Während schwerer Kämpfe an der Front in Sjewjerodonezk in der Region Luhansk liegen ausgebrannte Autowracks am Rand eines Wegs
Trümmerlandschaft: Das inzwischen an die Russen verlorene Gebiet um Sjewjerodonezk Anfang Juni / dpa

Truppenrückzug nach Zusage des EU-Beitrittskandidatenstatus - Ukraine droht Luhansk zu verlieren: Wie geht es jetzt weiter?

Die Zusage des EU-Beitrittskandidatenstatus war für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj Grund zur Freude. Grund zur Sorge ist jedoch der Rückzug ukrainischer Truppen aus der umkämpften Stadt Sjewjerodonezk im Gebiet Luhansk. Denn dort kontrollieren ukrainische Truppen nur noch die Großstadt Lyssytschansk – wo russische und prorussische Kämpfer nach eigenen Angaben bereits mehrere angrenzende Siedlungen erobert haben.

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Am 24. Juni ist Russlands Überfall auf die Ukraine genau vier Monate her – und ausgerechnet an diesem Tag muss sich die ukrainische Armee im Osten des Landes in der Großstadt Sjewjerodonezk geschlagen geben. „Es ist jetzt eine Situation, in der es keinen Sinn macht, in zerschlagenen Stellungen auszuharren“, sagt Serhij Hajdaj, der Gouverneur des Gebiets Luhansk, dessen Verwaltungszentrum Sjewjerodonezk ist. Die ukrainischen Verteidiger hätten das Kommando zum Rückzug erhalten.

Niederlage und Erfolg nah beieinander

Die schwer umkämpfte und völlig zerstörte Industriestadt war bis zuletzt einer der wenigen Teile des Gebiets, in dem russische Soldaten und prorussische Separatisten noch nicht vollständig die Kontrolle übernommen haben. Sollte Luhansk komplett fallen, hätte der Kreml eines seiner wichtigsten Kriegsziele erreicht.

Niederlage und Erfolg liegen eng beieinander an diesem Tag für die Ukraine. Erst wenige Stunden zuvor hatte die ehemalige Sowjetrepublik auf dem EU-Gipfel in Brüssel den Status eines Beitrittskandidaten zugesprochen bekommen. Im einheitlichen ukrainischen Nachrichtenprogramm wird der Rückzug aus Sjewjerodonezk dann erst einmal auch nur kurz erwähnt – deutlich mehr Raum nimmt am Freitag die frisch gewonnene EU-Perspektive ein.

 

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Nicht länger ein „Puffer“-Staat

Am linken oberen Rand des Fernsehbildes ist nun ein EU-Symbol mit dem Schriftzug „Die Ukraine gehört zu Europa“ zu sehen. Präsident Wolodymyr Selenskyj freut sich, dass sein Land nun kein „Puffer“ oder „Polster“ zwischen Ost und West mehr sei. Doch während man in der Hauptstadt Kiew Optimismus zur Schau trägt, wird die Lage im Osten immer ernster.

Schon seit Wochen konzentriert sich Russlands Armee auf Angriffe im Donbass. Vor knapp zwei Wochen hieß es von ukrainischer Seite, landesweit fielen täglich bis zu 100 Soldaten aus den eigenen Reihen. Kämpfe man nun in Sjewjerodonezk weiter, steige diese Zahl massiv, sagt der Gouverneur. Fast alle Häuser dort, etwa 90 Prozent, seien zerstört. Von einst rund 100.000 Einwohnern sollen nur noch 7.000 bis 8.000 übrig sein.

Donezk noch teilweise unter Kontrolle

Die Stadt machte auch deshalb immer wieder Schlagzeilen, weil offenbar weiter Hunderte Zivilisten in der zum Luftschutzbunker umfunktionierten Chemiefabrik Azot ausharrten. Was aus ihnen wird, ist unklar. Auch in der Nachbarstadt Lyssytschansk auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses Siwerskyj Donez sieht es aus ukrainischer Sicht düster aus: Russische Truppen sind bereits an den Stadtrand vorgedrungen. Mehrere umliegende Siedlungen sind erobert.

