Bodenschätze im Überfluss - Reich, reicher, Mongolei

In der Wüste Gobi liegt das größte unerschlossene Kohlevorkommen der Welt. Neben Kupfer, Gold und Uran verfügt die Mongolei auch über reichlich Eisenerz, Wolfram, Silber und Seltene Erden. Das macht das Land zu einem Objekt der Begierde – besonders für seine rohstoffhungrigen Nachbarn Russland und China

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(Mareike Günsche) Wüstengold: Schon 50 Meter unter der Erdkrume stoßen die Bagger in der Südgobi auf Kohle

Renchin Natsagdash blickt in ein schwarzes Loch. Staub steigt daraus empor, riesige Kipplaster schrauben sich auf breiten Rampen hinein und wieder heraus. Nur 15 Minuten brauchen sie für die Runde zwischen dem Loch und den zwei daneben angehäuften Halden, sagt Natsagdash. Auf der einen schütten die Kipper das überflüssig gewordene Erdreich aus. Auf der anderen stapeln sie den wertvollen Rohstoff: Kohle, die hier in der südmongolischen Wüstenregion Tawan Tolgoi schon ab 50 Meter Tiefe nutzbar ist. „Traditionelle Bergbauarbeiter brauchen wir hier nicht“, sagt Natsagdash. „Nur Fahrer.“ Solche, die auch Ungetüme mit einem Reifendurchmesser von 3,50 Metern steuern können.

Natsagdash ist der Manager der Grube, ein erfahrener Bergbauingenieur, seit 30 Jahren im Geschäft mit dem schwarzen Gold. Aber das hier ist auch für ihn etwas Neues. Etwas Großes. Unter Tawan Tolgoi liegt das größte unerschlossene Kokskohlevorkommen der Welt. Natsagdashs Firma, der mongolische Staatskonzern Erdenes Tawan Tolgoi, hält Lizenzen für 95 Prozent der hier lagernden Kohle – und beginnt gerade erst, diese Vorräte auszubeuten. „Allein an diesem Loch können wir 50 Jahre graben“, sagt Natsagdash. 72 Meter ist es jetzt tief, 300 Meter tief soll es einmal werden und deutlich breiter. Und dann zeigt der Ingenieur auf die steinige Ebene hinter einem dünnen Zaun. „Auch dort liegt überall Kohle. Das werden wir schrittweise alles aufgraben, auf einer Fläche von 20 mal 30 Kilometern.“ Die gesamte Kohle gehe über die 250 Kilometer entfernte Grenze nach China. Um den Rohstoffhunger des südlichen Nachbarn zu stillen, werden Minenlaster und Bagger hier in den nächsten Jahren riesige Löcher in den Wüstenboden der Gobi reißen.

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Tawan Tolgoi und die benachbarte Kupfermine Oyu Tolgoi haben die Mongolei zu einer Nation von geostrategischer Bedeutung werden lassen. Ein Land, das zwar riesig, aber fast menschenleer ist. Weniger als drei Millionen Menschen leben dort, davon rund 700 000 als Nomaden. Oyu Tolgoi im Südosten der Mongolei gehört zu den fünf größten Kupfervorkommen der Welt. Dort finden erste Erdarbeiten statt, ab 2013 soll Kupfer abgebaut werden. Und bald auch Gold.

Seit der Entdeckung dieser Riesenvorkommen wird die Mongolei zu den sieben rohstoffreichsten Ländern der Welt gezählt. Neben Kohle, Kupfer und Gold liegen auch Uran, Eisenerz, Molybdän, Wolfram, Silber, Türkis und Seltene Erden unter der Wüste Gobi. Auf diese Bodenschätze werfen ausländische Regierungen und Unternehmen begehrliche Blicke. Im Oktober 2011 reiste Bundeskanzlerin Angela Merkel eigens nach Ulan Bator und unterschrieb dort eine Rohstoffpartnerschaft mit der Mongolei, die bereits deutschen Unternehmen nützt: BBM Operta bekam gemeinsam mit dem australischen Konzern Macmahon von Erdenes Tawan Tolgoi den Zuschlag für die Erdarbeiten. Siemens wird Gasturbinen für ein späteres Kraftwerk an der Mine liefern.

