Russische Soldaten
Die Armee, die in der Ukraine gescheitert ist, wäre nicht in der Lage, andere Länder zu erobern / picture alliance / TASS | Yaroslav Gunin

Russland und der Ukrainekrieg - Angst vor dem Scheinriesen

Immer wieder ist zu hören, ein Waffenstillstand mit ukrainischen Gebietsabtretungen würde Russland dazu animieren, auch andere Länder der ehemaligen Sowjetunion zu überfallen. Diese These widerspricht komplett den militärischen Fähigkeiten Putins.

Autoreninfo

George Friedman, Jahrgang 1949, ist einer der bekanntesten geopolitischen Analysten der Vereinigten Staaten. Er leitet die von ihm gegründete Denkfabrik   Geopolitical Futures  und ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien „Der Sturm vor der Ruhe: Amerikas Spaltung, die heraufziehende Krise und der folgende Triumph“ im Plassen-Verlag.

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Es gibt die Erzählung, wonach Russland in Weißrussland einmarschieren, Angriffe auf Lettland und Litauen beginnen und eine groß angelegte Operation im und um das Schwarze Meer herum vorbereiten könnte. Viele befürchten, dass Moskau, sollte der Krieg zwischen Russland und der Ukraine enden, ohne dass Russland aus dem relativ kleinen Gebiet, das es derzeit besetzt hält, vertrieben wird, in andere Gebiete vorzudringen plant, um die Grenzen der ehemaligen Sowjetunion wiederherzustellen.

Angesichts der Leistungen des russischen Militärs in der Ukraine ist es seltsam, dass immer noch solche Ängste kursieren. Fast vier Jahre nach seinem Versuch einer vollständigen Invasion der Ukraine kontrolliert Russland nur etwa ein Fünftel des Landes und ist in Kämpfe um eine Handvoll Städte und Dörfer entlang der Frontlinie verstrickt. Tatsache ist, dass Russland seine ursprüngliche Mission, die gesamte Ukraine zu besetzen, verfehlt hat, wie der gescheiterte Versuch zeigt, Kiew einzunehmen, das weit von der heutigen Front entfernt liegt.

Keine nennenswerten Erfolge

Es stimmt, dass die Ukrainer die Russen nicht aus den Gebieten vertreiben können, die sie derzeit besetzt halten. Aber es stimmt auch, dass es Russland in vier Jahren nicht gelungen ist, den Widerstand der Ukraine zu brechen oder nennenswerte Gebietsgewinne zu erzielen. Die Unfähigkeit, die erklärten Ziele zu erreichen, wirft ernsthafte Fragen hinsichtlich der militärischen Stärke Russlands auf. Russland hatte erwartet, weitaus mehr Gebiete zu erobern, und die Führung im Kreml hätte sich nicht vorstellen können, dass der Krieg bis zum heutigen Tag andauert, ohne dass nennenswerte Erfolge vorzuweisen sind. Dies kann nicht der Krieg sein, den Moskau geplant hatte.

Russland rekrutiert derzeit Soldaten in Afghanistan und anderen Entwicklungsländern und bietet ihnen hohe Bezahlung und die russische Staatsbürgerschaft als Gegenleistung für ihren Dienst. Außerdem werden Männer im Alter von 40 bis 50 Jahren zum Militärdienst eingezogen, um jüngere Männer für den Einsatz an der Front freizustellen. Seine Strategie, sich auf Söldner zu verlassen – darunter auf die Wagner-Gruppe, die 2023 einen Putschversuch unternahm, um Präsident Wladimir Putin zu stürzen –, hat sich als zweifelhaft erwiesen.

Auch Russland anfällig für Drohnenangriffe

Manche würden argumentieren, dass die russische Armee zwar ineffektiv ist, aber dennoch die Fähigkeit besitzt, andere Nationen mit Drohnenangriffen zu verwüsten. Auf dieses Argument gibt es zwei Antworten. Die eine lautet, dass viele Nationen mittlerweile über Drohnen verfügen, und auch Russland für Drohnenangriffe anfällig ist. Die wichtigere und interessantere Antwort ist jedoch, dass die Bombardierung von Städten in der Vergangenheit gescheitert ist. Während des Zweiten Weltkriegs wurden London, Hamburg und andere Metropolen mit solchen Angriffen überzogen. Ob Städte nun von bemannten Flugzeugen oder von Drohnen bombardiert werden, ist im Ergebnis das gleiche. Interessant ist, dass weder die Bombardierung Londons noch die Angriffe auf deutsche und japanische Städte eine Kapitulation erzwangen – zumindest nicht, bis Japan von Atombomben getroffen wurde. Dasselbe gilt für die US-Luftangriffe auf Hanoi. Es waren die Bodentruppen, die Gebiete eroberten und damit Kriege gewannen. Sprengstoffe, ob aus Flugzeugen oder von Drohnen abgeworfen, verursachen zwar massive Schäden und Leid, führen für sich genommen aber nicht zur Niederlage eines Feindes.

