Nach Gift-Anschlag auf Sergej Skripal - Krise in Londongrad

Russische Oligarchen haben sich gern in London niedergelassen und dort ihr Geld angelegt. Fragen über die Herkunft des Vermögens wurden kaum gestellt. Nach der Vergiftung des Ex-Spions Sergej Skripal und der diplomatischen Krise zwischen Russland und Großbritannien könnte es damit vorbei sein

Annehmlichkeiten wie das Luxuskaufhaus „Harrods“ haben London für russische Oligarchen attraktiv gemacht / picture alliance

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Tessa Szyszkowitz ist Londoner Korrespondentin des österreichischen Wochenmagazins Profil. Im September 2018 erschien „Echte Engländer - Britannien und der Brexit.". Foto: Alex Schlacher

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Sogar der sonst Putin-freundliche Nigel Farage möchte lieber heute als morgen eine neue Ära einleiten: „Für uns dauert es Monate, um ein Bankkonto zu eröffnen, gleichzeitig ist London zur Spielwiese für russische Oligarchen geworden. Die Londoner Hauspreise sind explodiert, weil Millionen und Abermillionen investiert wurden und keiner gefragt hat, wo das Geld herkommt.“ Für den Exchef der EU-feindlichen UKIP-Partei ist klar: „Etwas muss und wird dagegen jetzt unternommen werden. Und dann werden hoffentlich weniger Leute vor U-Bahnen fallen und unter anderen mysteriösen Umständen ums Leben kommen“, sagte Farage gegenüber Cicero.

Außenminister Johnson vergleicht Putin mit Hitler

Seit der Vergiftung des russischen Ex-Spions Sergei Skripal und seiner Tochter Julia am 4. März 2018 im englischen Salisbury eskaliert der Streit zwischen der britischen und der russischen Regierung. Mehr als ein Dutzend verdächtiger Todesfälle in England, die mit dem russischen Geheimdienst in Verbindung gebracht werden, gab es seit der Vergiftung des ehemaligen FSB-Agenten Alexander Litwinenko im Jahr 2006 in London. Nach dem Anschlag auf die Skripals hat Premierministerin Theresa May die russische Regierung direkt verantwortlich gemacht und 23 russische Diplomaten ausgewiesen. Jetzt hat auch noch der britische Außenminister Boris Johnson das Seine dazu getan, die Spannungen zu verstärken und den russischen Präsidenten Wladimir Putin indirekt mit Adolf Hitler verglichen. Putin werde sich beim World Cup 2018 in Moskau ähnlich wie Hitler bei den Olympischen Spielen 1936 im Glanz der sportlichen Wettkampfes sonnen, sagte Großbritanniens Chefdiplomat am Mittwoch: „Der Vergleich mit 1936 stimmt.“
 
Der historische Vergleich stimmt zwar nicht – Putin ist als autoritärer Präsident Russlands schlimm genug, aber noch lange kein Führer eines totalitären, massenmörderischen Regimes – der Schaden aber ist angerichtet. Unter den russischen Exilanten in Großbritannien verstärkt sich das mulmige Gefühl, dort nicht mehr so willkommen zu sein. Etwa 300.000 Russen leben heute in Großbritannien, die Mehrheit von ihnen in London. 

Viel Geld für Luxus-Immobilien und Edel-Internate 

Nicht nur Putinfreunde haben London zu ihrer zweiten Heimat gemacht. Der russische Oligarch Boris Beresowski etwa residierte bis zu seinem überraschenden und nicht geklärten Tod 2013 genauso dort, wie der in Ost und West gut vernetzte Milliardär Roman Abramowitsch. Die beiden bekriegten sich bis knapp vor Beresowskis Ableben vor einem britischen Gericht. Abramowitsch gewann den Prozess, Beresowski war ruiniert. Die Oligarchen nutzen nicht nur Annehmlichkeiten wie das Luxuskaufhaus „Harrods“ und englische Edelinternate für ihre Kinder, sie tragen auch ihre Rechtsstreitigkeiten vor den unabhängigen Gerichten Britanniens aus.

Vor allem aber diente England bisher als ein Ort, in dem ausländische Staatsbürger recht bequem ihr Vermögen in Immobilien anlegen konnten, ohne dass große Fragen zur Herkunft der Millionen gestellt wurden. Dazu dienen Off-shore-Firmen in den Übersee-Gebieten der britischen Krone. Die eigentlichen Besitzer werden mittels Briefkastenfirmen verschleiert. So hat sich etwa der russische Vizepremier Igor Schuwalow laut des russischen Korruptionsbekämpfers Alexei Nawalny im Regierungsviertel ein Penthouse geleistet, von dem aus er ins britische Verteidigungsministerium blicken kann. Bei Schuwalows offiziell deklariertem Jahresgehalt von 150.000 Euro ist die Frage aufgekommen, woher denn die 13 Millionen Euro für die Londoner Wohnung stammen. 