Durch den Rohstoffboom stehen der Mongolei enorme Umwälzungen bevor. Getrieben vom hohen Tempo des Minenbaus muss die Regierung schnell definieren, was für ein Land die Mongolei sein soll – welche Rechte sie etwa Investoren, Arbeitern oder dem Naturschutz einräumen will. Die nötige Gesetzgebung hinkt den Entwicklungen im Rohstoffsektor hinterher.

Für das Land spricht, dass es eine der wenigen Demokratien Zentralasiens ist. Doch die ist nicht perfekt: Zwei Parteien beharken einander bis aufs Blut – die Demokraten von Präsident Tsakhia Elbegdorj und die postkommunistische Volkspartei seines Vorgängers Nambaryn Enkhbayar. Letzterer steht zurzeit unter Korruptionsverdacht. Und er ist nicht der Einzige: Auf dem Korruptionsindex der Organisation Transparency International belegt die Mongolei unter 182 Staaten den wenig ruhmreichen Rang 120; bei Wahlen ist häufig von Betrug die Rede.

Daher ist noch völlig unklar, wie gut das Land die aus dem Rohstoffboom entstehenden Herausforderungen in den Griff bekommen wird. Ob es etwa das Gespenst einer Rohstoffökonomie besiegen kann, da diese Form der Wirtschaft einseitig von Ressourcen abhängt und zu wenig in andere Branchen investiert. Zudem treibt das aus den Rohstoffexporten ins Land fließende Kapital leicht Inflation und Wechselkurs nach oben. Profitiert die Bevölkerung nicht vom Rohstoffboom, drohen Konflikte zwischen Arm und Reich – in einem Land, in dem nach Angaben der Weltbank noch ein Drittel der Menschen unter der Armutsgrenze leben. Und die Regierung muss die richtige Balance zwischen Bergbau und Naturschutz finden.

Wenn die Mongolei es aber richtig anstellt, ist der plötzliche Rohstoffreichtum vor allem eine Verheißung. Dank der Rohstoffe wuchs die Wirtschaft 2011 mit 17 Prozent schneller als in jedem anderen Land der Welt. Prognosen sagen für die nächsten Jahre ähnliche Wachstumsraten voraus. Bataa Batkhuu ist selbstverständlich für den Bergbau. Er ist Abteilungsdirektor für Bergbau und Schwerindustrie im Ministerium für Rohstoffe und Energie; vom Schreibtisch in seinem schlichten Büro blickt er täglich auf eine riesige Bodenschatzkarte an der gegenüberliegenden Wand. Wenn Oyu Tolgoi seinen Betrieb aufnimmt, werde der Bergbau 30 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitragen, sagt er. Heute sind es 22 Prozent.

Aber Batkhuu kennt auch die Probleme. „Die Lizenzen für den Bergbau in den verschiedenen Territorien werden in Ulan Bator ausgestellt. Oft haben die Menschen vor Ort nichts davon, wenn die Rohstoffe dann gefördert werden“, erklärt er. Außerdem gibt es Kritik, weil das Bergbaugesetz und das Umweltgesetz miteinander in Konflikt stehen. Eine Novelle des Bergbaugesetzes steht daher ganz oben auf der Prioritätenliste des neuen, aus der Wahl am 28. Juni hervorgegangenen Parlaments. Strengere Regeln für die Lizenzvergabe seien darin ein großes Thema, daher gebe der Staat bis zur Verabschiedung der Novelle keine neuen Lizenzen mehr aus, sagt Batkhuu. Im Umlauf sind nach offiziellen Daten derzeit knapp 3700 Bergbaulizenzen, davon 1200 Minenlizenzen und 2500 Erkundungslizenzen. Zu viele, findet Batkhuu. Die Kontrolle des Bergbaus vor Ort sei deshalb sehr schwer. „Den Außenstellen der Kontrollbehörden fehlen die Kapazitäten. Wir bilden im Moment Prüfer aus, doch das braucht Zeit.“

Schneller beschloss die mongolische Regierung kürzlich eine schärfere Kontrolle ausländischer Investitionen. Zuvor hatte die Kohlemine SouthGobi – mehrheitlich im Besitz der kanadischen Firma Ivanhoe Mines – verkündet, 57,6 Prozent der Anteile an den chinesischen Aluminiumkonzern Chalco zu verkaufen. Nun müssen ausländische Investitionen in strategische Sektoren – Bergbau, Medien und Finanzen – von der Regierung in Ulan Bator genehmigt werden. Etwa solche wie in Oyu Tolgoi: Am dortigen Minenkonsortium hält der mongolische Staat 34 Prozent und wiederum Ivanhoe Mines 66 Prozent. Das Unternehmen gehört zu 49 Prozent dem australischen Minengiganten Rio Tinto, der das Projekt managt. Damit hat Batkhuu kein Problem. „Aber wir müssen sicherstellen, dass künftige Investitionen das nationale Interesse nicht gefährden. Früher hatten Investitionen einfach nicht diese Ausmaße.“

