Bodenoperation im Gazastreifen
IDF-Bodenoperation im Gazastreifen / picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited

Ranghöchste arabisch-muslimische Offizierin der IDF - „Dass ich hier sitze, ist die Antwort auf den Apartheid-Vorwurf“

Vom konservativen Elternhaus in Kalansuwa bis zur Sprecherin der IDF für die arabische Welt: Im Interview erzählt Ella Waweya von ihrem heimlichen Eintritt in die israelische Armee und ihrem Versuch, zwischen Israelis und Arabern Vertrauen aufzubauen.

Clemens Traub

Autoreninfo

Clemens Traub ist Cicero-Redakteur. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Future For Fridays?“ im Quadriga-Verlag (Bastei Lübbe).

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Ella Waweya ist die ranghöchste arabisch-muslimische Offizierin der IDF. Sie dient als Sprecherin für die Medien in der arabischsprachigen Welt. Das Interview ist durch die Vermittlung von Elnet zustande gekommen.

Frau Waweya, was bedeutet es für Sie, die ranghöchste arabische Offizierin der IDF zu sein?

Seit ich die Aufgabe als Sprecherin für die arabische Öffentlichkeit übernommen habe, empfinde ich großen Stolz. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass es nicht ausreicht, lediglich die arabische Sprache zu beherrschen, wenn man mit der arabischen Welt und dem Nahen Osten kommunizieren möchte. Man muss auch die Kultur verstehen. Ich komme selbst aus dieser Kultur. Ich bin in ihr aufgewachsen. Ich habe sie nicht von außen studiert. Nach inzwischen 14 Jahren in der Sprecher-Einheit weiß ich, wie ich meine Professionalität mit meinem kulturellen Hintergrund verbinden kann.

Sie sind in der kleinen Stadt Kalansuwa aufgewachsen, ganz in der Nähe des Westjordanlands. Sie stammen aus einer arabischen Familie. Welches Bild hatten Sie als Kind und Jugendliche von Israel? Welches Bild hatte Ihre Familie und Ihr arabisches Umfeld von Israel?

Ich bin in einer muslimischen, sehr konservativen Familie in Kalansuwa aufgewachsen. Dort lernte ich vor allem den Islam und die arabische Kultur kennen. In dieser Kultur spielt die Frage eine große Rolle, was die Nachbarn über einen denken. Heute mag das sehr konservativ oder sogar altmodisch erscheinen, aber so bin ich aufgewachsen. 

Mein Leben vergleiche ich oft mit Platons Höhlengleichnis. Ich hatte das Gefühl, mein ganzes Leben in einer geschlossenen Höhle verbracht zu haben. In dieser Höhle war alles gleich. Alles drehte sich um die arabische Gesellschaft. Das war die einzige Welt, die ich kannte. Ich sah nie das größere Bild. Ich sah nie das Licht außerhalb dieser Höhle. Von der breiteren israelischen Gesellschaft wusste ich praktisch nichts.

Wie gesagt, ich wuchs in einer traditionellen Familie auf. Meine Mutter trägt ein Kopftuch. Als im Jahr 2002 die Zweite Intifada begann, war ich zwölf Jahre alt. Ich war schon damals ein sehr neugieriges Kind. Wie viele Kinder in arabischen Familien schaute ich arabische Fernsehsender, unter anderem Al Jazeera. Dort wurde Israel stets als Besatzungsmacht dargestellt. Die israelischen Soldaten erschienen ausschließlich als Mörder.

Ella Waweya / IDF

Haben Sie ein Beispiel?

Besonders erinnere ich mich an einen Bericht über ein Kind, dessen Tod ausschließlich den israelischen Soldaten zugeschrieben wurde. Schon damals fragte ich mich: Warum wird immer nur eine Seite der Geschichte erzählt? Warum höre ich nie die israelische Perspektive? Eigentlich wollte ich Medizin studieren. Doch schließlich entschied ich mich für Kommunikationswissenschaften, weil ich das Gefühl hatte, ich müsse die Journalistin sein, die auch die andere Seite erzählt.

