Vier bewaffnete Männer sitzen auf der Ladefläche eines weißen Pickups auf einem Feldweg. Foto.
Zum „Widerstand“ verklärt: Hamas-Terroristen verschleppen am 7. Oktober 2023 die Leiche der ermordeten Shani Louk in den Gazastreifen / picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Ali Mahmud

Postkolonialismus - Wie man Judenhass wegdefiniert

Nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 zeigt sich in Teilen der Wissenschaft eine problematische Verschiebung: Postkoloniale Deutungen relativieren antisemitische Gewalt, deuten Terror als „Widerstand“ und entkoppeln den Holocaust von seinem ideologischen Kern.

Autoreninfo

Dr. Verena Buser ist assoziiere Wissenschaftlerin am Holocaust Studies Program des Western Galilee College und lebt in Berlin.

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Eine zunehmend gefährliche Entwicklung hat seit dem 7. Oktober 2023 weite Teile der Wissenschaftswelt erfasst. Einige Protagonisten der Holocaust- und Genozidforschung „kontextualisierten“ die islamistischen Massaker der palästinensischen Terrororganisation Hamas nach dem Vorbild des Islamischen Staates als „Widerstand“ oder „Aufstand“ und verorteten sie innerhalb einer verengten, reduktionistischen Wahrnehmung des arabisch-israelischen Konflikts. Der Holocaustforscher Omer Bartov etwa attestierte nur sechs Tage nach dem Pogrom: „Der verabscheuungswürdige Angriff der Hamas muss als Versuch gewertet werden, die Aufmerksamkeit auf die Notlage der Palästinenser zu lenken.“ 

Solche Intellektuelle sind Vordenker einer gefährlichen Polarisierung, oftmals inspiriert durch postkoloniale Theorie, innerhalb derer die Geschichte des Holocaust und des Nationalsozialismus von ihrer spezifisch antisemitischen Komponente entkoppelt wird. Dies hat zur Folge, dass bei manchen Holocaust- und Genozidforschern wie A. Dirk Moses und anderen eine westlich zentrierte Wahrnehmung des gesamten Konflikts dominiert, in der Palästinenser axiomatisch immer die schwächere Seite darstellen – obwohl die Hamas am 7. Oktober ihre grausamen Verbrechen in Echtzeit und in den sozialen Medien weltweit verbreitete. Im Westen hat man weitgehend unkritisch Positionen übernommen, die den offiziellen Narrativen der palästinensischern Führungen wie Hamas oder PLO entsprechen. 

Typischerweise bieten pro-palästinensische Positionen wenig realpolitische Lösungen an – außer einer Einstaatenlösung, die von der Mehrheit der jüdischen Israelis, aber auch der Palästinenser sowie der israelischen Araber abgelehnt wird. Auch die nach wie vor beliebte Zweistaatenlösung wird selten mit konkreten Forderungen an die palästinensische Seite verknüpft. Sogenannte Expertenpapiere wie „Jenseits der Staatsraison“ bieten zwar den Dialog als Mittel für eine „nahostpolitische Wende“ an, vermeiden aber eine kritische Position gegenüber den Palästinensern und verbleiben somit in einen politischen Rahmen, innerhalb dessen Israel das Kernproblem des Konflikts bleibt. 

Palästinenser werden als ewige Opfer der Geschichte wahrgenommen

Gefährlich ist es hierbei, dass die postkolonial inspirierte Antisemitismusforschung, wie sie etwa in der „Jerusalem Declaration on Antisemitism“ zum Ausdruck kommt, die auch vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin unterstützt wird, eine Sichtweise auf Antisemitismus einnimmt, die die heutigen aktuellen Formen des Antisemitismus im Namen der Palästina-Solidarität ganz bewusst nicht erfasst. Antisemitismus wird als eine Form des Rassismus dargestellt, ohne auf die Besonderheiten des Antisemitismus einzugehen. Auf einer rein intellektuellen Ebene mag dies Sinn machen, außerhalb des Elfenbeinturms hat dies jedoch Konsequenzen, denn die Bekämpfung von Antisemitismus aus dem rechten, linken und islamischen Spektrum ist eine der dringendsten Aufgaben der heutigen Zeit. 