Also Angst speziell vor China? Der Nachbarstaat und seine Menschen sind in der Mongolei nicht besonders beliebt. Batkhuu sagt nur: „Unser Nachbar China ist groß. Und auch Russland ist ein großes Land.“ Die einzigen beiden Nachbarn umschlingen die Mongolei. Russland dominierte das Land zu Sowjetzeiten politisch. China dominiert es heute wirtschaftlich. 85 Prozent der mongolischen Exporte gehen nach China, neben Rohstoffen vor allem Kaschmirwolle. So ist es nur folgerichtig, dass Ulan Bator sich aktiv nach weiteren Partnern wie Deutschland umsieht.

In der Vergangenheit hatte umgekehrt China lange Zeit Angst vor den Mongolen. Deretwegen bauten die Chinesen ihre Große Mauer. Über Jahrhunderte fielen Mongolenstämme immer wieder zu Raubzügen in China ein und verschwanden danach durch die Wüste Gobi. Im 13. Jahrhundert eroberten sie das gesamte Reich der Mitte und herrschten dort knapp 100 Jahre. Begonnen hatte die kurze Glanzzeit der Mongolen mit dem reitenden Krieger Dschingis Khan. Dieser vereinigte 1206 die nomadischen Stämme und eroberte mit ihnen weite Teile Eurasiens.

Dschingis Khan verehren die Mongolen bis heute. Im Gras eines Berghangs bei Ulan Bator liegt weithin sichtbar ein Bildnis des Kriegers aus Steinen. Auch die Nomadenkultur prägt das Land immer noch stark. Präsident Elbegdorj etwa wurde als Nomadenjunge geboren. Der Staat will diese Kultur erhalten, doch das wird immer schwieriger. Das Nomadentum wird bedroht durch die Moderne, den Klimawandel – und nun auch durch die Minen.

Schon wenige Kilometer südlich von Ulan Bator geht die Asphaltstraße in eine Piste über, die niemand gebaut hat. Über die Jahre haben zahllose Jeeps die Spuren ausgefahren, die immer wieder zerfasern und zusammenfinden. Jedes Auto zieht eine Staubwolke hinter sich her, die in der Ebene kilometerweit sichtbar ist. Ortschaften gibt es kaum, nur verstreute winzige Kreiszentren, Soum genannt. Verteilt über die Steppe leben Nomaden wie eh und je in ihren Jurten, runden Zelten aus dickem hellem Filz, die von einem Holzgitter stabilisiert werden. Sie lassen ihre Pferde, Ziegen, Schafe und Kamele frei grasen. Am Boden blüht es weiß, gelb oder lila. Niedrige Büsche wechseln sich ab mit hellgelbem Dünengras. Es gibt wilde Minze, wilden Rhabarber, und immer wieder streicht der Wind den süßlichen Duft von Wermutkraut über die Ebene. Darüber wölbt sich ein stahlblauer Himmel mit weißen Wölkchen.

Mit wachsender Entfernung von Ulan Bator sprießen immer weniger Halme, und immer weniger Jurten stehen an den sanften Hängen. Eine der wenigen gehört Enkhjargal, die wie viele Nomaden nur ihren Vornamen verwendet. Ihr nächster Nachbar wohne zwei bis drei Kilometer entfernt, sagt die stämmige Viehzüchterin und zeigt unbestimmt auf die nächste Hügelkette. Sie hat ihr ganzes Leben in dieser kargen Gegend verbracht, genau wie ihr Mann.

Der Radius der Familie ist klein. Im Sommer ziehen sie hinaus in die Ebene, immer dorthin, wo das beste Gras wächst. Sie haben Kamele, Schafe und Ziegen. Ihre Rinder seien 2010 im letzten Zuud verendet, sagt Enkhjargal. Ein Zuud ist die schlimmste Naturkatastrophe für die Nomaden: ein zu langer, zu strenger Winter mit so viel Schnee, dass die Tiere nicht an die Pflanzen unter der Schneedecke gelangen und sterben. Alle paar Jahre kommt der Zuud, und jedes Mal wirft er Tausende Nomaden in die Armut zurück.