Die Menschen definierten ständig für mich, wer ich sei. Die einen nannten mich Araberin, andere bezeichneten mich als eine der arabischen Israelis von 1948, wieder andere als Palästinenserin. Jeder gab mir eine andere Identität. Ich hatte das Gefühl, dass ich meine Identität selbst finden musste. Mit 16 Jahren erhielt ich – wie alle Jugendlichen – meinen israelischen Personalausweis. In diesem Moment verstand ich zum ersten Mal bewusst: Ich bin auch Israelin. 

Aber?

Die Fragen, die mich seit meinem zwölften Lebensjahr beschäftigten, wurden dadurch nicht beendet. In meiner Familie oder in meinem Umfeld wagte ich nicht, über solche Themen zu sprechen. Ich hatte Angst davor. Trotzdem wusste ich nun zumindest eines: Ich bin Israelin.

Dann stellte ich mir die nächste Frage: Was kann ich als Israelin tun? Wie kann ich dieses Gefühl entwickeln, stolz darauf zu sein? Während des Studiums hörte ich zum ersten Mal die israelische Geschichte – eine Geschichte, die ich zuvor nie kennengelernt hatte. Gleichzeitig gab es auch in der arabischen Gesellschaft viele Themen, über die überhaupt nicht gesprochen wurde. Es gab Tabus. Über Vergewaltigungen oder andere schwierige Themen wurde schlicht geschwiegen. Damals war das Jahr 2009. Heute bin ich 36 Jahre alt. Schon damals hatte ich das Gefühl, dass ich auch diese andere Seite der Wirklichkeit sichtbar machen wollte.

Und gingen deshalb zum Militär?

Als ich mit dem Studium begann, wusste ich noch gar nicht, dass ich als Araberin überhaupt zum Militär gehen konnte. In meiner Gesellschaft sprach niemand darüber. Es gab kaum Bewusstsein dafür. Heute ist das anders. Viele junge arabische Israelis wissen inzwischen, dass sie diese Möglichkeit haben. Damals wusste ich das nicht. Ich arbeitete zunächst im Krankenhaus von Kfar Saba und leistete Nationaldienst. So sah mein Leben damals aus. 

Während meines Studiums hatte ich bereits eine Radiosendung. Außerdem nahm ich an einer Journalistenkonferenz in Eilat teil. Dort ging es unter anderem um die Frage, ob ultraorthodoxe Juden zum Militär eingezogen werden sollten. Ein Teilnehmer sprach sich entschieden gegen ihren Militärdienst aus. Ich meldete mich zu Wort und sagte: „Sie sollten sich schämen. Ich bin Muslima und ich hätte sehr gern die Möglichkeit gehabt, zum Militär zu gehen – aber ich kann es nicht.“

Daraufhin begann der ganze Saal zu applaudieren. Damals verstand ich noch nicht, warum die Menschen so reagierten. Heute verstehe ich es. Nach der Veranstaltung kamen viele Teilnehmer auf mich zu und sprachen mit mir. Erst dadurch erfuhr ich überhaupt, dass auch arabische Israelis freiwillig in die israelischen Streitkräfte eintreten können. Von diesem Moment an begann ich, mich intensiv zu informieren, wie dieser Weg aussieht. Am 11. September 2013 trat ich schließlich in die Armee ein.

Wussten Ihre Eltern davon?

Meinen Eltern erzählte ich zunächst nichts davon. Anderthalb Jahre lang wussten meine Eltern nicht, dass ich Soldatin war. Ich hatte Angst, dass sie versuchen würden, mich aufzuhalten. Nicht weil sie gegen den Staat Israel oder gegen das Militär gewesen wären. Meine Eltern betrachten sich selbst ebenfalls als Israelis. Aber der Militärdienst war für sie etwas Fremdes, etwas Ungewöhnliches, etwas, das in unserem Umfeld nicht vorkam. Sie hatten keinerlei Bezug dazu. 

