Russland-Offerte - Griechenlands Erpressungsversuch an Europa

Alexis Tsipras will die Sanktionen gegen Russland offenbar nicht mehr länger mittragen. Damit fällt er nicht nur der EU in den Rücken, sondern stellt fundamentale westliche Werte infrage

Hanebüchene Analogien: Russland und Griechenland hätten „eine glänzende Vergangenheit gemeinsamen Kampfes“, sagte Syriza-Chef Alexis Tsipras
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Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Der finanzielle Bankrott Griechenlands ist bisher zwar mit viel Geld aus anderen EU-Ländern verhindert worden. Dafür muss aber die politisch-moralische Bankrotterklärung der neuen griechischen Linksregierung inzwischen als vollzogen gelten.

Die indirekten Terrordrohungen durch den rechtsextremen Verteidigungsminister Panos Kammenos konnte man vielleicht noch als präpotentes Geschnaube eines irrlichternden Nationalisten abtun. Was jedoch der von der deutschen Linkspartei hofierte Ministerpräsident Alexis Tsipras jetzt in einem Interview mit der russischen Nachrichtenagentur Tass von sich gegeben hat, stellt kaum weniger als die Grundlagen der westlichen Sicherheitsarchitektur zur Disposition.

Denn es geht ihm ja offensichtlich keineswegs nur um die Wiederaufnahme griechischer Obstexporte nach Russland oder Preisnachlässe für russische Erdgaslieferungen. Sondern um eine strategische Allianz mit Putins Reich, gegründet auf dem Boden vermeintlicher historischer Kontinuität.

Putins trojanisches Pferd


„Unsere Länder haben eine glänzende Vergangenheit gemeinsamen Kampfes, wir können auch eine wunderbare Zukunft haben“, so Tsipras, der sich seiner hanebüchenen Analogien entweder selbst nicht bewusst ist oder einfach großzügig über das eine oder andere Detail hinwegsieht. Zum Beispiel über die Tatsache, dass eben nicht nur Russen und Griechen „den größten Blutzoll im Zweiten Weltkrieg entrichtet“ haben. Sondern auch und vor allem die Ukraine, welcher der griechische Ministerpräsident nun eiskalt in den Rücken fällt, wenn er die EU-Sanktionen gegen Moskau nicht nur in Frage stellt, sondern den Widerstand seines Landes dagegen ankündigt.

Zu Zeiten, in denen angesichts russischer Blut- und Bodenpolitik nichts mehr zählt als die Unverbrüchlichkeit der europäischen Werte- und Rechtsgemeinschaft, bietet sich Tsipras als trojanisches Pferd für Putins Interessen in der EU und letztlich auch in der Nato an. Mag sein, dass das nur ein weiterer Erpressungsversuch gegenüber seinen westlichen Sponsoren ist. Allerdings wurde damit endgültig eine Grenze überschritten. Denn unter solchen Umständen verlöre eine Mitgliedschaft Griechenlands sowohl in der EU wie auch im westlichen Verteidigungsbündnis ihre Legitimität: Alexis Tsipras als Regierungschef, der mit dem Sprengstoffgürtel um den Bauch die Solidarität seiner europäischen Partner einfordert? Es braucht keine allzu große politische Weitsicht, um zu erkennen, dass es auf dieser Grundlage keine gemeinsame Zukunft geben kann.

Russland hat selbst genug Probleme


Und das hat nichts mit billigem Griechen-Bashing zu tun – es geht hier schlicht um die Substanz unserer gemeinschaftlichen europäischen Ziele. „Entschlossen, eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik zu verfolgen, wozu nach Maßgabe des Artikels 42 auch die schrittweise Festlegung einer gemeinsamen Verteidigungspolitik gehört, die zu einer gemeinsamen Verteidigung führen könnte, und so die Identität und Unabhängigkeit Europas zu stärken, um Frieden, Sicherheit und Fortschritt in Europa und in der Welt zu fördern“: So heißt es in der Präambel des Vertrags über die Europäische Union, dem übrigens auch Griechenland zugestimmt hat. Offenbar fühlt sich dessen Regierung daran nicht mehr gebunden.

Es mag ein Akt der Verzweiflung sein, nur macht es das eben nicht besser – zumal die groteske Faszination links- wie rechtsradikaler Milieus (auch in Deutschland) für Putins imperiale Großmachtfantasien hinlänglich bekannt ist. Hinzu kommt freilich noch die reichlich naive Vorstellung, ausgerechnet das wirtschaftlich angeschlagene und gesellschaftlich marode Russland sei in der Lage, Griechenland den Weg in eine „wunderbare Zukunft“ zu weisen.

Übrigens dürfte auch die russische Bevölkerung nicht gerade in Jubel ausbrechen, wenn sie jetzt auch noch eine Art Bailout für die griechische Regierung finanzieren sollte: Probleme haben sie zuhause nämlich selbst schon genug. Und daran wird auch die von Tsipras scheinheilig beschworene orthodoxe Glaubensgemeinschaft von Griechen und Russen nichts ändern. Am Ende hilft da nicht einmal mehr Beten.

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