Russland hat außer Atomwaffen keine nennenswerten Streitkräfte oder andere militärische Kapazitäten zurückgehalten. Es hat alles eingesetzt, was es vernünftigerweise einsetzen konnte, und dennoch ist es ihm nicht gelungen, ein viel kleineres Land mit einer viel kleineren Armee zu besiegen. Moskaus Weigerung, den Krieg zu beenden, und seine zermürbenden Versuche, marginale Gebiete zu erobern, zeigen, wie begrenzt seine Streitkräfte sind. Die Ukraine kann Russland nicht zum Rückzug zwingen, aber kleine Gebiete zu verteidigen ist viel einfacher als große zu erobern. Russlands Ablehnung möglicher Vereinbarungen – selbst zu den günstigen Bedingungen, die US-Präsident Donald Trump angeboten hat – spiegelt die politischen Ängste in Moskau wider, wo ein Ende des Krieges jetzt als Eingeständnis des Scheiterns angesehen würde, mit möglichen Konsequenzen für die russische Führung. Dass die Ukraine dem Angriff Russlands ohne Hilfe fremder Truppen, nur mit Unterstützung aus dem Ausland in Form von Material und Informationen, standgehalten hat, macht das Scheitern Russlands noch auffälliger.

Beträchtlich an Einfluss verloren

Die Frage lautet daher: Warum befürchten so viele, dass Russland, wenn man ihm erlaubte, jene begrenzten Gebiete zu behalten, die es erobert hat, als nächsten Schritt groß angelegte Offensiven in alle Richtungen starten würde, um das zurückzugewinnen, was es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verloren hat? Russland hat weit mehr als nur die baltischen Staaten eingebüßt. Es hat auch Zentralasien verloren, dessen fünf Länder nun unabhängig sind, sowie den Südkaukasus. Unterdessen haben die Vereinigten Staaten in diesen Gebieten beträchtlichen Einfluss gewonnen, wie sich zeigte, als die Staats- und Regierungschefs der fünf zentralasiatischen Länder vorigen Monat zu einem freundschaftlichen Treffen mit Trump ins Weiße Haus nach Washington kamen.

Unter Putin ist Russland geopolitisch gesehen ein Trümmerhaufen. Wirtschaftlich liegt sein Pro-Kopf-Einkommen weltweit auf Platz 50, was die Möglichkeiten zum raschen Wiederaufbau seines Militärs einschränkt. Das ist die Realität, und ein Ende des Krieges in der Ukraine, bei dem Russland einen kleinen Teil des Landes behalten darf – bezahlt mit dem Leben von mehr als 150.000 russischen Soldaten –, würde seine Nachbarn nicht plötzlich verwundbar machen.

Die Schwäche Russlands offenbart

Die Frage, die ich stelle, lautet: Warum herrscht sowohl in Europa als auch in den USA das Gefühl, ein Ende des Krieges durch die Abtretung eines relativ kleinen Teils des ukrainischen Territoriums würde dazu führen, dass Russland noch weiter und tiefer in andere Länder vordringt? Der Krieg zieht sich hin, weil Putin sein Scheitern nicht zugeben kann, ohne seine politische Existenz zu riskieren, und weil er etwas – irgendetwas – vorweisen muss. Seine politische Existenz ändert jedoch nichts an der Realität. Die russische Armee hat ihre Mission in der Ukraine nicht erfüllt, und Russland hat seinen Einfluss auf weite Teile der ehemaligen Sowjetunion verloren. Die Armee, die in der Ukraine gescheitert ist, wäre nicht besser in der Lage, diese anderen Länder zu erobern. Der Krieg mit der Ukraine hat die Schwäche Russlands offenbart, nicht seine Stärke.

Die Angst vor Russland rührt aus dem Kalten Krieg, als die USA und ihre Verbündeten die Sowjetunion als eine enorm mächtige Militärmacht betrachteten. Einige argumentierten, dass die Sowjetunion in der konventionellen Kriegsführung nicht besonders leistungsstark war, obwohl sie mit Hilfe der USA während des Zweiten Weltkriegs die deutschen Streitkräfte in Russland besiegte. Insgesamt prägte jedoch die Angst vor der russischen Macht die politische Kultur im Westen. Die heutigen Befürchtungen, dass jede Konzession an Russland weitere russische Aggressionen auslösen würde, sind ein Produkt dieses Erbes.

