- Verraten und vergessen: Das Schicksal der zweiten UN-„Schutzzone“ Žepa
Nach dem Völkermord von Srebrenica peilte General Mladić die UN-„Schutzzone“ Žepa an. Der Fall Žepas zeigt noch deutlicher, dass beide Enklaven geopfert wurden – was UN-Generalsekretär Kofi Annan 1999 indirekt einräumte.
Noch am Tag des Falls von Srebrenica schickte der Leiter der „Abteilung für friedenserhaltende Maßnahmen“ (DPKO) im UN-Hauptquartier in New York und spätere UN-Generalsekretär Kofi Annan einen verschlüsselten Bericht an Yasushi Akashi in Zagreb, wo sich das UN-Regionalhauptquartier befand. In diesem erkundigte er sich über die Gefahr für die zwei verbliebenen ostbosnischen UN-„Schutzzonen“ Žepa und Goražde. Annan wollte von Akashi wissen, „ob die Serben absichtlich eine neue Phase ihrer Militärstrategie verfolgen“, sprich, ob „Žepa und Goražde als nächste an der Reihe sein werden“.
Obwohl Akashi in seiner als „dringlichst“ eingestuften Antwort vom Folgetag die Möglichkeit weiterer serbischer Eroberungen der Enklaven als wahrscheinlich beurteilte, verlor er kein Wort darüber, wie man diese hätte schützen können. Dies ist bemerkenswert, denn Akashi war primär kein Berichterstatter, sondern der Top-Entscheidungsträger der UN im ehemaligen Jugoslawien. Er hatte die Entscheidungsgewalt und das letzte Wort – auch wenn es um die Anforderung von Nato-Luftangriffen ging.
Akashis Beschwichtigungspolitik
In folgenden Schreiben an Annan wurde Akashis Absicht – ein entschiedenes Vorgehen gegen die Serben zu verhindern – immer deutlicher: Nach seiner Überzeugung könne am Ablauf der Ereignisse nichts mehr geändert werden. Pläne des UN-Sicherheitsrats, eine scharfe Resolution zu verabschieden, würden nur „unrealistische Hoffnungen“ wecken. Man müsse nun die „geschaffenen Fakten“ anerkennen, „die Zusammenarbeit der bosnischen Serben“ sei essenziell.
Auch den Einsatz der gerade aufgestellten „Schnellen Eingreiftruppe“ (RRF), einer bestens ausgerüsteten Kampfeinheit von 12.500 britischen, französischen und niederländischen Soldaten, die weniger als 100 Kilometer von den UN-„Schutzzonen“ bereitstand, lehnte er ab. Deren Einsatz würde die Situation „eher verkomplizieren“ als zu ihrer Lösung beitragen. Der Sicherheitsrat solle die „neuen Realitäten der Situation“ anerkennen und sich „eher auf humanitäre Unterstützung fokussieren“ als gewaltsame Maßnahmen in Betracht ziehen.
Akashis hartnäckige Versuche, jedwede militärische „Bestrafung“ gegen die Serben zu verhindern, sind evident. Seine Formulierungen ähneln teilweise denen Karadžićs, den er „Lieber Dr. Karadžić“ nannte und mit dem er ausführliche Gespräche bei langen Mittagessen in seiner Hochburg Pale in den Bergen über der seit mehr als 1.000 Tagen belagerten bosnischen Hauptstadt Sarajevo führte.
Akashis freundliche Kontakte zum Völkermörder Karadžić waren in ihrer Natur noch beschwichtigender als die des britischen Vorkriegspremiers Neville Chamberlain gegenüber dem Diktator Adolf Hitler. Dessen „Appeasement“-Politik brachte seinen politischen Rivalen und dann baldigen Nachfolger, Winston Churchill, zur Weißglut. Akashis Beschwichtigungen taten dies bei verschiedenen Nato-Repräsentanten, so bei Generalsekretär Manfred Wörner, der sich trotz fortgeschrittener Krebserkrankung schon 1994 intensiv für Bosnien einsetzte.
