Wladimir Putin besucht China
Wladimir Putin besucht China / picture alliance / ZUMAPRESS.com | Alexander Kazakov

Putin in Peking - Russland braucht China dringender denn je

Während der Krieg in der Ukraine andauert und westliche Sanktionen wirken, sucht Moskau in Peking wirtschaftliche und strategische Unterstützung. Für Russland geht es um Energieexporte, Technologien und langfristige Großprojekte mit China.

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Ekaterina Zolotova ist Analystin für Russland und Zentralasien beim amerikanischen Thinktank Geopolitical Futures.

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Der russische Präsident Wladimir Putin ist an diesem Dienstag in China eingetroffen – nur wenige Tage nach dem dreitägigen Besuch von US-Präsident Donald Trump in Peking. Die zeitliche Nähe der beiden Reisen sorgte international für Aufmerksamkeit, vor allem weil Trump und Chinas Präsident Xi Jinping bei ihren Gesprächen auch den Russland-Ukraine-Krieg thematisierten.

Doch genau dieser zeitliche Zusammenhang lenkt vom eigentlichen Hintergrund des Besuchs ab. Putins Reise nach China steht vor allem im Zeichen strategischer Interessen. Sie findet weniger als zwei Monate vor dem 25. Jahrestag des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern statt und wäre unabhängig von Trumps Besuch erfolgt. Außerdem haben Putin und andere hochrangige Vertreter des Kremls China seit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine regelmäßig besucht – zuletzt Anfang September 2025. Die eigentliche Bedeutung des Treffens liegt daher in den aktuellen sicherheits- und wirtschaftspolitischen Entwicklungen, die trotz Moskaus geschwächter Position neue Fortschritte in den Beziehungen zu Peking möglich machen könnten.

Gemischte Erwartungen und begrenzte Ergebnisse

Im Kreml wird eine mögliche Annäherung zwischen den USA und China mit gemischten Gefühlen betrachtet. Einerseits möchte Moskau mitten im Krieg gegen die Ukraine und unter dem Druck westlicher Sanktionen auf keinen Fall riskieren, China als wichtigsten Wirtschaftspartner zu verlieren, falls sich die Beziehungen zwischen Peking und Washington verbessern sollten. Putins Besuch ist deshalb auch als Versuch zu verstehen, die strategische Partnerschaft mit China weiter zu festigen.

Russland weiß dabei genau, dass es – anders als die Vereinigten Staaten – nie Chinas wichtigster Exportmarkt war. Moskau setzt daher vor allem auf Pekings wirtschaftlichen Pragmatismus und auf Chinas Interesse an günstiger russischer Energie, um die engen Beziehungen aufrechtzuerhalten.

Gleichzeitig könnten bessere Beziehungen zwischen Washington und Peking aus russischer Sicht auch hilfreich sein, um den Krieg in der Ukraine zu beenden. Die USA gehören zu den wenigen Staaten, die Russland sanktionieren, die Ukraine unterstützen und dennoch den diplomatischen Kontakt zu Moskau aufrechterhalten. Die bisherigen Vermittlungsversuche Washingtons zwischen Moskau und Kyjiw blieben allerdings eher enttäuschend. China dagegen hat eigene Vorschläge für eine politische Lösung präsentiert, und Russland hat Pekings Rolle als möglicher Vermittler mehrfach hervorgehoben. Sollte China – mit Zustimmung der USA – tatsächlich zur zentralen Vermittlungsmacht werden, hofft Moskau, aus einer stärkeren Position heraus verhandeln zu können.

Noch wichtiger für Russland ist jedoch die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China. Nach Russlands „Wende nach Osten“ erreichte der bilaterale Handel 2024 mit fast 245 Milliarden US-Dollar einen Rekordwert und wird inzwischen nahezu vollständig in Rubel und Yuan abgewickelt. Doch inzwischen verliert die Entwicklung an Dynamik. Im Jahr 2025 sank das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern um 6,9 Prozent auf 228 Milliarden Dollar.

