Generalstreik in Frankreich - „Die spinnen, die Franzosen“

Seit sieben Tagen legen die Streiks gegen die Rentenreform das Öffentliche Leben in Frankreich lahm. Dabei streiken vor allem jene, die schon jetzt die besten Renten im europäischen Vergleich bekommen. Impressionen aus einem Paris unter Generalstreik

Streiks in Frankreich für höhere Renten legen den Verkehr lahm
Völliger Stillstand: Seit dem 1. Dezember legen Streiks in Paris den Verkehr lahm/ picture alliance

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Kay Walter arbeitet als freier Journalist in Frankreich

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Generalstreik – die deutsche Sprache kennt das Wort, aber die Übersetzung in konkrete Realität ist doch weitgehend unbekannt. Anders westlich des Rheins. Konsens-Gesellschaft, institutionalisierter Dialog, das sind hier Fremdworte. In Frankreich werden soziale Konflikte ausgefochten. Auf der Straße. Dieses Mal geht es eben um Macrons Rentenpläne – in erster Linie. Die Gewerkschaften haben ausnahmslos zum politischen Generalstreik aufgerufen, und seit der Nacht vom 4. auf den 5. Dezember steht Frankreich nahezu still.

Wie lange noch, kann niemand sagen: Obwohl niemand den genauen Inhalt der Rentenpläne kennt; obwohl die Gewerkschaften parallel durchaus mit der Regierung verhandeln. Aber die sieht sich andersherum durch die Streiks auch nicht dazu veranlasst, die eigenen Vorstellungen zu erklären. Das war seit Wochen für heute, Mittwoch, den 11. Dezember 12 Uhr angekündigt. Warum den Termin vorziehen, nur weil sich die Unsicherheit der Bevölkerung in Wut äußert?

Gedränge in der Metro 

Spannend auch die Reaktionen von Freunden und Bekannten aus Deutschland. Alle wünschen gute Nerven, aber dann: Die eher Konservativen befinden fast ausnahmslos: „Die trauen sich was, die Franzosen. Nur wir Deutschen halten immer still“. Die Linken sagen dagegen: „Die spinnen, die Franzosen.“ Verkehrte Welt. Könnte daran liegen, dass die Auswirkungen von Generalstreik in Deutschland so unbekannt sind.

Hier ein paar Skizzen, was Generalstreik in Frankreich bedeutet. Seit letztem Donnerstag fahren von den 14 Pariser Metrolinien genau 2. Und das in sehr eingeschränktem Umfang. Es handelt sich um die beiden automatischen, ohne Fahrer betriebenen Linien. Die Folge: Ein unfassbares Gedränge auf den Bahnsteigen. Zum Glück kann niemand vor den Zug gestoßen werden. Das verhindern (auch sonst) die Absperrungen auf diesen unbemannten Strecken. 

Feldbett im Büro 

Quer durch die Stadt von Ost nach West zu kommen, ist unmöglich. Seit 6 Tagen fährt keine einzige Nahverkehrs-Bahn der RER. Die Verbindungslinien in die Vorstädte und Banlieues fallen komplett aus. Ebenso die Busse. Aus Saint-Denis, Versailles, Vincennes oder Vanves kommt man, außer mit dem PKW nicht in die Stadt oder wieder heraus. Aber die Mehrzahl der Menschen, die in Paris arbeiten, wohnen in eben diesen Vorstädten.

Paris selbst hat nur knapp 2,5 Millionen Bewohner. Zwei Drittel derer, die sich selbst als Pariser bezeichnen, kommen täglich angereist. Ganz viel Spaß hat, wer ins moderne Verwaltungs-Viertel La Défense will. Das wird zwar verkehrstechnisch fast ausschließlich über Paris erschlossen, gehört aber offiziell nicht zum Stadtgebiet. Da anzukommen wird teuer und langwierig. Am ersten Streiktag haben 800.000 Menschen im Zentrum demonstriert. Klar, das ist eindrucksvoll. Ansonsten war die Stadt auffällig leer. Viele haben sich ein langes Wochenende gegönnt. Und wer zu seiner Arbeit wollte – oder musste – der hat sich im Hotel um die Ecke eingemietet oder auch gleich ein Feldbett im Büro aufgeschlagen.

Völliger Stillstand

Hotelzimmer sind übrigens zur Zeit gut zu bekommen. Mehr als die Hälfte aller Buchungen, so klagen die Hoteliers, wurden wegen des Streiks storniert. Und diese Ausfälle lassen sich kaum dadurch kompensieren, dass andere Gäste erzwungenermaßen länger bleiben, weil ihr Zug nicht fährt oder weil ihr Flug gecancelt wurde. Oder weil beide Flughäfen nur unter größten Schwierigkeiten zu erreichen sind. 