Kurz vor dem Überfall Ende Februar hatte Russlands Präsident Wladimir Putin das Separatistengebiet Luhansk unter großem internationalen Protest als unabhängige „Volksrepublik“ anerkannt, ebenso wie das Nachbargebiet Donezk. Beide Regionen will Moskau offiziell von ukrainischen Nationalisten „befreien“ – Beobachtern zufolge ein reiner Vorwand für den brutalen Angriffskrieg. In Donezk kontrollieren die Ukrainer noch rund 40 Prozent des Territoriums.

„Nur militärischer Sieg bringt Frieden“

Immer wieder hat die Ukraine vor dem Hintergrund der militärischen Überlegenheit Russlands im Donbass weitere und schnellere Waffenlieferungen aus dem Westen gefordert. „Nur unser militärischer Sieg wird Russland überzeugen, ernsthafte Friedensverhandlungen aufzunehmen“, bekräftigt Außenminister Dmytro Kuleba auch am Freitag wieder in einem Interview der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera.

Für Kiew ist klar: Alle besetzten Gebiete sollen zurückerobert werden, erst dann könne es Frieden geben. Moskau hingegen beharrt derzeit auf seinen maximalen Forderungen wie die Anerkennung von Luhansk und Donezk als unabhängige Staaten sowie der 2014 annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim als russisches Staatsgebiet.

Ungeachtet der Niederlage in Sjewjerodonezk ist ein großangelegter Abzug aus umkämpften Gebieten ukrainischen Angaben zufolge nicht vorgesehen. Die Verluste seien hoch, gestand Gouverneur Hajdaj am Freitag ein. Aber einen Krieg ohne Verluste gebe es nicht. „Wenn wir uns überall zurückziehen, werden wir bald in den Karpaten kämpfen.“

dpa

Christoph Kuhlmann | Fr, 24. Juni 2022 - 16:05

es eine Frage der Mathematik. Russland hat wahrscheinlich noch viele Granaten aus den Jahren des kalten Krieges. Die Ukraine braucht mehr Waffen um die Artillerie ausschalten zu können. Wenn diese nicht geliefert werden bleibt nur der Guerillakrieg mit Anschlägen hinter der Front. Wollen wir hoffen, dass die neuen Waffen dazu beitragen die russische Artillerie zu eliminieren. Doch ich nehme an, dass die Quantität nicht ausreicht.

Also ich hoffe, dass der Krieg bald ein Ende hat. Er läuft schon seit 2014 und Silenski hat Minsk2 nie eingehalten. Obwohl er es seinen Wählern versprochen hatte, eine Lösung dieser Frage zu finden.

Wenn die unbedarften und ungewählten EU-Strategen (Borell) mittels Litauen in Kaliningrad ein neues Leningrad schaffen wollen, werden wir die Kanonen bald selber brauchen, um die russischen "auszuschalten", wie Sie es nennen. Was allerdings ziemlich hoffnungslos wäre. Die Ukraine kann sich bis zu einem gewissen Grad verteidigen, wir nicht.

Ich fürchte es wird ein Dauerkonflikt bleiben, selbst wenn die Oblaste Luhansk, Donezk und der Süden als separate Republiken firmieren sollten oder sich an Russland anschlössen.
Die Situation ist mittlerweile zu vertrackt und alle Beteiligten (Russen, Ukrainer, USA und Nato) stecken einen enormen Ehrgeiz darein ihre jeweilige Position durchzusetzen.
Nato und EU haben m. E. in den vergangenen Jahrzehnten überzogen bzw. eine falsche Politik betrieben.
KSZE bzw. jetzt OSZE wurden nicht weiterentwickelt und leider auch nicht etwas vergleichbares in wirtschaftlicher Hinsicht.
Wir stehen vor einem Trümmerhaufen, Deutschland muss das schwer bezahlen.

