Die Vereinigten Staaten nach dem Fiasko in Afghanistan - Amerika am Scheideweg

Der Krieg am Hindukusch ist verloren, die US-Streitkräfte ziehen ab. Das Debakel in Afghanistan macht deutlich, dass die Vereinigten Staaten ganz dringend eine neue Strategie brauchen, um Weltmacht bleiben zu können. Jetzt muss es darauf ankommen, Prioritäten zu setzen – und sich von Nebenkriegsschauplätzen fern zu halten.

Kapitol Washington
Die amerikanische Flagge auf dem Kapitol in Washington / dpa

Autoreninfo

George Friedman, 72, ist einer der bekanntesten geopolitischen Analysten der Vereinigten Staaten. Er leitet die von ihm gegründete Denkfabrik   Geopolitical Futures und ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien „Der Sturm vor der Ruhe: Amerikas Spaltung, die heraufziehende Krise und der folgende Triumph“ im Plassen-Verlag.

So erreichen Sie George Friedman:

Die Vereinigten Staaten befinden sich beinahe das gesamte 21. Jahrhundert über im Krieg, und wir schreiben erst das Jahr 2021. Im Gegensatz dazu waren die USA nur während einer Periode von 17 Prozent des gesamten 20. Jahrhunderts im Kriegszustand. In dieser Zeit wurden Weltkriege gewonnen, bei denen Niederlagen zu existenziellen Veränderungen des Landes und damit der internationalen Ordnung geführt hätten. Aber so wie sie Korea und Vietnam verloren haben – Kriege, die keine existenzielle Bedrohung darstellten –, so haben sie auch im Irak und in Afghanistan verloren.

Dies könnte darauf hindeuten, dass die USA zu viele nichtexistentielle Konflikte nachlässig ausfechten, während sie bedeutsame Kriege mit großer Präzision führen. Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir zunächst die geopolitische Realität der Vereinigten Staaten beleuchten. Geopolitik definiert die Notwendigkeiten und Zwänge, denen eine Nation unterworfen ist. Die Strategie fußt auf dieser Realität. Und die Niederlage der Vereinigten Staaten in Afghanistan nach immerhin 20 Jahren zwingt zu einer Neubewertung der nationalen Strategie – nicht nur in Bezug auf die Art und Weise, wie Kriege geführt werden. Sondern auch im Hinblick darauf, welche Kriege überhaupt geführt werden sollten.

Große Kriege sind selten – oder sollten es zumindest sein. Das System internationaler Beziehungen entwickelt sich in der Regel nicht so schnell, dass Großmächte sich lange Zeit gegenseitig herausfordern. Und doch lagen zwischen dem Zweiten Weltkrieg und Korea lediglich fünf Jahre. Vietnam folgte zwölf Jahre später, dann „Desert Storm“ und Kosovo in den 1990er Jahren und natürlich Irak und Afghanistan in den frühen 2000ern. Die Häufigkeit der Kriege wirft die kritische Frage auf, ob sie den USA aufgezwungen oder von ihnen selbst angezettelt wurden, und ob die Geschichte heute so schnell voranschreitet, dass sich auch das Tempo beschleunigt hat, in dem Kriege aufeinander folgen. Sollte Letzteres nicht zutreffen, wäre es gut möglich, dass die USA eine fehlerhafte Strategie verfolgen, die ihre Fähigkeit, das Weltgeschehen zu kontrollieren, erheblich schwächt.

Strategien müssen einfach sein

Der wichtigste Maßstab für eine Strategie ist ihre relative Einfachheit. Geopolitik ist komplex; die Taktik ist detailliert. Eine Strategie aber sollte theoretisch einfach sein, da sie die Hauptstoßrichtung der einer Nation auferlegten Notwendigkeiten darstellt. Für die Vereinigten Staaten könnte diese Strategie darin bestehen, die Engpässe in den Ozeanen zu kontrollieren, während detaillierte Pläne für andere Gebiete der Welt vermieden werden. 

Eine erfolgreiche Strategie muss dem wesentlichen Kern der Absichten einer Nation entsprechen. Übermäßige Komplexität bedeutet Ungewissheit oder, schlimmer noch, ein Kompendium strategischer Imperative, die die Fähigkeit einer Nation zu deren Umsetzung oder zu deren Verständnis übersteigen. Eine Nation mit einem Übermaß an strategischen Zielen hat nicht die schwierigen Entscheidungen darüber getroffen, was wichtig ist und was nicht. Komplexität bedeutet, dass man nicht bereit ist, diese Entscheidungen zu treffen. Täuschung ist eine taktische Angelegenheit. Selbsttäuschung ist ein strategisches Versagen. Man kann nur so viel tun, wie man will. Und die Prioritäten ohne Mehrdeutigkeit zu verstehen und der schleichenden Ausweitung der Strategie zu widerstehen, ist das unverzichtbare Handwerk des Strategen.

Geopolitische Realität

Die geopolitische Realität der Vereinigten Staaten stellt sich wie folgt dar:

1. Die Vereinigten Staaten sind praktisch immun gegen Landangriffe. Sie werden von Kanada und Mexiko flankiert, die beide keine Bedrohung darstellen. Das bedeutet, dass die US-Streitkräfte in erster Linie für die Machtprojektion und nicht für die Verteidigung des eigenen Landes konzipiert sind.

2. Die Vereinigten Staaten kontrollieren den Nordatlantik und den Pazifischen Ozean. Bei einer Invasion von der östlichen Hemisphäre aus müssten die amerikanischen See- und Luftstreitkräfte in einem dieser Meere in einer Weise besiegt werden, dass eine Unterbrechung der Verstärkung und des Nachschubs verhindert wird.

3. Jede existenzielle Bedrohung für die Vereinigten Staaten wird immer von Eurasien ausgehen. Die Vereinigten Staaten müssen darauf hinarbeiten, die Entwicklung von Kräften, insbesondere von Seestreitkräften, zu begrenzen, die die Kontrolle der Vereinigten Staaten über die Ozeane bedrohen könnten. Mit anderen Worten: Der Schlüssel liegt darin, die militärische Energie Eurasiens von der See abzuziehen.

