Putins Pläne - Was der Kreml in Syrien will

Russland baut seine Unterstützung für Assads Armee aus. Damit will Putin seine Position im Nahen Osten erhalten und sich als pragmatischer Kämpfer gegen den „Islamischen Staat“ wieder international hoffähig machen. Ein Einsatz von Bodentruppen ist jedoch höchst unwahrscheinlich

Russlands Präsident Wladimir Putin spricht zu den Delegierten der Ölproduzenten als Teil des Far East Economic Forum.
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Moritz Gathmann berichtet seit vielen Jahren als freier Journalist für deutsche Medien aus dem postsowjetischen Raum. Gathmann studierte Russistik und Geschichte in Berlin, volontierte danach beim Tagesspiegel und lebte von 2008-2013 in Moskau und Kaluga. Seit 2013 lebt er wieder in Berlin. Von 2010 bis März 2014 war er zudem als Gastredakteur für die SZ-Beilage „Russland HEUTE‟ tätig.

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Was will Putin? Diese Frage stellt sich die Welt – nicht zum ersten Mal in den vergangenen Jahren. Amerikanische Medien melden die Lieferung von schwerem Militärgerät, sogar von Truppenbewegungen in Richtung Syrien ist die Rede. Im Internet kursiert ein Video von Kämpfen in Syrien, in dem sich Soldaten auf Russisch Kommandos zurufen. Greift Russland nun direkt militärisch in den syrischen Bürgerkrieg ein?

Zuerst einmal die Fakten: Dass Russland den syrischen Herrscher Baschar al-Assad militärisch unterstützt, ist nicht neu. Russland lieferte und liefert Assad Militärgerät. Momentan soll es sich dabei, der russischen Zeitung „Kommersant“ zufolge, vor allem um Feuerwaffen, Granatwerfer und Panzerwagen handeln. Auch Bilder von russischen Militärberatern aus Syrien gab es schon früher. Neu sind dagegen der Umfang der Lieferungen und die Verlegung von Eliteeinheiten in die Nähe der Hafenstädte Latakia und Tartus.

Unterstützung für den loyalsten Partner
 

Das spricht von einer Änderung der Strategie: Den Versorgungsstützpunkt der russischen Marine in Tartus – Russlands einziger Stützpunkt am Mittelmeer  hatte der Kreml nach Beginn des Bürgerkrieges evakuieren lassen. Nun sind die Soldaten zurück. Während die einen den Stützpunkt in Tartus sichern sollen, wird in der Nähe von Latakia offenbar ein militärischer Stützpunkt errichtet, um den Fall dieser Stadt zu verhindern. Von hier starten nach Erkenntnissen russischer Investigativjournalisten Drohnen, die Assads Armee mit Daten über Truppenbewegungen der Gegner unterstützen. Möglicherweise starten von hier sogar russische Kampfflugzeuge. Dieselben russischen Journalisten halten es gleichzeitig für möglich, dass rund um Latakia in geringer Zahl russische Panzer mit russischer Besatzung im Einsatz sind.

Das verstärkte russische Engagement hat nun zu weiteren Verstimmungen im ohnehin schlechten Verhältnis zum Westen geführt. Warum tut Russland, das unter den westlichen Sanktionen und dem niedrigen Ölpreis ächzt, sich das an?

Syrien ist für Russland nicht nur irgendein Partner im Nahen Osten, das Land ist der langjährigste und loyalste Partner der Russen, und zwar seit dem zweiten Weltkrieg. Russland lieferte über Jahrzehnte für Milliarden Dollar Waffen an Syrien, russische Firmen sind im syrischen Ölgeschäft engagiert. Und mag er noch so klein sein: Tartus ist der einzige russische Versorgungsstützpunkt am Mittelmeer.

Kampf um die wichtigste Hafenstadt Syriens
 

Dass Russland seit Beginn des Bürgerkrieges so verbissen an Assad festhält, ist aber auch eine Folge der Causa Libyen: Mit seiner Enthaltung bei der entscheidenden UN-Resolution 1973 machte Russland 2011 den Weg für eine Flugverbotszone frei. Dass die westlichen Mächte mit ihren Luftangriffen schließlich die militärische Niederlage Gaddafis herbeiführten, wertete Russland als illegitime Ausweitung der Resolution und einen Vertrauensbruch durch die westlichen Partner. Das sollte im Falle Syriens nicht noch einmal passieren.

