Flüchtlingslager Aboutengué
Blick auf das Flüchtlingslager Aboutengué. Derzeit leben etwa 47.000 Menschen in dem Flüchtlingslager im Osten des Tschad nahe der Grenze zum Sudan / picture alliance / dpa / Eva Krafczyk

Sudan-Konferenz in Berlin - „Größte humanitäre Krise der Gegenwart“

Der Sudan-Krieg ist nicht nur eine humanitäre Katastrophe. Es geht um Machtpolitik und die Kontrolle über das Rote Meer. Deshalb geht die Sudan-Konferenz in Berlin am Thema vorbei.

Autoreninfo

Christian Hiller von Gaertringen ist ein deutsch-französischer Journalist, der sich vor allem mit der internationalen Wirtschaft befasst. Nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Lumière in Lyon hat er die Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten in Düsseldorf absolviert und für verschiedene Medien in Deutschland (FAZ, Die Welt, Wirtschaftswoche) und Frankreich (Le Monde, Le Progrès de Lyon) gearbeitet.

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Es war ein großer Auflauf an diesem Mittwoch in Berlin. Vertreter aus Afrika, dem Nahen Osten, Europa und den USA fanden sich in der deutschen Hauptstadt ein, um die humanitäre Hilfe für den Sudan zu koordinieren. Mahmoud Ali Youssouf, der Präsident der Afrikanischen Union, wurde schon am Dienstag von Bundeskanzler Friedrich Merz persönlich empfangen.

Seit drei Jahren liefern sich zwei verfeindete Fraktionen in dem Land, das mehr als fünf Mal so groß ist wie Deutschland, einen erbitterten Krieg. Auf der einen Seite steht Abdel Fattah al-Burhan mit den Sudanesischen Streitkräften (SAF), der der De-facto-Präsident des Sudan ist, aber über keine Legitimität verfügt. Auf der anderen Seite befindet sich sein ehemaliger Stellvertreter Mohammed Hamdan Daglo, auch Hemeti genannt, mit seiner Miliz, den Rapid Support Forces (RSF).

In den ersten beiden Jahren des Krieges konzentrierten sich die Kämpfe auf die Region rund um die Hauptstadt Khartoum. Doch einer der brutalsten Höhepunkte des Krieges fand rund um die Hauptstadt der Region Darfur, al-Faschir, statt. Etwa 18 Monate lang war die Stadt belagert, bis Hemeti mit seinen RSF sie im Oktober 2025 eroberte.

Internationaler Stellvertreterkrieg

Der Krieg löste unbestritten die „größte humanitäre Krise der Gegenwart“ aus, wie Merz vor dem Treffen mit Youssouf am Dienstag sagte. 9,5 Millionen Menschen sind nach Angaben von Unicef vertrieben worden. Mehr als 17 Millionen Kinder seien auf humanitäre Hilfe angewiesen. Es fehlt an Lebensmitteln, Trinkwasser, Unterkünften, medizinischer Versorgung.

Und dennoch: Dieser Konflikt ist keine Naturkatastrophe. Mit humanitärer Hilfe wird er sich nicht lösen lassen. Der Sudan leidet vielmehr darunter, dass dort nicht einfach zwei Militärs, die einst Freunde waren, eine Privatfehde austragen. Das Land ist der Schauplatz eines internationalen Stellvertreterkriegs geworden, auf dem unzählige Länder ihren eigenen Vorteil verfolgen.

Der Sudan blickt nicht nur zurück auf eine reiche Geschichte, die bis zum Königreich von Kerma zurückreicht, das vor rund 4500 Jahren die Region beherrschte. Im ersten Jahrtausend vor Christi Geburt war die Region die Heimat der Nubier und des sagenumwobenen Reichs von Kusch, das schließlich in Ägypten aufging.

Heute liegt das Interesse am Sudan vor allem auf den Rohstoffen. Dank des Nils – in Khartoum fließen der Blaue und der Weiße Nil zusammen – ist vor allem auch das landwirtschaftliche Potenzial des Landes immens. Es wird bis heute kaum genutzt. Als Ölproduzent hat das Land seit der Abspaltung des Südsudan an Gewicht verloren. Doch durch den Sudan geht nach wie vor die wichtigste Pipeline, durch die das Öl des Südsudan an die Küste transportiert wird. Zudem liegen im sudanesischen Boden Gold, Kupfer, Eisenerz und Chrom.