4. Nuklearwaffen sind eine stabilisierende Kraft. Es ist unwahrscheinlich, dass der Kalte Krieg so geendet hätte, wenn nicht zwei Atommächte den Konflikt gesteuert hätten. Nuklearwaffen haben den Dritten Weltkrieg im Wesentlichen verhindert. Die Aufrechterhaltung einer Nuklearmacht stabilisiert das System, und das Entstehen neuer Nuklearmächte zu verhindern, ist zwar wünschenswert, aber nicht unbedingt notwendig.

5. Die Position der Vereinigten Staaten auf dem nordamerikanischen Kontinent hat sie zur größten Volkswirtschaft der Welt gemacht, zum größten Importeur von Waren und zur größten Quelle internationaler Investitionen. Die Vereinigten Staaten sind auch ein Motor der internationalen Kultur. Sie definieren auch die IT-Kultur weltweit. Dies kann aber kein Ersatz für militärische Macht sein, insbesondere vor kriegsnahen Situationen.

6. Das Hauptinteresse der Vereinigten Staaten besteht darin, ein stabiles internationales System aufrechtzuerhalten, das die Grenzen der Vereinigten Staaten nicht in Frage stellt. Sie haben wenig Interesse daran, Risiken einzugehen. Das größte Risiko geht von Versuchen aus, die Kontrolle über die Meere zu behalten, da nur Großmächte die maritime Hegemonie der USA bedrohen können.

7. Die größte Schwäche der Vereinigten Staaten seit dem Zweiten Weltkrieg besteht darin, dass sie in Konflikte hineingezogen werden, die nicht im geopolitischen Interesse der USA liegen und die die Vorherrschaft der USA über einen längeren Zeitraum bedrohen. Dies geschieht in erster Linie, aber nicht ausschließlich, durch strategischen Terrorismus, der von Staaten oder nichtstaatlichen Akteuren ausgeübt wird.

8. Die Vereinigten Staaten sind ein Werteprojekt, und wie alle Werteprojekte halten sie ihr Modell für besser als andere. Wertebasierte Interventionen liegen selten im geopolitischen Interesse der Vereinigten Staaten, und sie enden fast nie gut. Die Vereinigten Staaten sollten nicht der Versuchung erliegen, sich an solchen Kriegen zu beteiligen, weil diese von den unmittelbaren Interessen Amerikas ablenken und häufig mehr schaden als nützen. Wenn eine Intervention für notwendig erachtet wird, sollte sie rücksichtslos erfolgen und zeitlich begrenzt sein.

Umsetzbarkeit einer neuen Strategie

Wie kann diese Strategie umgesetzt werden?

1. Nordamerika: Die Aufrechterhaltung der amerikanischen Vorherrschaft und des Friedens in Nordamerika ist von zentraler Bedeutung für die gesamte amerikanische Strategie. Mexiko und Kanada können die Vereinigten Staaten militärisch nicht bedrohen, und beide sind wirtschaftlich an die Vereinigten Staaten gebunden. Jede Macht, die den Vereinigten Staaten feindlich gesinnt ist, würde jedoch eine Gelegenheit nutzen, mit einem der beiden Länder in eine tiefere Beziehung einzugehen. Die Vereinigten Staaten müssen unbedingt eine Strategie verfolgen, die ein Bündnis seiner Nachbarn mit den USA immer weitaus attraktiver macht als eines mit einem Drittland.

2. Atlantik und Pazifik: Die Beherrschung der Weltmeere ist in erster Linie ein technisches Problem. Während sie früher durch Kriegsschiffe und dann durch Flugzeugträger erreicht wurde, ist sie heute eine Frage von Langstreckenraketen und anderen Waffen. Der Schlüssel dazu ist die Kenntnis der Position des Feindes in einem Umfeld, in dem Flugzeuge nicht ohne weiteres über einer Flotte bestehen können. Da der Schlüssel zur Beherrschung der See nun in der Aufklärung liegt, sind weltraumgestützte Systeme, gefolgt von unbemannten Flugkörpern, die entscheidende Variable bei der Kontrolle der See. Die U.S. Navy und die U.S. Space Force (wenn sie ausgereift ist) werden in Zukunft die wichtigsten Dienste sein, die die Meere kontrollieren.

3. Eurasien: Die Vereinigten Staaten stehen Eurasien an zwei Fronten gegenüber: Auf der anderen Seite des Atlantiks ist es Europa, auf der anderen Seite des Pazifiks Ostasien. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Europa das Hauptaugenmerk Washingtons. Die Bedrohung zu jener Zeit war die Sowjetunion. Die Vorstellung war, dass ein von der Sowjetunion erobertes Europa die Technologie und das Personal für den Aufbau einer Flotte liefern würde, die die USA herausfordern könnte. Die Nato und das Konzept der gegenseitig zugesicherten Vernichtung blockierten die sowjetische Expansion gen Westen und hätten im Falle eines Krieges die sowjetische Marine vom Versuch abgebracht, die Seewege zu kontrollieren und US-Konvois zur Verstärkung der Nato zu behindern. 

Die Bedrohung geht nun von China aus, das sich den Zugang zum Meer sichern will. Die USA haben ein informelles Bündnis geschaffen, das sich von Japan bis zum Indischen Ozean erstreckt, um China einzudämmen. Sie haben auch wirtschaftliche Macht eingesetzt, um China unter Druck zu setzen. Der Schlüssel zu beiden Strategien waren eine frühzeitige Reaktion und der Einsatz militärischer Macht, um das Kriegsrisiko auf Seiten der Sowjetunion oder Chinas zu erhöhen und dann abzuwarten, ob diese einen ersten Schritt unternehmen.

4. Nuklearwaffen: Seit dem Ende des Kalten Krieges sind die von Atomwaffen ausgelöste Furcht und Untergangsstimmung abgeklungen, aber Atomwaffen sind immer noch die amerikanische Waffe schlechthin. Die Strategie der USA nach dem Zweiten Weltkrieg bestand darin, Grenzen gegen bedeutende Feinde zu errichten, um zu sehen, wie diese reagieren – das heißt, ob sie die Grenzen überschreiten und eine Konfrontation herbeiführen. In diesem Fall sind Atomwaffen die Mauer. Sie sind kein Instrument für ein Land, das offensive Operationen vermeiden sollte. Sondern sie sind Stabilisatoren für ein Land, das den Status quo aufrechterhalten muss.

