Tunesien - Ministerin wegen Israel-Reise im Shitstorm

Kaum ist die junge Regierung in Tunesien im Amt, da bläst ihr brutale Kritik entgegen: Tourismusministerin Amel Karboul hat es gewagt, nach Israel zu reisen. Hardliner fordern jetzt ihren Rücktritt

Ein Demonstrant hält eine Flagge des Staates Tunesien in die Höhe (Archivbild 2013)
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Katharina Pfannkuch studierte Islamwissenschaft und Arabistik in Kiel, Leipzig, Dubai und Tunis. Sie veröffentlichte zwei Bücher über das islamische Finanzwesen und arbeitet seit 2012 als freie Journalistin. Neben Cicero Online schreibt sie u.a. auch für Die Welt, Deutsche Welle und Zeit Online.

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Sie spricht sieben Sprachen, studierte in Deutschland, leitet seit 2007 ihr eigenes Unternehmen, schreibt nebenher an ihrer Doktorarbeit an der Universität Oxford und ist Mutter zweier Töchter. Amel Karboul ist ein Multitalent, ein äußerst erfolgreiches noch dazu. Die 40-jährige Tunesierin sammelte Berufserfahrung bei Mercedes-Benz und der Boston Consulting Group, sie beriet internationale Unternehmen. Ein Vorbild für viele junge Frauen, möchte man meinen, vor allem für junge Tunesierinnen: Karboul vereint beruflichen Erfolg und Ehrgeiz mit ihrem Familienleben – ihr deutscher Ehemann Marcus Gottschalk ist auch ihr Geschäftspartner.

Normalerweise fliegen der zierlichen und stets professionell agierenden Karboul die Sympathien zu, als Unternehmens-Coach und Interviewpartnerin ist sie gleichermaßen gefragt. Nun soll Karboul als neue Tourismusministerin das angeschlagene Urlaubsland Tunesien wieder auf Vordermann bringen, am Sonntag verkündete Übergangspräsident Mehdi Jomaa die Mitglieder seines Kabinetts. Doch ausgerechnet in ihrem Heimatland schlägt der Tunesierin Karboul jetzt eine Welle der Ablehnung entgegen.

Als Unternehmensberaterin arbeitete Karboul nahezu auf der ganzen Welt, das Reisen gehörte zu ihrer täglichen Arbeit. Beste Voraussetzungen für eine Tourismusministerin – doch eine der Destinationen von Karboul ruft in Tunesien nun Kritiker auf den Plan: Sie soll auch nach Israel gereist sein. Das gehe aus einem im Internet kursierenden Lebenslauf Karbouls hervor, berichteten tunesische Medien seit Montag.

„Pack' deine Sachen und verschwinde!“


Übergangspräsident Mehdi Jomaa bestätigte am Dienstagabend vor Abgeordneten der Verfassungsgebenden Versammlung (ANC) zwar, dass Karboul im Rahmen eines Programms der Vereinten Nationen für ein Training palästinensischer Jugendlicher über den Flughafen Tel Aviv nach Israel eingereist sei. Nach einer rund sechstündigen Befragung durch die Sicherheitsbeamten am Flughafen aber konnte besagtes Training ncht stattfinden. Der parteilose ANC-Abgeordnete Brahim Gassas hatte die designierte Tourismusministerin bereits zuvor lautstark aufgefordert: „Wenn du wirklich in den besetzten Gebieten warst – Israel erkenne ich nicht an – dann pack' deine Sachen und verschwinde!“.

Gassas ist für seine temperamentvollen verbalen Ausfälle bekannt. Doch so befremdlich sein jüngster Ausbruch und dessen Begründung auch sind: Gassas ist keineswegs der einzige tunesische Politiker, der sich kritisch über die Ernennung Karbouls als Tourismusministerin äußert. Auch Issam Chebbi von der säkularen Al Joumhouri-Partei äußerte Bedenken. Es sei fraglich, ob die ANC-Abgeordneten der Übergangsregierung ihr Vertrauen aussprechen könnten, so Chebbi, dessen Kritik sich jedoch nicht nur auf Karboul beschränkt, sondern auch zwei weitere Minister betrifft. Der Abgeordnete Mourad Amdouri kritisierte in einer Rede vor der ANC deutlich, dass ein Mitglied der neuen Übergangsregierung ganz offensichtlich eine Normalisierung der Beziehungen mit Israel akzeptiere.

