Versöhnungsprozess in Bosnien - „Alle Seiten leugnen Kriegsverbrechen“

Auch 20 Jahre nach den Ereignissen in Jugoslawien ist die Versöhnung auf dem Balkan noch schwierig. Muslimische, kroatische und serbische Bevölkerungsgruppen misstrauen einander. Die Soziologin Velma Saric will die Vorurteile aufbrechen: Mit einer kleinen Wanderausstellung zieht sie durch bosnische Dörfer

Eine Bosniakin betet über einem Sarg. In Kozarac wurden in den vergangenen Monaten weitere Muslime identifiziert, die von serbischen Truppen im Jugoslawienkrieg zwischen 1992 und 1995 ermordet wurden
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Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Frau Saric, Sie haben mit Ihrem „Post-Conflict Research Center“ in Sarajewo soeben den von BMW gesponserten „Intercultural Innovation Award“ gewonnen. Worum geht es bei diesem Projekt?
Wir wollen deutlich machen, dass viele Menschen auch in Kriegszeiten Heldenmut beweisen: Sie lassen sich nicht vom verbreiteten Hass anstecken und stehen stattdessen für andere Leute ein. Dafür haben wir eine Wanderausstellung entwickelt, die auf vielen öffentlichen Plätzen in bosnischen Städten und Gemeinden gezeigt wird.

Was genau ist da zu sehen?
Eine Auswahl von Porträtfotos von Personen, die in Kriegen oder zu Zeiten von Verfolgung und schweren Menschenrechtsverstößen durch ihre Hilfe und Mitmenschlichkeit zu so etwas wie „gewöhnlichen Helden“ geworden sind. Es gibt Beispiele aus dem Holocaust genauso wie aus dem Völkermord in Ruanda oder in Kambodscha. Und natürlich aus dem Bosnienkrieg, den ich hier in meiner Heimat selbst erlebt habe. Zu jedem dieser Porträts gibt es einen Begleittext, in dem es um die Geschichte der jeweiligen Person geht und wie und warum sie sich dem allgemeinen Furor widersetzt haben. Damit wollen wir vor allem jungen Leuten vor Augen führen, dass es auch in solchen Zeiten etwas bewirkt, Widerstand zu leisten und persönliche Risiken einzugehen.

Gehen Sie mit dieser Ausstellung auch in die bosnische Provinz?
[[{"fid":"63640","view_mode":"copyright","type":"media","attributes":{"height":387,"width":345,"style":"float: left; margin: 2px 5px; height: 179px; width: 160px;","class":"media-element file-copyright"}}]]Unbedingt. Zumal die Jugendlichen in den großen Städten wie Sarajewo, Mostar und Banja Luka ja meistens besser informiert sind als in dörflichen Gegenden. Außerdem wollen wir dort präsent sein, wo während des Kriegs die schlimmsten Verbrechen stattgefunden haben, also etwa im östlichen Teil Bosniens. Uns ist es auch wichtig, dass wir von allen Volksgruppen wahrgenommen werden, also muslimischen Bosniaken, orthodoxen Serben und katholischen Kroaten.

Warum eine Wanderausstellung? Hätte es nicht andere Verbreitungswege gegeben?
In vielen Ortschaften verfügen die Menschen nicht einmal über Internet. Außerdem leiden wir hier in Bosnien unter einem gewaltigen Ausmaß an Medienmanipulation. Alle politischen Parteien betreiben ihre eigenen Medien und verbreiten lediglich ihre eigene Sicht der Dinge.

Bekommen Sie dann mit Ihrer Ausstellung nicht Probleme mit den örtlichen Politikern?
Ja, und zwar meistens mit Regierungsvertretern – unabhängig von deren Volkszugehörigkeit. Es gibt in meinem Land zumindest von den offiziellen Stellen her kein wirkliches Interesse an einem Versöhnungsprozess. Alle beteiligten Seiten versuchen immer noch, bestimmte Kriegsverbrechen zu leugnen, wenn sie nicht in ihr jeweiliges Geschichtsbild passen.

[[{"fid":"63638","view_mode":"copyright","type":"media","attributes":{"height":235,"width":345,"style":"float: left; margin: 2px 5px; width: 250px; height: 204px;","class":"media-element file-copyright"}}]]Wie reagieren denn insbesondere Kinder und Jugendliche auf die Ausstellungen?
Es ist schwer für sie, die Geschehnisse von damals zu begreifen, weil sie in der Schule immer nur eine ganz bestimmte Sicht auf unsere jüngste Geschichte präsentiert bekommen. In Bosnien werden bis heute drei unterschiedliche Geschichtsbilder gelehrt: das muslimische, das kroatische und das serbische. Und an vielen Schulen werden die Kinder immer noch nach Ethnien getrennt unterrichtet. Für die meisten von ihnen bieten unsere Ausstellungen also einen ersten echten Perspektivenwechsel.