Die „Jerusalem Declaration“ wendet sich explizit gegen die Antisemitismusdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) von 2016. Diese unterdrücke angeblich Israelkritik und diene als Instrument der Regierung Netanjahu – eine Argumentation, die auch von dem Holocaustforscher Daniel Blatman von der Hebräischen Universität Jerusalem im Jahr 2019 verbreitet wurde. Der 2023 verstorbene Holocaustforscher Yehuda Bauer warf Blatman daraufhin Antisemitismus vor, die Empörung war groß. 

Im Westen jedoch dienen israelische Stimmen wie die Blatmans oft als Legitimation für die eigenen Ressentiments gegen den jüdischen Staat. Darum werden zum Beispiel mit dem Historiker Moshe Zimmermann oder dem Holocaustforscher Omer Bartov permanent diejenigen Israelis gebeten, den Krieg in Gaza zu beurteilen, die schon in der Vergangenheit gerne den Staat Israel mit dem NS-Staat verglichen haben, ohne diese politische Rhetorik jemals mit wissenschaftlich haltbaren historischen Argumenten zu unterfüttern. 

Derartige Bitten um „Einordnung“ tragen entscheidend dazu bei, die Wahrnehmung Israels als „Wurzel“ des Nahostkonflikts zu zementieren. Besondern fragwürdig ist hierbei die Wahrnehmung der Palästinenser als ewige Opfer der Geschichte, die längst von der Realität überholt ist, aber auf den Straßen, an den Universitäten oder im Internet die Diskussion sogenannter pro-palästinensischer Aktivisten dominiert.

Antizionismus ist die heutige Ausprägung dieser Obsession

Der antisemitische Charakter dieses Palästina-Aktivismus wird gerne in Abrede gestellt. Antisemitismus ist aber nicht nur kein bloßer Rassismus, er ist auch eine Ideologie, eine Weltanschauung, die immer auch die Ablehnung der Moderne beinhaltet – ein Fetisch, eine Obsession. Antizionismus ist eine heutige Ausprägung dieser Obsession, was der Holocaust-Überlebende Léon Polikaov bereits 1969 in seinem Buch „Vom Antizionismus zum Antisemitismus“ dargelegt hat. Yehuda Bauer, der renommierte israelische Holocaustforscher, legte dar, dass es beim Antisemitismus immer um ein Konstrukt des „Bösen“ geht, das bekämpft werden müsse. Dass dieses Prinzip gerade kompromisslos auf den Staat Israel übertragen wird, kann man weltweit beobachten. 

Intellektuelle wie der Holocaustforscher Amos Goldberg, der Afrikaforscher Jürgen Zimmerer oder der Genozidforscher A. Dirk Moses versuchen derweil, den Antisemitismusbegriff zu dekonstruieren und den Holocaust vom Antisemitismus abzulösen – die Schoa ist nunmehr ein kolonialer Genozid mit einer Kontinuität „Von Windhuk nach Auschwitz“, so ein Buchtitel von Jürgen Zimmerer. Der Mord an den europäischen Juden werde überbetont, denn, so Zimmerer, Antisemitismus dürfe nicht als „einziges Motiv“ betrachtet werden, das tödliche Gewalt auslösen kann. Deshalb kommt der Begriff Antisemitismus in der englischsprachigen Ausgabe seines Buches „Von Windhuk nach Auschwitz“ von 2023 auch nur elfmal vor. Gleichzeitig beharrt Zimmerer darauf, dass der 27. Januar nicht nur Internationaler Holocaust-Gedenktag sein solle; auch die kolonialen Konzentrationslager und deren Schließung sollten an diesem Tag Beachtung finden.

Die genannten Forscher nutzen vermeintlich strukturelle und historische Analysen dazu, Antisemitismus als Ideologie und Motor sowohl der Schoa als auch des palästinensischen Terrors zu marginalisieren. Dies zeigte sich in der „Kontextualisierung“ der bestialischen Massaker und Vergewaltigungen durch die Hamas am 7. Oktober 2023. Die Hamas ist die drittreichste Terrororganisation der Welt, ihre Führer sitzen in der Türkei und in Katar und verfügen über Millionen. Der Palästinensischen Autonomiebehörde ist Korruption nachgewiesen worden, und sie verfolgt trotz wiederholter Beteuerungen, dies einzustellen, ihre Pay-for-slay-Politik, die Bezahlung palästinensischer Terroristen, von denen einige inzwischen in Luxushotels in Ägypten leben und Millionäre sind. 