Immer wieder kam es in den vergangenen Monaten zu hitzigen Diskussionen über das Verhältnis Tunesiens zu Israel. Seit fast 14 Jahren unterhält Tunesien, von 1982 bis 1991 vorübergehende Heimat der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO, keine diplomatischen Beziehungen zum israelischen Staat. Mit der zweiten Intifada 2000 endete eine zögerliche und diskrete Entspannung der Beziehungen abrupt. Während der Verhandlungen über die neue Verfassung Tunesiens forderten einige Abgeordnete, die Normalisierung jeglicher Beziehungen zu Israel im Verfassungstext zu untersagen. Auch außerhalb der ANC wurde diese Forderung laut: So sprachen sich unter anderem Omar Chahed von der Partei El-Ghad und die Tunesische Liga für Toleranz (LTT) dafür aus, die Normalisierung der Beziehungen zu Israel in der neuen Verfassung zu kriminalisieren.

Die Mehrheit der ANC-Abgeordneten lehnte dies ab, auch die islamistische Ennahda-Partei schloss sich dieser Ablehnung an. Zouheir Maghzaoui von der Bewegung Echaab, die sich für eine Kriminalisierung der Beziehungen zu Israel eingesetzt hatte, zeigte sich enttäuscht und vermutete, dass es sich dabei um „ein Diktat äußerer Kräfte“ handele. Zwar wird in der neuen Verfassung auf einen Artikel verzichtet, der die Normalisierung der Beziehungen zu Israel kriminalisiert – die Präambel jedoch schafft klare Verhältnisse: Die ANC-Abgeordneten und Repräsentanten des tunesischen Volkes, heißt es dort, „möchten alle Opfer von Ungerechtigkeit (…) und Freiheitsbewegungen unterstützen, an deren Spitze die Bewegung zur Befreiung Palästinas steht“. Allen Formen von Kolonialisierung und Rassismus widersetze man sich, fügen die Verfassungsschreiber hinzu.

Online-Petition zugunsten Karbouls


Am späten Dienstagabend stellte sich Übergangspräsident Mehdi Jomaa in einer ANC-Sitzung schützend vor seine Tourismusministerin Amel Karboul. Auch Teile der Zivilbevölkerung beziehen Position und riefen spontan eine Online-Petition zur Unterstützung Karbouls ins Leben. Tunesien brauche kompetente Persönlichkeiten wie Karboul, heißt es in der Petition. Der Versuch, ihre Eignung für die Übergangsregierung aufgrund beruflicher Reisen in Frage zu stellen, sei skandalös.

Amel Karboul selbst bot mittlerweile ihren Rücktritt an. Tunesischen Journalisten sagte sie, um ihre Aufgabe als Ministerin zu erfüllen, brauche sie die Unterstützung aller. Dass ihr Kurztrip nach Israel einen derartigen Skandal verursachen könnte, habe sie nie für möglich gehalten. Sollte sie dennoch Tourismusministerin bleiben, will Amel Karboul hoch hinaus. „Ich möchte nicht nur die kommende Saison retten, sondern die nächsten zwanzig“, sagte sie einem tunesischen Radiosender. Das wären gute Aussichten für den angeschlagenen tunesischen Tourismussektor, der sich nach vielen Krisen nur langsam wieder stabilisiert. Das Land braucht Urlauber – und Übergangspräsident Jomaa eine weltoffene und international erfahrene Ministerin. Er lehnte Karbouls Rücktrittsangebot daher ab.

Im vergangenen Sommer sprach Karboul mit dem Deutschlandradio über ihre Arbeit als Change-Management-Beraterin. Damals beschrieb sie, wie schnell sich in Zeiten des Wandels Dynamiken verselbstständigen und die Beteiligten selbst überraschen können.

Damals ging es um Unternehmen. Heute geht es um ihr Heimatland.

Fotos: picture alliance, change-leadership.net

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