Samir Kuntar - Israel, der BND und das Ende eines blutrünstigen Terroristen

Samir Kuntar war an einem der blutigsten Hisbollah-Anschläge auf Israel beteiligt – und soll in Damaskus weitere geplant haben. Später kam er bei einem Gefangenenaustausch unter Vermittlung des BND frei. Am Wochenende wurde Kuntar bei einem Luftschlag getötet. Seine Geschichte liest sich wie ein Agententhriller

Samir Kuntar soll neue Anschläge auf den Golanhöhen geplant haben
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Werner Sonne, langjähriger ARD-Korrespondent in Washington, ist der Autor mehrerer Bücher zu diesem Thema, u.a.  „Leben mit der Bombe“, sowie des jüngst erschienenen Romans „Die Rache des Falken“. 

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Sie nannten ihn den „Dean of the Lebanese prisoners“ – den am längsten einsitzenden  unter den libanesischen Gefangenen. Und wenn es nach den Israelis gegangen wäre, dann wäre das auch heute noch so. Obwohl Israel viele Terroranschläge erlebt hat, hat sich die Tat von Samir Kuntar als besonders grausam im kollektiven Gedächtnis festgeschrieben.

1979, mit 17 Jahren, nahm Samir Kuntar vom Libanon aus mit einem Schlauchboot an einem Kommandounternehmen teil. Dabei drangen die vier Attentäter in Nahariya in die Wohnung der Familie Haran ein. Kuntar erschoss den Vater und zerschmettere den Schädel der vierjährigen Tochter Einat. Eine weitere Tochter erstickte, als ihre Mutter sie am Schreien hindern wollte. Zwei Polizisten starben ebenfalls, ebenso wie zwei der Angreifer.

Immer wieder wollte die Hisbollah Kuntar freipressen, doch immer wieder weigerte sich Israel,  diesem Druck nachzugeben. Schon seit 1996 spielte der deutsche Bundesnachrichtendienst eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung von Austauschaktionen von Gefangenen.

Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidtbauer, der sich gern als „008“ bezeichnen ließ, organisierte den ersten großen Austausch. 2004 kam es erneut zu einer BND-Aktion, bei der rund 430 Palästinenser und 16 Hisbollah-Kämpfer freikamen – gegen die Überreste von drei israelischen Soldaten und einem in Dubai entführten Ex-Obersten namens Tennenbaum. Nur einen nahmen die Israelis im letzten Moment von der Liste der Freigelassenen: Samir Kuntar.

Das sollte dramatische Konsequenzen haben.  Die Hisbollah setzte alles daran, Kuntar dennoch freizubekommen.  Obwohl der BND sie nachdrücklich vor den Folgen gewarnt hatte, entführte die Hisbollah 2006 unter dem bezeichnenden Motto „Gehaltenes Versprechen“ die beiden israelischen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev. Israel reagierte mit schweren Angriffen, die zum 33-tägigen Libanon-Krieg eskalierten – mit über 1500 Toten. Wieder konnte die Hisbollah ihr Versprechen nicht einhalten: Samir Kuntar blieb in seinem israelischen Gefängnis.

Wie wohl kaum ein anderes Land hält Israel einen Grundsatz hoch: niemand wird auf dem Schlachtfeld zurückgelassen – ob lebend oder tot. Die beiden entführten Soldaten, das stellte sich nun heraus, waren umgekommen. Nun machten die Familien erfolgreich enormen Druck,  ihre Überreste freizubekommen. Die Olmert-Regierung in Jerusalem musste einknicken.

Und plötzlich war der Name Samir Kuntar wieder im Spiel. Selbst die Vereinten Nationen schalteten sich ein. Der BND-Mann Gerhard Conrad, schon zuvor bei den Vermittlungsaktionen dabei, wurde zur UN ausgeliehen und verhandelte zwei Jahre lang, bis die Israelis unter hohem innenpolitischem Druck nachgaben: Gegen die Rückkehr der Leichen der beiden Soldaten wurden mehrere hundert Palästinenser an der libanesischen Grenze übergeben – und diesmal auch Samir Kuntar, nach 30 Jahren Gefangenschaft.

Er war fortan der Hisbollah-Vorzeigekämpfer, ließ sich in Uniform fotografieren, Symbol dafür, dass man die Israelis doch in die Knie zwingen kann. Doch anders als die meisten Hisbollah-Kämpfer, die ihre Unterstützung aus Iran und Syrien erhalten, war Kuntar kein schiitischer Libanese, sondern gehörte zur Minderheit der Drusen, die auch auf den Golanhöhen an der Grenze Israels starke ethnische Wurzeln haben.