Dass Russland gerade jetzt intensiver in den Konflikt eingreift, hat mit der militärischen Lage zu tun. Der „Islamische Staat“ hat in diesem Jahr seinen Einflussbereich bedeutend ausgeweitet: Schon im Frühjahr kontrollierte er über die Hälfte des syrischen Staatsgebietes. Gleichzeitig haben sich Kräfte der Rebellen und der islamistischen Al-Nusra-Front unter anderem Latakia gefährlich genähert – der wichtigsten Hafenstadt Syriens. Im August wurde erstmals von Kämpfen in Latakia berichtet. Der Kreml sieht die Schwäche der regierungstreuen Truppen, gleichzeitig hat man in Moskau ebenso den Glauben daran verloren, dass die vom Westen unterstützte Opposition gegen den „Islamischen Staat“ bestehen kann.

Mit Latakia ginge ein wichtiger Flughafen und damit die Möglichkeit für die Drohnenflüge verloren, zudem wäre die weitere Lieferung militärischer Güter erschwert. Offenbar glaubt man in Moskau, dass dann der Fall von Damaskus an den „Islamische Staat“ nur eine Frage der Zeit wäre.

Das wäre ein Sieg von kaum zu übertreffendem Symbolcharakter für die Glaubenskrieger, der am Ende auch Russland treffen würde. Im lange unruhigen Nordkaukasus konnte Russland den islamistischen Terror über die letzten Jahre zwar im Zaum halten, aber die Zahl der IS-Kämpfer aus ehemaligen Sowjetrepubliken wie Tadschikistan, Usbekistan und den russischen Kaukasusrepubliken wie Tschetschenien und Dagestan geht in die Tausenden. Ein Rückfluss des islamistischen Terrors nach Russland wird bei einem weiteren Vormarsch des IS unausweichlich.

Staatengebilde nur noch Formalität
 

An Assad wird der Kreml dabei nicht unbedingt festhalten, auch wenn er momentan aus taktischen Gründen noch öffentlich das Gegenteil betont. Aber Putin will eine halbwegs übersichtliche Perspektive für die Zeit danach haben. Aus der Sicht des Kremls bestehen die im 20. Jahrhundert entstandenen Staatengebilde wie Syrien oder der Irak ohnehin schon jetzt nur noch auf dem Papier.

Sein jetziges Engagement dürfte dabei keine Überraschung für die Nachbarländer im Nahen Osten sein. Über das Jahr hatte Moskau intensive diplomatische Kontakte zu den Ländern der Region gepflegt. Engster Verbündeter ist der Iran: Anfang August reiste mit Qassem Soleimani einer der führenden iranischen Militärs, der für die Unterstützung Assads zuständig ist, heimlich nach Moskau. Aber Putin streckt seine Fühler in alle Richtungen aus: Mitte August kam Chaled Chodscha, Präsident der syrischen Nationalkoalition, welche die demokratische Opposition gegen Assad vereint, nach Moskau. Nach seinen Gesprächen mit Außenminister Sergej Lawrow kam der sogar zu dem Schluss, dass der Kreml nicht mehr an Assad festhalte, sondern als höchste Priorität den Erhalt der territorialen Integrität des Landes sehe.

Putin will wieder hoffähig werden
 

Also ein Syrien ohne IS wichtiger als ein Syrien mit Assad? Wichtig ist für den Kreml die Rettung des eigenen Einflusses und die Errichtung eines „alawitischen Israels“, wie es der russische Politologe Fjodor Lukjanow nennt: eines syrischen Rumpfstaates, dem es mit militärischer Hilfe aus dem Ausland zumindest gelingt, gegen den „Islamischen Staat“ zu bestehen.

Ende September will Putin auf der UN-Vollversammlung in New York eine Rede halten, in der er, so ist anzunehmen, zu einer breiten Koalition der „zivilisierten Länder“ gegen den „Islamischen Staat“ und den internationalen Terrorismus aufrufen wird. Nachdem er sich mit seiner Ukraine-Politik zum Paria gemacht hat, will er dadurch international wieder hoffähig werden.

Dass die Russen dafür allerdings eigene Bodentruppen eingreifen lassen, ist unwahrscheinlich. Die Erinnerung an das sowjetische Afghanistan-Desaster ist auch drei Jahrzehnte später noch äußerst lebendig.

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