Die Hamas weiß, in welcher Sprache sie zu westlichen Linken sprechen muss

Bereits 1993 zeichnete das FBI ein Treffen von 25 Hamas-Führern in Philadelphia auf – einige von ihnen Studenten an amerikanischen Universitäten, andere Hamas-Delegierte aus Gaza und dem Westjordanland –, bei dem besprochen wurde, wie westliche Universitäten infiltriert werden können, um die Hamas einer progressiven Linken „schmackhaft“ zu machen, indem man die Sprache der Menschenrechte instrumentalisiert – obwohl das Ziel immer die Vernichtung der „zionistischen Entität“ Israel und das Errichten eines Kalifats war. Hintergrund war das Generieren von Spendengeldern für Attentate auf Israelis. Der Erfolg dieser Strategie hat sich spätestens nach dem 7. Oktober 2023 gezeigt, als das reduktionistische Schema „Unterdrücker und Unterdrückte“ aufging. 

Auch in dem Pamphlet des Hamas Media Office „Our Narrative … Operation al Aqsa Flood“, das in Deutschland kaum diskutiert wurde, finden sich diese Instrumentalisierungen, wenn als Adressaten „unser standhaftes palästinensisches Volk, die arabischen und islamischen Nationen, die freien Völker weltweit und all jene, die sich für Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde einsetzen“ angesprochen sind. Der Extremismus-Experte Lorenzo Vidiono von der George Washington University sagte in dem Dokumentarfilm „October 8“ über die Campus-Proteste in den USA hinsichtlich der Hamas: „Sie wussten, wie sie zu Amerikanern in einer Sprache sprechen mussten, in der sie verstanden werden.“ 

Als die Verbrechen am 7. Oktober live und stolz über die sozialen Medien als Teil eines nationales Befreiungskampfes bzw. „Tag des glorreichen Übertritts“ verbreitet wurden, haben sich als palästinasolidarisch wahrnehmende Aktivisten diese Sprache genau so verstanden. Weltweit wurden noch am 7. Oktober palästinensische Flaggen geschwenkt und „Free Palestine“ und „From the River to the Sea, Palestine will be free“ skandiert. 

Derartige Positionen sind nicht nur antisemitisch, sie schaden auch Palästinensern, die für Normalisierung und Frieden kämpfen. Deren Ziel ist die Befreiung der palästinensischen Gesellschaft von islamistischem Terror. Aktuell sind sie marginalisiert und werden von der pro-palästinensischen Szene bewusst diffamiert. Ihr steter und nachdrücklicher Hinweis auf Folter, Mord, Misshandlungen und Unterdrückung von Zivilisten in Gaza durch die Hamas und andere Terrororganisationen wie den Islamischen Dschihad oder die Mudschaheddin-Brigaden – die unter anderem die israelischen Kleinkinder Ariel und Kfir Bibas mit bloßen Händen strangulierten – wird nicht nur in der pro-palästinensischen Szene beschwiegen. Auch die Medien und die Politik in den meisten europäischen Ländern interessieren sich kaum dafür. Das Herunterspielen von Antisemitismus in der palästinensischen Gesellschaft hat Konsequenzen für Juden und Israelis weltweit in Zeiten, in denen der Judenhass globalisiert ist. Wer ihn nicht benennen will, sollte auch nicht in Sonntagsreden vorgeben, ihn zu bekämpfen.

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Jens Böhme | So., 10. Mai 2026 - 12:00

In der DDR war die PLO eine anerkannte Freiheitsbewegung. Offiziell wurde in der DDR der Zionismus zum Feindbild erkoren, um Judenabneigung zu kaschieren. Die Nachrichten zum libanesischen Bürgerkrieg 1975-1990 fokussierten sich stets nur auf die israelische Armee im Südlibanon.

Ingbert Jüdt | So., 10. Mai 2026 - 12:15

Ich kann die Kritik an den »postkolonialen« Theoriekonstruktionen gut nachvollziehen, und ich verabscheue die Simplifizierungen, die sich das akademische Milieu hier leistet, weil sie intellektuellen Scharlatanerien in anderen Fachgebieten sehr ähnlich sehen.

Aber auch Frau Buser, die vor »Polarisierung« warnt, trägt zu dieser bei, indem sie einen Artikel liefert, der den fundamentalen Wandel des Staats Israel von Rabin zu Netanjahu vollständig ausblendet. Die Wahrnehmung als »ewiges Opfer« und die Deutung des 7. Oktober stehen hier im Zentrum. Was Israel jahrzehntelang zu Unrecht vorgeworfen wurde, trifft auf Netanjahus Politik zu: dass er im Namen des Zionismus einen imperialistischen Expansionskrieg mit massenmörderischen Anteilen führt und hierzu die historisch wohlbegründete apologetische Einstellung zu israelischer Politik systematisch ausbeutet.