Moskaus Täuschungsmanöver

Es ist jedoch wichtig zu erkennen, wie schwach und geschwächt Russland tatsächlich ist, wie stark sein Militär belastet ist und wie seine wirtschaftliche Schwäche eine rasche Wiederaufrüstung unwahrscheinlich macht. Eine Einigung würde die Ukraine zwar einige Gebiete kosten (und viele Menschenleben retten), aber sie würde Russland nicht in die Lage versetzen, in verschiedene Richtungen zuzuschlagen. Im Westen, Osten und Süden hat Russland seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion massive Rückschläge erlitten. Doch einige außerhalb Russlands können sich mit dieser neuen Realität nicht abfinden, und Moskaus gesamte Strategie in der Ukraine besteht darin, so zu tun, als müsste es einen Krieg, den es nicht gewinnen kann, nicht beenden.

Die Tragödie Russlands besteht darin, dass es, um Außenstehende von seiner Stärke zu überzeugen, weiterhin so tun muss, als hielte es eine militärische Fähigkeit zurück, die die Welt verändern würde. Eine solche Fähigkeit gibt es aber nicht. Nach dem Krieg müssen die Russen entscheiden, was sie mit der Führung tun wollen, die sie an diesen Punkt gebracht hat – anstatt weitere aussichtslose Kriege zu führen. Eine Einigung auf der Grundlage der Realität der russischen Misserfolge ist die kostengünstigste Option. Dazu muss der Westen jedoch die Realität der Schwäche Russlands klar erkennen.

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GPF

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Thomas Veit | Di., 30. Dezember 2025 - 11:03

nach dem Motto: der Frosch schwimmt zwar noch, aber er wird doch nicht mehr springen...? Oder?

Abgerechnet wird zum Schluss, und der ist noch länger nicht wirklich in Sicht.

Was Friedman auch unterschlägt ist die Tatsache, dass Russland enorme Bodenschätze verfügt, welche praktisch de facto seinen wirtschaftlichen Untergang verhindern, und strategisch plant und agiert unter Putin, auch wenn der 'Blitzkrieg' Anfang 2022 vorerst gescheitert ist.

Außerdem steht Putins/Russlands Unfähigkeit einen modernen Boden- und Luftkrieg zu führen, verglichen mit den USA, auch nur gegen die europäische Unfähigkeit einen modernen Boden- und Luftkrieg zu führen, aktuell, OHNE die USA.

Putin entwickelt sein Potential strategisch weiter...!! So wie er es seit 2014/Krim angeblich unbemerkt vom Westen bereits tat. DAS ist das eigentliche Problem für West-Europa und die EU-Nato, incl. der baltischen Staaten vorneweg.

Das Problem ist die ZUKUNFT, nicht die Gegenwart!!

Typischer GPF-Artikel, im übrigen.

Urban Will | Di., 30. Dezember 2025 - 11:46

der um 2000 gestarteten und – besonders aufgrund des Einflusses und der Gegenmaßen der USA (Vorantreiben der NATO-Osterweiterung, gipfelnd in der Einladung der Ukraine) – gescheiterten Westanbindung Russlands sieht, die massiven Demütigungen, die man Putin und seinem Land zufügte, dann ergibt dieser Beitrag um so mehr Sinn. Warum sollte Putin den Westen angreifen wollen?
Die USA wollen und wollten die Russen immer fern von Europa, v.a. Deutschland, halten. Im Zshang mit der NATO-Gründung hieß es: „to keep the Russians out, the Americans in, and the Germans down“.
Russland hat selten oder gar nie große Angriffskriege geführt, weil es genug damit beschäftigt war, sein Riesen-Territorium zu verteidigen. Seine beste „Waffe“ ist der Winter, mit der es Napoleon und Hitler besiegte. Und diese Waffe lässt sich nicht im Angriffskrieg einsetzen.
Die Ukraine traf d falschen Entscheidungen. Der Westen kann ihr nicht helfen ohne Risiko eines Atomkrieges. Man sollte d Realitäten anerkennen.