Gold finanziert den Krieg

Vor allem die Goldvorkommen finanzieren die beiden Kriegsparteien. Da kommt es sowohl al-Burhan wie auch Hemeti gelegen, dass der Goldpreis in den vergangenen zwölf Monaten trotz des jüngsten Preisrückgangs um rund 50 Prozent gestiegen ist. Die RSF nutzt insbesondere Goldminen im westlichen Darfur und in Kordofan und kontrolliert damit den sudanesischen Goldhandel. In großen Mengen schleust Hemeti nichtregistrierte Exporte über informelle Kanäle vorwiegend nach Dubai und in andere Golfstaaten. Die Geschäftsbeziehungen zwischen sudanesischen Goldexporteuren und emiratischen Händlern waren schon immer eng.

Doch das größere geopolitische Interesse am Sudan liegt an seiner Nähe zum Roten Meer. Das Land kontrolliert einen großen Teil der Westküste entlang dieses wichtigen Seewegs, über den rund 12 bis 15 Prozent des Welthandels abgewickelt werden und der über den Suezkanal Asien und Arabien mit Europa verbindet.

Al-Burhan weiß wichtige Verbündete hinter sich. Da ist zum einen Ägypten, das ein vitales Interesse an stabilen politischen Verhältnissen entlang des Nils verfolgt. Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi sieht al-Burhan als letzte institutionelle Bastion gegen das Chaos und den islamistischen Extremismus an der Südgrenze Ägyptens. Kairo will zudem dem Einfluss Äthiopiens entgegenwirken, das dank des Großen Äthiopischen Renaissance-Staudamms (GERD) und weiterer Staudammprojekte immer mehr den Oberlauf des Blauen Nils reguliert. Ein starker, mit Ägypten verbündeter sudanesischer Staat würde dazu beitragen, den Nilkorridor zu sichern und Migrations- und Schmuggelrouten einzudämmen.

Saudi-Arabiens Interessen

Saudi-Arabien ist die zweite große Regionalmacht, die eigene Interessen in diesem Krieg verfolgt. Die Häfen von Dschidda und Port Sudan liegen nur weniger als 300 Kilometer voneinander entfernt. Stabilität am Roten Meer ist für Saudi-Arabien von größter Bedeutung, da sie für die Schifffahrt und die Logistikziele der Vision 2030 unerlässlich ist. Daher versucht Saudi-Arabien, ein Übergreifen des Konflikts zu verhindern. Offiziell nimmt das benachbarte Königreich Saudi-Arabien eine neutrale und vermittelnde Rolle ein, insbesondere im Rahmen der gemeinsam mit den Vereinigten Staaten ausgerichteten Friedensgespräche in Dschidda. Die saudische Führung möchte jedoch auch den Einfluss der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) am Horn von Afrika begrenzen. Hinzu kommt, dass sich saudische Investoren seit vielen Jahren an sudanesischen Landwirtschafts- und Hafenprojekten beteiligen. Denn Sudan kann eine entscheidende Rolle für die Ernährungssicherheit Saudi-Arabiens spielen.

Hemeti wiederum weiß die VAE mit ihren beiden Machtzentren Dubai und Abu Dhabi hinter sich. Die Emirate wollen ihren Einfluss im Roten Meer ausweiten, wo sie bereits Häfen und Stützpunkte von Eritrea bis Jemen unterhalten. Seit Jahren versuchen sie, die Regierung in Khartum unter Druck zu setzen, um langfristige Konzessionen für den Betrieb sudanesischer Häfen zu erhalten. Banken der VAE sind tiefgreifend, ja sogar direkt, im sudanesischen Finanzsektor involviert. Und schließlich sind die VAE wie auch Saudi-Arabien auf den Sudan angewiesen, um etwas zu produzieren, das sie selbst nur in geringem Umfang herstellen können: Lebensmittel.

Vor allem Abu Dhabi betrachtet die RSF als flexible Stellvertretertruppe, die wirtschaftliche Interessen sichert und islamistischen Gruppierungen entgegenwirkt. Die Machthaber sprechen dieselbe Sprache und teilen Religion und Tradition. Die Vereinigten Arabischen Emirate unterstützen Hemeti finanziell und möglicherweise auch mit Waffenlieferungen über Netzwerke im Tschad, in Libyen und der Zentralafrikanischen Republik. Militärfahrzeuge aus den VAE sind auf Bildern von RSF-Kolonnen aufgetaucht. Anderes Material russischer Herkunft, das beispielsweise über Libyen ins Land gelangt ist, wurde zweifellos mit Gold bezahlt, das über Dubai transferiert wird. Auch die humanitäre Hilfe und die diplomatischen Initiativen der VAE dienen dazu, den Einfluss der RSF zu legitimieren.

