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Der 93-jährige Rabbiner Chaim Kanievsky gehört zu den größten Autoritäten der ultraorthodoxen Juden / BARDUGO

Ultraorthodox - Israels heimlicher Herrscher

Der ultraorthodoxe Rabbiner Chaim Kanievsky hat mehr politischen Einfluss als die meisten Politiker – und ist bei vielen verhasst wegen seines Agierens in der Pandemie.

Autoreninfo

Mareike Enghusen berichtet als freie Journalistin über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Nahen Osten, vornehmlich aus Israel, Jordanien und den Palästinensergebieten. Sie hat Politik- und Nahostwissenschaften studiert und ihre journalistische Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule absolviert.

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Es dauerte einige Tage, bis der große Gelehrte sich zu Wort meldete. 45 Männer und Jungen waren Ende April bei einem religiösen Fest im Norden Israels umgekommen, zu Tode getrampelt, erdrückt, erstickt. Sie alle gehörten Israels ultraorthodoxer Minderheit an, zu deren höchsten Autoritäten der 93-jährige Rabbiner Chaim Kanievsky zählt. Niemand wisse, warum Gott ein solches Unglück geschehen lasse, ließ der Rabbiner seine Botschaft verkünden. Dennoch hätten die Gläubigen eine Verantwortung: Die Männer sollten die Thora studieren und die Frauen „sich in ihrer Züchtigkeit stärken“. 

Die Ermittlungen laufen gerade erst an, doch fest steht bereits, dass staatliche Autoritäten jahrelang Warnungen zu Gefahren an der Feierstätte ignoriert haben – offenbar nicht zuletzt, um Konflikte mit den Ultraorthodoxen zu vermeiden. Die machen zwar nur 12 Prozent der Bevölkerung aus, genießen jedoch als Verbündete des Ex-Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu erheblichen politischen Einfluss. Dass einer ihrer größten Gelehrten im Angesicht der Katastrophe Frauen zu Sittlichkeit ermahnte, anstatt nach der Verantwortung der eigenen Gemeinde zu fragen, erschien vielen säkularen Israelis wie blanker Hohn. 

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Maria Arenz | Fr, 18. Juni 2021 - 09:57

Ich sehe mittel-und langfristig die größte Bedrohung für Israel in dieser ständig wachsenden Kaste Ultraorthodoxer. Von der"Züchtigkeit der Frauen" und dem volkswirtschaftlich eher unergiebigen Thorastudium ihrer Männer in der vielen Zeit, in der sie nicht mit Nachwuchs produzieren beschäftigt sind, kann schließlich keiner runterbeißen. Sie haben dank kurzsichtiger, nur an kurzfristigem Machterhalt interessierter Politiker inzwischen aber schon viel zu viel Einfluß, als daß man ihnen noch die üppigen Soziallleistungen kappen könnte, die ihr Drohnendasein überhaupt erst möglich machen.

Christa Wallau | Fr, 18. Juni 2021 - 10:29

so wie bei dem Führer der Schiiten im Iran, Ajatollah Chamenei, der - trotz des Bestrebens vieler Iraner, ein säkulares Leben zu führen - der Regierung immer wieder die Richtung vorgeben kann.
Das hängt m. E. damit zusammen, daß jedes gesunde Volk einerseits Freiheit u. Selbstbestimmung beansprucht, andererseits aber auch genau spürt, daß es eine kulturelle Identität braucht, um in Krisenzeiten ein Gemeinwesen zu bilden, das nicht nur funktioniert, sondern durch ein G e f ü h l der Zusammengehörigkeit u. der Abgrenzung gegenüber anderen geeint ist.
Für den Staat Israel ist - trotz aller Laizität, und das weiß j e d e r Israeli - die jüdische Religion das einzige Fundament, auf dem er letztlich ruht.
Also wird man sich hüten, den Ast abzusägen, auf dem man sitzt.
Diesen Fehler machen viele West-Europäer, wenn sie das Christentum als wichtiges Fundament ihrer
Existenz nicht mehr wichtig nehmen. Polen, Ungarn, Slawaken, Tschechen haben hier eindeutig den besseren "Riecher".

Also wenn auch im 21. Jahrhundert wirklich Völker weltweit noch religiösen (in meinen Augen Aber-) Glauben brauchen, um sich untereinander und gegen andere "eins" zu fühlen, dann gute Nacht, schöne Gegend.
Dabei waren und sind doch all diese Glaubensgeschichten immer schon nur ideologisches Zusatz-Schmiermittel für Agression nach aussen UND "Andersgläubige" innen (gewesen). Und wir regen uns über muslimische Gottesstaatenprediger und -befürwortende auf? Es ist doch nicht zu glauben ...

PS: Die Genderei begreife und betreibe ich als Satire

helmut armbruster | Sa, 19. Juni 2021 - 11:18

es wird viel zu viel berichtet über dieses kleine Land, das nicht einmal die Größe von Baden-Württemberg hat.
Wir werden regelrecht überfüttert mit Nachrichten aus Israel.
Das Land genießt bei uns eine Medienpräsenz, die in keiner Weise seiner internationalen Geltung oder Wichtigkeit entspricht.
Das erweckt den Verdacht, dass unsere Politik möchte, dass die Deutschen sich für Israel interessieren und engagieren.
Warum? Nur weil es der Staat der Juden ist?

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa, 19. Juni 2021 - 12:44

aber vielleicht befindet sich Herr Kanievsky in einem leichten Irrtum.
Geschichte schreitet voran, auch religiöse und mir scheint es so, als hätten wir - bitte nur eine ganz vorsichtige Hypothese - mit Frau Merkel, Herrn Erdogan, Herrn Netanjahu etc. einen neuen Typus des religiösen Herrschers in der Welt.
Dann läge die Macht bei Letztgenannten, nicht mehr bei den ehrwürdigen religiösen Führern.
Ich halte eine Vergesellschaftung der Religionen für sinnvoll im Sinne einer Teilhabe aller und würde den Hebräern auch eine Entwicklung wünschen, niemals aber aufdrücken.
Im Falle der Genannten und weiterer Führer der Welt geschieht aber evtl. etwas anderes?
Vielleicht so etwas wie das Heilige der Welt in ganz Wenigen ihrer Bewohner, Götter auf Erden.
Das Nicht-Hinzunehmende wäre dann deren Abwahl, obschon sie regieren in Herrlichkeit von Anbeginn der Welt bis in alle Ewigkeit.
Wir Naiven glauben noch an Gott als Transzendenz/Erlösung dieser Welt, es ginge einfacher, wenn wir ... folgen?

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