„Staub und Trockenheit nehmen zu. Viele behaupten, das liege am Klimawandel“, sagt Enkhjargal und wiegt ihr einjähriges Töchterchen auf dem Schoß. Die 39-Jährige sitzt auf einem der Betten, die entlang der Filzwand der Jurte stehen, dekoriert mit traditionellen Wandteppichen. Noch nie musste sie im Frühjahr so lange im Winterlager auf Regen warten – bis in den Juni hinein. Dennoch sei das Leben heute besser. „Man kann sich Kleider kaufen und muss sie nicht mehr selbst nähen, und mit dem Handy können wir hier drei von vier mongolischen Netzanbietern empfangen.“ Vor der Jurte parkt ein blaues Motorrad. Eine Satellitenschüssel liefert Fernsehprogramme, eine Photovoltaikzelle den Strom; beides konnte die Familie vor vier Jahren im Rahmen eines Entwicklungsprojekts günstig kaufen.

Quer durch die Steppe haben sich die Nomaden diese Dinge zugelegt. Sie machen ihr archaisches, von den Wechselfällen der Natur dominiertes Leben angenehmer und verbinden sie mit der Außenwelt – einer Welt, die vor allem für ihre Kinder attraktiv ist. Enkhjargals ältere Tochter geht im nahen Kreiszentrum Tsogt Owoo zur Schule; die 13-Jährige trägt Jeans und einen türkisfarbenen Kapuzenpulli. Der Sohn macht in der Hauptstadt des Aimags Südgobi – eine der 22 Provinzen der Mongolei – eine Facharbeiterausbildung. „Auch wenn meine Kinder eines Tages in die Stadt ziehen sollten, bliebe ich hier. Hier gehöre ich hin“, sagt die Mutter. Die Tochter serviert schweigend salzigen Tee mit Ziegenmilch.

Es ist eine exemplarische Geschichte: der Exodus der Nomadenjugend in die Sesshaftigkeit – oder in die Minen. Während Enkhjargal spricht, donnert auf der Piste draußen ein Tieflader mit Minengerät vorbei. Hinter dem nächsten Hügel entsteht eine Hochspannungsleitung ins 70 Kilometer entfernte Tawan Tolgoi. Die Masten stehen schon und warten auf die Kabel. Es sind die Vorboten einer ungewissen Zukunft: Wenn zu der wachsenden Trockenheit nun noch die Folgen der Industrialisierung kommen, was dann? Die Minen brauchen viel Wasser, und jetzt fragt man sich, woher sie es nehmen sollen, ohne den Nomaden zu schaden. Neben Stromnetzen brauchen sie asphaltierte Straßen, damit die Laster weniger Staub aufwirbeln. Doch Straßen behindern die Wanderung der Tiere.

Tsogt Tsetsi, 530 Kilometer und 14 Autostunden südlich von Ulan Bator, steht allein im Zeichen der Kohle. In Sichtweite steigt schwarzer Staub aus der Kohlehalde der Firma Energy Resources auf. Das Privatunternehmen besitzt knapp 5 Prozent der Vorkommen von Tawan Tolgoi und begann schon 2009 mit dem Kohleabbau. Am Rand von Tsogt Tsetsi baut es derzeit eine Siedlung für die Mitarbeiter: Wohnblöcke für je 120 Familien, angestrichen in Knallorange oder Gelb. Überall in Tsogt Tsetsi werden kleine Backsteinhäuser gebaut, in denen Motels, Banken, Friseure oder Lokale einziehen, betrieben von einstigen Nomaden der Gegend oder Zugezogenen aus dem ganzen Land: Migranten, die Serviceleistungen für die Minenarbeiter anbieten, auf der Suche nach Glück – und vor allem nach Geld. So wie Oyunaa. Die 24-Jährige ist Kellnerin im Restaurant „Erdene“ an der einzigen geteerten Straße des Orts. In dem dunkel getäfelten Lokal essen viele Lastfahrer aus den Minen. Oyunaa fühlt sich hier nicht richtig zu Hause. Sie stammt aus dem fernen Altai-Gebirge im Norden des Landes. Mehrere Jahre lebte sie in Ulan Bator, wo ihr Mann als Koch arbeitete. Als das Restaurant geschlossen wurde, bekam er ein Angebot aus seinem Heimatort Tsogt Tsetsi. „Er ist jetzt Koch bei einem Subkontraktor, der Sprengarbeiten in der Mine macht. Das Gehalt ist viel besser als in Ulan Bator.“ Als Bekannte ihres Mannes das Lokal „Erdene“ eröffneten, besorgte er Oyunaa den Job als Kellnerin. Ihre Zukunft sieht sie aber woanders: „Irgendwann, wenn wir genug Geld verdient haben, möchte ich wieder weg.“

