Claus Kleber - Selbstdemontage eines Nachrichtenstars

Zum Jahreswechsel zeigen wir Ihnen noch einmal die erfolgreichsten Artikel aus dem Jahr 2012. Im März:

Er ist eine Nachrichtenikone und beliebter allabendlicher Welterklärer: Claus Kleber. Wie sich der ZDF-Mann von dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinejad in einem Fernsehinterview demütigen lässt. Ein Kommentar

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(ZDF/Screenshot) "Wir mögen Deutschland sehr. Wir mögen Sie sehr (Herr Kleber)." – na dann

Claus Kleber, Nachrichtenikone des ZDF und beliebter allabendlicher Welterklärer, ist zu Gast bei Mahmud Ahmadinejad, dem iranischen Präsidenten. Es wird ein langes Fernsehinterview vor der düsteren Kulisse von Kriegsgefahr und drohender atomarer Zerstörung. Der Zuschauer soll erfahren, „mit wem es die Welt zu tun hat“. Ahmadinejad redet persisch, ein Dolmetscher übersetzt simultan. Das Interview wird zu Nouruz, dem Persischen Neujahrsfest, ausgestrahlt. Das erwähnt Kleber zwar nicht, aber Ahmadinejad wünscht dem deutschen Volk „ein gutes neues Jahr“. Kleber sagt am Ende auf Arabisch „shukran“, Danke.

„Warum um alles in der Welt wird ein solcher Scoop bei ZDFinfo zwanzig Minuten nach Mitternacht versendet?“, fragt ein Rezensent im Internetportal meedia.de und meint, Klebers Interview mit Ahmadinejad hätte mehr als die 50.000 nächtlichen Fernsehzuschauer verdient. Schließlich sei das „knapp 45-minütige Gespräch journalistische Weltklasse“ und Kleber habe „die schwierige Aufgabe bravourös gemeistert“.

Aber vielleicht ist es ganz anders, als der Rezensent meint. Vielleicht hat Claus Kleber, der Vorzeigejournalist des Zweiten Deutschen Fernsehens, versagt, weil er Mahmud Ahmadinejad, „dem gefährlichsten Mann der Welt“, eine seltene und goldene Gelegenheit bot, sich zu profilieren. Und vielleicht haben die ZDF-Oberen geahnt, dass in diesem Interview etwas schief gelaufen ist und es deshalb schamhaft nach Mitternacht unter Ausschluss der Öffentlichkeit gesendet. Vielleicht haben sie irgendwo im Innersten gespürt, dass dieses dreiviertelstündige Gespräch mit dem iranischen Präsidenten eine journalistische Selbstdemontage war.

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Und vor noch einer Sache scheinen sich die ZDF-Verantwortlichen gefürchtet zu haben: dass der Staatsanwalt in Mainz anklopft und die öffentlich-rechtliche Anstalt wegen Volksverhetzung und Leugnung des Holocaust anklagt. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass das Interview vorne und hinten eingerahmt wird von der Bemerkung des Off-Sprechers, dass Ahmadinejad in Sachen Holocaust Äußerungen von sich gegeben habe, die in Deutschland strafrechtlich relevant seien. Apologetisch fügt der Off-Sprecher hinzu, man habe sich entschlossen, diese Äußerungen zu senden, um zu zeigen, „wie Ahmadinejad tickt“.

Das Problem: wie Ahmadinejad tickt, wissen wir schon. Dass er den Massenmord an den Juden Europas leugnet und dem Westen vorwirft, den Holocaust als Vorwand zu benutzen, um die Existenz und die Regierungspolitik des Staates Israel zu rechtfertigen, ist für den interessierten Zuschauer nichts Neues. Viel erhellender und entlarvender ist das Interview hinsichtlich der Frage, wie Claus Kleber tickt.

Sicher, der Moderator des heute journals und ehemalige Washington-Korrespondent kann nichts dafür, dass er gegenüber Mahmud Ahmadinejad aussieht als habe John F. Kennedy vor einem unrasierten Landarbeiter lateinamerikanischer Herkunft Platz genommen. Aber dieses Bild verstärkt doch den alles überragenden Eindruck, dass Claus Kleber hier „den Westen“ repräsentiert. Die westliche Deutungshoheit. Die westliche Logik. Den westlichen Anspruch, vom Iran Rechenschaft über sein Atomprogramm zu verlangen und die westliche und israelische Anmaßung, zur Not einen unvermeidlichen, gerechten Präventivkrieg zu führen. 

Seite 2: Kaum hat das Interview begonnen, gibt Kleber den Faden aus der Hand

Kleber will gleich klarmachen, dass Ahmadinejad in der Klemme sitzt, denn Israel werde zu einem Militärschlag ausholen, wenn Iran nicht sein Atomprogramm offenlege. Als habe es nie einen Irakkrieg und nie ein Kriegstrommeln gegeben, für das sich später viele schämen mussten. Kaum hat das Interview begonnen, schon hat Kleber den Faden aus der Hand gegeben. Schon sitzt der Journalist in der Klemme und Ahmadinejad stellt die Fragen: „Warum drohen die Zionisten? Legen etwa die Zionisten ihre nuklearen Anlagen offen?“, fragt der Populist aus Teheran bohrend und gleichzeitig ahnend, dass er als rhetorischer Sieger vom Platz gehen wird. Interviewter und Interviewer tauschen von nun an die Rollen. Kleber weiß nichts Handfestes zu erwidern und gibt so Ahmadinejad Raum für längliche Ausführungen über die Friedfertigkeit und Kulturbeflissenheit der iranischen Nation, die aus humanistischer Überzeugung die Atombombe an sich ablehne. Krieg, Besatzung und Kolonialismus, das sei die Politik der anderen: im Irak, in Afghanistan und eben in Palästina. [gallery:10 Jahre Afghanistan: Bilder eines Krieges]

Kleber entgeht, dass die Nuklearfrage nicht das schwierigste Thema für Ahmadinejad ist, sondern das ihm willkommenste. Die damit verbundenen Kriegsdrohungen gegen Iran, die Wirtschaftssanktionen, die Morde an iranischen Atomwissenschaftlern auf offener Straße in Teheran: all dies nutzt Ahmadinejad geschickt, um sich zum Underdog zu stilisieren, zum Verfolgten auf der Weltbühne, den die internationale Gemeinschaft zu Unrecht ausgrenzt und dem die ihm gebührende Gleichberechtigung verweigert wird.