Man kann Antisemitismus nicht auf Dauer bekämpfen, wenn man sich nicht überwinden kann, auch zur anderen Seite Klartext zu reden!

G. Fischer | So., 10. Mai 2026 - 12:25

Natürlich kann man hier Werbung für eigene Forschungsergebnisse und theoretisch wissenschaftliche Betrachtungen aus dem heimischen Büro zur Diskussion stellen. Schließlich ist die Autorin Wissenschaftlerin am Holocaust Studies Program des Western Galilee College und ihre Forschung hat ein klares Ziel. Aber werden die Ausführungen dem Konflikt gerecht, tragen sie überhaupt zu einer Lösung bei? Wer ist in dem Konflikt Opfer, wer ist Täter, gibt es überhaupt noch eine Unterscheidung? Welche Zielstellung steckt hinter den tatsächlichen Aktionen? Die Konflikte begannen vor der Staatsgründung Israels, sie flammen in regelmäßigen Abständen immer wieder auf und wechseln sich mit seltenen Entspannungsperioden ab. Gebietsansprüche werden von beiden Seiten erhoben, die militärische Stärke und fortschreitende Siedlungspolitik verhelfen Israel zum Erfolg. Eine Befriedung und Beendigung des Hasses in der Region wird damit nicht gelingen.

hanno Woitek | Mo., 11. Mai 2026 - 11:45

Antwort auf von G. Fischer

Argumentation. Schon vergessen? die palestinenser , konkret die Hamas haben sich zum Ziel gesetzt, das israelische Volk auszulöschen!! wer das nicht sieht und begreift, ist ein verbaler Schwerstverbrecher. Herr oder Frau Fischer.

Dirk Nowotsch | So., 10. Mai 2026 - 14:24

Ich bin nun wirklich nicht antisemitisch eingestellt! Aber in zunehmenden Maße fällt es mir schwer, Sympathie gegenüber dem heutigen Israel zu hegen! Das töten von Palästinensern durch israelische Siedler, die Siedlungspolitik selber, der Krieg gegen Gaza und den Libanon, Menschen verachtend, mörderisch, rücksichtslos. Shani Louk ihr entblößter und geschundener Körper spricht für die sexualisierte, entartete Gewalt der Hamas-Terroristen, wohl war. Aber die ganzen, durch Siedler ermordeten Palästinenser, sind die weniger wert? Zählen die nicht? Wenn die deutsche Regierung um Mäßigung nachsucht, kommt der Israelische Außenminister mit der Nazikeule! Wow! Die Juden sehen sich als Opfer dieser Welt, eine sehr nazistische Haltung! Es gibt da den Spruch aus der Bibel, man erntet, was man säht! Wenn sich die Machtverhältnisse mal drehen, wie geht es dann weiter mit Israel? Wenn die Milliarden aus Deutschland und der USA nicht mehr kommen? Man muss MIT anderen Völkern leben, gleichberechtigt!

Wenn man Berichte über das Auftreten mancher Siedler hört, wenn man einen Beitrag sieht, wo konservative Juden von einer Höhe aus über das Westjordanland blicken und auf die Frage, wo all die Leute hinsollen, in die Kamera sagen, dass ihnen das egal sei, eben weg von dort, wenn man das alles für nicht nur gefaket hält, ja, dann ist das erstmal gruselig. Schwierig ist es trotzdem. Viele Israelis würden sagen, dass sie zu oft nirgendwo erwünscht waren, dass man nicht miteinander leben wollte, und jetzt tragen sie es eben auf diesem Flecken aus, ob es einen sicheren Platz für sie gibt. Israel wird vielleicht irgendwann unter die Ränder kommen, die Argumente im obigen Kommentar sehen sie aber wahrscheinlich auf ihrer Seite, nur zeitversetzt? Ist es angemessen, dass wir hier darüber diskutieren? Ich würde mich weigern diesen Konflikt entscheiden zu müssen, aber manche Fragen dort stellen sich auch bei uns.

