Drohnenangriff Moskau
Nach einem ukrainischen Drohnenangriff steigen Mitte Mai Rauchwolken im Osten Moskaus auf / picture alliance/dpa | André Ballin

Ukrainekrieg - Putin gerät in Bedrängnis

Durch Drohnenangriffe der Ukrainer auf die russische Energieinfrastruktur gerät Wladimir Putin immer mehr in die Defensive. Allem Anschein nach drängt er deshalb auf Hilfe durch den belarussischen Diktator Lukaschenko. Aber es gibt ein Problem.

Autoreninfo

George Friedman, Jahrgang 1949, ist einer der bekanntesten geopolitischen Analysten der Vereinigten Staaten. Er leitet die von ihm gegründete Denkfabrik   Geopolitical Futures  und ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien „Der Sturm vor der Ruhe: Amerikas Spaltung, die heraufziehende Krise und der folgende Triumph“ im Plassen-Verlag.

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Das ukrainische Militär greift bereits seit einiger Zeit russische Energieinfrastruktur an, sodass die Drohnenangriffe der vergangenen Woche auf Ölraffinerien und Lagertanks – darunter auch eine Anlage in Moskau – eher als Eskalation einer länger andauernden Kampagne zu betrachten sind denn als Strategiewechsel der Ukraine in diesem Krieg. Es versteht sich von selbst, dass Öl nach wie vor unverzichtbar für die russische Wirtschaft und die Kriegsanstrengungen ist. Ziel der Angriffe war es daher, zu zeigen, dass Kiew die Einnahmen Russlands aus dem Ölverkauf in einer Zeit, in der weltweit eine Verknappung herrscht, einschränken kann.

Russland hat unterdessen seine Drohnenangriffe auf die Ukraine verstärkt und greift systematisch wichtige Ziele im ganzen Land an. Doch während die Angriffe der Ukraine neue Möglichkeiten eröffnen, sind die russischen Attacken in gewisser Weise eher eine Fortsetzung des bisherigen Vorgehens, sodass unklar ist, ob Russland noch weiter eskalieren kann als bisher bereits geschehen. Die Angriffe der Ukraine scheinen zudem strategisch wirkungsvoller zu sein.

Gipfeltreffen zwischen Trump und Putin ohne Folgen

Russische Spitzenpolitiker haben öffentlich erklärt, dass sie Treffen abgehalten haben, um eine Reaktion zu besprechen. Die öffentliche Aufmerksamkeit rund um diese Treffen lässt auf die Ernsthaftigkeit der Lage schließen. Russland weiß, dass es einen Weg finden muss, seine Strategie zu ändern. In den vergangenen Tagen haben die dortigen Politiker öffentlich signalisiert, dass das politische „Verständnis“, das sich aus dem Gipfeltreffen zwischen Trump und Putin im vergangenen August in Alaska ergeben hatte, geschwächt oder ganz zusammengebrochen ist. Ich habe nach dem Treffen in Anchorage weder bei der russischen Strategie noch bei der amerikanischen Reaktion eine nennenswerte Veränderung festgestellt, daher ist es möglich, dass es von vornherein nicht viel bedeutete.

Moskau hat angedeutet, dass es Weißrussland bitten könnte, sich in den Krieg einzuschalten. Bezeichnenderweise endeten am Sonntag in Moskau die Gespräche zwischen Putin und dem weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko. Lukaschenko verdankt seine Präsidentschaft Russland, das zu seinen Gunsten intervenierte, als der Druck gegen seine Wiederwahlkampagne zunahm. Bislang hat er es abgelehnt, sich direkt in der Ukraine zu engagieren. Es ist leicht zu verstehen, warum: Weißrussland verfügt nur über begrenzte militärische Kapazitäten, daher ist unklar, ob ein Angriff auf die Ukraine von Osten her ein gutes Ende nehmen würde. Hinzu kommt, dass Russland Weißrussland als Vasallenstaat braucht, und sollte Weißrussland in den Krieg gezwungen werden, könnten die Anti-Lukaschenko-Fraktionen unter einem neuen Schlachtruf wieder aufleben. Sowohl das russische als auch das weißrussische Militär wären wahrscheinlich zu dünn gestreut, um sie aufzuhalten. Jede Umleitung von Streitkräften zur Befriedung Weißrusslands wäre für Russland gefährlich.

Russische Truppen nach Weißrussland?

Es ist möglich und sogar wahrscheinlich, dass Putin Lukaschenko gebeten hat, russischen Truppen den Einmarsch nach Weißrussland zu gestatten, um die Ukraine an einer weiteren Front anzugreifen. Es scheint keinen anderen Grund zu geben, warum Lukaschenko nach Moskau reisen sollte – zumindest nicht jetzt und nicht unter diesen Umständen.