Auch Russland am Konflikt beteiligt

Russland ist nicht nur über Waffengeschäfte an dem Konflikt beteiligt. Vielmehr geht es dem russischen Präsidenten Wladimir Putin um militärischen Einfluss in der Region. Dschibuti hat die Zulassung ausländischer Militärbasen zum Geschäftsmodell erhoben. Die USA, Frankreich, China und Italien betreiben in dem kleinen Land Stützpunkte. Russland will gegenhalten und strebt Zugang zu Port Sudan an.

Putin unterstützte lange den inzwischen gestürzten sudanesischen Machthaber Omar al-Baschir. Seit der Revolution im Sudan ist Russlands Position jedoch gefährdet. Putin umwarb lange sowohl al-Burhan als auch Hemeti. Er unterhält zu Hemeti Verbindungen über Netzwerke des Afrika-Korps, der ehemaligen Wagner-Gruppe, und bleibt gleichzeitig mit al-Burhan im Gespräch. Bisher engagiert sich Russland mit Söldnertruppen und Waffenlieferungen. Parallel dazu errichtet Russland über sein Afrika-Korps einen militärischen Brückenkopf im Tschad, der auf dem Luft- und Landweg von Libyen aus erreichbar sein wird. Von dort aus wiederum bestehen Schiffsverbindungen direkt vom Schwarzen Meer aus.

Daneben mischt auch die Türkei im Sudan-Krieg mit. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan unterstützt al-Burhan und islamistisch orientierte Gruppierungen, die früher mit dem ehemaligen Präsidenten Omar al-Baschir verbunden waren. Diese Strategie verfolgt auch Tamim bin Hamad al Thani, der Emir von Katar. Beide Länder, die Türkei wie auch Katar, wollen ihre historischen und wirtschaftlichen Beziehungen aufrechterhalten, darunter Hafen- und Agrarprojekte aus der Baschir-Ära. Hinzu kommt Katars Bestreben, seine diplomatische Rolle zu stärken und den Einfluss von Abu Dhabi und Dubai im Roten Meer einzudämmen.

Iran interveniert wieder

Auch der Iran interveniert wieder in diesem Krieg, nachdem zwischen Teheran und Khartum eine siebenjährige Pause zwischen 2016 und Oktober 2023 herrscht. Seitdem hat sich Iran mit al-Burhan verbündet und liefert der SAF moderne Waffensysteme, insbesondere Drohnen vom Typ Mohajer-6 und Ababil. Wie auch Russland will der Iran einen Marinestützpunkt in Port Sudan errichten. Dies würde es Iran ermöglichen, den Suezkanal und Israels Südflanke zu überwachen und ihm neben der Straße von Hormus zwei strategische Schlüsselpositionen zu verschaffen. Inwieweit der Iran jetzt noch die Mittel hat, diese Politik zu verfolgen, lässt sich noch nicht abschätzen.

Und schließlich mischen die sudanesischen Nachbarstaaten in diesem Krieg mit. Der Tschad beherbergt Logistikrouten der RSF und Flüchtlinge, fürchtet aber ein Übergreifen der Krise. Die ohnehin schwache Regierung balanciert zwischen den Beziehungen zu den VAE und westlicher Unterstützung.

Da ist außerdem der Südsudan, dessen Regierung versucht zu vermitteln, da das junge Land von den Ölpipelines durch den Sudan abhängig ist, solange Kenia nicht die Lokichar-Lamu-Pipeline gebaut hat, die südsudanesisches Öl an den Indischen Ozean transportieren kann. Eritrea hat historisch mit beiden sudanesischen Fraktionen kooperiert. Der eritreische Präsident Isaias Afwerki befindet sich selbst in einer schwachen Position und versucht, die Kontrolle über das Land mit einem drakonischen Regime zu sichern. Äthiopien wiederum befürchtet, dass ein zersplitterter Sudan Aufstände entlang seiner Grenzen befeuern könnte. Kenia wiederum will seine Position als führende Wirtschaftsmacht Ostafrikas und Nairobis Rolle als wichtigstes Finanzzentrum der Region verteidigen. Daher liegen ein fest etablierter illegaler Goldhandel und grassierende Geldwäsche im Sudan nicht im kenianischen Interesse.

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soistes | Mi., 15. April 2026 - 16:21

Echt jetzt? Gerne gegen 75 % der Bodenschätze könnte es was werden. Ansonsten nein Danke. Aber ich hoffe nicht das, unser sensibler BFM einen weiteren "Schattenhaushalt" für den Sudan bei uns aufbaut, für nichts außer Spesen.

Weiß man schon wie der gestrige "Stuhlkreis" in Berlin war? Und war Correktiv direkt vor Ort? Ironie off