Tsogt Tsetsi ist ein Ort, der Chancen auf einen bescheidenen Wohlstand birgt. Das Gehalt der Minenarbeiter halten die Firmen geheim. Aber es heißt, dass sie etwa eine Million Tugrik im Monat bekommen – gut 600 Euro und damit viel mehr als in jedem anderen Arbeiterjob.

Draußen bläst der Wind Staub über die leere Hauptstraße. Kinder rasen mit dem Fahrrad umher und hinein in die Lehmgassen, in denen sesshafte Nomaden ihre Jurten aufgebaut haben. Wer in der Mongolei ein Stück Land einzäunt, darf es behalten. Solche Jurtensiedlungen stehen in den Soums, den Aimag-Zentren und auch in Ulan Bator. Aufgebaut haben sie Nomaden, die im Zuud ihre Tiere verloren haben oder einfach in die Städte wollen.

Die Hauptstadt ist für viele der größte Traum. Dort leben mit 1,3 Millionen rund 45 Prozent aller Mongolen. Ulan Bator wächst schnell, bislang ohne jeden Masterplan. Hier laufen junge Leute in modischen Klamotten herum, wie man sie in den Metropolen Chinas oder Koreas sieht, die Straßen sind verstopft, die Luft schlecht, überall drehen sich Baukräne. Es gibt Villen für Wohlhabende, ein Louis- Vuitton-Geschäft und Irish Pubs für die Ausländer, die in den Minen arbeiten. Vom Hügel Zaisan fällt der Blick auf ein Meer von Hochhäusern, dahinter Jurtensiedlungen, die sich im Norden der Stadt die Berghänge hochschieben.

Doch der Blick wird immer mehr verstellt durch neue, schicke Apartmentblocks – die dort eigentlich gar nicht stehen dürfen: Das Areal ist Naturschutzgebiet. „Die Menschen, die dort wohnen, müssten laut Gesetz zumindest eine Strafe zahlen. Doch niemand kontrolliert sie“, schimpft Olzod Boum-Yalagch. Der Reiseunternehmer ist einer der führenden Politiker der mongolischen Grünen. Kritiker wie er befürchten, dass die Rohstoffe vor allem die Reichen noch reicher machen werden. „Die etablierten Parteien setzen beim Ausbau der Infrastruktur einseitig auf Großprojekte – etwa eine zentral gesteuerte Energieversorgung. In Ulan Bator wollen sie eine U-Bahn bauen, obwohl das teuer ist und lange dauert“, sagt Boum-Yalagch in fließendem Deutsch. „Denn bei Großprojekten bekommen die Politiker am meisten ab. Jedes Jahr werden Projekte über rund vier Milliarden Dollar ausgeschrieben, und niemand weiß, wie das Geld ausgegeben wird. Es gibt so viel Korruption!“ Die Grünen favorisieren eine dezentrale Versorgung oder eine preiswerte oberirdische Light-Rail für die Hauptstadt.

Boum-Yalagch versteht sich als echter Grüner. Sein Reisebüro bietet auch Öko- Urlaub zum Mithelfen an, die Touristen können beispielsweise in einem Nationalpark Wildpferde zählen. Im Wahlkampf radelten Boum und seine Mitstreiter mit dem Fahrrad durch Ulan Bator. Die Grünen sind als Ökopartei lediglich gegen den Abbau von Uran und von Seltenen Erden. Grundsätzlich haben sie nichts gegen den Bergbau – solange er verantwortungsbewusst gehandhabt wird und die Reichtümer gerecht verteilt werden, auch zwischen den Generationen: „Wir fordern, dass eine Stiftung gegründet wird, in die 10 Prozent aller Einnahmen aus den Bodenschätzen fließen – ähnlich wie in Norwegen. Das Geld soll für künftige Generationen oder soziale Projekte ausgegeben werden.“

