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Südafrika - Nelson Mandelas Erbe bröckelt

Wenige Monate vor den südafrikanischen Wahlen wird deutlich: Nelson Mandelas Partei hat sich weit vom einstigen Ideal entfernt. Im African National Congress begehrt die Jugend gegen korrupte Alt-Politiker auf, und die Opposition versucht, Mandela für sich zu adaptieren

Autoreninfo

Studiert Politikwissenschaften in Hamburg und hat unter anderem für die Süddeutsche Zeitung geschrieben.

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Februar 2012. Ein kleines, unscheinbares Restaurant in Kapstadt. Am Fenster sitzt Desmond Tutu, die Hände im Schoß gefaltet, den Kopf gesenkt. Sonst ist niemand da. Er sieht kurz auf, lächelt gedankenverloren. Vielleicht hat er für den Sturz des südafrikanischen Präsidenten gebetet.

Der emeritierte Erzbischof und Nobelpreisträger, energiegeladener Kämpfer gegen das Apartheid-Regime und sanftmütiges moralisches Gewissen der Nation ist noch immer ein enger Vertrauter Nelson Mandelas. Mit dessen Partei, dem ANC (African National Congress), hat er jedoch längst abgeschlossen.

Nelson Mandela setzte einst große Hoffnung in den ANC. Idealvorstellungen, denen die Partei mittlerweile nicht einmal ansatzweise gerecht wird. Auch wenn der ANC bei den letzten Wahlen in Südafrika vor vier Jahren wie gewohnt mit einer vitalen Zweidrittelmehrheit belohnt wurde, ist er angeschlagen: Streitigkeiten, Schmierenkampagnen, Korruptionsvorwürfen und interne Spaltungen rütteln an seinem Kern. Der Apparat bröckelt.

Korruption, Waffen-Deals und Spott im südafrikanischen Parlament

März 2012, im Parlament von Kapstadt. Präsident Jacob Zuma stellt sich in einer öffentlichen Sitzung den Fragen der Opposition. Die Themen sind die üblichen: Illegale Geldflüsse, Korruption, schlechte Bildung, miserable Verbrechensbekämpfung. Eine junge Frau steht auf. Ihr krauses Haar hat sie sorgfältig geglättet. Unter der lilafarbenen Stoffjacke blitzt ein orangenes Oberteil hervor, in der Hand hält sie ein paar lose Zettel. Ihr Englisch hat einen britischen Einschlag, ein Überbleibsel aus ihrer Studienzeit in England. Sie fordert den Präsidenten auf, den Report über einen fragwürdigen Waffen-Deal, der Südafrika bereits seit 1999 beschäftigt, endlich publik zu machen. Aber der Bericht ist not yet done, noch nicht fertig, wischt der Präsident die Frage gereizt beiseite. Und vermutlich wird er es auch in absehbarer Zeit nicht werden. Zuma spöttelt auf Zulu. Seine Parteigenossen lachen.

Die junge Frau heißt Lindiwe Mazibuko und ist die Oppositionsführerin der Democratic Alliance (DA). Noch während des Studiums lernte sie Helen Zille kennen. Zille ist seit 2007 Vorsitzende der DA, war erst Bürgermeisterin von Kapstadt, dann Premierministerin am Westkap. Ihre politischen Gegner nennen sie white bitch, weißes Luder, oder „Godzille“. Mazibuko, gerne als Zilles tea girl tituliert, hat sich schon so manchen hämischen Kommentar zu ihrer Körperfülle und ihrem angeblich zu lässigen Kleidungsstil anhören müssen. Im Parlament erschien sie einmal in Minikleid und knallroter Jacke.

Obwohl selbst die Parteigenossen Mazibuko mitunter ein bisschen arrogant finden, verkörpert sie exakt das Image, das die DA derzeit nach außen kommunizieren möchte: Sie ist eine junge, erfolgreiche Schwarze, ihren Twitter-Account ziert das Konterfei Nelson Mandelas und sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der Partei neu zu erzählen. Nicht nur der ANC habe gegen das Apartheid-Regime in Südafrika gekämpft, lautet die Botschaft.

Dem ANC wiederum stoßen die Plakate der Opposition, auf denen Nelson Mandela Arm in Arm mit der bereits verstorbenen weißen Politikerin Helen Suzman zu sehen ist, bitter auf. Suzman leitete lange Zeit die Progressive Party, eine Vorgängerin der DA. Damals kämpfte sie als einzige Frau im Parlament gegen die Vormachtstellung der Weißen an. Suzman besuchte Mandela oft auf Robben Island und traf sich mit seiner Ex-Frau Winnie. Dafür landetete sie selbst vorübergehend im Gefängnis.
 
Doch die Regierungspartei, der ANC, will Mandela mit niemandem teilen. Schon gar nicht mit der Opposition. Aus einem simplen Grund: Mandela ist die Figur, die Südafrika eint, die über alle Kontroversen hinwegtäuscht – zwischen Arm und Reich, Weißen, Couloreds und Schwarzen oder zwischen den verschiedenen Stämmen. So beanspruchen beide Parteien das politische Erbe Mandelas für sich.

Wer sich mit Mandela brüsten darf, hat so etwas wie einen Freifahrtschein. Auch für korrupte Politik. Denn aus Loyalität dem Nationalhelden gegenüber wählen die meisten Südafrikaner auch dann den ANC, wenn deren Führung massiv in der Kritik steht. Selbst dann, wenn ein Präsident die Existenz von HIV leugnet und der andere wegen Vergewaltigung angeklagt wird oder sich eine weitläufige Residenz im pittoresken Städtchen Nkandla bauen lässt – angeblich mit Steuergeldern.