Man muss sich vergegenwärtigen, was damals passierte und auf dem Spiel stand: Karadžić hatte befohlen, 400 UN-Soldaten als Geiseln zu nehmen und als „menschliche Schutzschilde“ an militärische Ziele für potenzielle Nato-Luftangriffe zu ketten; seine Truppen bombardierten zivile Ziele in ganz Bosnien und griffen UN-Soldaten an; sie hatten mit der Eroberung Srebrenicas das Fundament der UN-Politik – die UN-„Schutzzonen“ – zerstört und waren dabei, den ersten Völkermord in Europa seit der Nazi-Zeit abzuschließen, dem 8.372 Menschen zum Opfer fielen. Und die UN – zuvorderst Akashi und Janvier – sahen dieser Katastrophe tatenlos zu.
Rettende Nato-Luftangriffe abermals verhindert
Aber was tat Akashi? Nachdem er den kritischen und nicht zur Beschwichtigung neigenden Annan und Teile des Sicherheitsrats in New York „auf seinen Kurs“ gebracht hatte, reiste er am 19. Juli 1995 nach Brüssel und verkündete vor dem Nordatlantik-Rat (NAC), dem höchsten Entscheidungsgremium der Nato, dass „Žepa … zu fallen scheint“. Doch hatte Akashi die Rechnung ohne die tapferen Verteidiger des kleinen Bergortes gemacht, die gar nicht daran dachten zu kapitulieren. „Der Nutzen der Nato-Luftstreitkräfte“ für die UN sei fraglich, so Akashi. Und dann appellierte er, wie zuvor gegenüber Annan, an die Botschafter des NAC: „Wir müssen realistisch bleiben. Luftunterstützung in Srebrenica, obwohl sie am Beginn der serbischen Offensive autorisiert wurde, konnte am Boden nur schwierig eingesetzt werden.“
Dies war eine Lüge, denn Akashi hatte gemeinsam mit Janvier Anforderungen nach Nato-Luftunterstützung während der serbischen Offensive abgelehnt; laut UN sechs, laut dem niederländischen Verteidigungsminister Joris Voorhoeve sogar neun Bitten. Der höchste UN-Militär, der deutsche Bundeswehr-General Manfred Eisele, sagte sogar, Akashi hätte ihm versichert, niemals eine Anforderung für Luftangriffe unterschrieben zu haben. General Eisele äußerte schon 1996 gegenüber dem Verfasser, dass Srebrenica hätte gerettet werden können, wenn Akashi und Janvier damals der Nato grünes Licht für die Zerstörung der ersten zwei serbischen Panzer gegeben hätten.
Akashi triumphierte nun auf ganzer Linie, denn während der am 21. Juli anberaumten Londoner Konferenz wurde Žepa mit keinem Wort erwähnt. Es scheint, als habe Akashi hier Überzeugungsarbeit geleistet, gemäß den Worten General Janviers: „Meine Herren, verstehen Sie nicht? Ich muss diese Enklaven loswerden.“ So wurde Janvier von einem Teilnehmer eines Krisentreffens in Zagreb kurz vor dem Fall Srebrenicas zitiert, als ihn Mitglieder seines Stabes und der Nato-Verbindungsoffizier drängten, die angeforderte Luftunterstützung zu genehmigen.
Ein zweites „Srebrenica“
Der ebenfalls in Zagreb eingesetzte US-Botschafter Peter Galbraith, den der Verfasser 2007 in Mostar sprach, tat alles, was er konnte, um Žepa zu retten: Er appellierte an den US-Unterhändler Richard Holbrooke und forderte in seinen Drahtberichten vom 25. Juli sowohl von US-Außenminister Warren Christopher als auch vom Nationalen Sicherheitsrat (NSC) der USA, Žepa mit Luftangriffen zu retten:
„Wenn die bosnisch-serbische Armee die Verteidiger Srebrenicas massakrierte, können wir sicher sein, dass ein ähnliches Schicksal viele der 16.000 Menschen Žepas erwartet … Ich dränge, Luftangriffe zu überdenken, um Žepa zu helfen.“
Doch am Abend des 25. Juli war es zu spät. Den Verteidigern unter dem Kommando von Oberst Avdo Palić war die Munition ausgegangen. Palić hatte zwei Wochen bravourös dem serbischen Ansturm widerstanden. Mladić wusste zwar, dass die Eroberung Žepas kein „Spaziergang“ werden würde, aber mit so immensem Widerstand hatte niemand gerechnet.
