Proteste in Hongkong - „Ich werde jetzt als politisch ungeeignet angesehen“

Im Juli verprügelten Gangster der sogenannten Triadenbanden Hongkonger Bürger. Die Polizei ließ sie gewähren. Der Pop-Sänger Tsz Leung Hon wuchs mit den Schlägern auf – und hat sich nun losgesagt. Ein Interview über die Wut auf die Regierung und mafiose Strukturen

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Proteste in Hongkong / picture alliance

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Kelvin Tsui wurde 1989 in Hongkong geboren. Er studiert heute in Trossingen Cembalo, Alte Musik, Ensembleleitung und Gesang. Davor studierte er in Lyon und Weimar.

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Kelvin Tsui

Tsz Leung Hon, ein junger Hongkonger Pop-Sänger, warnte vor dem Angriff der Triadenbanden in der U-bahn-Station Yuen Long auf seiner Instagram-Fanseite. Er schrieb: „Es tut weh! Obwohl ich in diese Familie geboren wurde, kann ich diese Aktionen nicht akzeptieren. Liebe Onkel, falls ihr diesen Kommentar seht, könnt ihr mich gerne mitverprügeln. Wenn ihr mich zwingt, eure Taten zu unterstützen, brauche ich eure Hilfe für meine Karriere nicht mehr. Ab heute werde ich nur noch alleine kämpfen!“

Tsz Leung Hon, auf Ihrem Instgram-Account haben Sie am 21. Juli Menschen gewarnt, sie sollen sich vom Hongkonger Stadtteil Yuen Long fernhalten. Warum?
Ich habe mitbekommen, dass dort ein Angriff (auf Teilnehmer der Massendemonstration gegen die Regierung von Hongkong, Anm. der Red.) stattfinden soll. Es wurde von einem drohenden Massaker gesprochen. Sowas hat in einer zivilisierten Gesellschaft keinen Platz. Ich hatte zwar nicht die Macht, diese Aktion zu verhindern. Aber zumindest wollte ich die Menschen warnen, weil ich keinen verletzt sehen wollte.

Sie wussten schon vor dem Angriff am 21. Juli von deren geplanter Aktion?
Ja, ich habe davor schon von meinen „Onkeln“ gehört, dass sie nach Yuen Long fahren, um dort „zu arbeiten“.

Sie sprechen von deinen „Onkeln“, weil Sie mit ihnen aufgewachsen sind. Wie kam es dazu?
Ja, meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich in der 6. Klasse war. Meine Mutter hat mich ins Internat geschickt. Danach bin ich zu meinem Vater gezogen, der Mitglied einer lokalen Triadenbande war. Mein Vater ist 2012 an  einer Krankheit gestorben. Die „Onkel“, die beim Angriff involviert waren, waren zum Teil gute Freunde von meinem Vater und kannten mich schon seit meiner Kindheit.

Was haben Sie von ihnen in deiner Kindheit mitbekommen?
Damals waren sie eigentlich ziemlich nett zu mir. Sie waren halt mit meinem Vater befreundet, und ich kann mich noch daran erinnern, dass ich beim chinesischen Neujahrsfest jedes Jahr sehr viel Taschengeld im „Red Pocket“ von denen bekam. Als Kind habe ich mich darüber natürlich immer sehr gefreut.

Dass sie nach Yuen Long fahren, um zu „arbeiten“, hat Sie misstrauisch gemacht.
Ja. Ich weiß nicht, ob sie Geld von der Honkonger Regierung bekommen haben, es ist mir auch egal. Aber sie haben einfach beliebige Passanten und U-Bahnfahrgäste, die nichts in der Hand haben, mit Holz- und Metallstöcken attackiert. Meine Onkel sind vielleicht nicht besonders gut gebildet, aber man braucht keine Bildung um zu verstehen, dass solche Taten falsch und nicht akzeptabel sind.

Wer sind diese Männer, und warum tragen sie weiße T-Shirts?
Einige waren von den „Walled Village Gangstern“ aus Yuen Long, viele waren Gangstertruppen aus der Stadt, die beauftragt wurden wie meine Onkel. Ich kann sagen, dass die größten Triadenbanden in Hongkong bei dem Angriff involviert waren. Weiße T-Shirts sind nur ein Symbol, um zu zeigen: „Wir sind auf der gleichen Seite“.

Was hat es mit diesen Triadenbanden auf sich?
Ich weiß leider nicht, wie ich diese Leute beschreiben soll. Vielleicht sind sie ein bisschen wie die Mafia. Ich kenne ein paar von den Anführern durch meinen Vater, aber ich war noch nie in deren Business involviert.