5. Wirtschaft: In den meisten Ländern schränkt die mangelnde Wirtschaftskraft sowohl die Einsatzbereitschaft als auch die Abschreckungskraft des Militärs ein. In den Vereinigten Staaten sieht es anders aus: Dort sorgt die Kaufkraft für eine stabile inländische Industrie, die Militärtechnologie und eine bedeutende Streitmacht hervorbringen kann. Was die globalen Beziehungen angeht, so bietet die amerikanische Wirtschaft Anreize im nicht-militärischen Sektor und die Möglichkeit zu Sanktionen. Als größter Importeur der Welt ist die Fähigkeit der USA, ihre Importe zu begrenzen, ein wichtiger politischer Faktor. Mit Bedacht eingesetzt, kann die Bereitschaft, Waren von einem Land zu kaufen, Beziehungen schaffen, die eine militärische Aktion überflüssig machen. Washington muss ein strategisches Wirtschaftsprogramm entwickeln, das das Risiko von Kampfhandlungen verringert und die Zahl der potenziellen Verbündeten erhöht, die bereit sein könnten, die Last gemeinsamer Konflikte zu tragen. Dies erfordert bis zu einem gewissen Grad eine Neudefinition der Art und Weise, wie der private Sektor Entscheidungen trifft.

6. Wahrung des primären Interesses: Das Hauptinteresse der Vereinigten Staaten besteht darin, ihr Territorium vor ausländischen Invasionen zu schützen. Der Zweck dieser Sicherheit besteht darin, ein Wirtschaftssystem aufrechtzuerhalten, das in der Lage ist, der amerikanischen Öffentlichkeit Wohlstand zu verschaffen und das Regierungssystem zu erhalten. Vereinfacht ausgedrückt, gibt es Dinge, die die Sicherheit bedrohen, und solche, die dies nicht tun. Bei den Dingen, die die Nation bedrohen, muss sorgfältig kalkuliert werden, ob die Bedrohung auf der einen und die Kosten für die Eindämmung der Bedrohung auf der anderen Seite im Einklang stehen. Die große Gefahr für die Vereinigten Staaten bestand darin, Bedrohungen zu erkennen, ohne die Kosten oder die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Eindämmung zu berücksichtigen. Dies hat zu einer Reihe von Kriegen geführt, die die Vereinigten Staaten nicht gewonnen haben und die die Aufmerksamkeit von Kerninteressen ablenkten, während sie die Nation zuweilen destabilisierten.

7. Terrorismus: Terroristische Gruppen sind klein und diffus und können daher nicht mit traditionellen militärischen Maßnahmen bekämpft werden. Immer wieder haben die Streitkräfte Schwierigkeiten, den Aufenthaltsort dieser Gruppen zu ermitteln und sie einzudämmen, selbst wenn sie sich in einem Land befinden, das als ihr Schlupfwinkel bekannt ist (etwa Afghanistan). Nachrichtendienstliche Organisationen und Spezialkräfte sind in dieser Hinsicht unerlässlich. Die nationale Strategie darf nicht von geopolitisch definierten Interessen ablenken, weil dadurch die Macht der USA wegen eine Gruppe zerstreut wird, die keine existenzielle Bedrohung für die Vereinigten Staaten darstellt.

Natürlich gibt es außenpolitische Fragen, die zu bewältigen sind, die aber keinen wesentlichen Teil der nationalen Strategie ausmachen. Das Dilemma besteht darin, dass diejenigen, die sich mit solchen Fragen befassen, sie als äußerst wichtig ansehen. Unbedeutende Beamte des Außenministeriums streben nach Bedeutung, und Präsidenten streben nach Wählerstimmen. Die nationale Strategie mag klar sein, aber ihre Verwaltung ist komplex. Letztendlich obliegt es dem Präsidenten, die sich ständig verschiebenden Grenzen festzulegen und den wesentlichen Charakter der nationalen Strategie zu wahren. Andernfalls können sich kleine Angelegenheiten zu großen Kriegen auswachsen und eine Präsidentschaft zerstören.

Nicht-strategische Kriege: Vietnam und Afghanistan

Die Entscheidung, in Afghanistan in den Krieg zu ziehen, beruhte auf einem Missverständnis der amerikanischen Geopolitik und Strategie – nicht unähnlich dem, was Jahrzehnte zuvor in Vietnam geschehen war. Die Vereinigten Staaten kämpften im Zweiten Weltkrieg, um die Konsolidierung Europas unter einer einzigen Macht zu verhindern. Dem lag ein übergeordnetes amerikanisches Gebot zugrunde: zu verhindern, dass die amerikanische Vorherrschaft über den Atlantik herausgefordert wird. Mit dem Zweiten Weltkrieg wurde das Deutsche Reich zerschlagen, aber die Sowjetunion ist als neue Bedrohung aufgetaucht, weil sie Europa beherrschen könnte. Ein amerikanisches Bündnis, die Nato, und die Gefahr eines thermonuklearen Krieges verhinderten die sowjetische Expansion. Westeuropa war praktisch abgeriegelt.

Die Vereinigten Staaten verstanden dies als einen Kampf gegen den Kommunismus. Zum Teil war dies auch richtig, denn die Sowjets wollten die Vereinigten Staaten schwächen. Da Atomwaffen eine direkte Konfrontation unmöglich machten, bestand die einzige Strategie der Sowjets darin, zu versuchen, die Präsenz kommunistischer Regime außerhalb Europas zu erhöhen – in der Hoffnung, dass die USA ihre Präsenz in Europa reduzieren würden, um dort mit ihnen fertig zu werden. Die USA reagierten auf die Ausbreitung der kommunistischen Regime, aber im Allgemeinen nur mit politischem und wirtschaftlichem Druck und verdeckten Operationen. 

Eine Ausnahme bildete die kubanische Raketenkrise, die eine grundlegende Bedrohung für die Sicherheit Nordamerikas darstellte und der die USA mit einer Kriegsdrohung begegneten, die zum Einlenken der Sowjetunion führte. Nach Korea gab es bis Vietnam keine weiteren antikommunistischen Kriege in großem Stil. Aus Sicht der USA war ein kommunistischer Aufstand in Vietnam offenbar bedrohlicher als ein vergleichbares Ereignis im Kongo oder in Syrien.

