa...' ist natütlich richtig... - sorry!
auf die militärische Karte und auf Sanktionen und Druck auf Russland ist schlicht verfehlt."
Es ist nicht nur 'verfehlt' sondern schlicht und ergreifend VÖLLIG UNREALISTISCH, betrachtet man unseren aktuellen militärischen Status..., ohne die USA.
Wir (EU-Europa +GB) können froh sein, wenn wir bis zur bisher genannten Deadline 2029 wenigstens ein halbwegs funktionierende Selbstverteidigung auf die Beine stellen können - vielleicht! - und Putin uns nicht bereits vorher 'zeigt wo der Frosch die Locken hat'! Ohne glaubhafte gesamteuropäische! atomare Abschreckung ist das, egal was wir tun, sowieso nur die halbe Miete..., oder glaubt jemand ernsthaft Frankreich riskiere einen atomaren Schlagabtausch mit Russland für Litauen oder Norwegen...!?? >> lachhaft!
An Brüssel: gebt die Ukraine geordnet auf und konzentriert euch auf die bestmögliche (atomare) Aufrüstung Europas (ohne die USA!) und DANN könnt ihr auch wieder mit Russland verhandeln - eher nicht.
Alternative: keine reale... 🤔
"gebt die Ukraine auf". Putin will nicht die ganze Ukraine diesen Mühlstein am Hals der EU überläßt er der EU. Auch , dass er nichts gegen einen EU Beitritt der Ukraine hat, hat verschiedene Gründe denn aus heutiger Sicht würde dieser Beitritt die EU zerreissen und ist unbezahlbar. Russland will die vier Oblasten und die Krim als Puffer und aus historischen Gründen der Rest der Ukraine kann zur EU aber ohne Nato und Natomilitär egal aus welchem Land. Ich schätze mal Stand heute wird Russland genau das erreichen trotz dieser strunzdummen Sanktionen und dem militärischen aufplustern mancher europäischer (Maulhelden) Sofakriegern/innen. Es wäre an der Zeit einen verbalen geordneten Rückzug zu beginnen damit ein echter Rückzug folgen kann.
Der Lehren ziehen könnte. Außer der AFD, die ein differenziertes Bild gegenüber Russland hat, fehlt es den meisten anderen Politikern der etablierten Parteien am Willen und teilweise an der Intelligenz, vor allem aber an politischer Weitsicht und Selbstreflektion. Ich habe gerade das Interview von Roger Köppel mit Alice Weidel gehört. Ein Hochgenuss wie sie u.a. unsere Außenpolitik auseinander nimmt. Und die von Hitler überfallenen Russen, sie reichen dennoch Deutschland die Hand, wie man auf dem Bild oben sieht. Nie sind die Russen über Deutschland kriegerisch hergefallen und dennoch sollen sie demnächst am Brandenburger Tor, weil? Ob Adenauer oder später Brand Sie alle waren bemüht, gerade wegen der deutschen Vergangenheit mit allen ehem. Feinden wieder ein normales Verhältnis herzustellen. Und was machen wir? Wir betteln bei Russland um Schläge. Der Krieg in der UA ist und war nie unser Krieg. Und nein, die verteidigen keine westlichen Werte und schon gar nicht "unsere" Demokratie.
selbst wenn man kein Freund der AfD ist bleibt einem nichts anderes übrig als AfD zu wählen wenn man eine andere Politik will man hat wirklich keine Alternative. Habe mir das Geschwätz von unserem schneidigen Friedrich an unsere Diplomaten angehört und gelesen und es ist wie sie schreiben es fehlt an Intelligenz und Weitsicht von Selbstreflektion ganz zu schweigen. Das schlimme ist, dass dieses geistige Eunuchentum in Brüssel sich nahtlos fortsetzt.
Angesichts der Tatsache, dass krude linke Theorien wie Poststrukturalismus, Universalismus etc. tief in die politische Klasse eingedrungen sind,begleitet von der moralischen Überheblichkeit allein das Gute in der Welt zu repräsentieren und dies alles die Außenpolitik bestimmt, gibt es kaum eine Chance, dass hier Pragmatismus und Realismus einkehren. Die letzten Außenminister waren in dieser Hinsicht Totalausfälle. Auch der neue Minister gibt wenig Anlass zu Hoffnungen.
Außenpolitik ist Macht- und Interessenpolitik, schon immer gewesen. Wenn aber Politiker das Sagen haben, die nicht an Souveränität und Eigeninteressen des Nationalstaates glauben, dann ist das Scheitern wegen der eigenen Schwäche unausbleiblich. Putin betreibt Macht- und Interessenpolitik. Die Interessen Russlands, bzw. Putins, werden jedoch als moralisch verwerflich und nicht diskutierbar negiert.Ohne einen Dialog und nachfolgend Kompromisse wird es aber keinen Frieden geben können. Auch das war schon immer so.
"Die Fragen zeigen, dass hier Kreativität erforderlich ist." Genau diese Kreativität vermisse ich in diesem Artikel.
"Man darf weder die Gespräche mit unrealistischen Forderungen belasten, noch allem zustimmen." Hat der Autor jemals Tarifverhandlungen zur Kenntnis genommen?
"Aber sind die Europäer überhaupt in der Lage, die .... notwendigen großen Truppenkontingente bereitzustellen?" Wenn nicht, warum sind dann Verhandlungen so wichtig?
"... man darf die westlichen Versäumnisse wie auch die Nato-Erweiterungsabsichten, die insbesondere von den USA schon seit langem verfolgt werden, nicht einfach ignorieren.""
Ja, vermutlich hat auch der Westen Fehler gemacht. Splitter - Balken.
"Würde Russland, das ja den Nato-Beitritt der Ukraine vollkommen ablehnt, Sicherheitszusagen europäischer Nato-Staaten überhaupt akzeptieren?" In vorauseilendem Gehorsam macht er sich nun Gedanken, ob man nicht Russland vielleicht wehtut. Täter-Opfer-Umkehr.