Für die Pariser Stadtautobahn, genannt Périf, plant der geübte Nutzer auch an normalen Tagen eine Fahrzeit von einer Stunde pro 10 Kilometer. Am Montag kumulierten die Staus dann allerdings auf 631 Kilometer. Völliger Stillstand. Am Dienstag war es kaum anders. Quasi ein doppelter Belagerungsring rund um Paris. Außen stehen die Autos, innen die Bahnen. Belagerungsring passt, verläuft die Périf doch exakt auf der ehemaligen Stadtbefestigung des Baron Thiers. 

Knisternde Spannung 

Im Zentrum herrscht dagegen angespannte Ruhe, eine knisternde Spannung, ein wenig wie im Auge des Orkans. Touristen, die es geschafft haben anzukommen, zeigen sich entweder total genervt, weil gestrandet im Nirgendwo und ohne jede Idee, wie zu ihrem Hotel zu kommen – oder glücklich grinsend, weil sie schon tagelang gezwungen wurden, Paris zu Fuß zu entdecken. Die andere Seite des Generalstreiks: Für die, die arbeiten müssen, wird das Leben noch hektischer, für alle anderen deutlich ruhiger. Kein Stress mit Sehenswürdigkeiten – der Eiffelturm, die Oper und Teile des Louvre sind geschlossen. Meistens jedenfalls. Die täglich 100.000 Besucher brauchen andere Ziele, sie müssen bummeln, schauen, die Stadt erlaufen. 

Alle Geschäfte sind geöffnet, es sei denn, sie liegen direkt am Demonstrationszug. Bars, Cafés und Restaurants sowieso. Gefüllt sind die auch wie immer. Die Dachdecker vor meinem Bürofenster sind am Werk (wenn auch zu anderen Zeiten, weil An- und Abreise lange dauerten), Verwaltungen sind nicht schlechter zu erreichen als sonst auch, die Müllabfuhr war da. Wer streikt eigentlich, fragt man sich?

Streik der Privilegierten 

Sicher nicht die Putzfrauen, die auf den öffentlichen Verkehr angewiesen wären; Bedienungen und Lieferanten auch nicht. Diejenigen, die wenig verdienen, arbeiten großenteils - und reden darüber, wie man jetzt von A nach B kommt. 

Im Ausstand sind die Lokführer und alle anderen Bediensteten der staatlichen Verkehrsbetriebe, die Flughafenangestellten und Teile des Sicherheitspersonals; auch ein Teil der Lehrerschaft und Rechtsanwälte streikt für ihre Renten, die Gewerkschaft der Polizei unterstützt offiziell den Streik – die Polizisten selbst sind im Dienst. So viel ist sicher: Es streiken vor allem die, die von den im europäischen Vergleich sowieso schon extrem hohen französischen Renten die besten bekommen.

Denn Generalstreik bedeutet nicht, dass alle streiken – sondern die, die am meisten Wirkung erzielen. 

helmut armbruster | Mi, 11. Dezember 2019 - 17:26

denn viele dieser überzogenen, französischen Sozialleistungen sind nur mit Schulden finanzierbar.
Wie schön, dass die EZB Staatspapiere aufkauft und wie bescheuert, dass auch wir dafür in Haftung genommen werden können.
Ohne Euro hätte Frankreich ein Überschuldungsproblem. Es müsste sehr hohe Zinsen am freien Kapitalmarkt für seine Schulden bezahlen und das wäre nicht lange durchzuhalten.
F könnte die überzogenen Renten und Sozialleistungen dann einfach aus eigener Kraft nicht mehr bezahlen.

Klaus Ramelow | Mi, 11. Dezember 2019 - 17:41

in Deutschland wäre solche (Re)aktion schon lange von der "landesüblichen" Presse - und den zugehörigen (Alt)Parteien - bereits niedergemacht worden !

Rob Schuberth | Do, 12. Dezember 2019 - 14:21

Wer gibt schon gerne freiwillig Vorteile auf an die er sich über Jahre, oder hier gar Jahrzehnte, gewöhnt hat.

Nat. ist es auch für France notwendig deren opulentes Rentenwirrwarr zu entwirren u. auch den gesunkenen Einnahmen anzupassen.

D. h. länger Arbeitszeiten, oder weniger Rente.

Aber so wie jetzt kann es, gerade mit Blick auf die Vision einer geeinten EU, nicht mehr weitergehen.

Und so sollten es den Betroffenen auch DEREN Medien beibringen.

Soweit ich weiß gibt es noch weitere EU-Länder die, sagen wir es mal salomonisch, mit ihren Rentner seeehr gut umgehen.
Zumindest im Vergleich zu uns hier in D.