Die Domino-Theorie

Vietnam stellte keine strategische Bedrohung für die Vereinigten Staaten dar. Selbst wenn das Land vereinigt wäre, könnte es die Kontrolle der USA über den Pazifik nicht gefährden, und der Fall Vietnams würde nur eine Ausweiterung des nordvietnamesischen Machteinflusses bedeuten. Die USA sahen dennoch zwei Gründe für eine Intervention in Vietnam. Der eine war die Domino-Theorie, wonach der Fall Vietnams zur Ausbreitung des Kommunismus in ganz Südostasien führen würde. Der zweite Grund war die Glaubwürdigkeit: Das US-Bündnissystem, insbesondere die Nato, beruhte auf der Überzeugung, dass die Vereinigten Staaten ihren Verpflichtungen nachkommen würden, sich der kommunistischen Expansion zu widersetzen. 

Die USA waren besonders besorgt wegen Europa, wo der französische Präsident Charles de Gaulle Zweifel an der Zuverlässigkeit der USA äußerte und für eine unabhängige nukleare Abschreckung eintrat. Jede Verschiebung in der Allianz wäre nur partiell, würde aber die Mauer, die die Sowjets einschloss, schwächen.

Die Begriffe „Domino“ und „Glaubwürdigkeit“ waren die wichtigsten Argumente für eine Intervention in Vietnam. Nicht bedacht wurde die Möglichkeit, dass eine Niederlage diese Prozesse noch beschleunigen könnte. Die Tatsache, dass man einer kommunistischen Expansion entgegentreten wollte, obsiegte schließlich über den Einwand, dass es sich um einen nicht-strategischen Krieg handelte. Und eine weitere Tatsache wurde ignoriert: Während des Zweiten Weltkriegs hatten die Vereinigten Staaten lediglich auf eine Aggression von außen reagiert, aber nicht selbst einen Krieg vom Zaun gebrochen. Das machte einen entscheidenden Unterschied in der innenpolitischen Dynamik aus. In Vietnam mussten die USA nämlich in einem nicht-strategischen Krieg erfolgreich sein – einem Krieg, der nicht notwendig erschien und nicht notwendig war.

Die Notwendigkeit, einen innenpolitischen Konsens mit Blick auf den Vietnamkrieg aufrechtzuerhalten, war keine Nebensächlichkeit – sondern ein entscheidender Faktor. Aber die amerikanische Führung glaubte, dass die US-Streitkräfte den Vietcong und die nordvietnamesische Armee schnell zerschlagen könnten. Das Problem bestand darin, dass das amerikanische Militär für einen europäischen Krieg, für einen strategischen Krieg geschaffen worden war. Es wurde für den Kampf gegen einen sowjetischen Angriff mit Flugzeugen, Panzern und der komplexen Logistik ausgebildet, die zur Unterstützung einer solchen Operation erforderlich ist. Das Militär wurde jedoch nicht für einen Krieg gegen eine leichte, mobile Infanterie in einem Gelände trainiert, das von Hügeln bis zum Dschungel reicht.

Die falschen Truppen am falschen Ort

Washington ging davon aus, dass Luftangriffe auf Haiphong die Kapitulation erzwingen würden, und berücksichtigte dabei weder das nahezu religiöse Engagement der vietnamesischen Truppen noch die Rücksichtslosigkeit des nordvietnamesischen Regimes. Nach der gescheiterten Tet-Offensive waren die USA dem Sieg so nahe wie möglich, doch Führungsversagen, logistische Probleme und operative Zwänge sowie die schnelle Verstärkung durch den Norden machten dies unmöglich. Hinzu kam ein Missverständnis der amerikanischen Presse, das maßgeblich dazu beitrug, die amerikanische Öffentlichkeit gegen den Krieg aufzubringen.

Das Problem mit dem Vietnamkrieg bestand darin, dass er strategisch nicht notwendig war. Die amerikanische Öffentlichkeit würde einen billigen Sieg gutheißen, aber keinen endlosen Krieg. Sie wusste, dass weder die Domino-Theorie noch Amerikas Glaubwürdigkeit davon abhingen. Die Befehlshaber in diesem Krieg hatten im Zweiten Weltkrieg gekämpft, wo beide Fronten strategisch wichtig waren. Sie und ihre Truppen waren es nicht gewohnt, einen Krieg zu akzeptieren, der sieben Jahre dauern würde, bevor die Amerikaner kapitulierten.

Ein ähnlicher Prozess fand in Afghanistan statt. Als Land war Afghanistan für die Vereinigten Staaten nicht von strategischer Bedeutung. Al-Qaida hatte den Anschlag vom 11. September von dort aus geplant, und der anfängliche Einsatz der CIA, einiger US-Spezialeinheiten und Anti-Taliban-Stämme bei der Niederschlagung der Gruppe war sinnvoll. Aber al-Qaida entkam nach Pakistan, und man musste sich entscheiden, ob man sich zurückziehen oder versuchen wollte, die Kontrolle über Afghanistan zu übernehmen. 

Die offensichtliche Antwort hätte darin bestehen müssen, sich zurückzuziehen; stattdessen entschied man sich für den Verbleib und begann mit Luftangriffen auf verschiedene afghanische Städte. Die Taliban kontrollierten diese Städte, und der Luftangriff sollte sie brechen. Sie verließen die Städte, und es bestand die Hoffnung, dass der Krieg gewonnen sei. Aber die Taliban hatten sich lediglich zurückgezogen und zerstreut. Mit der Zeit gruppierten sie sich in den Gebieten neu, aus denen sie kamen und die sie am besten kannten.

Die Mission entwickelte sich zu dem Versuch, eine Kraft zu zerstören, die tief in der afghanischen Gesellschaft und Geografie verwurzelt war. Die Taliban konnten in ihren Gebieten eingedämmt werden, auch wenn dies viele Opfer kostete – aber es war unmöglich, sie zu zerschlagen. Während der Vietcong mit beinahe religiöser Hingabe kämpfte, kämpften die Taliban mit echter religiöser Inbrunst. Die USA versuchten, eine pro-amerikanische afghanische Nationalarmee zu schaffen, so wie sie die Armee der Republik Vietnam geschaffen hatten. 

Der Irrglaube über eine neue Armee

Die Vorstellung aber, inmitten eines Krieges auf fremdem Territorium eine neue Armee auf die Beine stellen zu können, ist regelrecht bizarr. Tatsächlich war es nämlich so, dass die ersten rekrutierten Soldaten von den Kommunisten (in Vietnam) oder den Taliban (in Afghanistan) geschickt wurden. Das Ergebnis war eine Armee, bei der feindliche Kämpfer in strategischen Positionen saßen. Der Feind würde also jede Offensive der neuen Armee vorhersehen können.

