USA - Linke Juden gegen Israel

Linke jüdische Aktivisten in den USA kritisieren Israel scharf. Noch stehen die Amerikaner mehrheitlich hinter ihrem Verbündeten - aber in der jüngeren Generation zeichnet sich ein Meinungsumschwung ab

New Yorker demonstrieren für ein Ende der Gewalt in Gaza.
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Eva C. Schweitzer arbeitet als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen in New York und Berlin. Ihr neuestes Buch ist "Europa im Visier der USA"

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Vor dem israelischen Generalkonsulat in New York, an der Kreuzung von Second Avenue und East 43rd Street liegen mehr als hundert Menschen auf dem Asphalt, die Mehrzahl linke, jüdische Aktivisten. Sie halten Schilder, auf denen „Free Palestine!" steht, eine Demonstration gegen Israels Bombardement von Gaza. Kaum hat das Die-In – in der Tradition der Proteste gegen den Vietnamkrieg – begonnen, rückt auch schon die Polizei an. Zwei Dutzend Demonstranten werden festgenommen, darunter Corey Robin, Professor am Brooklyn College und Norman Finkelstein, Autor mehrerer äußerst umstrittener, israelkritischer Bücher und Sohn zweier Holocaust-Überlebender.

Bald sind sie wieder draußen, aber die Proteste gehen weiter: Am nächsten Tag demonstrierten 3000 Teilnehmer am Times Square gegen die israelische Militärpolitik. Und am 29. Juli protestieren rund 70 Aktivisten vor dem Büro des Dachverbandes „Conference of President of Major American Jewish Organizations"  in Midtown Manhattan, angeführt von der 23-jährigen Simone Zimmerman aus Kalifornien, die der liberalen Lobby J-Street nahesteht. „Die Befreiung von uns Juden kann nicht auf dem Rücken einer anderen Nation geschehen", sagt sie.

„Schlachten der Unschuldigen"
 

Natürlich sind israelkritische Juden eine kleine Minderheit: Am gleichen Tag demonstrierten fast 10.000 New Yorker für Israel, organisiert vom United Jewish Appeal. Aber trotzdem. Etwas beginnt sich zu verändern. Es gibt immer mehr linke jüdische Aktivisten und Publizisten in den USA, die sich gegen die israelische Miltärpolitik stellen. Dazu zählen Philip Weiss, der sich als Anti-Zionist bezeichnet und das Blog Mondoweiss.com betreibt, der Autor Max Blumenthal (Sohn des Clinton-Beraters Sidney Blumenthal), und Amy Goodman vom TV-Programm „Democracy Now".

Goodman präsentierte diese Woche Henry Siegman, den früheren Direktor des American Jewish Congress und ein orthodoxer Rabbi, der 1933 in Frankfurt am Main geboren wurde. Siegman sprach von einem „Schlachten der Unschuldigen", das von Israel provoziert worden sei, damit die Zionisten überlebten. „Dieses Interview zu sehen, ist immens wichtig, um Netanyahus Spiel zu verstehen", sekundierte MJ Rosenberg, früherer Mitarbeiter der Israellobby AIPAC, der für die Huffington Post schreibt und der ebenfalls ein harscher Kritiker Netanyahus ist. Auch liberale Publikationen wie der Jewish Forward werden zunehmend israelkritisch. Kolumnist J.J. Goldberg schrieb im Juni, wie „Politik und Lügen" den Krieg in Gaza provoziert hätten: Netanyahu habe Lügen über die drei entführten israelischen Teenager verbreitet, trotz Skepsis der israelischen Armee und des Geheimdienstes Shin Bet.