Gestatten Sie mir, Ihre - mit Verlaub gesagt - etwas simplifizierende Sicht der Dinge etwas gerade zu rücken. Sie schreiben, die Ukraine bräuchte " mehr Waffen". Toll. Damit die "Waffen" genutzt werden können braucht es zusätzlich
- soldaten, die selbige bedienen können (moderne Waffen sind relativ komplex)
- Munition
- Treibstoff bzw. Sprit
- Ersatzteile
- soldaten, die die "Waffen" reparieren können
- eine Aufklärung, die die Ziele findet und an die Soldaten (s.o.) weitergibt
- Nachschubwege

All das hat die Ukraine nicht mehr. Lassen Sie mich ebenfalls hinzufügen, daß die von Ihnen geforderten "Waffen" auf dem Schwarzmarkt und vom Materialwert her (Titanium) eine lukrative Einnahmequelle darstellen. Gerüchteweise sind einige der von Rußland "eroberten" NATO-Waffen, sagen wir mal, im Transport vom Laster gefallen. Sowas passiert in der Ukraine. Jeder der die Ukraine halbwegs kennt kann über die an Dummheit grenzende Naivität des Westens nur den Kopf schütteln.

Freundliche Grüße

Urban Will | Fr, 24. Juni 2022 - 16:41

Durchhalten und Rückerobern erinnern mich an … ich schreibe es besser mal nicht hin.
Sollten d Kräfteverhältnisse, wie hier letztens zu lesen, wirklich zw 20 u 70:1 liegen u man für eine Rückeroberung 3:1 überlegen sein muss (ebenfalls zu lesen), dann braucht d Ukr ca d 60 bis 200 fache ihres Bestandes als Unterstützung. Das ist surreal. Man wird, wenn d Zahl d Toten i d 100tsde geht nach Truppen u NATO schreien, also d 3. WK fordern. Der dümmlich sich in d Sackgasse manövriert habenden EU - Größen werden spätestens dann erkennen, wie irrsinnig es war, rein moralisch an d Krieg herangegangen zu sein.
Die hier genannten „Maximalforderungen“ R“s sollten schnellstens überdacht u d Irrsinn beendet werden. Sie sind eh bereits Fakt. Jedes Rindvieh weiß dss bereits. Sollte Putin tatsächlich weiter machen, kann man doch immer noch den offensichtlich heiß ersehnten Abnutzungskrieg starten…
Es sei denn, die wahren Hintermänner sehen weiteerhin einen Nutzen in dem gegenwärtigen Gemerzel(?)

Ich glaube, ich habe bezüglich eines anderen Kommentars schon einmal kundgetan, Herr Will, dass mir Ihre rüde Sprache in diesem Forum immer wieder unangenehm auffällt. Jeder, der nicht Ihre Meinung vertritt, wird verunglimpft.
Was bin ich so froh, dass ich mich nicht zu den „Rindviechern“ zählen muss, da ich „das“ nicht weiß! Was immer Sie auch damit meinen.
Und wie immer Verschwörungsgefasel. Diesmal sind es die „wahren Hintermänner“. So, so!!!

zu "rüde" sind, brauchen Sie sie ja nicht zu lesen.
Und wenn, dann sollten sie sie verstehen. Ich verunglimpfe niemanden, der anderer Meinung ist, sondern wehre mich – ja, oft auch in der entsprechenden Tonlage – wenn ich aufgrund meiner Meinung verunglimpft werde oder man mir falsche Dinge unterstellt.
Das mit den Rindviechern ist eine Floskel. Ich dachte, die kennt jeder.
Wenn Sie den Kriegsverlauf verfolgen, dann werden Sie festgestellt haben, dass große Teile der Gebiete, die Russland als „unabhängig“ betrachtet haben möchte, bereits erobert sind. Das meinte ich mit meinem Begriff „Fakt“.
Meine Meinung zu diesem Krieg, seinen Ursachen und v.a. der Umgang damit seitens des Westens lasse ich mir nicht nehmen und die manchmal etwas direkte Sprache ist bedingt durch meinen Ärger über all den Irrsinn, der dort abläuft.
Und wenn Sie nur das glauben, was Ihnen der ÖR vorgaukelt, dann verstehe ich auch, warum Sie gleich nach „Verschwörungstheorie“ rufen, wenn mal jemand weiter denkt.

Die Frage was die Hintergrundmänner mit dem Gemetzel wirklich bezwecken, kann ich nur in der absoluten wirtschaftlichen Zerstörung Europas beantworten. Russland wird geschwächt durch Abnutzungskampf und Europa zerstört sich durch die Sanktionen selbst. China wird durch Einfuhrzölle und Geldabzug durch hohe Zinsen nach USA ruiniert. Am Ende heisst es: USA ist wieder unangetastete Weltmacht. Das deutsche Volk ist ausgehungert dankbar dafür, dass USA Ihnen den kleinen Finger reicht und akzeptieren alle Bedingungen klaglos. Great Reset zu den Bedingungen der USA. "Wir werden alle nichts besitzen und dabei glücklich sein" und natürlich total überwacht, abhängig und unfrei.