Eine militärische Streitkraft wird geschaffen, um strategische Notwendigkeiten zu erfüllen. Wenn ein nicht-strategischer Krieg geführt wird, ist die Wahrscheinlichkeit überwältigend, dass die Streitkräfte und insbesondere die Kommandostruktur nicht dazu in der Lage sind. Vietnam dauerte sieben, Afghanistan sogar 20 Jahre. Keiner der beiden Kriege endete, weil die Amerikaner zu wenig Geduld hatten. Sondern, weil der Feind herangereift war; in Vietnam und Afghanistan war der Gegner zu Hause, während die US-Truppen ein- und ausrückten. Und die Kampfhandlungen endeten, weil das, was seit Jahren galt, offensichtlich geworden war: Die USA konnten nicht gewinnen, und das Ende des Krieges würde den amerikanischen Geheimdiensten keinen großen Schaden zufügen.

Keiner der beiden Kriege passte in die Strategie, die den USA durch die geopolitische Realität aufgezwungen wurde. Weder in Vietnam noch in Afghanistan war das amerikanische Militär darauf ausgelegt, einen Krieg gegen eine engagierte, erfahrene und wendig-leichte Infanterie zu führen. Einen nicht-strategischen Krieg zu führen, schwächt unweigerlich die eingesetzten Truppen. Und in beiden Kriegen wurde der Feind vielleicht unterschätzt – aber eine schlecht vorbereitete amerikanische Streitmacht wurde bei weitem überschätzt. 

Was folgte, war nicht das Versagen der Truppen vor Ort. Es war ein Versagen der Ausbildung, der Führung – und vor allem der Tatsache geschuldet, dass die US-Truppen nach Hause gehen wollten. Die Taliban hingegen waren schon zu Hause.

Die Geopolitik bestimmt die Strategie. Die Strategie bestimmt die Truppe. Der Preis für einen nicht-strategischen Krieg ist hoch, und die Versuchung, nicht-strategische Kriege zu führen, ist groß. Sie beginnen mit einem echten Schreckensszenario und enden langsam im Scheitern. Außerdem lenken sie von den strategischen Prioritäten einer Nation ab. Der Vietnamkrieg hat die Fähigkeiten der USA in Europa erheblich geschwächt – eine Schwäche, die die Sowjets jedoch nicht ausgenutzt haben. Afghanistan hat die amerikanischen Streitkräfte nicht geschwächt, aber das Vertrauen in sie (und in die amerikanische Öffentlichkeit) abermals erschüttert. Die amerikanische Macht wurde dadurch jedoch nicht geschmälert.

Die beiden Kriege dauerten so lange, weil es den jeweiligen Präsidenten leichter fiel, sie fortzusetzen als sie zu beenden. Einen Krieg zu verlieren, ist schwer. Die Entscheidung, einen noch laufenden Krieg verlustreich zu beenden, ist noch schwieriger. Das ist der Preis, den man für nicht-strategische Kriege zahlt.

Vom Nicht-Strategischen zum extrem Strategischen: China

Die sowjetische Bedrohung für Europa und den Atlantik wurde ohne Krieg bewältigt. Der strategische Charakter der Bedrohung erforderte ein klares Verständnis, angemessene Streitkräfte und politische Unterstützung. Zu gegebener Zeit brach die schwächere Partei, die Sowjetunion, unter dem von den Vereinigten Staaten ausgeübten wirtschaftlichen Druck zusammen. Das ist das ideale strategische Ergebnis.

Die Bedrohung in Europa hat stark abgenommen. Die Russen versuchen, verlorene Gebiete zurückzugewinnen, sind aber nicht in der Lage, Europa zu bedrohen. Die von den Vereinigten Staaten geschaffene transatlantische Bündnisstruktur ist nicht mehr relevant und wird es auch in den nächsten Jahren nicht sein – wenn überhaupt. Allianzen sind wichtig, um zusätzliche militärische und wirtschaftliche Macht zu erlangen. Sie verschaffen geografische Vorteile und verändern die Psychologie des Gegners. Doch mit der Entwicklung der strategischen Lage verändert sich auch das Bündnis. 

Die strategische Realität von 1945 war ein mächtiges Russland und ein schwaches Europa. Heute ist die strategische Situation ein geschwächtes Russland und ein wohlhabendes Europa. Die Existenzberechtigung der Nato verlagert sich daher auf etwas, das in der Politik der Vereinigten Staaten keine allzu große Rolle mehr spielt – ebenso, wie sich die Rolle der Nato aus Sicht der anderen Mitglieder verändert hat. 

Aber die Gefahr von Bündnissen, die ihren Zweck überdauern, besteht in einer Verzerrung der nationalen Strategie, so dass sie die Vereinigten Staaten schwächen können, anstatt sie zu stärken. Im schlimmsten Fall können solche überkommenen Bündnisstrukturen die Vereinigten Staaten in eine Politik und in Kriege verwickeln, die ihre nationale Sicherheit eher schwächen als stärken.

Europa verliert an Bedeutung

Die Marginalisierung des europäischen Schauplatzes gibt den Vereinigten Staaten die Freiheit, sich mit dem Pazifischen Ozean und der potenziellen Bedrohung durch China zu befassen. China muss die Vereinigten Staaten dringend zurückdrängen, weg von ihren Küsten und tiefer hinein in den Pazifik. Dies begann mit der amerikanischen Forderung nach gleichberechtigtem Zugang zum chinesischen Markt, der Ablehnung Pekings und der Verhängung von Zöllen gegen China durch die Vereinigten Staaten. Die wirtschaftliche Frage war nicht entscheidend, aber China zog vernünftigerweise den Schluss, dass sich die Sichtweise der USA auf China verändert hatte und dass China auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein musste.

Der schlimmste Fall wäre, dass die USA ein Embargo gegen Chinas Häfen an der Ostküste und/oder entlang der Engpässe an den Inseln östlich von China verhängen. China ist eine Handelsmacht, die vom Seehandel abhängig ist. Eine Schließung der Häfen sowie der Straße von Malakka würde China lähmen. Washington hat zwar nicht damit gedroht, aber China muss auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein. 