Hinzu kommt, dass die engere Partnerschaft Russland nicht die Vorteile brachte, auf die Moskau besonders gehofft hatte – etwa besseren Zugang zu chinesischen Technologien oder umfangreiche Direktinvestitionen aus China. Stattdessen investiert Peking sehr selektiv und setzt vor allem auf Gemeinschaftsunternehmen.

Auch China erhielt nicht vollständig das, was es sich von Russland versprochen hatte: eine dauerhaft stabile Nachfrage nach chinesischen Produkten. Neben dem sinkenden Handelsvolumen gingen die Umsätze chinesisch beteiligter Unternehmen in Russland zwei Jahre in Folge zurück – von 3,23 Billionen Rubel im Jahr 2023 auf 2,8 Billionen 2024 und schließlich auf 2,6 Billionen im Jahr 2025 –, obwohl die Zahl dieser Unternehmen weiter zunahm. Hauptgrund dafür sind rückläufige Verkaufszahlen chinesischer Autos in Russland. Ursachen dafür sind Überangebote am Markt, steigende Zölle und Steuern, hohe russische Leitzinsen sowie das Ende bestimmter Importwege über Drittstaaten. Zusätzlich belasteten verschärfte Sekundärsanktionen den Handel zwischen beiden Ländern.

Russlands dringende Bedürfnisse

Nach dem wirtschaftlichen Rückgang des vergangenen Jahres steht Moskau unter wachsendem Druck, die Zusammenarbeit mit China neu anzukurbeln. Wegen des eingeschränkten Zugangs zu Technologie und Elektronik sowie der nur begrenzt erfolgreichen Importsubstitution ist Russland darauf angewiesen, dass chinesische Lieferketten offen bleiben.

Putins Besuch fällt deshalb nicht zufällig mit einer russisch-chinesischen Wirtschaftsausstellung in Harbin zusammen. Dort gab der staatliche russische Rüstungskonzern Rostec bekannt, gemeinsam mit dem chinesischen Unternehmen Avicopter an einem Schwerlasthubschrauber der nächsten Generation zu arbeiten.

Das russische Interesse am chinesischen Technologiesektor wird dabei längst nicht mehr nur von wirtschaftlichen Interessen bestimmt, sondern zunehmend auch von Sicherheitsfragen. Zwar ist es Moskau bislang nicht gelungen, Peking direkt in den Krieg gegen die Ukraine einzubinden, doch chinesische Ersatzteile und sogenannte Dual-Use-Güter bleiben für Russland äußerst wichtig. Kohlefaser, Lithium-Polymer-Batterien, GPS-Module und Sensoren aus China können weiterhin über internationale Plattformen wie AliExpress oder über russische Händler bezogen werden.

Darüber hinaus setzen russische Militär- und Sicherheitskräfte in großem Umfang tragbare Anti-Drohnen-Systeme wie Detektoren und Störsender ein, die von chinesischen Herstellern oder über Drittanbieter geliefert werden. China gehört weltweit zu den führenden Produzenten solcher Systeme und testete kürzlich ein neues Luftabwehrsystem, das angesichts zunehmender ukrainischer Drohnenangriffe tief im russischen Landesinneren in Moskau auf großes Interesse stößt.

Tatsächlich entwickeln sich die anhaltenden ukrainischen Drohnenangriffe zunehmend zu einem ernsthaften Risiko für die russische Wirtschaft. In der Nacht zum 17. Mai – unmittelbar vor Beginn von Putins China-Reise – führte die Ukraine einen ihrer bislang größten Drohnenangriffe auf Moskau und umliegende Regionen durch. Dabei kamen drei Menschen ums Leben, außerdem wurde wichtige Ölinfrastruktur beschädigt.

Solche Angriffe beeinträchtigen nicht nur Russlands Ölproduktion und Exportkapazitäten. Auch die Kosten der Verteidigung steigen erheblich. Die Ausgaben für Radar- und Sensorsysteme, Wärmebildkameras, Störsender, Raketenabwehr und Abfangeinsätze übersteigen inzwischen deutlich die Kosten der eigentlichen Angriffe.