Wie kommen Sie überhaupt an die „gewöhnlichen Helden“, deren Geschichten Sie in der Ausstellung präsentieren?
Das ist gar nicht so einfach, weil viele Menschen, die sich damals der Gewalt widersetzt haben, noch heute lieber darüber schweigen.

Warum?
Die meisten leben in kleinen Dörfern, und dort wird man bis heute von der Gemeinschaft angefeindet, wenn man damals Angehörigen einer anderen Ethnie geholfen hat. Trotzdem werden uns immer wieder Geschichten über solche „gewöhnlichen Helden“ zugetragen, sei es von ehemaligen Nachbarn oder eben von Menschen, denen damals geholfen wurde.

Können Sie ein Beispiel für solch einen „gewöhnlichen Helden“ geben?
Da gibt es zum Beispiel die Geschichte eines Muslims aus Ostbosnien, dem unmittelbar vor einer Massenerschießung durch serbische Armeeangehörige die Flucht gelang. Er irrte dann mit gefesselten Händen zwei Tage lang im Wald umher, während 200 Soldaten nach ihm suchten. Schließlich kam er in ein kleines Dorf, in dem zwar Muslime lebten – die aber aus Angst vor Vergeltungsaktionen nichts mit dem Mann zu tun haben wollte. Eine 75 Jahre alte Frau gewährte ihm dennoch Unterschlupf in ihrem Haus und rettete ihm so das Leben.

[[{"fid":"63639","view_mode":"copyright","type":"media","attributes":{"height":259,"width":345,"style":"margin: 2px 5px; float: left; width: 250px; height: 188px;","class":"media-element file-copyright"}}]]Wie funktioniert das Zusammenleben der unterschiedlichen ethnischen Gruppen in Bosnien heute, 20 Jahre nach dem Krieg?
Bei den ganz normalen Leuten gibt es eigentlich kaum noch Schwierigkeiten. Das größte Problem sind die Politiker – insbesondere die Repräsentanten ethnischer Parteien, die einzig und allein die Interessen ihrer eigenen Volksgruppe vertreten. Das führt zu einer unglaublichen Aufblähung des Staatsapparats, weil dort ständig ein Proporz zwischen den Angehörigen der unterschiedlichen Ethnien erreicht werden muss. Bosnien-Herzegowina, ein Land mit nur gut 3,5 Millionen Einwohnern, hat deswegen insgesamt 180 Ministerien auf diversen Verwaltungsebenen.

Wie haben Sie selbst den Krieg erlebt? Als es 1992 losging, waren Sie zwölf Jahre alt…
Ich wurde von einem Moment auf den anderen aus meinen gewöhnlichen Teenagerträumen herausgerissen, als ich vom Balkon unserer Wohnung aus das erste Massaker erlebte. Danach lebte ich, wie eigentlich alle Mädchen in meinem Alter, in der ständigen Furcht, von Armeeangehörigen oder Milizionären vergewaltigt oder in ein Lager gesteckt zu werden. Mit meiner Familie verbrachte ich lange Zeit in einem Flüchtlingscamp. Solche Erlebnisse prägen einen für immer.

Was bedeutet es für Ihr Projekt, dass Sie mit dem „Intercultural Innovation Award“ ausgezeichnet wurden?
Für uns ist das ein unglaublicher Erfolg. Nicht nur wegen des Preisgelds von 40.000 Dollar, die es uns erlauben, unsere Arbeit fortzusetzen und auf Serbien und Kroatien auszudehnen. Es ist vor allem auch ein wichtiges Signal an die jungen Leute in meinem Land, dass es sich lohnt, die Initiative zu ergreifen. Außerdem bedeutet der Award, dass wir bei technischen oder administrativen Problemen auf die Hilfe der jeweiligen Fachleute bei BMW zurückgreifen können. Das ist ein riesiger Sprung nach vorn.

Zur Person: Velma Saric, Jahrgang 1980, stammt aus Bosnien und ist Mitbegründerin von „Ordinary Heroes“, einem Projekt des „Post-Conflict Research Center“ in Sarajewo. Die studierte Soziologin hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Versöhnungsprozess zwischen den einzelnen Ethnien in ihrem Land voranzubringen.

Zum Preis: Der „Intercultural Innovation Award“ wird jedes Jahr von den Vereinten Nationen (UNAOC) und dem Automobilhersteller BWM an Non-Profit-Organisationen vergeben, die sich mit besonders großem Erfolg für die Verständigung zwischen unterschiedlichen religiösen, kulturellen oder ethnischen Gruppen einsetzen. Der Hauptpreis ist mit 40.000 Dollar dotiert.

Die Recherchereise wurde von BMW ermöglicht.

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