Die Bewertung von Ereignissen fällt immer subjektiv aus, geprägt von eigenen Sichtweisen und Lebenserfahrungen! Ich persönlich trenne den Holocaust vom heutigen geschehen! Ich persönlich habe mir und auch meiner Familie, nicht den Stempel der Kollektivschuld aufdrücken lassen! Ein mieser Versuch der Täter, Mittäter und Nutznießer, sich zu entschulden, indem sie andere mit ins Boot holen. Dadurch fühle ich mich weder Schuldig, noch hege ich einen persönlich Groll und ob Sie es glauben oder nicht, ich hege sogar Sympathien gegenüber dem Israelischen Volk! Ich gehöre vermutlich zu den Wenigen, die die strikte Verfolgung von Nazis gut findet! Das erlaubt mir meines Erachtens einen einigermaßen neutralen Blick! Aber mein Bauchgefühl sagt mir: "Das ist nicht richtig!" ganz einfach! Was ich da zu sehen bekomme, steht den Kriegsverbrechen anderer in NICHTS nach! Keine Historie legitimiert solche Verbrechen! Sorry! Deutschland sollte einen harten Cut machen und auf Distanz gehen!

Markus Michaelis | So., 10. Mai 2026 - 15:46

Ich kann "alle" propalästinensischen Argumente verstehen, Argumente dagegen auch. Was mich hier interessieren würde, wäre mal isoliert die innere Logik der palästinensischen Sicht, was davon die eigene Sache eher stärkt, was schwächt.

Das Argument, dass dieses Land seit unzähligen Generationen von Palästinensern bewirtschaftet und geformt wird, würde die Ansprüche aller Palästinenser schwächen, die auch erst im 19. oder 20. Jh aus Damaskus oder Kairo eingewandert sind. Das Argument, dass ein palästinensisches Volk auf ewig über die Generationen weitergegeben wird, stärkt gleichzeitig stark den jüdischen Anspruch - dann geht es darum, welche Tonscherbe die unterste war.

Das Argument, dass hier der Stärkere den Schwächeren unterdrückt, würde die Palästinenser auf ewig in die Rolle des Unterdrückten zwingen. Sobald sie selber stark wären, würden sie ins Unrecht fallen (oder hätten die Pflicht einen Platz für andere mitzudenken; ob es reicht bestimmen andere)?

Markus Michaelis | So., 10. Mai 2026 - 15:53

Das Argument, dass Fremde (Juden seit 1880 oder so) einfach immer mehr in ein Land einwanderten und dieses umformten, würde den Anspruch der Palästinenser im Südlibanon aber auch in vielen Ländern der Diaspora schwächen. Dort will man auch mit allen Rechten einwandern und die Gesellschaften mitgestalten, gleichzeitig als Palästinenser erkennbar und zusammenhaltend bleiben.

All das spricht nicht letztlich für oder gegen die palästinensische oder jüdische Sache. Man muss auch nicht alle Fragen beantworten - nichts ist in sich widerspruchsfrei. Aber da Argumente oft als absolut vorgetragen werden, würde mich die innere Logik dieser Argumente aus palästinensischer Sicht interessieren. Vieles was Israel vorträgt, oder Teilgruppen dort, würde mich auch in der inneren Logik interessieren.

Ganz klar und einfach scheint mir da nichts zu sein - so von außen betrachtet. Aber es heißt ja immer: wer schweigt sei Mittäter. Müssen wir das dann nicht besser verstehen?

Bernhard Homa | So., 10. Mai 2026 - 17:12

Die lächerliche Einseitigkeit der Autorin haben andere Foristen schon aufgespießt. Doch auch an den Aussagen zu den Historikern Bartov und M. Zimmermann stimmt praktisch nichts:
1.) Beide sind keineswegs „nur“ Holocaustforscher, sondern publizieren seit langem zur isr. Geschichte – und werden eben deswegen zum Israel-Palästina-Konflikt interviewt.
2.) Vergleich Israel – NS-Staat: für diese steile Behauptung hat die Autorin hoffentlich Belege. Vielmehr kritisieren beide umgekehrt seit langen die politische Instrumentalisierung des Holocaust durch – Überraschung! – Netanjahu und die isr. Rechte.
3.) Keiner von beiden hat auch nur im Ansatz den Hamasterror gerechtfertigt, im Gegenteil. Und mindestens Zimmermann kritisiert sogar teilweise postkoloniale Israel-Deutungen.
Fazit: ein weiterer von vielen Artikeln, durch welche die Redaktion ihr ideologisch borniertes Weltbild bzgl. Nahostkonflikt zu retten versucht – erfolglos freilich, denn die eigene Leserschaft ist da schon viel weiter.