Hans Süßenguth-Großmann | Fr, 24. Juni 2022 - 18:07

der Vernunft einen Platz weiter vorne einzuräumen.
Über die Kriegsziele der UA will ich mich auch nicht äußern, aber das wir bereit sind unsere Wirtschaft zu ruinieren, wird die UA Kämpfer im Donbass sicherlich beflügeln und die ersehnte Wende bringen.

Dr.Andreas Oltmann | Fr, 24. Juni 2022 - 21:48

Die Zitate ( Kuleba:“ nur unser militärischer Sieg wird Russland überzeugen, Verhandlungen aufzunehmen“ und des Gouverneurs Hajdaj: „einen Krieg ohne Verluste gibt es nicht“) sind menschenverachtend und irrational. Die Notwendigkeit von Verhandlungen wird immer größer, je mehr Soldaten, Zivilisten und Land die Ukraine verliert. Sie sind dabei, ihre Leute zu verheizen, für die Mitgliedschaft in der EU und die eigene Überheblichkeit. Noch mehr Waffen haben noch nie einen Krieg beendet, sondern immer nur verlängert, wenn das menschliche Kräfteverhältnis nicht stimmt.
Und bestimmt in der Ukraine ein Gouverneur über militärische Maßnahmen wie Angriff oder Rückzug? Oder ist er nur der verlängerte Arm Selenskijs, der nicht in eigener Person und mit seinem Namen den Rückzug verkünden will?

Martin Falter | Sa, 25. Juni 2022 - 12:12

In reply to by Dr.Andreas Oltmann

aber das hat man öfters das Ursache und Wirkung verwechselt wird.
Für sie Herr Oltmann scheint nur zu zählen das Russland genug Waffen hat, na dann wissen wir ja Bescheid.

ich denke, niemand bestreitet, dass Putin diesen ebenso brutalen wie dummen Krieg vom Zaune gebrochen hat. Dennoch muss man sich fragen, wie ist ein Sieg Russlands respektive der Ukraine definiert? Die G7, NATO und EU hocken nun zusammen und beraten sich über weitere Sanktionen und Waffenlieferungen, jedoch wahrscheinlich nicht über Möglichkeiten zu Friedensverhandlungen, bestenfalls hinter verschlossenen Türen. Wir werden es wohl nicht erfahren, sondern das Fußvolk wird erstmal auf Eskalation eingestimmt.

Bejubelt wird der Kandidatenstatus der Ukraine, aber welcher Ukraine? Mit oder ohne der Ostukraine und der Krim? Kommt gar Russland auch in die EU, zumindest teilweise?

Christoph Kuhlmann | Sa, 25. Juni 2022 - 21:31

dass die Ukraine nach wie vor im Vorteil sei, weil sie im Norden und Süden kleine Geländegewinne macht und im Donezk den Russen einen hohen Blutzoll abgefordert hat, Im Endeffekt entscheiden es die USA mit dem Ausmaß ihrer Waffenlieferung und Russland mit der Anzahl der Truppen, die es einsetzt. Ich glaube nicht, dass man sich aus den Medien ein zutreffendes Bild vom Krieg machen kann.

Sabine Lehmann | So, 26. Juni 2022 - 05:19

Bei manchen Kommentaren könnte man wirklich meinen, dass manche geradezu an Verfolgungswahn leiden. Also der „wahre“ Feind und Aggressor ist gar nicht der Despot im Osten, es ist die allseits „beliebte“ USA. Dort sitzen die „wahren“ Hintermänner dieses Krieges!? Ob es für solch kluge und treffsichere Analysen wohl eine russische Ehrenmedaille am Bande für besonders beeindruckende Kriegspropaganda gibt, ein paar Rubel extra oder gar eine Gratis-Gas-Standleitung direkt aus Moskau? Man weiß es nicht. Diese Kriegsexperten jedenfalls sind doch immer ein paar Schenkelklopfer wert!