Später gab Generalsekretär Annan zu, keinen Rettungsversuch für Žepa geplant zu haben. Der Fall sei durch die UN als „fait accompli“ akzeptiert worden, obwohl sämtliche Einsatzregeln und Voraussetzungen für den Einsatz der Nato-Luftwaffe gegeben waren. „Sogar die strikteste Interpretation des Mandats“ hätte Luftunterstützung bereits am ersten Tag der serbischen Offensive gegen Srebrenica gerechtfertigt. Und wäre der serbische Angriff auf Srebrenica abgewehrt worden, wäre Žepa erst recht nicht angegriffen worden.
Žepa ist eine abgelegene, in einem Talkessel durch ein Bergmassiv abgeschirmte Ortschaft, die damals nur über eine etwa drei Meter breite Schotterpiste durch dichten Wald schwer erreichbar war. Hätte die UN der Nato „gestattet“, den ersten serbischen Panzer auszuschalten, wäre der Weg blockiert gewesen. Ohne Panzergeleit unternahm die chronisch unterbemannte serbische Infanterie keine Offensivoperationen.
Letztlich hat die Londoner Konferenz, nach Akashis unermüdlichem de-facto-pro-serbischen Lobbyieren, den Fall Žepas beschleunigt: Da um die dritte und größte ostbosnische UN-„Schutzzone“ Goražde eine „rote Linie“ gezogen wurde und Žepa keine Erwähnung mehr fand, war Mladić klar, dass es wiederum keine Luftangriffe geben würde. Žepa war so von der internationalen Gemeinschaft abgeschrieben – man könnte auch sagen: verraten worden.
Die Nato gab nach „London“ am 25. Juli eine Garantieerklärung für Goražde ab: Würde Mladić angreifen, werde die Allianz mit aller Härte zuschlagen und alle serbischen Kräfte um Goražde vernichten. Der heutige Präsident Serbiens, Aleksandar Vučić, drohte zuvor, am 20. Juli, im serbischen Parlament der Nato: „Wenn sie einen Serben töten, werden wir 100 Muslime töten.“
Vorschlag eines Chemiewaffeneinsatzes
Žepa hätte, wie Galbraith forderte, mit sehr begrenzten Luftschlägen gerettet werden können. Um seine ausgedünnten Truppen zu „schonen“, schlug Mladićs „rechte Hand“ vor Ort, General Zdravko Tolimir, in einem Lagebericht an den Chef seines Generalstabs sogar den Einsatz chemischer Waffen vor. Um Einheiten der bosnischen Verteidiger zu eliminieren, sei „der beste Weg … der Einsatz chemischer Waffen“. Auch der Chemiewaffeneinsatz gegen bosniakische Flüchtlingstrecks wäre ein gutes Mittel, um „die muslimischen Kämpfer zu zwingen, sich zu ergeben“.
Erschreckend ist, wie viele UN-Verantwortliche und gewisse Politiker den Fall Žepas regelrecht herbeireden wollten – und zwar direkt nachdem Srebrenica gefallen war. Fakt ist, dass Žepa noch einfacher als Srebrenica hätte gerettet werden können. Und selbst ohne jedwede Hilfe hielten die Verteidiger den vielfach überlegenen Serben noch 16 Tage und Nächte stand. General Janvier hatte gegenüber seinen militärischen Untergebenen klar gemacht, dass er – wie im Falle Srebrenicas – ein Eingreifen der Nato ablehnte. Genau wie Akashi dies zeitgleich auf politisch-diplomatischer Ebene tat.
Besonders entlarvend für Janvier ist seine Antwort auf die Frage des zuständigen Nato-Kommandeurs für den Einsatz der Luftstreitkräfte, US-Admiral Leighton Smith. Dieser hatte Janvier gefragt, wie die Nato die UN unterstützen könnte, um Žepa zu retten. Janvier antwortete ausweichend: „Ich kann gar nichts machen. Um nach Žepa zu kommen, muss ich mich durch serbisches Territorium kämpfen, und ich bin nicht kampfbereit.“
Dass es Smith – wie auch bezüglich Srebrenicas – einzig um den Einsatz seiner Kampfflugzeuge ging und nicht um Bodentruppen, war eindeutig. Dennoch versuchte Janvier, immer neue „Argumente“ anzuführen, warum Luftangriffe sinnlos seien. In Žepa war eine ukrainische Kompanie der UN-Schutztruppe stationiert, die zumindest militärische Ziele für die Nato-Kampfflugzeuge hätte identifizieren können. Smith später: Er hätte während der serbischen Offensive gegen Srebrenica Janvier „mehrmals“ kontaktiert und Luftangriffe vorgeschlagen, die dieser abgelehnt habe. Die Nato-Kampfflugzeuge seien bereits Tage vor dem Fall Srebrenicas einsatzbereit gewesen, aber die UN hätten dies verhindert. Nur so konnte Mladić auch die Operation „Stupčanica 95“ erfolgreich abschließen.