Tsz Leung Hon
Tsz Leung Hon,
Pop-Sänger aus Hongkong

Wie sehen die Kontakte der Triaden nach Festland-China aus?
Dazu habe ich leider keine Informationen. Ich war immer sehr vorsichtig im Umgang mit ihnen. Ich wollte ihnen nicht zu nahe kommen und so wenig wie möglich wissen.

Warum haben Sie sich entschieden, sich gegen Ihre „Onkel“ auszusprechen?
Sie haben mit meiner Familie am Ende nicht viel zu tun, denn diese „Onkel“ sind im Grunde keine echten Familienangehörigen. Sie waren nur enge Freunde meines Vaters. Manche von ihnen haben meine Sängerkarriere unterstützt, indem sie etwa meine Konzerte oder Songproduktionen vorfinanziert haben. Aber ich kann nicht ertragen zu sehen, wie sie Demonstranten, insbesondere Studierende und Schüler, schlagen. Ich habe sogar von den Onkeln mitbekommen, dass sie die Demonstranten mit Rinder- und Hundekot bewerfen. Ich kann diese Taten einfach nicht akzeptieren.

Wurden Sie in der Folge von Ihren Onkeln bedroht?
Ja. Sie haben mir außerdem die Unterstützung entzogen, ich muss meine Konzerte absagen. Ich gehöre jetzt nicht zu den populärsten Stars, aber meine Karriere verlief gut. Aber als Hongkonger kann ich es nicht ertragen, zu sehen, wie meine Mitbürger durch solchen schmutzigen Taten verletzt werden.

Haben Sie keine Angst?
Doch – und wie! Seitdem ich mich gegen sie ausgesprochen habe, habe ich jeden Tag Angst, dass ich von ihnen angegriffen werde. Schließlich haben sie mir in meiner Karriere geholfen. Wenn sie meine Aussage als Betrug empfinden, ist es eigentlich zu erwarten, dass sie mich in Schwierigkeiten bringen werden. Der Entzug der Unterstützung könnte der Vorgeschmack sein. Wer weiß was alles noch auf mich zukommen wird.

Der Angriff ist jetzt vier Monate her. Haben Ihre „Onkel“ andere Taten geplant?
Soweit ich weiß nicht. Aber ich habe inzwischen keinen Kontakt mehr zu ihnen. Ich glaube aber in der Tat, falls mir etwas zustoßen sollte, könnte es nur an ihnen liegen. Ich hatte bereits Auftritte in China selbst. Seit meinen Aussagen gegen meine Verwandten werde ich dort als „politisch ungeeignet“ angesehen und nicht mehr angefragt. Aber ich bereue meine Entscheidung nicht. Geld kann man wieder verdienen, Sponsoren kann man wieder neu suchen. Aber wenn die moralische Grenze gefährdet ist, fühle ich mich als ein Hongkonger Bürger verpflichtet, mich für die Gerechtigkeit unserer Gesellschaft auszusprechen.

Denken Sie, Hongkong wird fallen? Was machen Sie dann?
Ich persönlich finde, dass die jetzige Situation zwar relativ schlecht aussieht, aber es gibt noch Hoffnung. Die Demokratie-Bewegung läuft schon seit fast einem halben Jahr. Aber sie wird immer noch von der Mehrheit der Hongkonger unterstützt. Diese durchgehende Unterstützung kommt von vielen Seiten der Hongkonger Gesellschaft, zum Beispiel von Journalisten, Anwälten, Ärzten, Sozialpädagogen, Künstlern und von Studierenden – von Schülern ganz zu schweigen. Klar, es wird für uns nicht einfach sein, aber zumindest haben wir uns getraut, uns gegen die machtvolle und autokratische chinesische Regierung zu wehren – und das nicht nur für eine kurze Zeit.

Bekommen Sie auch Unterstützung aus dem Ausland?
Ja, gerade wurden der „Hong Kong Human Rights and Democracy Act“ sowie der „Protect Hong Kong Act“ vom US-Senat einstimmig verabschiedet. Alle diese Menschen werden uns nur stärken, unsere Werte zu leben. Ich als ein Pop-Sänger, der einigermaßen bekannt ist, werde mein Fans-Netzwerk nutzen, um Hilfe jeder Art für die Demonstranten zu organisieren.

Die Fragen stellte Kelvin Tsui. 

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