Selbst wenn dies der Fall wäre und selbst wenn Weißrussland zustimmen würde, ist zudem unklar, wie wirksam diese Strategie wäre. Russische Truppen in Weißrussland wären, sollten sie sich dort konzentrieren, anfällig für Drohnenangriffe und könnten von einer weitaus erfahreneren ukrainischen Armee leicht zurückgeschlagen werden. Angesichts der Tatsache, dass Putin bisher nicht versucht hat, diese Frage mit Nachdruck voranzutreiben, scheint es, als hätten er und seine Berater all dies verstanden.

Dennoch fällt es schwer, sich einen anderen Grund für Lukaschenkos Einbestellung vorzustellen. Ich gehe davon aus, dass sich die Treffen hochrangiger Beamter in Moskau darauf konzentrierten, was zu tun sei, und nicht auf massive neue Angriffe auf die Ukraine oder die Zukunft von Putins Führung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei den Gesprächen um die Herbeiführung von Frieden ging, denn dafür wäre Lukaschenkos Anwesenheit in Moskau nicht erforderlich gewesen. Das sagt mir, dass Putin durch die Angriffe auf die Raffinerien in eine sehr schwierige Lage gebracht worden ist.

Gibt es überhaupt eine Lösung?

Es ist offensichtlich, dass die ukrainischen Angriffe eine grundlegende Bedrohung für die russische Wirtschaft und das russische Militär darstellen – zumal sie stattfinden, während Russland seinerseits die Ukraine mit Drohnen angreift und eigentlich über die technischen Möglichkeiten verfügt, Drohnen abzuwehren. Wenn es aber nicht genügend Drohnenabwehrsysteme gibt, um seine Raffinerien zu verteidigen, dann steht Russland vor einer echten Krise und sucht nach einer Lösung. Die entscheidende Frage ist, ob es überhaupt eine Lösung gibt.

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Klaus Funke | Mo., 29. Juni 2026 - 16:59

Vielleicht ein bisschen, aber nicht zu sehr. Es wird seine Entschlossenheit stärken, mit Selensky und der Ukraine zu einem Ende zu kommen, und zwar wie es ihm gefällt, und nicht wie es der NATO oder auch Trump passt. Von Merz reden wir hier gar nicht. Der spielt keinerlei Rolle. Das Problem mit Russland ist, dass es immer und ewig unterschätzt wurde und wird. Dieses Vorurteil hält sich wie das vom Bienenfleiß und der Disziplin der Deutschen. Man muss ja bedenken, dass Russland es in der Causa Ukraine mit dem gesamten Westen und der NATO zu tun bekam. Das muss erstmal einer durchstehen, zeigt aber auch wie schwach der Westen in Wahrheit ist und auch wie es werden könnte, wenn es zu einem echten Fight mit den Russen kommt. Und dabei sind die A-Waffen im Schrank geblieben. Es ist eine vage Hoffnung des Westens, dass Putin es sich nicht traut, Atomwaffen einzusetzen. Es kommt darauf an, wie sehr der russische Bär in die Enge getrieben wird. Wenn Mütterchen Russland in Gefahr ist - oh weh!

Ingbert Jüdt | Mo., 29. Juni 2026 - 17:03

Dem gewöhnlichen Ami sagt man das ja nach. »(D)aher ist unklar, ob ein Angriff auf die Ukraine von Osten her ein gutes Ende nehmen würde.« Ein Angriff Weißrusslands (oder Russlands auf dem Weg über Weißrussland) wäre ein Angriff von Norden her. Von Osten her greift Russland seit jeher an.

Davon abgesehen dürfte Friedmans Erläuterung der kritischen Situation Russlands in der Sache zutreffen. Vielleicht hätte er aber noch hinzufügen sollen, dass das für die Ukraine und den Westen nicht wirklich eine gute Nachricht ist. Denn wenn Russland das Problem im Rahmen des bisherigen Waffeneinsatzes nicht bewältigen kann, steht Eskalation auf dem Programm, und wer sich die Hände reibt, dass Putin bald gezwungen sein könnte, abzutreten, wird ihn sich zurückwünschen, sobald in Moskau echte Hardliner regieren.

Die könnten sich darauf besinnen, dass westliche Nationen faktisch schon seit Jahren Kombattanten sind. Dann hat Russland vielleicht immer noch kein Problem weniger, aber Europa eines mehr!

Wenn es schon einmal die seltene Gelegenheit gibt, daß ich Ihnen zustimmen kann, will ich das auch tun. Zumindest was Ihre Kritik an den Geographiekenntnissen von Herrn Friedmann angeht. Ich lasse hier mit einem Kopfschütteln ein Zitat aus Wagner „Lohengrin“ vom Stapel:

„Ob Ost, ob West, das gelte allen gleich!“

Das sagt König Heinrich. Und wenn der das sagt, muß es wohl stimmen.