Künftig kann Besitz von Ausländern eingezogen werden

Auf der Höhe der Zeit hat die BBC gerade die Serie „McMafia“ ausgestrahlt, in der ein britischer Banker mit russischem Background in London zum Paten einer international organisierten Mafiagruppe aufsteigt. Innerhalb weniger Wochen hat die Realität die Fiktion der Fernsehserie überholt. Dass der russische Geheimdienst einen Ex-Spion und seine Tochter am hellichten Tag mitten in England vergiftet haben soll, hat aber auch Russland-Experten überrascht. Misha Glenny, der Autor des der Serie zugrundeliegenden Buches, hofft, dass die britische Regierung diese Vorfälle zum Anlass nimmt, den korrupten Investoren in London das Handwerk zu legen: „Es gibt 10.000 Gebäude in Londons zentralem Bezirk Westminster, deren Besitzer wir nicht kennen. Das sollten wir ändern.“ 

Die Nachforschungen könnten nun demnächst beginnen. Denn seit Kurzem ist in Großbritannien ein Gesetz in Kraft getreten, für das Anti-Korruptionsaktivisten lange gekämpft haben: Besitz von Ausländern kann künftig eingezogen werden, wenn nicht schlüssig geklärt wurde, woher das Kapital für den Kauf stammt. Diese „Verfügung über ungeklärtes Vermögen“ könnte einigen Hausbesitzern in Zukunft Probleme bereiten. 

Roman Borissowitsch, der Sekretär von ClampK, des „Komitees für die Gesetzgebung gegen Geldwäsche im Besitz von Kleptokraten“, hofft nun: „Die britische Regierung kann mit dieser Verfügung zur Transparenz beitragen und korrupte Günstlinge Putins stoppen, die hier ihr Geld waschen.“ Borissowitsch organisiert originelle Stadtrundfahrten: Der 48-jährige ehemalige Banker fährt in einem Bus durch London und zeigt die Villen vor, die über Off-Shore-Firmen von Superreichen aus aller Welt gekauft wurden. 

Spielwiese auch für Investoren aus China und Nahost

Es gibt allerdings längst nicht nur verdächtige Besitztümer russischer Oligarchen. Chinesische Geschäftsleute sind darauf spezialisiert, in lukrative Wohnprojekte am Südufer der Themse zu investieren. Nahost-Prinzen vom Golf kaufen sich gerne prestigeträchtig im Nobel-Stadtteil Knightsbridge ein. Das Kaufhaus „Harrods“ wurde 2010 ganz offiziell an die katarische Herrscherdynastie der Al-Thanis verscherbelt. Die großzügigen Neo-Londoner haben die britische Metropole in den vergangenen 20 Jahren zu dem gemacht, was sie heute ist: eine glitzernde, multikulturelle Großstadt; und eine extrem überteuerte, für den Großteil der britischen Bevölkerung unerschwingliche Hauptstadt.

Unter den Superreichen sind auch Geschäftsleute, die sogar schon von Queen Elizabeth II. geadelt wurden. Sir Leonard Blavadnik etwa, der in Odessa geborene reichste Mann Großbritanniens, hat dem Vernehmen nach 75 Millionen Pfund für das „Institute for Government“ in Oxford und 60 Millionen Pfund für den neuen Anbau der Kunstgalerie Tate Modern in London gespendet. Beide Einrichtungen tragen stolz seinen Namen. 

Blavatnik wird keine übertriebene Nähe zu Wladimir Putin vorgeworfen. Das ist bei Roman Abramowitsch anders. Der ehemalige Gouverneur von Tschuchotka ist einer der russischen Oligarchen, die in den 18 Jahren von Putins Herrschaft eine seltene Mischung aus Nähe und Distanz zum Kreml gehalten haben. Der 51-jährige Abramowitsch hat seine russischen Besitztümer inzwischen fast alle aufgelöst und hat sich für um die 125 Millionen Pfund einen Palast auf den Kensington Palace Gardens gekauft. In direkter Nachbarschaft zu Leonard Blavatnik und Prinz William. Ganz inoffiziell gilt er aber immer noch als einer, der zwischen den Staatsspitzen seiner zwei Heimaten vermitteln könnte. 

Chodorkowski: Sanktionen sollen Individuen treffen

London aber ist auch der Hort für explizite Putin-Kritiker und Ex-Oligarchen wie Michail Chodorkowski. Der ehemals reichste Mann Russlands verbrachte zehn Jahre in einem sibirischen Straflager, nachdem er 2003 wegen Betrugs und Steuerhinterziehung verhaftet worden war. Die Prozesse gegen ihn galten als politisch motiviert. Heute leitet Chodorkowski von London aus die Organisation „Open Russia“, die sich für die Stärkung der Zivilgesellschaft in Russland einsetzt. „Ich würde davor warnen, die gesamte russische Regierung verantwortlich zu machen“, sagte er Cicero mit Bedacht, „Putin ist heute von kriminellen Gruppen umgeben, die ihn manipulieren.“ 

Chodorkowski unterstützt deshalb die Forderungen von konkreten Sanktionen gegen russische Individuen: „Wirtschaftssanktionen schaden Russland, aber sie nützen Putin politisch.“ Belegte man aber einzelne Individuen um ihn herum mit Einreiseverbot in westliche Länder, dann könnte man direkt den Verantwortlichen schaden, ohne die russische Zivilbevölkerung zu treffen. „Vergessen Sie nicht“, sagt Chodorkowski, „manche russische Politiker verwechseln ihren Beruf mit jenem eines Spions.“