Erst 2015 änderte sich alles: Ich erhielt eine besondere Auszeichnung des israelischen Präsidenten. Gleichzeitig erschien ein großer Artikel über mich in einer der bedeutendsten israelischen Zeitungen. Plötzlich sprach jeder über „Ella aus Kalansuwa“. In diesem Moment veränderte sich mein Leben vollständig. Früher musste ich oft weinen, wenn ich diese Geschichte erzählte, weil sie einen so tiefen Einschnitt in meiner Beziehung zu meiner Familie bedeutete.

Wie würden Sie diesen beschreiben?

Meine Eltern hatten bis dahin das Gefühl, ich hätte ihnen etwas Wichtiges verschwiegen. So war ich eigentlich nicht erzogen worden. Mit der Zeit begann ich meiner Mutter und meiner Schwester genau zu erklären, was ich bei der Armee tue. Ich schilderte ihnen, dass ich in der Sprecher-Einheit arbeite und genau das tue, was ich an der Universität gelernt hatte. Außerdem erklärte ich ihnen, dass die israelischen Streitkräfte eine professionelle Armee sind. 

Vor meinem Eintritt hatte ich selbst geglaubt, eine Armee bedeute vor allem Waffen und Kämpfen. Erst innerhalb der Streitkräfte erkannte ich, wie viele unterschiedliche Berufe und Aufgaben es dort gibt. Ein besonders bewegender Moment war für mich der Tag, an dem ich einen neuen Dienstgrad erhielt und meine Mutter selbst mir die Rangabzeichen ansteckte. Heute ist meine Familie sehr stolz auf mich. Sie begleitet meinen Weg und unterstützt meine militärische Laufbahn.

Gibt es auch Menschen aus Ihrem Umfeld, aus Ihrer Heimatstadt und aus der arabischen Gesellschaft, die Sie als Verräterin betrachten?

Ja, absolut. Es gibt Menschen, die mir das direkt ins Gesicht sagen. Aber gleichzeitig gibt es viele andere, die mich als Vorbild sehen und meinen Weg unterstützen. Heute gehe ich in Uniform nach Kalansuwa zurück. Ich möchte dort ein persönliches Beispiel setzen. 

Tatsächlich haben sich inzwischen weitere Menschen aus meiner Heimatstadt entschieden, ebenfalls in die Armee einzutreten. Sie sagen, sie hätten gesehen, dass ich als Frau keine Angst hatte, diesen Schritt zu gehen. Viele Männer erzählten mir später, sie hätten sich selbst nicht getraut. Dass ausgerechnet eine Frau diesen Weg gegangen sei, habe ihnen Mut gemacht.

Deshalb kommen heute auch junge Menschen zu mir, bitten mich um Rat und fragen nach meinen Erfahrungen. Erst vor wenigen Tagen hatte ich Kontakt zu zwei Brüdern aus Kalansuwa. Einer von ihnen trat der Golani-Brigade bei, einer Infanterieeinheit, der andere den Fallschirmjägern.

In der arabischen Welt gibt es viele Menschen, die die israelischen Streitkräfte hassen. Sie selbst haben auf TikTok und Instagram eine große Reichweite. Was ist Ihr Ziel? Welche Botschaft möchten Sie den Menschen vermitteln – auch denen, die Sie oder Israel ablehnen?

Zunächst sage ich meinen Kritikern und auch den Kritikern Israels: Bevor ihr urteilt, kommt nach Israel. Schaut euch das Land mit eigenen Augen an. Allein die Tatsache, dass ich eine Araberin bin, Muslima, Israelin und gleichzeitig Offizierin der israelischen Streitkräfte bin und in den sozialen Medien öffentlich auftrete, vermittelt eine Botschaft darüber, was Israel ist und was die IDF ist. Ich versuche sogar, verschiedene Botschaften zu vermitteln. 

An die Mütter von Terroristen richte ich mich beispielsweise mit den Worten: Ich weiß, dass ihr Kinder großgezogen habt. Aber ihr habt sie nicht großgezogen, damit sie am nächsten Tag sterben. Ich glaube, dass ich aufgrund meines kulturellen Hintergrundes weiß, wie ich diese Frauen ansprechen kann. Ebenso versuche ich, Terroristen selbst zu erreichen. Ich frage sie: Warum dieser ganze Hass? Ich versuche, ihr Herz zu erreichen. Ich spreche bewusst ihre Gefühle an und versuche, ihnen Respekt zu vermitteln. Dabei benutze ich manchmal auch Formulierungen aus dem Koran, um meine Botschaft zu vermitteln.