Die Vereinigten Staaten haben eine informelle Bündnisstruktur geschaffen, die China Sorge bereitet. Japan, Südkorea, Taiwan, die Philippinen, Indonesien, Vietnam und Singapur sind alle formell oder informell mit den Vereinigten Staaten verbündet oder stehen China feindlich gegenüber. Darüber hinaus sind auch Indien, Australien und Großbritannien aktiv an dieser Quasi-Allianz beteiligt. China muss davon ausgehen, dass die USA irgendwann versuchen werden, Druck auszuüben – wenn nicht über die Häfen, dann durch eine Blockade dieser Inselgruppe.

Die Vereinigten Staaten befinden sich ungefähr in der gleichen Lage wie während des Kalten Krieges. Sie verfügen über ein Bündnis, das ihnen die geografischen Voraussetzungen bietet, um einem chinesischen Angriff zu begegnen, einen Angriff zu starten oder einfach ihre Position zu halten. China muss handeln, um diese Realität zu verändern. Eine Möglichkeit sind große wirtschaftliche Zugeständnisse an die Vereinigten Staaten und andere Mitglieder dieser Gruppe. Eine andere Möglichkeit ist ein Angriff, um die Blockade zu durchbrechen. Eine weitere besteht darin, diese Position einfach zu halten, bis die USA etwas unternehmen. Oder China könnte es den Sowjets gleichtun und eine nicht-strategische Bedrohung schaffen, der die USA nicht widerstehen können, da sie bekanntlich eine Vorliebe für nicht-strategische Dinge haben.

Chinas strategische Zwänge

Der Beginn eines Krieges öffnet die Tür zu einer möglichen Niederlage ebenso wie zu einem möglichen Sieg. Und China kann sich nicht sicher sein, wie hoch die Rechnung im Fall einer Niederlage ausfallen würde. Die chinesische Wirtschaft steht ständig unter Druck, und es gibt dort eine große Zahl relativ armer Menschen. Wirtschaftliche Zugeständnisse sind deshalb kaum möglich. Bleibt man in dieser Position, können die USA den ersten Schritt machen, und angesichts dessen, was China als militärisches Abenteurertum der USA ansieht, ist sich Peking nicht sicher, ob die USA Chinas Macht nicht überschätzen werden. Daher wäre der wahrscheinlichste Schritt ein Ablenkungsmanöver.

Die Chinesen sind in der Lage, einen Regimewechsel in Ländern zu erzwingen, der den Vereinigten Staaten als direkte Herausforderung erscheinen würde – so, wie es in Vietnam und Afghanistan der Fall war. Die Tendenz der USA, diese nicht-strategischen Herausforderungen anzunehmen, gilt auch für den Irak und in gewissem Maße für Korea. China könnte die gleiche Schlussfolgerung ziehen wie die Sowjets, nämlich dass die USA auf eine Bedrohung reagieren werden, auch wenn sie nicht strategisch ist. China hat sich schon lange nicht mehr an solchen Aktivitäten beteiligt, aber die aktuelle Situation ist riskanter als früher. Ein Ablenkungsmanöver könnte als die risikoärmste Option angesehen werden.

Das ist das eigentliche Problem des amerikanischen Jahrhunderts: Amerika ist reaktiv, und manchmal reagiert es auf den Köder, den seine Feinde ins Wasser werfen in der Hoffnung, dass die USA anbeißen. Das Hauptproblem besteht darin, dass die US-Strategie nicht von strategischen Erwägungen geleitet wird, was dazu führt, dass es schwierig ist, das Nichtstrategische vom Strategischen zu unterscheiden. Es bedarf einer neuen amerikanischen Strategie, damit jene Disziplin aufgebracht werden kann, die nötig ist, um einen chinesischen Ablenkungsversuch zu verhindern.

Das ideale Ergebnis des amerikanisch-chinesischen Streits ist eine Verhandlungslösung. Keiner von beiden kann die Kosten eines Krieges auf sich nehmen, obwohl die USA einen geographischen Vorteil haben, der jeden waffentechnischen Vorteil Chinas neutralisieren kann. Und genau das ist der Sinn der Strategie. Erstens: Kriege sollen selten sein und nicht der Normalfall. Einen Krieg zu vermeiden, erfordert geopolitisches, strategisches und diszipliniertes Denken. Die USA haben 45 Jahre lang in Europa an der Front gestanden und den Konflikt mit der Sowjetunion friedlich beendet – mit Ausnahme des Vietnamkriegs, der nicht entscheidend war. 

Die USA und China werden sich um den Westpazifik streiten, aber wenn sich die USA auf ihre Strategie konzentrieren, wird es wahrscheinlich nicht zu einem Krieg kommen. Die Vorbereitung auf einen Krieg aber ist unerlässlich. Amerika muss seine Gewohnheit überwinden, sich auf blutige Ablenkungsmanöver ohne strategischen Wert einzulassen.

In Kooperation mit

GPF

Rob Schuberth | Mi, 18. August 2021 - 19:56

Die USA haben sich die Rolle einer sogn. Weltmacht, nach dem WK II, selbst zugeschrieben und der Rest der Welt, mit immer mehr Ausnahmen (z. B. RUS, China) haben das mehr oder weniger akzeptiert.

Diese Zustimmung bröckelt eh.
Und irgendwie passt es auch nicht mehr, denn die USA waren und ist doch mehr hinter den Rohstoffen anderer Länder her, als es der USA um das Wohlbefinden deren Bevölkerungen ginge.

Wozu also brauchen wir eine Weltmacht, die eh keine mehr ist?

Wir haben die WTO, die WHO, die UNO, den UN-Sicherheitsrat uvm.

Das sollte doch reichen.

Am Bsp. der Krim, oder Hongkong u. bald auch Taiwan, konnte u. kann man doch sehen, dass die USA gar kein Int. mehr haben Weltmacht (= also eine Art Polizei) zu sein.

Wolfgang Z. Keller | Mi, 18. August 2021 - 20:02

... von nicht strategisch gebotener Einmischung? Da wird sich aber die gesamte Kriegs- und Waffenindustrie Amerikas schön bedanken. Wieviel ungezählte Milliarden Dollar die an diesen "Abenteuern" verdient hat, kommt in dem ansich sehr interessanten Artikel mit keinem Wort vor, so wenig, wie die Spezlwirtschaft von so manchen Präsidenten, Verteidigungsministern (ich sage nur Dick Cheney!) oder hoher Militärs mit diesem gigantischen Industriezweig.

Aber man und frau wird sehen, Herrn Biden würde ich jedenfalls mehr besonnene Vernunft zutrauen als seinem Vorgänger ...