Da Russlands Staatshaushalt trotz hoher Ölpreise und zeitweiser Lockerungen der Sanktionen gegen russisches Öl weiterhin defizitär bleibt, wird es für Moskau zunehmend schwieriger, den Krieg finanziell fortzuführen. Vorläufigen Schätzungen zufolge beliefen sich die Öl- und Gaseinnahmen in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 auf knapp 2,3 Milliarden Rubel – umgerechnet etwa 32 Millionen Dollar. Das entspricht einem Rückgang von 38 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und liegt deutlich unter den ursprünglichen Haushaltsprognosen. Gleichzeitig stiegen die föderalen Ausgaben im selben Zeitraum um 15,7 Prozent.

Eine Gelegenheit, neues Interesse zu wecken

Vor diesem Hintergrund braucht Moskau dringend große strategische Projekte mit staatlicher Beteiligung, die nicht nur die Partnerschaft mit China langfristig stärken, sondern Russland auch stabile Deviseneinnahmen und Zugang zu wichtigen Technologien sichern. Da viele dieser Vorhaben den Energie- und Logistiksektor betreffen, könnte der Zeitpunkt dafür kaum günstiger sein – vor allem angesichts der Unsicherheiten rund um die Energieflüsse aus dem Nahen Osten.

Bereits vor Putins Besuch hatte der russische Präsidialberater Juri Uschakow angekündigt, dass Putin und Xi ausführlich über das Pipelineprojekt „Power of Siberia 2“ sprechen würden. Da Europa weiterhin versucht, sich schrittweise von russischem Gas unabhängig zu machen, braucht Moskau dringend neue Exportwege und alternative Absatzmärkte. Die rund 2.600 Kilometer lange Pipeline mit einer jährlichen Kapazität von 50 Milliarden Kubikmetern Gas könnte dabei eine Schlüsselrolle spielen.

Allerdings ziehen sich die Verhandlungen über das Projekt bereits seit Jahren hin. China zögert weiterhin, sich auf ein derart komplexes und kostspieliges Vorhaben einzulassen – vor allem, weil Peking seine Energieversorgung diversifizieren und die Risiken einer zu starken Abhängigkeit von einem einzelnen Großlieferanten begrenzen möchte.

Ein weiterer Schwerpunkt des Kremls ist die Wiederbelebung des chinesischen Interesses an der Nordostpassage (Northern Sea Route), die Russlands europäische Häfen mit dem Fernen Osten verbindet und vollständig durch russische Territorialgewässer verläuft. Moskau argumentiert, die Route könne angesichts der Instabilität im Nahen Osten und der zunehmenden Gefährdung globaler Energielieferketten eine wichtige Alternative darstellen. Allerdings ist das Frachtaufkommen entlang dieser Strecke in den vergangenen Jahren zurückgegangen.

China hatte in der Vergangenheit durchaus Interesse signalisiert, da es sich um die kürzeste Seeverbindung zwischen Europa und Asien handelt und sich die Transportzeiten im Vergleich zur Route durch den Suezkanal um bis zu 40 Prozent verkürzen könnten. Derzeit beschränken sich gemeinsame Projekte jedoch weitgehend auf Vereinbarungen zum Ausbau des Containerverkehrs. Russland wiederum benötigt enorme Investitionen in Hafeninfrastruktur sowie in den Bau nuklearbetriebener Eisbrecher und arktistauglicher Spezialschiffe.

Die Symbolik von Putins Reise nach Peking unmittelbar nach Trumps Abreise mag politisch interessant sein. Der eigentliche Kern des Besuchs liegt jedoch in Russlands wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Problemen im eigenen Land. China befindet sich in den Beziehungen zu Russland derzeit klar in der stärkeren Position. Dennoch eröffnet die wachsende Unsicherheit im globalen Energie- und Logistiksektor Moskau die Möglichkeit, Peking erneut für Projekte zu gewinnen, die für russische Interessen strategisch entscheidend sind.

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