Die Opposition beginnt langsam gefährlich zu werden - das erste Mal seit 1990


Dennoch: Peu à peu beginnt sich etwa zu regen. In der Bevölkerung und in der Opposition. Die DA steht längst nicht mehr für eine weiße Minderheit, sondern fokussiert sich auf unterschiedliche Ethnien und Religionen. Junge Menschen wie Lindiwe Mazibuko oder Yusuf Cassim, bärtiger Vorsitzender der Jugendorganisation, der auf Twitter Fotos seiner traditionellen muslimischen Hochzeit teilt, stehen für diesen Wandel. Bei den letzten Kommunalwahlen konnte die DA bereits an Wählerstimmen in der schwarzen Bevölkerung zulegen: Ein noch nicht starkes, aber eindeutiges Signal für den ANC.

So eindeutig, dass die Partei bereits an Gegenstrategien tüftelt. Für den Wahlkampf in der heiß begehrten Provinz Gauteng holt man jetzt den einst verstoßenen Ex-Präsidenten Thabo Mbeki wieder aus der Versenkung hervor. Zuma und Mbeki sind sich nicht mehr ganz grün, seitdem sie sich vor ein paar Jahren wechselweise ihres Amtes enthoben haben. Im Ballungsraum Johannesburg-Pretoria ist Zuma so unbeliebt, dass der ANC doch lieber den halb in Vergessenheit geratenen Mbeki hinschickt.

Doch nicht nur die Opposition bereitet der Regierung Kopfschmerzen. Auch innerparteilich gibt es Konfliktpotential. Erst bekamen sich Zuma und der populistische Anführer der ANC Youth League, Julius Malema, in die Wolle. Dann mokierte sich der Nachwuchs über den Führungsstil der Mutterpartei. Viele junge Politiker kochen ihr eigenes Süppchen im jeweiligen Wahlbezirk und verurteilen die Wege der Regierung aufs Heftigste. Der ANC hat Mühe, seine Einzelteile zusammenzuhalten.

Der unter Korruptionsverdacht stehende Julius Malema hat für besonders viel Wirbel innerhalb der Partei gesorgt. Im April 2010 grinst er breit in die Kameras, während er dem simbabwischen Präsidenten Robert Mugabe die Hand schüttelt. Malema, genannt „Juju“, bewundert den Diktator vor allem für seine Pläne zur Landenteignung von weißen Farmern und Unternehmern. Während seiner viertägigen Reise stimmt er des Öfteren das Lied „Shoot the Boer“ an –  erschießt die Buren. Die südafrikanischen Medien sind empört über das schamlose Auftreten des ANCYL-Vorsitzenden in der Öffentlichkeit. Bis zum Parteiausschluss Malemas lässt man sich dennoch zwei Jahre Zeit.

Julius Malema mischt den ANC auch weiterhin auf


Die Jugend steht auch nach seiner Verbannung hinter dem Revoluzzer. Malema plant sein Comeback.

Im Sommer 2013 hat es sich „Juju“ dann doch anders überlegt – er will nicht mehr zurück in den ANC. Stattdessen gründet er seine eigene Partei, die Economic Freedom Fighters, und erklärt sich selbst zum Chief Commander , zum Oberbefehlshaber. Die teuren Designer-Anzüge, die knalligen Hemden und das italienische Schuhwerk tauschte er hurtig gegen schlichte Oberteile in gedeckten Farben. Dazu trägt er eine rote Kappe mit EFF-Logo: Eine kämpferisch erhobene Faust, die einen Speer hält, darüber ein gelber Stern.

Was genau Malemas Partei anstrebt, erschließt sich wohl nur eingeweihten comrades, wie er seine Genossen nennt. Klar ist zumindest, dass sie nach marxistisch-leninistischem Vorbild die Wirtschaft verstaatlichen und Großgrundbesitzer zwangsenteignen möchte. Der Commander sieht sich als „revolutionären Aktivisten für radikalen Wandel in Afrika“, heißt es auf seinem Twitter-Profil. Über 367.000 Follower hat er dort.

Im ANC grübelt man derweil, ob es ein Fehler war, sich von dem polarisierenden Unruhestifter zu trennen. Malemas Potenzial ist groß und es ist schwer einzuschätzen, wie viele junge, unzufriedene Südafrikaner er bis 2014 auf seine Seite ziehen kann. Nach Malemas Parteiausschluss 2012 zogen jedenfalls Horden aufgebrachter Schwarzer randalierend und singend durch die Straßen von Johannesburg, warfen Steine auf Polizisten und Journalisten, während sie in dumpfem Rhythmus „Juju, Juju“ skandierten.

Derweil mehren sich die regierungskritischen Stimmen. Mandelafreund Desmond Tutu macht keinen Hehl aus seiner Geringschätzung für Zuma und dessen Anhänger. Er ist enttäuscht von derUnterstützung für Simbabwe und das fehlende Engagement für seinen anderen Freund, den Dalai Lama. „So, wie wir für den Fall des Apartheid-Regimes gebetet haben, werden wir für den Sturz einer Regierung beten, die uns falsch repräsentiert“, ruft der sonst so gutmütige Ex-Bischof nun regelmäßig in laufende Kameras.

Mandela selbst wird sich bis zu seinem Ende nicht gegen die Partei stellen, deren Jugendorganisation er selbst als junger Student gründete. Solange hat Zuma noch Rückendeckung. Danach könnte es eng für ihn werden.

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