Ingbert Jüdt | Di., 30. Juni 2026 - 10:59

Antwort auf von Dagmar Lubig

... im Zeitalter der Digitalisierung auch der Militärtechnologie müssen Sie keine Soldaten mehr direkt an die Front schicken, um am Krieg beteiligt zu sein. Es genügt, wenn Sie mit Ihren Daten eine Wirkung auf dem Gefechtsfeld erzielen, die es ohne diese Daten nicht gäbe.

Genau das passiert mit den ATACMS- und Storm Shadow-Marschflugkörpern: diese treffen kein Ziel, das nicht zuvor von westlichem Personal in das Navigationssystem des Flugkörpers einprogrammiert worden wäre. Das geschieht in den Lucius D. Clay Barracks in Wiesbaden auf ukrainische Anfrage. Nachlesen können Sie das ausführlich in einem New-York-Times-Artikel von Adam Entous vom 29.03.2025: »The Partnership: The Secret History of the War in Ukraine«.

Und dann haben Sie (neben Militärberatern vor Ort und anderen Standorten in Europa) noch zwei Standorte in München, die Drohnen für die Ukraine herstellen. Das mögen Sie vielleicht nicht als direkte Kriegsbeteiligung ansehen, aber Russland könnte hier anderer Meinung sein.

Lieber HerrJüdt,
welcher Enzyklopädie haben Sie diese, von Ihnen beschriebene Definition entnommen, etwa aus der Putins eigener?

Ingbert Jüdt | Di., 30. Juni 2026 - 12:48

Antwort auf von Dagmar Lubig

... wie auch bei anderen Themen bevorzugen Sie auch hier die Ignoranz.

Der Richtschütze einer 155-mm-Haubitze ist der, der dafür sorgt, dass das Geschoss sein Ziel trifft. Ist der kein Kombattant, weil das Geschütz zwei Kilometer hinter der Front steht? Oder weil seine Daten womöglich von zwischen 500 und 36.000 km (geostationär) entfernten Satelliten stammen? Wer immer (als ausführendes Glied einer Befehlskette) in Wiesbaden Zielkoordinaten eingibt, ist derjenige, der dafür sorgt, dass das Geschoss sein Ziel trifft. Der soll kein Kombattant sein, bloß weil sein Hintern in einem zweitausend Kilometer entfernten Sessel sitzt?

Kürzer gefragt: welchen Teil von »Wirkung auf dem Gefechtsfeld« verstehen Sie nicht?

Aber »Putins Definition« ... ja, nee, is klar, Frau Lubig!

Thomas Hechinger | Di., 30. Juni 2026 - 14:55

Antwort auf von Dagmar Lubig

Liebe Frau Lubig, das ist wie mit dem Impfen. Plötzlich heißt eine Gentherapie Impfung. Und Herr Jüdt erweitert einfach den Kombattanten-Begriff. Da sind Sie machtlos dagegen.

Ingbert Jüdt | Di., 30. Juni 2026 - 15:35

Antwort auf von Dagmar Lubig

... meine Definition erfüllt Ihr Kriterium, denn Sie haben mein »Wirkung auf dem Gefechtsfeld« bloß paraphrasiert, und ich habe daher auch keinen Begriff »erweitert«, wie Herr Hechinger meint. Ganz offensichtlich ist aber eine Diskussion mit Ihnen zwecklos, darum breche ich unseren Dialog an dieser Stelle ab.

Kombattanten, diese Personen müssen sich auf dem Boden des Kriegsgebietes aufhalten!!!

das können Sie machen, wie es Ihnen beliebt.
Übrigens, man könnte doch auf eine Ankündigung, samt Herabsezung des Mitdiskutanten verzichten, oder?
Ich meine, so klingt das nach Rechthaberei um jeden Preis.

Thomas Hechinger | Di., 30. Juni 2026 - 08:50

„Es versteht sich von selbst, dass Öl nach wie vor unverzichtbar für die russische Wirtschaft und die Kriegsanstrengungen ist.“

Na, das hätte ich jetzt aber nicht gedacht! Für Krieg braucht man Öl!

„Ich gehe davon aus, dass sich die Treffen hochrangiger Beamter in Moskau darauf konzentrierten, was zu tun sei, und nicht auf massive neue Angriffe auf die Ukraine oder die Zukunft von Putins Führung.“

Politiker konzentrieren sich darauf, was zu tun sei. Das ist mal ganz was Neues.

Ich könnte noch viele derartige nichtssagende Passagen herausfiltern, aber die 1000-Zeichen-Begrenzung setzt mir hier Grenzen. An dem Artikel ist vermutlich nicht viel falsch. Er ist einfach nur dünn und flach. Entsetzlich dünn und flach.