Ich bin wg. Gelöbnisverweigerung nur Gefreiter geworden. Dennoch würde ich mal behaupten, dass

- den Taliban 20 Jahre Zeit lassen, sich in Pakistan und im eigenen Lande zu restrukturieren
- das Kriegsziel zu erreichen (Bin Laden) und dennoch Milliarden zu verpulvern
- das Rückzugsdatum bekannt geben
- Hals über Kopf abhauen

mir wahrscheinlich als Strategie nicht eingefallen wäre.
Elvers wegtreten, 5, hätte es wohl geheißen.

Naja, ich durfte ja auch nur alte Panzer reparieren. Jeder schuss ein ...., nein, ein Instandschlosser ran.

Christa Wallau | Mi, 18. August 2021 - 20:24

hätten sich die Amerikaner mitsamt den Deutschen aus Afghanistan zurückziehen müssen.
Die Vorstellung, eine afghanische Armee aufstellen zu können, die gegen die eigenen Lands-Leute einen aufopferungsvollen Krieg für Demokratie führt, war von Anfang an abwegig.
Afghanen, die in ihrer Kultur verwurzelt sind, wollten nie eine fremde Macht auf ihrem Territorium haben. Und da diejenigen von ihnen, die sich mehr Freiheiten wünschen, offenbar deutlich in der Unterzahl sind (jedenfalls bei d. Männern), beugen sich jetzt also die meisten wieder willig den Regeln der Islamisten; eine Minderheit tritt die Flucht an.
Ich vermute, daß die Chinesen schon lange die Taliban mit Geld und Waffen unterstützt haben, damit sie jetzt - nach der Rückeroberung - gute Geschäfte mit ihnen machen können; denn irgendwelche moralischen Bedenken kennen die Chinesen nicht. Es gibt Rohstoffe in Afghanistan, auf deren Ausbeutung China scharf sein dürfte.

Die Niederlage der USA ist ein klarer Punktsieg für China.

Wer glaubt, dass das Ziel des vom UN-Sicherheitsrat mandatierten Einsatzes lediglich die Ausschaltung bin-Ladens war (der damals übrigens längst in Pakistan weilte, unweit einer Militärakademie!) oder dass damit etwas Substantielles erreicht worden wäre, der irrt und reduziert komplexe Probleme auf Personen.
In der UN-Resolution 1386 werden die Bedingungen genannt, die geschaffen werden sollen, um dafür zu sorgen, dass Afghanistan dauerhaft kein Rückzugsort für Gruppierungen wie die Taliban und transnationale Terrornetzwerke wie al-Qaida werden kann. An dieser Aufgabe sind die USA gescheitert, vor allem aufgrund massiver Fehleinschätzungen. Eine schonungslose Analyse hat der Inspector General Skopko vorgelegt:

https://www.politico.com/news/2021/08/17/afghanistan-inspector-general-…

Dass der Abzug verheerende Konsequenzen haben würde, muss auch jenen klar gewesen sein, die das 20 Jahre lang gefordert haben und die jetzt so tun, als sei nur die Art des Abzugs das Problem.

Und auch die Russen hoffen, dass sie was abbekommen. Ihre alte Afghanistan-Aktion ist weitgehend vergessen. Und sie sind schon vor Ort. Wenn man Lawrow richtig zuhört, kriegt man das mit. Die USA und der Westen sind die eindeutigen Verlierer, die kriegen dort kein Bein mehr auf die Erde. Afghanistan wird sich entwickeln wie Vietnam nach Abzug der Amerikaner. Und dieser neue Staat reiht sich dann ein in die russisch-chinesische Phalanx. Immer größer und mächtiger wird dieser Komplex. An Geld fehlt es nicht. Auch nicht an Know-How oder Waffentechnik. Durch Ignoranz und grenzenlose Dummheit haben der Westen und die USA Einfluss und geostrategische Positionen verspielt. Noch schlimmer ist, dass es keine Selbstkritik gibt, dass man das nicht öffentlich auswertet, dass man im Grunde so weitermachen will. Merkels Geschwurbel zu diesem Thema spricht Bände. Normalerweise müsste die ganze Bundesregierung zurücktreten. Sie ist geschlagen auf der ganzen Linie. "Wir waren nicht so glücklich..."

Peter Heinitz | Mi, 18. August 2021 - 21:24

Dummheit, Gier und Ohnmacht zerstören die USA, als auch deren europäische Vasallen. Die Europäer haben es nur noch nicht kapiert.

Michel Onfray hat ein Buch geschrieben, „der Untergang des Abendlandes“ -es geschieht zu beiden Seiten des Atlantiks. Wenn eine Zivilisation gendering, identity policy und cancel culture zu Hauptthemen macht, dann hat die Dekadenz gewonnen.

Carl Sagan hat es schon vor Jahren prophezeit, in Bezug auf die USA - „In the long run, the aggressive civilizations destroy themselves, almost always.“

https://www.youtube.com/watch?v=nGanLUnjoPI.

Geschichte wiederholt sich, Roman Empire, Napoleon, Nazi Empire, British Empire, UDSSR, und jetzt die USA.

Die derzeitige demokratische US Politik und das Pentagon sind unfähig, korrupt, dekadent. Man muss nur zuhören was sehende US Amerikaner sagen - ein Moron als Präsident!

https://www.youtube.com/watch?v=BUzTFTaMsHg

https://www.youtube.com/watch?v=bHt3K7Uf1LM

https://www.youtube.com/watch?v

diese YouTube-Filmchen, zu denen Sie die Links liefern.
Ein Beitrag vom Trump-Haussender Fox-News oder einem Ableger einer nationalistisch eingestellten indischen TV-Station liefern natürlich höchstens aussagekräftige Beweise - für jene Unbelehrbaren, die noch immer Trump die Stange halten.

Der "Idiot" (Moron) Biden hat immerhin den "America-First-Hero" Trump aus dem Weissen Haus verjagt. Sicher keine glänzende Alternative, eher ein freundlich wirkender, geriatrischer alter Mann. Aber selbst der reichte, um Trump loszuwerden.