Immerhin beschloss das alte Parlament ein Gesetz, wonach Einnahmen aus dem Bergbau, die eine bestimmte Summe übersteigen, in einen Sonderfonds fließen müssen. Zwei Drittel der ersten, 2011 in den Fonds geflossenen Gelder wurden in diesem Jahr an die Bürger ausgeschüttet. Die Viehzüchterin Enkhjargal etwa erhielt 300 000 Tugrik, gut 180 Euro. Nächstes Jahr soll das Geld zweckgebunden verwendet werden. Außerdem winkten die Abgeordneten kurz vor den Wahlen ein neues Umweltgesetz durch, welches das Verursacherprinzip stärkt und die Umweltverträglichkeitsprüfungen strenger macht.

Unklar ist noch, wie die Regierung mit illegalen Rohstoffschürfern umgehen wird, die vor allem auf der Suche nach Gold ganze Landstriche mit Bohrlöchern überzogen haben. Die Mongolen nennen sie „Ninjas“, weil sie grüne Metallschüsseln auf dem Rücken tragen und damit aussehen wie die Cartoonfiguren „Ninja Turtles“. Es gibt keine verlässlichen Zahlen, wie viele Ninjas es gibt – aber es sind wohl Tausende. Die Regierung wolle die Ninjas schrittweise legalisieren, sagt Ts. Odkhuu, der das unabhängige „Geology Mining Information Center“ leitet. Denkbar wären etwa Verträge der Ninjas mit Lokalregierungen.

Ts. Odkhuu hat die kleine Organisation gegründet, um potenziellen Investoren zu helfen, Licht in den intransparenten Dschungel der Bergbaulizenzen zu bringen. „Es gibt so viele Gerüchte in dem Sektor“, sagt der 39-jährige Software-Ingenieur, der zuvor im Auftrag der Weltbank das erste elektronische Minenkataster des Landes aufgebaut hat. Mit ein paar Mitarbeitern berät er nun von seinem Zwei-Zimmer- Büro aus Investoren – vor allem jene aus dem Ausland, die oft ziemlich ratlos seien. „Die Anbieter von Erkundungslizenzen erzählen ihnen, wie toll ihr Schürfgebiet ist, in dem sie angeblich seit Jahren erfolgreich graben. Aber in Wirklichkeit haben sie dort nie irgendetwas gemacht.“ Die nötigen Dokumente seien oft gefälscht, was für Neulinge nicht erkennbar sei. Manche Lizenzen dienten allein dem Handel. „Vor allem viele Chinesen verkaufen Lizenzen untereinander immer weiter; diese Lizenzen drehen sich im Kreis, und keiner weiß mehr genau, was vor Ort eigentlich vor sich geht.“ In dem geplanten Bergbaugesetz sollen Erkundungslizenzen daher ein Verfallsdatum bekommen: Wer nicht schürft oder nichts findet, verliert nach neun Jahren die Lizenz. „Vor allem die Besitzer von Goldlizenzen gingen früher los, holten das Gold aus der Erde und ließen dann die Gegend völlig verwüstet zurück.“ Schwarze Schafe gebe es eben überall. Seine Organisation versuche Investoren klarzumachen, dass sie sich verantwortungsbewusst verhalten müssten. Insbesondere, solange es noch keine eindeutigen Gesetze gibt.

In Tawan Tolgoi und Oyu Tolgoi muss die Regierung zeigen, wie entschlossen sie ihre Regeln durchsetzt. Bei Energy Resources stehen am Rand der Grube bereits ein Kraftwerk und eine Anlage zur Kohlewaschung, umhüllt von schwarzen Schwaden. Erdenes Tawan Tolgoi plane ebenfalls solche Anlagen sowie eine Kokerei, sagt Minenmanager Natsagdash. Die Mine werde künftig kein oberflächennahes Grundwasser mehr nutzen, das für Nomaden und das Ökosystem wichtig ist. Das Unternehmen baue derzeit eine Leitung zu einer tiefen Wasserschicht in 70 Kilometern Entfernung. Alles Wasser solle dann auch recycelt werden. Wirklich sauber ist Bergbau nie. Aber mit Geld und Technik lassen sich die schlimmsten Auswüchse vermeiden.

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