Ernst-Günther Konrad | Di., 30. Dezember 2025 - 12:03

Ich habe mich noch nie den Kriegstreibern verbunden gefühlt, die permanent die Kriegsangst bedienen. Das sind doch alles nur politische Scheingefechte unserer Politiker, um jede Fehlentwicklung ihrer Politik- und wo läuft sie gerade nicht fehl- mit Kriegsangst versuchen zu kaschieren. Mal Putin, dann der böse Trump und vor allem die AFD oder der Klimawandel, immer die gleichen apokalyptischen Weltuntergangsszenarien werden bedient. Ich schrieb schon öfter. Was will Putin mit Deutschland, mit Europa denn? Einer EU, die sich selbst kastriert und in den letzten Zügen liegt. Was haben wir zu bieten? Gerade Deutschland, das sich wirtschaftlich und kulturell dabei ist zu Grunde zu richten. Und solange deutsche und europäische Politiker ständig die Russen provozieren, halten die sich natürlich nicht zurück und drohen und provozieren ebenfalls. Es ist und bleibt vor allem einer Drohgebärde gegen das eigene deutsche und europäische Volk. Diese unsere Merz - Regierung muss endlich weg.

Karl-Heinz Weiß | Di., 30. Dezember 2025 - 12:48

@Thomas Veit, ja, Putin wurde in seinem strategischen Handeln schon einmal unterschätzt (Obama: "Regionalmacht"). Die Gefahr für die Russische Föderation sehe ich eher in Fernost (Stichwort: "Ussuri-Konflikt"). Nicht nur bezüglich der Integration von Taiwan denkt China sehr langfristig und konsequent. Die Russische Föderation ist östlich des Ural ein reines Kunstgebilde mit rund 35 Amtssprachen und wird einer chinesischen Expansion nicht standhalten. Die Sympathien für den Westteil der Föderation sind dort durch die rigiden Rekrutierungen (zugunsten der Schickeria in St. Petersburg und Moskau) sicher nicht gewachsen.

Helmut Gugger-Wöhrmann | Di., 30. Dezember 2025 - 15:21

Eine zynische Politik, die Großmächten "Einflußzonen" zubilligt und den dort befindlichen Nationen die Souveränität abspricht ist generell abzulehnen.
Putin darf daher mit seinem imperialistischen Eroberungskrieg keinen Erfolg haben.
Genau das will Mr. Freidman ihm jedoch zubilligen.
Sollte die Ukraine fallen, wird Putin nicht "in alle Richtungen" angreifen, sondern das Baltikum nehmen, welches selbst gegen Putins nicht ausgebildete Horden nicht verteidigt werden kann.

René Maçon | Di., 30. Dezember 2025 - 19:08

Auch nach der Krim-Usurpation gründete sich die westliche Politik auf die Hoffnung, Putin gäbe sich nun zufrieden.

Andreas Turnwald | Di., 30. Dezember 2025 - 22:23

Friedmans Einschätzung der Stärke bzw. Schwäche Russlands in diesem Artikel kann ich nachvollziehen.
Allerdings würde ich von G. Friedman gerne eine Stellungnahme hören zu dem, was er 2010 in seinem Buch "The next decade" geschrieben hat: (Zitat:) "Russland bedroht nicht Amerikas globale Position, aber die bloße Möglichkeit, dass es mit Europa und insbesondere Deutschland zusammenarbeitet, eröffnet die größte Bedrohung in diesem Jahrzehnt, eine langfristige Bedrohung, die im Keim erstickt werden muss. (...) Die Aufrechterhaltung eines starken Keils zwischen Deutschland und Russland ist für die Vereinigten Staaten von überwältigendem Interesse." (Zitat Ende)
Inwiefern spielt also der Ukraine-Krieg den Interessen der USA in die Hände? Und sieht Friedman womöglich interessierte Kreise in den USA, die den Krieg deshalb gerne möglichst lange am Köcheln halten wollen? Zumal die US-Rüstungsindustrie dabei prächtig verdient. Dienen europ. Regierungen hier eher US-Interessen statt eigenen?!

schreiben, ist genau der Grund, warum dieser Krieg begonnen wurde. Und zwar schon vor über 20 Jahren, als ein junger, westlich orientierter Putin Russland an den Westen, an Europa, v.a. Deutschland binden wollte (damals war Europa noch nicht von Gestalten wie vdL und anderen durchsetzt, sondern durchaus ein Projekt, das sich lohnte).
Das Zusammengehen der Russen mit Europa, v.a. Deutschland, war und ist für die Amerikaner eine Horrorvorstellung. Schon seit vielen Jahrzehnten (Rapallo, 1922).
Putin bot 2001 im Deutschen Bundestag in einer eindrucksvollen Rede dann sogar wörtlich und direkt die Zusammenarbeit an. Das Ergebnis war das Vorantreiben der NATO nach Osten durch George W. Bis hin zur direkten Zusage an die Ukraine (2008). Das war dann mM nach der Rubicon, der überschritten wurde. Putin hatte schon 2007 in München seine Position klar gemacht.
2008 in Budapest warnte er dann direkt. Den Rest kennen wir.
Aber leider verkaufen uns ÖR &Co immer wieder den gleichen Dreck.