Egisto Ott
Egisto Ott vor Gericht in Wien / picture alliance / APA-Images | HELMUT FOHRINGER

Russlands Schatten über Wien - Egisto Ott, Jan Marsalek und die verspätete Erkenntnis über Moskau

Der ehemalige österreichische Verfassungsschützer Egisto Ott ist in erster Instanz wegen Spionage für Russland verurteilt worden. Der Fall zeigt, wie moderne Spionage funktioniert. Besonders brisant ist die Verbindung zu Jan Marsalek, dem untergetauchten Ex-Wirecard-Vorstand.

Florian Hartleb

Autoreninfo

Dr. Florian Hartleb ist Professor für International Relations an der Modul-Universität Wien sowie Autor des im Herbst 2025 erschienenen Buchs „Teenager-Terroristen. Wie unsere Kinder radikalisiert werden – und wie wir sie schützen können“.

 

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Wien war immer eine Stadt der Diplomatie, aber auch eine Stadt der Spione. Zwischen UNO-City, Botschaften, internationalen Organisationen, Neutralitätsmythos und Kaffeehausdiskretion ließ sich seit dem Kalten Krieg vieles verbergen. Lange galt das als folkloristischer Teil der österreichischen Staatsräson: Man wusste, dass hier Dienste arbeiten, man wusste, dass Wien Drehscheibe ist, aber man behandelte es wie eine Spezialität der Stadt – ein bisschen „Der dritte Mann“, ein bisschen geopolitische Operette. Spätestens nach dem Urteil gegen Egisto Ott ist diese Leichtigkeit vorbei.

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Ingbert Jüdt | Sa., 23. Mai 2026 - 18:47

Der Angelpunkt des Framings in diesem Artikel besteht darin, »Russlandnähe« als intellektuelle Schwäche darzustellen und die eigene Wertung des Verfassers stillschweigend als Selbstverständlichkeit vorauszusetzen.

Die Glaubwürdigkeit des Texts als Expertise wird aufgebaut, indem nicht unplausibel dargelegt wird, »wie moderne Spionage funktioniert«, ohne zu erwähnen, dass sie in keiner Großmacht dieses Planeten anders funktioniert.

Dann werden Handlungen »von enormer Symbolkraft« als »Hochzeitstanz« ridikülisiert, deren negative Wertung erneut in den impliziten Prämissen versteckt wird.

Sodann wird die »Legitimitätsarchitektur« Russlands angegriffen und mit ihr alle »verständige(n) Europäer, die Moskau verstehen«: der Vorwurf des »Putinverstehers«.

Und dann wird zum großen, inklusiven Vorwurf ausgeholt: dem »größeren mitteleuropäischen Irrtum«, der das Urteil von der originären Bösartigkeit Russlands immer schon voraussetzt.

So schiebt man Wertung im Gewand der Objektivität unter.

Im Artikel geht es ausschließlich um Putin und sein Machtsystem. Es geht nicht um Russland, das kulturell durchaus westlich geprägt war und es wohl gerne weiter wäre, wäre da eben nicht Putin (und seine Schergen). Putins imperiale Phantasien waren früh erkennbar- wenn man den genau hinsah und hörte.
Es geht im Artikel um die naive Haltung gegenüber einem brutalen Regime, das völlig andere Werte, eine völlig andere, konträre Vorstellung von der Welt hat als wir im Westen. Um eine „originäre Bösartigkeit“ Russlands ging es nicht.

Die Propaganda in Herrn Hartlebs Artikel besteht im Kern darin, die geopolitische Konstellation zu verschweigen, zu der auf der anderen Seite eben nicht nur Österreich und Deutschland, sondern der ganze Westen, also Europa und die USA gehören. Dadurch geht ein wesentlicher Bezugspunkt verloren, der für Russland jedoch zentral ist: das außenpolitische Verhalten dieses US-geführten Westens. Die Wertung von Schlüsselereignissen als »Phase wachsender russischer Aggression« ohne Analyse des Kontextes, die Unterstellung eines »imperialen Denkens Moskaus«, die sich problemlos auf die USA umkehren ließe, die fein ziselierte Infamie in der Aussage: »autoritäre Regime lesen solche Signale anders«, die es zur stillschweigenden Voraussetzung deklariert, dass man mit Russland/Moskau/Putin gar nicht ernsthaft reden könne – das folgt nicht nur dem rhetorischen Muster, den eigenen Standpunkt und die eigene Wertung als unhinterfragte, fraglos selbstverständliche Hintergrundvariable zu behandeln.

Sondern es reproduziert einmal mehr die sich selbst erfüllende Prophezeiung, mit der der Westen das »aggressive« Verhalten Russlands erst selbst heraufbeschworen und heute uns selbst in die Rolle buchstäblich mörderischer Kriegsverlängerer manövriert hat.

Die eigentliche Naivität, von der die Rede sein müsste, besteht nämlich in der vollständigen Unfähigkeit europäischer Regierungen, der außenpolitischen Elite der USA, deren Einfluss von der Wolfowitz-Doktrin 1992 bis zum Rücktritt Victoria Nulands 2024 (die WELT titelt am 7. März: »Russische Propaganda erfreut über Rücktritt«) reicht, »imperiales Denken« zuzutrauen.

Schröder ist hier (neben Chirac) von Bedeutung aufgrund seiner Weigerung von 2003, Deutschland am Krieg gegen den Irak zu beteiligen. Das war das Signal für die USA, dass man den europäischen Kontinent spalten muss, indem man Russland wieder propagandistisch als Monstrosität aufbaut.

Diese Spaltung ließ sich nur in der Ukraine bewerkstelligen. Quod erat demonstrandum.

Michael Kaufmann | So., 24. Mai 2026 - 08:17

Die Kommentare lassen mich immer wieder hoffen, denn es gibt sie noch, Menschen die selber Denken.

Jens Böhme | So., 24. Mai 2026 - 12:55

Die Geschichte der solidarischen (sozialistischen) Gleichmacherei scheitert immer wieder an der Natur. In einigen EU-Staaten wird mehr und mehr von der nationalen Identität abgewichen und wundert sich, dass andere Nationen des Überlebens willen anders agieren, als eine gesellschaftliche Illusion anzubeten. In Deutschland sind es insbesondere SPD-, Linken- und Grünenwähle die glauben, wenn sie Probleme importieren, lösen diese sich durch die universale Macht ihrer eigenen, unfehlbaren Aura von allein auf.