Ich erkläre ihnen außerdem, dass es einen Unterschied zwischen einem männlichen Menschen und einem wirklichen Mann gibt. Ein Mann ist für mich jemand, der seine Familie schützt, seine Mutter schützt, seine Schwestern schützt und dazu beiträgt, die Gesellschaft besser zu machen. Das ist die Botschaft, die ich vermitteln möchte.

Meine wichtigste Aussage lautet jedoch: Die IDF sind die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte. Unsere Aufgabe besteht darin, zu schützen. Wir entscheiden uns nicht freiwillig für Krieg. Unsere Aufgabe ist der Schutz unserer Bürger – aller Bürger Israels. Die israelischen Streitkräfte gehören allen israelischen Staatsbürgern und repräsentieren die Vielfalt der israelischen Gesellschaft.

Sie haben gesagt, Sie seien eine Brücke zwischen zwei Kulturen. Was wissen Sie über Araber, was viele jüdische Israelis nicht wissen? Und umgekehrt: Was wissen Sie über jüdische Israelis, was vielen Arabern in Israel oder in den arabischen Staaten unbekannt ist?

Während dieser Delegationsreise, auf der wir uns gerade befinden, sind Frauen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen dabei. Eine Teilnehmerin stammt aus einer streng religiösen jüdischen Familie. Sie hat bei mehreren Veranstaltungen erzählt, dass sie ohne ihren Militärdienst vermutlich niemals einer Araberin wie mir begegnet wäre. Sie hätte vielleicht irgendwann einmal Araber getroffen, aber nie jemanden wie mich.

Viele jüdische Israelis haben im Alltag kaum persönlichen Kontakt zu arabischen Bürgern. Deshalb lernen sie Araber oft nur über Medien oder soziale Netzwerke kennen. Wenn Menschen mich heute auf der Straße sehen, wissen sie, dass ich meinem Land und allen Bürgern Israels gegenüber loyal bin. Dafür erfahre ich viel Respekt. 

Gleichzeitig versuche ich auch, den arabischen Bürgern Israels eine Botschaft zu vermitteln. Ich sage ihnen: Wir haben denselben Feind. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen Juden. Sie richtet sich auch gegen uns. Das haben wir am 7. Oktober gesehen, als die Hamas nicht nur Juden ermordete und entführte, sondern auch Beduinen und andere arabische Israelis. Dasselbe gilt für die Hisbollah. Sie tötete zwölf Kinder in Majdal Schams, die gerade Fußball spielten. Ich glaube fest daran, dass wir Brücken bauen müssen. Wenn wir lernen, miteinander zu sprechen, kann das unser gemeinsames Leben verändern.

Sie sind nicht nur Sprecherin für die arabische Welt, sondern leiten auch das Kommunikationsteam für den Nahen Osten, also auch für Länder wie den Iran oder die Türkei. In welchen Ländern erleben Sie die größte Offenheit gegenüber Israel? Und wo ist es besonders schwierig, Verständnis oder Sympathie zu bekommen?

Über soziale Medien kann ich täglich beobachten, wie Menschen aus unterschiedlichen Ländern auf meine Beiträge reagieren. Jedes Land ist anders. In Marokko beispielsweise erlebe ich viel Sympathie und Unterstützung für Israel. Was den Hass betrifft, möchte ich kein bestimmtes Land herausgreifen. Ich würde nicht sagen, dass ein ganzes Land Israel hasst.