Und im komplizierten Schachspiel der Kräfte im syrischen Konflikt wurde Kuntar nun plötzlich ein Störenfried. Samir Kuntar – so beobachtete es offenbar nicht nur der israelische Geheimdienst – zog in einen Vorort von Damaskus. Von dort aus versuchte er angeblich, unter den Drusen ein Netzwerk zu organisieren. Das Ziel: Sie sollten auf den Golanhöhen Terroranschläge verüben und so eine neue Front zu eröffnen. Das ist für Israel eine rote Linie an seiner nördlichen Grenze. Mehrfach bereits reagierte Israels Luftwaffe mit Luftschlägen gegen alle Versuche, die Golanhöhen zum Kriegsgebiet zu machen – ohne, dass die Syrer reagierten.

Ansonsten hat Israel keinerlei Interesse, sich in den völlig unübersichtlichen Syrien-Krieg hineinziehen zu lassen.  Diese Grundsatzentscheidung wurde in Jerusalem bereits sehr früh in diesem Konflikt getroffen. „Let them bleed“, brachte Verteidigungsminister Moshe Yaalon die Haltung auf den Punkt –  sollen sie sich doch gegenseitig umbringen. Das diene Israels Interessen am besten.

Doch auch das Assad-Regime und die an seiner Seite kämpfende Hisbollah wollen keine zusätzliche Front mit Israel. Sie haben militärisch so viele andere Feinde – allen voran den „Islamischen Staat“ – dass sie sich nicht auch noch die übermächtige israelische Armee zum Gegner machen wollen.

So überwarf sich die Hisbollah um die Jahreswende 2015 offenbar mit ihrem einstigen Helden Samir Kuntar. Der sah weiterhin Israel als Hauptfeind und versuchte genau das, was man in Damaskus verhindern wollte: Israel endlich in den Konflikt einzubeziehen.

Das hat ihm jetzt offenbar das Leben gekostet. Israelische Beobachter verweisen mit Fleiß auf das Offensichtliche: ein solch präziser Luftschlag kann nicht ohne Informationen aus der unmittelbaren Umgebung von Kuntar geführt worden sein. Und sie führen sogar die Russen ins Feld, die jetzt mit ihrem Luftabwehrsystem weite Teile des syrischen Luftraums kontrollieren. Die israelischen Flugzeuge kamen unbehelligt zurück, nachdem sie am Samstagabend um 22.15 Uhr dem Leben von Samir Kuntar ein Ende gesetzt hatten.

Die Hisbollah steht nun vor einem Balanceakt: Wie soll sie mit dem Tod ihres einstigen Helden umgehen? Einerseits muss sie propagandistisch mindestens mit dem Säbel rasseln, andererseits muss sie aufpassen, dass der Konflikt nicht eskaliert und Kuntar über seinen Tod hinaus nicht doch noch sein Ziel erreicht, Israel in die Konfrontation zu zwingen.

Erst einmal wurden drei Raketen auf den Norden Israels abgefeuert – auf offenes Gelände ohne weiteren Schaden, und Israel feuerte mit Mörsern zurück, offenbar auch ohne Schäden. Ob dieser demonstrative Schlagaustausch ausreicht, müssen die nächsten Tage zeigen.

Ob der deutsche BND irgendwann dann wieder beim Austausch von Gefangenen vermitteln muss, bleibt genauso offen. Nach der Freilassung von Samir Kuntar 2008 musste BND-Mann Conrad 2009 schon wieder ran – diesmal bei der Vorbereitung des Austauschs von 1027 palästinensischen Gefangenen gegen den von der Hamas in Gaza entführten Soldaten Gilad Shalit.

Ahmed al-Dschabari, der Hamas-Militärchef, versuchte diesen Deal bis zuletzt zu verhindern. Doch Israels Geheimdienste haben ein langes Gedächtnis. Im Herbst 2012 tötete eine israelische Rakete al-Dschabari in einem fahrenden Auto, ein Präzisionsschlag. Und Samir Kantar starb nun ebenfalls durch einen präzisen Raketenbeschuss.

Der frühere BND-Chef Ernst Uhrlau, der lange in die Verhandlungen eingebunden war, sagte Cicero: „Israel vergisst seine Feinde nicht“.

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