Mark Carney
Niemand hat ihn gezwungen, sich zur regelbasierten Ordnung zu bekennen: Kanadas Premier Mark Carney in Davos / picture alliance / empics | Sean Kilpatrick

Rede des kanadischen Premiers in Davos - Die regelbasierte Ordnung ist heuchlerisch, aber keine Lüge

Mark Carneys WEF-Rede wird als rhetorischer Triumph gefeiert – zu Recht. Doch seine zentrale Metapher vom kommunistischen Ladenbesitzer verwischt eine fundamentale Unterscheidung: jene zwischen liberaler Unvollkommenheit und totalitärem Zwang.

Autoreninfo

Shantanu Patni studiert Osteuropa-Studien an der Freien Universität Berlin. 

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Der kanadische Premierminister lieferte die intellektuell ambitionierteste Analyse der gegenwärtigen Weltordnung, die in Davos zu hören war. Er eröffnete mit dem berüchtigtsten Satz aus Thukydides' Melischem Dialog: „Die Starken tun, was sie können, und die Schwachen leiden, was sie müssen.“ Doch anders als selbsternannte Realisten, die dieses Diktum als ein ewiges Gesetz der Geschichte verstehen, setzte Carney die Metapher in ihrem richtigen Zusammenhang ein. Athens Ultimatum an Melos – vollständige Unterwerfung oder Vernichtung – markiert nicht den Triumph der Realpolitik, sondern den Gipfel imperialer Hybris. Ein Jahr später startete Athen die Sizilienexpedition, eine katastrophale Überstreckung, die seine Flotte vernichtete und seinen Fall einleitete.

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Peter William | Fr., 23. Januar 2026 - 11:12

werden sie bezahlt? Pro Zeile, Artikel oder was sieht der Vertrag vor? Rhetorische Frage, logischerweise. Ein Leben ohne zu arbeiten ist keinem Wesen auf diesem Planeten vorbehalten. Denn wir alle müssen essen, trinken und irgendwo verweilen ohne zu erfrieren, den Hitzetod zu sterben oder gefressen zu werden. In so fern ist die Methaper meines Erachtens gut gewählt.

Es geht viel mehr um folgendes, bezogen auf DE: die Jugend will nicht mehr dafür kämpfen selbstbestimmt leben zu können. Im Moment ist es auch schwierig die aktuelle Politik zu ertragen. Sich jedoch von fremden Mächten unterjochen zu lassen würde ja gerade die Möglichkeit eine Änderung demokratisch, also gewaltfrei, zu erzielen verunmöglichen. Deshalb bleibt meine Kritik bestehen, ein Land und dessen Bevölkerung muss sich selbst verteidigen können!

Daher halte ich es nach Churchill, die Demokratie bleibt die beste aller schlechten Regierungsformen.

Karl-Heinz Weiß | Fr., 23. Januar 2026 - 11:32

"Regelbasierte Ordnung" ? Ein Akteur stellte sich mehrfach quer zur Mehrheitsmeinung, trotz Warnungen Trumps in dessen erster Amtszeit: „unkontrollierbare Grenzen", NS2, Atomausstieg, Ignorieren des 2%-Ziels, Priorisierung des Handels mit China.
Bei aller Kritik am brachialen Auftreten des US-Präsidenten sollte dies in die Ursachenforschung einbezogen werden.

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr., 23. Januar 2026 - 12:14

widersprüchlichen Rede.
Allerdings sehe ich auch die "Lüge", dass es etwa immer freiwillig geschah und im Interesse aller.
Obwohl, irgendwelche Interessen konnte man wohl immer durchbringen, aber die Idee einer Finanzstabilität durch die USA finde ich persönlich schon ein bisschen abenteuerlich.
Deshalb haben wir Gottlob die EU und den Euro und deshalb suchten andere Staaten andere Bündnisse.
Folgerichtig sucht man also besser nach einer weiteren sinnvollen Stufe, auf die man das internationale Miteinander heben kann.
Aber wie die USA aus ihrer evtl. ökonomischen und finanziellen Krise kommen wollen, wenn auch andere Staaten ihre Interessen formulieren, weiss ich nicht.
Als Kolonialmacht wäre Europa heute ein Gigant.
Gut, dass es nicht mehr so ist.
Gerade die USA machten da nicht mehr mit.
Ich kann verstehen, wenn Kanada im Commonwealth und Grönland bei Dänemark, vielleicht sogar Europa bleiben möchte.
Trump hat der nordamerikanischen Sache m.E. einen "Bärendienst" erwiesen.

z.B. ökonomische Gesamtzusammenhänge.
Chinesische Unternehmen unterliegen in ihrem Land anderen Bedingungen als US-amerikanische in den USA.
Wenn die USA von Freihandel sprechen, dann hätten sie evtl. gerne auch ihre Produktionsbedingungen in den anderen Ländern.
Das funktioniert m.E. eher nicht.
Die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen kann man doch aber durch Zölle angleichen?
Will sagen, entweder die in die USA exportierenden Firmen gründen dort wohltätige Stiftungen in den USA oder sie zahlen Zölle.
Umgekehrt sollten US-Firmen die Regeln nachhaltigen Wirtschaftens in Europa beachten oder sie zahlen Zölle, obwohl Europäer meist Gesetze verabschieden, die die Bürger auch von sich aus beherzigen.
US-Autos passen einfach nicht gut ins kleinteilige Europa.
Also angepasste Produktionslinien, auch an europäische Standards oder niemand kauft die Produkte.
Klagen auf Abnahmemengen halte ich für unangemessen.
Wenn Produkte weltweit reüssieren, sind Produktionsstätten vor je Ort sinnvoll.

Markus Michaelis | Fr., 23. Januar 2026 - 13:54

es ist für mich nicht der wesentliche. Vielleicht haben nicht die USA ihren Melosmoment erreicht, wenn sie gerade dabei sind eine Aufteilung der Welt zu akzeptieren.

Es hat eher die (westliche) regelbasierte Weltordnung ihren Melosmoment erreicht: man war sich zu sicher, dass die eigene Weltsicht universell ist, hat die eigenen Kräfte unrealistisch eingeschätzt, hat an die Überwindung von "Wir und Die" geglaubt - daran, dass alle anderen Dies nur zu unserem Wir wollen, wir sie nur lassen müssen.

Der "Fehler" in Carneys Rede war eher, wenn er die kanadische Gesellschaft als perfekt vereint hingestellt hat, gegen die Willkür der Großmächte. Das ist aber auch ein Schildchen. Real müssen auch die Kanadier finden, ob und was sie sein wollen, und das sind keine absolut vorgegebenen Menschheitsregeln, sondern freie, offene Entscheidungen, die man eher wegschiebt. Man klammert sich an absolut gedachte Werte (sein Schildchen), schaut nicht auf Welt und Menschen, die offener, vielfältig sind.