Im Libanon beispielsweise ist für mich nicht die schiitische Bevölkerung der Feind. Der Feind ist die Hisbollah. Die schiitischen Bürger sind normale Menschen. Wir sprechen darüber, wann vielleicht einmal der Tag kommen könnte, an dem sie nach Tel Aviv reisen können und ich sie im Libanon oder an einem anderen Ort besuchen kann. Auch aus dem Irak schreiben mir Menschen. Manche sagen mir: Wir würden gerne eines Tages nach Tel Aviv kommen und dort mit euch ein Bier trinken. Über Twitter stehe ich mit einigen von ihnen in Kontakt. 

Im Irak gibt es unterschiedliche Gruppen. Es gibt Menschen, die Israel unterstützen, und es gibt Milizen, die vom Iran unterstützt werden. Deshalb muss man jede Gesellschaft differenziert betrachten. Innerhalb jedes Landes gibt es verschiedene Bevölkerungsgruppen, und jede muss auf ihre eigene Weise angesprochen werden. Auch beim Iran unterscheide ich klar zwischen der Bevölkerung und der Regierung. Die Menschen selbst sind nicht unser Feind. Unser Gegner ist das Regime, die Revolutionsgarden und die Basidsch-Milizen.

Natürlich weiß ich, dass Menschen, die mich heute hassen, nicht morgen plötzlich ihre Meinung ändern werden, nur weil sie mir zugehört haben. Das ist ein langer Prozess. Dennoch weiß ich, dass ich bei manchen Menschen etwas bewirken kann. Das merke ich an den Nachrichten, die ich über soziale Medien bekomme. Manche schreiben mir: Früher habe ich Israel gehasst. Heute frage ich mich, warum eigentlich.

Die Hamas betreibt international eine sehr offensive Propagandastrategie. Was ist aus Ihrer Sicht die wirksamste Antwort darauf? Wie wollen Sie diesen Kampf um die Bilder und die öffentliche Meinung gewinnen?

Das ist eine sehr große Herausforderung. Genau deshalb bin ich hier. Genau deshalb gibt es meine Aufgabe und die Arbeit meiner Abteilung. Wir beschäftigen uns täglich mit dieser psychologischen Kriegsführung, die Hamas betreibt. Es ist immer einfacher, als Opfer wahrgenommen zu werden und Bilder zerstörter Gebäude zu zeigen. Das Problem ist jedoch, dass viele Menschen nicht sehen, was sich unter diesen Trümmern befindet. Sie sehen nicht die Tunnel unter den Gebäuden. Sie sehen nicht, was sich unter der Erde befindet. Deshalb frage ich: Warum wurde das viele Geld, das nach Gaza geflossen ist, nicht genutzt, um Schulen, Infrastruktur oder andere Einrichtungen für die eigene Bevölkerung über der Erde zu bauen?

Ich versuche deshalb immer wieder, Fakten darüber zu vermitteln, was Hamas tatsächlich tut. Vor wenigen Tagen erinnerten wir an eintausend Tage seit dem 7. Oktober. Ich habe das Gefühl, dass wir die Menschen immer wieder daran erinnern müssen, dass Hamas dasselbe ist wie der sogenannte Islamische Staat. Ich sehe keinen Unterschied zwischen dem, was Hamas am 7. Oktober getan hat, und den Verbrechen anderer Terrororganisationen. Ich spreche über die Morde, über die Enthauptungen, über die Vergewaltigungen, über die Entführungen und über all die Verbrechen, die an Zivilisten begangen wurden. Daran müssen wir die Menschen immer wieder erinnern, weil viele außerhalb Israels diese Ereignisse mit der Zeit vergessen.

Hinzu kommt, dass wir heute im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz leben. Während des Krieges haben wir erlebt, wie Hamas, die Hisbollah und auch der Iran KI einsetzen. Es werden Videos produziert, die nicht der Realität entsprechen. Bilder werden verändert oder aus ihrem Zusammenhang gerissen. Auch ich selbst habe Inhalte gesehen – unter anderem auf Al Jazeera –, die ursprünglich von Hamas stammten und ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit vermittelten. 