Oberst Avdo Palić opfert sich
Oberst Palić rettete die Männer und Jungen der Enklave, indem er mit einigen Kämpfern die anrückenden Serben in den zerklüfteten Bergschluchten aufhielt. Erst am 27. Juli 1995, als alle in Sicherheit waren, ergab sich Avdo Palić im Beisein von U.N.-Vertretern dem serbischen „Chemiewaffen“-Kommandeur Tolimir mit den Worten: „Guten Tag! Ich bin der Avdo, den Sie suchen.“
Palić kam nach einem Treffen mit Mladić in Gefangenschaft in Bijeljina, wo er im September ermordet wurde. Seine sterblichen Überreste wurden 2001 exhumiert, aber erst 2009 identifiziert und in Sarajevo beigesetzt. Er ist ein Held des bosnischen Unabhängigkeitskampfes, durch dessen Opfer er den meisten Teenagern und Männern das Leben gerettet hat. Kurz vor seiner Kapitulation sagte er noch: „Leute, ängstigt Euch nicht. Ihr alle werdet gerettet werden. Ich werde der Letzte sein, der Žepa verlassen wird.“ Palić war die personifizierte Tapferkeit. Tolimir wurde 2007, nach jahrelanger Flucht, verhaftet und wegen Völkermordes zu lebenslanger Haft vom UN-Kriegsverbrechertribunal verurteilt. Er verstarb 2016 im Gefängnis.
Ungefähr 13.000 Alte, Frauen und Kinder wurden vor Palićs Kapitulation deportiert, aber – im Gegensatz zu Srebrenica – in Anwesenheit von UN-Soldaten. Dem Verhandlungsgeschick des ukrainischen Kommandeurs Mykola Verkhohlyad ist es zu verdanken, dass Mladić einwilligte, in jedem Bus einen UN-Soldaten mitfahren zu lassen. Von den ca. 3.000 Jungen und Männern gelang den meisten die Flucht.
Als der Verfasser dieses Artikels Žepa im Sommer 1996 besuchte, war es völlig menschenleer. Nun, 30 Jahre später, ist zumindest etwas Leben nach Žepa zurückgekehrt. Es gibt erstmals eine Asphaltstraße in den Talkessel. Einer der ungefähr 150 bosniakischen Rückkehrer hat ein Hotel am Fluss Drina eröffnet, ein anderer gründete eine Fischfarm, wo Bosniaken und Serben problemlos zusammenarbeiten. Eine kleine ostbosnische Erfolgsgeschichte, nach unbeschreiblich viel Leid und Völkermord.
Die Eroberung der zwei UN-„Schutzzonen“, ohne jedweden Widerstand seitens der UN-Verantwortlichen Akashi und Janvier, war eine Katastrophe, von der sich die UN bis zum heutigen Tag nicht erholt haben. Annans Entschuldigung 1999 für das eklatante Scheitern der UN in Srebrenica und Žepa und die Beschwichtigung „des Bösen“ – wie Annan die serbischen Aggressoren nannte – war ein erster Schritt, dem allerdings keine weiteren folgten. Die beiden Hauptverantwortlichen für das Versagen der UN-Politik – Akashi und Janvier – streiten bis heute jedwedes Fehlverhalten ab. Und dies hat Implikationen bis in die Gegenwart. Die völlige Initiativlosigkeit und Passivität, auch des Generalsekretärs, gerade in Bezug auf den russischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine, zeugt davon und kann als Überrest der verfehlten UN-Politik im ehemaligen Jugoslawien gewertet werden.
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