Der Irak-Krieg wurde durch den Repbulikaner Bush ausgelöst, die afghanische Katastrophe durch Donald Trump. Der hat mit den Taliban den Abzug der US-Soldaten verhandelt, die Zukunft Afghanistans war überhaupt kein Thema. Schliesslich wollte sich Trump im US-Wahlkampf als derjenige präsentieren, der die Truppen heimholt.
Biden hat allerdings eklatante Schwäche gezeigt, indem er Trumps Nonsens auch noch ungeprüft umgesetzt hat, und das höchst dilettantisch.

indem er Trumps Nonsens auch noch ungeprüft umgesetzt hat, und das höchst dilettantisch."

Es wird es wohl auch nicht mehr lange dauern, dass Kamala Harris nachrückt.

Komisch ist nur, dass Dr. Sarajuddin Rasuly (in Österreich lebender Afghane und profunder Kenner Afghanistans) behauptet: "Die Vertreter waren alle in Doha, die Amerikaner, Russen, Chinesen, Deutsche, Saudi-Araber, Pakistani, Iraner und Türken. Sie wussten um den Vormarsch der Taliban, es war verabredet. Alle Großmächte und regionalen Mächte waren dort. Sie haben das alle gemeinsam entschieden."

Karl-Heinz Weiß | Mi, 18. August 2021 - 21:27

In Afghanistan war es das Ziel, eine demokratisch strukturierte Gesellschaftsordnung zu etablieren-in Anbetracht der Geschichte dieses Landes ein überaus ehrgeiziges Ziel. Wie bemerkte Herr Schäuble zutreffender weise schon vor vielen Jahren: " Wir können den Krieg gewinnen, aber nicht den Frieden".

Tomas Poth | Mi, 18. August 2021 - 22:19

Solche Analysen und Einschätzungen würde ich gern mal aus Deutschland über Deutschland hören und lesen, im offenen Diskurs.
Aber dazu scheinen wir hier nicht fähig zu sein oder wollen es nicht.
Stattdessen gibt es nur verschrobene Sprechblasen und Selbsttäuschungen zu Europa, Weltrettungsfantasien hinsichtlich Migration und Klima und anderen Schmarrn. Das führt alles nur in einen erneuten Niedergang.

auch ich finde nirgendwo solche Analysen und Einschätzungen. Es wäre eigentlich Aufgabe einer freien Presse hier Vorarbeit zu leisten, wenn von der Regierung nichts kommt.
Ich suche schon seit längerem nach einer gesamtwirtschaftlichen Rechnung über die Kosten des verlorenen Krieges seit 1945.
Oder eine Aufstellung, was uns die Flüchtlingskatastrophe mit ihrer Willkommenskultur seit 2015 insgesamt gekostet hat.
Das sind nur 2 Beispiele.

Christoph Kuhlmann | Do, 19. August 2021 - 08:34

der Tatsache, dass sowohl im Irak als auch in Afghanistan sowie in Libyen ein staatliches Gewaltmonopol existierte. Wer dieses zerstört löst einen Bürgerkrieg aus oder er schafft ein neues staatliches Gewaltmonopol. So etwas muss möglicherweise über Generationen durch externe Truppen aufrechterhalten werden, bis die Politik des Landes demokratische Verfahren entwickelt und befürwortet sowie unabhängige Institutionen respektiert. Es hat in Europa Jahrhunderte gedauert bis diese entstanden. Es hängt also von der Entwicklungsstufe einer Gesellschaft ob dies in wenigen Jahren oder mehreren Generationen möglich ist. Insofern hoffen wir in EMEA auf eine friedlichere Entwicklung ohne die USA und sehen unserer Marginalisierung aus amerikanischer Perspektive hoffnungsvoll entgegen. Spaß beiseite. Wir alle haben ein Interesse an einer starken demokratischen Führungsmacht und wären entzückt, wenn diese Konflikte auf möglichst niedrigem Gewaltniveau operationalisieren würden.

Ernst-Günther Konrad | Do, 19. August 2021 - 09:14

Ein sehr informativer mit vielen Gedankenansätzen versehener Artikel. Besonders interessant ist, dass bei Ihren Überlegungen Herr Jäger, Europa und die NATO kaum noch eine Rolle spielen. Dennoch glaubt die NATO und die EU, sie könne irgendwo mitspielen. Diese Realitätsverzerrung hat den Europäern erstmals Trump mit seiner Entscheidung, dass zu beenden, was seine Vorgänger für "notwendig" hielten aufgezeig. Krieg kann nur das letzte Mittel der Selbstverteidigung sein, niemals aber aus geostrategischen oder gar wirtschaftlichen Interessen. Von Russland geht keine Gefahr für Europa aus, sondern von der Wirtschaftsmacht China, dass in Europa schon längst eine Anhängigkeit geschaffen hat und wenn China nicht über die Meere kommt, nimmt man halt die Seidenstraße. Die NATO dient allenfalls noch als Kanonenfutter, ein Anhngsel vergangener Zeiten. Nach meiner Überzeugung entscheiden sich künftige Auseinandersetzung mit den Mitteln der Cyberwelt. Wer künftig Strom abschalten kann, lenkt alles.

Jochen Rollwagen | Do, 19. August 2021 - 10:12

"Das Debakel in Afghanistan macht deutlich, dass die Vereinigten Staaten ganz dringend eine neue Strategie brauchen, um Weltmacht bleiben zu können"

Blitzmerker.

Zu spät.

Albert Schultheis | Sa, 21. August 2021 - 09:56

Fazit der Interventionen durch die Russen, die Amerikaner, der Deutschen und all der fremden "Gutwilligen", die das Land mit Sozialismus, Freiheit und/oder Demokratie befrieden wollten (nicht ohne eigene Macht-und Einflusssphären zu sichern): Dieses Land ist von Außen nicht zu befrieden, geschweige denn von sich selbst zu befreien, dh von der eigenen Rückständigkeit und der extrem mörderischen und menschenfeindlichen - insbesondere Mädchen- und Frauen-feindlichen Religion des Islam. Das Land ist kontaminiert durch den Islam. Ja- der Westen und Russland haben viele Fehler gemacht - der größte, sich dort überhaupt einzulassen. Daher macht es eigentlich keinen Sinn im Westen Sündenböcke zu suchen, obwohl die Kandidaten Biden, Merkel AKK und Maas schon super dämlich sind, aber das ist ein anderes Problem. Was zu tun wäre: Das Land muss sich selber sanieren, modernisieren, von der Krankheit Islam heilen. Gleichzeitig müssen wir uns strikt abschotten, um uns nicht noch weiter zu infizieren!