Es gab mehrere Videos, die sich schnell im Internet verbreiteten und angeblich tote Menschen zeigten. Wir konnten allerdings nachweisen, dass diese Darstellungen nicht der Wahrheit entsprachen. Ein anderes Beispiel betraf humanitäre Hilfe. Es wurde ein Video veröffentlicht, das zeigte, wie Lebensmittel an Kinder verteilt wurden. Nach den Aufnahmen wurden diese Hilfsgüter jedoch wieder eingesammelt. Auch das haben wir veröffentlicht. Hamas beherrscht diese psychologische Kriegsführung sehr gut. Die Organisation versteht es, den Kampf um die öffentliche Meinung zu führen.

In Westeuropa hört man häufig die Auffassung, dass Israels Reaktion unmittelbar nach dem 7. Oktober allgemein als legitim angesehen wurde. Später entstand jedoch zunehmend die Kritik, Israel sei ohne echte Strategie über das Ziel hinausgeschossen. Was entgegnen Sie diesem Vorwurf?

Vor etwa einer Woche gab es eine Demonstration der Hamas, an der auch Menschen aus Gaza teilnahmen. Dort wurden Parolen gerufen, in denen es hieß, der 7. Oktober werde sich wiederholen. Das sagten die Demonstranten selbst – und zwar nachdem sie bereits die Zerstörungen erlebt hatten, die der Krieg verursacht hat. 

Ich kenne kein Land auf der Welt, das einen solchen Angriff einfach hinnehmen würde, ohne zu reagieren. Wenn Sie Kinder hätten und jemand würde in Ihr Haus eindringen, um Ihnen oder Ihrer Familie Schaden zuzufügen – was würden Sie tun? Wenn jemand Sie angreift oder schlägt, werden Sie sich verteidigen. Wir können nicht einfach abwarten, bis Menschen kommen, um uns zu töten. Wir wissen aus der Geschichte, was den Juden widerfahren ist, als sie keinen eigenen Staat hatten. Deshalb sehen wir es heute als unsere Pflicht an, uns selbst verteidigen zu können. Unsere Aufgabe besteht also darin, unsere Bevölkerung zu schützen. 

Bevor wir angreifen oder ein Ziel bombardieren, warnen wir die Menschen auf der Gegenseite. Wir versuchen, zivile Opfer zu vermeiden. Wir wollen unschuldigen Menschen keinen Schaden zufügen. Leider fordert jeder Krieg Opfer. Das ist tragisch. Der Unterschied besteht aus meiner Sicht darin, dass Hamas bewusst unschuldige Zivilisten angegriffen hat.

Was antworten Sie Menschen, die Israel als Apartheidstaat bezeichnen?

Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich diese Frage gar nicht beantworten muss. Allein die Tatsache, dass ich hier sitze, ist bereits eine Antwort. Ich glaube, wer mich sieht, bekommt die Antwort auf diese Behauptung. Und ich würde noch mehr sagen: Kommen Sie in mein Büro. Dann werden Sie sehen, wie vielfältig unser Arbeitsumfeld ist. In meinem Büro finden Sie meinen Gebetsteppich. Dort liegen auch meine Gebetskleidung und gleichzeitig meine Uniform. Ich bete. Ich faste im Ramadan. Und gleichzeitig diene ich als Offizierin in den israelischen Streitkräften. Israel ermöglicht mir, beides miteinander zu verbinden – meinen muslimischen Glauben und meinen Dienst in der Armee.

Das Gespräch führte Clemens Traub.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Thomas Veit | Di., 14. Juli 2026 - 11:00

Lebensweg der Frau Waweya.

Nur wird hier das Grundproblem des Nahost-Konflikts geflissentlich ausgeblendet: WEM? gehört das Land um das es hier geht...? Und weiter:

Der Autor: "Die Hamas betreibt international eine sehr offensive Propagandastrategie."

Frau Waweya: "Wir beschäftigen uns täglich mit dieser psychologischen Kriegsführung, die Hamas betreibt." -- nur gut, dass Israel keine 'psychologische Kriegsführung' betreibt, rückständig und grundehrlich und offen für Alle, wie sie nun mal (alle?) sind, die Israelis, incl. der aktuellen Regierung... - ausschließlich am Frieden interessiert...👍, incl. der IDF - wie der Name ja schon sagt... ... 🤔

>> SORRY! Herr Traub, das ist mir leider zu einfach/billig, Ihr Artikel... (ist nicht böse gemeint, UND die HAMAS sind zweifellos Terrorist:innen - ALLE!!)