Inzwischen positionieren sich auch Publikationen neu, die bisher eher pro-israelisch waren. So räumt die New York Times palästinensischen Stimmen Platz ein, wie Mohammed Amer, der israelische Angriffe auf Krankenhäuser, Schulen und Moscheen beschreibt. Und im New Yorker schreibt Rashid Khalidi, Professor für arabische Studien an der New Yorker Columbia Universität, über eine „kollektive Bestrafung" der Palästinenser, weil Gaza sich weigere ein „braves Ghetto" zu sein. „Es geht nicht um Raketen oder Tunnel, sondern um eine permanente israelische Kontrolle über das Land und die Leben der Palästinenser", so Khalidi. Noch bemerkenswerter: David Remnick, Chefredakteur des New Yorker und selbst jüdischen Glaubens, beklagte das „israelische Blutvergießen" in Gaza, besonders gegen Kinder. Sogar die New Republic, lange fest im Lager der Neocons, kommentierte kürzlich, Israel verhalte sich wie eine Kolonialmacht.

Mehrheit israelfreundlich
 

Das spiegelt in gewisser Weise einen Dissenz wider: Die Mehrheit der Juden in Amerika sind Demokraten, während die jüdischen Institutionen zunehmend konservativ werden. Das alleine sagt zwar noch nicht viel: Demokraten unterstützen Israel genauso wie Republikaner. In der Mehrheit sind Amerikaner eher israelfreundlich: Nach einer Umfrage des Pew Research Center sehen eine relative Mehrheit der Amerikaner — 40 Prozent — Hamas als Schuldige im Konflikt und nur 19 Prozent Israel. Das gilt um so mehr für ältere, konservative Weiße und Bible-Belt-Protestanten. Bei den Republikanern sind sogar 73 Prozent auf der Seite von Israel. Bei Amerikanern zwischen 18 und 29 Jahren glauben hingegen 29 Prozent, Israel sei an dem jüngsten Konflikt schuld, und nur 18 Prozent sehen die Verantwortung bei der Hamas. Und: 35 Prozent der Hispanics sind auf der Seite der Palästinenser und nur 20 Prozent auf der Seite Israels; bei Afro-Amerikaner ist es etwa halbe-halbe. Generell steigen die Sympathien für Palästinenser zwar nicht, aber die für Israel sinken.

Zu den schärfsten Kritikern des israelischen Militäreinsatzes hat sich Peter Beinart gewandelt, Journalismusprofessor an der City University of New York und liberaler Zionist. Beinart, der frühere Chefredakteur der New Republic, unterstützt heute den Boykott von Produkten aus der besetzten Westbank, die er „Undemokratisches Israel" nennt. Er glaubt, dass die nachlassende Unterstützung Israels durch jüngere Amerikaner sich irgendwann auswirkt. „Das Amerika, das in Netanyahus Kopf existiert, ein Amerika, bevölkert von konservativen, eifernd nationalistischen weißen Christen, die einen Kreuzzug gegen den barbarischen Islam führen, stirbt aus", schrieb er in der linken israelischen Zeitung Haaretz. „Aber ein Amerika, das weniger nationalistisch, weniger kriegslüstern, weniger religiös und weniger geneigt ist, seine eigene Kultur für überlegen zu halten, wird weniger freundlich gegenüber einer israelischen Regierung sein, die an diesen alten Werten festhält." Und jedesmal, wenn es so einen Konflikt wie in Gaza gebe, werde sich die Stimmung in Amerika ändern — „Israel hat bereits Jon Stewart verloren".

Stewart, der Host im populären Comedyprogramm „Daily Show" hat kürzlich nicht nur Hillary Clinton für ihre pro-israelische Haltung kritisiert, er führte auch einen Sketch auf, in dem er über das Leiden der Palästinenser sprach — und dauernd von Daily-Show-Korrespondenten unterbrochen wurde, die ihn lauthals beschuldigten, ein „selbsthassender Jude" zu sein.  Das ist ein häufiger Vorwurf: Israelkritische Juden werden oft sogar als „Kapos" — Lagerwachen in den KZs — beschimpft — von anderen Juden. Der Israel-Palästina-Konflikt hat sich längst in Amerika ausgebreitet, auch, und gerade innerhalb der jüdischen Gemeinde.

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