Kleber scheint diese Argumente zum ersten Mal zu hören, als hätte er sich gar nicht vorbereitet, sich nicht mit der Argumentationsweise „des gefährlichsten Mannes der Welt“ vertraut gemacht. Hat der TV-Moderator im Ernst geglaubt, er könne von Ahmadinejad ein Zugeständnis in der Nuklearfrage bekommen –  „Herr Präsident, die Welt schaut auf dieses Interview“?  Ungewollt offenbart Kleber mehr die Schwächen des Westens als den teuflischen Charakter Ahmadinejads. Wenn man Iran auf die Atomfrage festnageln will, zementiert man das Regime. Klebers Interview mit Ahmadinejad ist insofern eine Variante der unergiebigen und sterilen 5+1-Verhandlungen mit dem Iran. Kleber exerziert vor, wie und warum der Westen an Ahmadinejad scheitert.

Souverän führt der iranische Präsident durch das Gespräch. Kein Wort zu seiner umstrittenen Wiederwahl 2009. Kein Wort darüber, mit welcher Brutalität und unter welchen Verlusten an Menschenleben und Glaubwürdigkeit das Regime im Sommer 2009 den Aufstand im eigenen Land niederknüppelte. Welch ein Hohn, dass Ahmadinejad unwidersprochen die Härte der britischen Polizei gegen die Demonstranten der „Occupy-Bewegung“ anprangern darf („Frauen werden in England über den Asphalt geschleift“), ohne auch nur einen Satz über die erschossene Neda und Hunderte weiterer getöteter Iraner während der „Grünen Welle“ verlieren zu müssen!

Seite 3: Kleber stellt nicht eine Frage, die das Großmaul aus Teheran in Verlegenheit bringt

Ein halbes Dutzend Mal spricht Ahmadinejad treuherzig und mit tiefem Blick das Wort „Diskriminierung“ aus und meint damit die Herabwürdigung Irans auf der internationalen Bühne, ohne dass er auf die Diskriminierung von Regimegegnern im Innern angesprochen wird. Auf die in den Revolutionsgerichten inszenierten und vom Staatsfernsehen übertragenen Schauprozesse, auf die vielen Hinrichtungen, auf den Hausarrest seiner politischen Gegner Mehdi Karrubi und Mirhosein Musawi, die bei der Präsidentschaftswahl 2009 gegen ihn angetreten waren. Ob Kleber jemals darüber nachgedacht hat, dass die iranische Innenpolitik auch ein interessantes Thema für das Gespräch mit dem Präsidenten sein könnte? 

Nein, und die Frage, in welchem Zusammenhang diese Innenpolitik, der Verlust an innerer Legitimität des Regimes, mit dem außenpolitischen Kurs Ahmadinejads stehen könnte, welche Rolle die Nuklearfrage spielt, um von den inneren Schwierigkeiten abzulenken, diese Frage ist nicht Teil von Klebers Welt. In den 45 Minuten stellt der Journalist nicht eine Frage, die das Großmaul aus Teheran in Verlegenheit bringt. Kein Wort über den langjährigen syrischen Verbündeten Assad, der dabei ist, wild um sich schießend unterzugehen und die regionalpolitische Position Irans dadurch schwächen wird. Kein Wort darüber, dass der langjährige Verbündete Khalid Mash´al, der Chef der palästinensischen Hamas, die Seiten gewechselt hat und jetzt nicht mehr auf Teheran, sondern die arabischen Rivalen südlich des Golfs hört.

Kleber macht dem iranischen Zyniker die Sache leicht. Iran habe mit einem „apokalyptischen“ Gegenschlag gedroht, sollte er von Israel angegriffen werden. Was denn der Präsident damit gemeint habe. Natürlich werde Iran sich verteidigen, entgegnet Ahmadinejad. Was denn Deutschland täte, wenn es einem militärischen Angriff ausgesetzt wäre? Würde Deutschland zuschauen?

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Der gefährlichste Mann der Welt zieht den Zuschauer auf seine Seite. Die Ursache liegt in Klebers Haltung. Für wen und als was spricht der Moderator des heute journals? Als verkappter amerikanischer Präsident? Als Anwalt Netanyahus? Als Stimme eines angesichts des orientalischen Despoten verängstigten deutschen Publikums? Dass es in Deutschland Hunderttausende Iraner gibt, die sich wegen dieses Interviews schämen würden, scheint Kleber nicht auf dem Schirm gehabt zu haben. „Herr Präsident, wie erklären Sie sich, dass so viele Menschen aus Ihrer Islamischen Republik davongelaufen sind, unter anderem nach Deutschland?“, das wäre eine interessante Frage gewesen. Aber die kam nicht. Kein Wunder, dass der Präsident das Gespräch mit der Bemerkung schließt: „Wir mögen Deutschland sehr. Wir mögen Sie sehr (Herr Kleber).“

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