PS: Frau Waweya erfüllt ihre Aufgabe zweifellos gut..., von der IDF auf dieser 'IDF-Delegationsreise'... - aber wie so oft ist die Welt eher grau denn schwarz/weiß..., so-oder-so. 🤔

C. Schnörr | Di., 14. Juli 2026 - 12:11

Ich wünsche ihr weiterhin viel Erfolg. Dank an das CM, dass sie hier zu Wort kommt.

Tolle Frau,
Jede einzelne Aussage kann man nur unterschreiben.
Hoffentlich wird sich diese Denkweise durchsetzen und noch viel mehr Menschen und v. a. Araber erkennen, was für ein Krebsgeschwür die Hamas und der Islamismus sind.

Chris Groll | Di., 14. Juli 2026 - 17:16

Danke für das Interview.
In der Sendung "Fokus Jerusalem" habe ich bereits einen Bericht über Frau Ella Waweya gesehen.
Man kann dort sehr viel erfahren über Israel. Viel, was nichts mit Haß zutun hat, sondern über das Miteinadner der Religionen. Ebenso in der Sendung
"FASZINATION ISRAEL".
Zu der Aussage von Frau Ella Waweya:
"Ich kenne kein Land auf der Welt, das einen solchen Angriff einfach hinnehmen würde, ohne zu reagieren. Wenn Sie Kinder hätten und jemand würde in Ihr Haus eindringen, um Ihnen oder Ihrer Familie Schaden zuzufügen – was würden Sie tun? Wenn jemand Sie angreift oder schlägt, werden Sie sich verteidigen. Wir können nicht einfach abwarten, bis Menschen kommen, um uns zu töten."
Leider kenne ich so ein Land, in dem sich die Familien nicht wehren.

Was wollen Sie mit Ihren zwei Beiträgen ausdrücken, sagen es aber nicht klar? Wieso vermissen Sie Antworten zu Fragen, die gar nicht gestellt wurden?Oder deute ich da nur Unterschwelliges hinein?

Thomas Veit | Mi., 15. Juli 2026 - 09:47

Antwort auf von manfred westphal

Die wichtigen/richtigen Fragen wurden in dem Beitrag des Herrn Traub NICHT gestellt..., und von Frau Waweya auch nicht angesprochen... Dazu müsste man/Frau halt auch die Historie bemühen... - offensichtlich ist das aber in diesem Kontext zu aufwendig, bei diesen Temperaturen...?

Es handelt sich bei Frau Waweyas 'IDF-Delegationsreise' um IDF-Marketingaktion/Propaganda, nicht mehr und nicht weniger, wer noch einen halbwegs klaren Blick in dieser Sache sein eigen nennen kann. 🤔

Mehr wollte ich nicht sagen.

PS: auf die Frage/dem Vorwurf nach dem Apartheidsstaat-Israel antwortet Waweya: "Kommen Sie in mein Büro. Dann werden Sie sehen, wie vielfältig unser Arbeitsumfeld ist. In meinem Büro finden Sie meinen Gebetsteppich. Dort liegen auch meine Gebetskleidung und gleichzeitig meine Uniform. Ich bete. Ich faste im Ramadan. Und gleichzeitig diene ich als Offizierin in den israelischen Streitkräften." -- als wäre das die Antwort auf diese Fragestellung...!?? Das ist einfach nur billig...

Herbert Schultz-Gora | Di., 14. Juli 2026 - 22:06

"Warum wurde das viele Geld, das nach Gaza geflossen ist, nicht genutzt, um Schulen, Infrastruktur oder andere Einrichtungen für die eigene Bevölkerung über der Erde zu bauen?" fragt Frau Wawaya.
Meine Antwort: Weil es für solch eine konstruktive Aufbauarbeit einen ausgiebigen und fundierten Versöhnungsprozeß gebraucht hätte.

Das Ausleben von Mißtrauen und Hass in Form von destruktiver Gewalt bis hin zum Krieg ist doch wesentlich einfacher als das Aufbauen von Vertrauen.
Wer vertraut, riskiert eine Enttäuschung... beziehungsweise das Gefühl, an der Nase herumgeführt worden zu sein.

Israel hätte (theoretisch) nach dem 7. Oktober der Gewalt abschwören und in einen mehrjährigen professionell geführten Prozeß der Vertrauensbildung gehen können.
Sowas in der Richtung gab es schon mal und dann wurde Rabin von einem Landsmann ermordet.
Meine Hyspothese: Menschen sind Steinzeit-Wesen und so gesehen auch von ihrer CPU, dem Cerebrum her nicht wirklich friedensfähig.

dass der ungehinderte und vor allem unkontrollierte Massen-Geldfluss nach Gaza mit Wissen der israelischen Regierung bewusst lange so zugelassen wurde... 🤔

Dazu gehört komplementär die offiziell israelisch bestätigte Information, dass die israelischen Geheimdienste bereits lange vor dem 7. Oktober sehr wohl und ziemlich genau wussten, dass sich die Hama auf eine militärische Konfrontation vorbereitet - u.a. durch ganz offene Übungen zum Erstürmen mit israelischer Flagge gekennzeichneter Gebäude... 🤔 und Übungen mit motorisierten Gleitfliegern mit zwei bewaffneten! Personen... - alles durch israelische! Videos dokumentiert und zweifelsfrei erkennbar (Waffen etc.)... - und trotzdem wurde der üppige Geldbuße nach Gaza von Netanjahu nicht gestoppt...?? 🤔🤔🤔

Aber es wird schon alles in Ordnung sein?..., was man uns hier über Israel so 'erzählt'..., ganz unabhängig davon, dass Israel selbst extrem gespalten ist im innern..., was hier im Cicero ebenfalls praktisch nicht vorkommt... ...

Aber für selbstverständlich sollte man sie auch nicht nehmen.
Ich glaube, es gibt in Israel Kreise, die in solchen Dimensionen denken.
Das Existenzrecht Israels kommt weniger aus seinem fragwürdigen Gründungsakt, eine auf den Erkenntnissen der Aufklärung fußende "moderne" Gesellschaft in eine Region zu implementieren, die im Nomadentum und Clanstrukturen verwurzelt war.
Nun ist Israel ein "Fakt" und seine Esistenzberechtigung fußt nicht zuletzt auf den Menschen, die z. B. in diesen Staat hineingeboren wurden.
Theoretisch hätten die Wissenschaften vom Menschen seit ein paar Jahrzehnten das Handwerkszeug, Palästinenser und Israelis aus der Phase der Rechthaberei und des Aufrechnens von Verbrechen heraus über einen Prozeß der Verständigung in einen Zustand wohlwollender Koexistenz zu führen.
Die Autorin wäre begeistert.
Aber wer will sowas...?
Macht viel Mühe, kostet viel organisatorischen Aufwand und menpower und man verdient damit kein Geld.
Krieg ist einfach, Frieden komplex...

... "Krieg ist einfach, Frieden komplex", das stimmt leider mit der Menschheitserfahrug überein.
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Hätte es eine ideale, "objektive" oder geradlinige Gerechtigkeit gegeben, so hätten die Aliierten (UdSSR, USA, GB und F) im Jahre 1945 besser Ostpreußen, Bayern, Schleswig-Holstein oder das Elsass als Heimstatt der israelischen Nation übergeben müssen - und nicht das weit davon entfernte Palästina, dessen Bevölkerung mit dem Grauen der deutschen Judenvernichtung wenig zu tun hatte.
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Nun hat aber der jüdische Zionismus in Europa sich schon sehr viel früher auf Palästina als seine eigentliche, biblische Heimat festgelegt, was nach 1945 von den vier Siegermächten nach einigem Bauchgrimmen auch schließlich irgendwie akzeptiert worden ist.
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Geschichte verläuft nich logisch.
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Ni für ungut.