Populismus in Europa - Links und Rechts teilen das Feindbild

In Europa wachsen die Ränder zusammen: Während in Griechenland Links- und Rechtspopulisten paktieren, gehen in Dresden Anhänger von AfD und Linkspartei auf die Straße. Was haben extrem Links und extrem Rechts gemeinsam? Sie beide verbindet Wut, Antiamerikanismus und die Furcht vor dem Neuen

In manchem stehen sich Links und Rechts nahe: Der neue griechische Premier Tsipras mit seinem rechtspopulistischen Koalitionspartner, Panos Kammenos
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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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„Lechts und rinks“, wusste schon der Sprachdadaist Ernst Jandl, „kann man leicht velwechsern“. Diese Nähe der beiden politischen Extreme erweist sich aktuell in Griechenland. Dort kratzte der linksradikale neue Regierungschef Alexis Tsipras seine für die Syriza-Regierung nötigen paar Sitze im Parlament mit der rechtspopulistischen Splittergruppe Anel („Unabhängige Griechen“) zusammen. Im Ziel war man sich sehr schnell einig: Schluss mit dem Spardiktat aus Brüssel und Berlin. 

Das Bündnis in Griechenland ist der augenscheinlichste, aber nicht der einzige Hinweis darauf, dass sich unter dem Schirm des Populismus in Europa derzeit politische Kräfte der beiden Pole sammeln. Auf Deutschland bezogen heißt das: Die Ähnlichkeiten von AfD und Linkspartei und ihren Anhängern sind größer als manchen der Verantwortlichen bewusst und lieb ist.

Da ist zum einen eine diffuse Xenophobie, eine Furcht vor allem Neuen, vor allem Unbekannten. Auf diese diffuse Angst hat seinerzeit schon Linksaußen Oskar Lafontaine gesetzt, als er ganz überlegt sein Wort von den „Fremdarbeitern“ platzierte, die deutschen „Familienvätern und Frauen“ die Arbeitsplätze wegnehmen. Neu, fremd und deshalb abzulehnen sind auch Lebensformen, die sich von den eigenen unterscheiden. 

Wut auf das Establishment
 

Die Furcht vor dem Neuen und Unbekannten richtet sich aber nicht nur gegen Menschen anderer Herkunft, anderen Glaubens, anderer Hautfarbe, anderer sexueller Orientierung. Sie richtet sich auch gegen alle Neuerungen, die in der Politik „Reformen“ heißen. Am besten soll alles so bleiben wie es ist, besser noch: Wieder so werden wie früher, als eh alles besser war. Dieser vergangenheitsverklärende Konservatismus eint Rechtsaußen wie Linksaußen. Es eint auch das nur auf den ersten Blick seltsame griechische Bündnis.

Verbindend wirkt weiterhin die wirre Wut auf die da oben, auf den real existierenden Staat, auf die Regierung, auf den so genannten Mainstream, auf das politische Establishment. Aus dieser wirren Wut speist (oder speiste) sich der Zulauf zu Pegida in Dresden. Aus einem ohnmächtigen Gefühl der vermeintlichen Unterdrückung speisen sich auch die vielen hasserfüllten und schlechtgelaunten Kommentare unter Online-Artikeln, die alle mit geschwollener Halsschlagader und hochrotem Kopf in den Computer gehackt zu sein scheinen. Jedenfalls lesen sie sich so.   

Schließlich verbindet ganz links und ganz rechts ein Antiamerikanismus und damit einhergehend einem Antikapitalismus (Banken sind böse), beides gerne auch gestützt von einem latenten Antisemitismus. Deshalb ist der Mann, auf den sich beider Blicke sehnsüchtig richten: Wladimir Putin. Er ist die Gegenfigur zu dem System, das man ablehnt. Und hier wird die Sache richtig gefährlich für die Grundfesten der europäischen Demokratien. Denn Russlands Präsident schürt nachweislich diese wirre Wut in Europa, in dem er etwa den Front  National finanzieren lässt. Geschürt wird diese Wut auch, indem das  Netz systematisch mit Propaganda zum Ukraine-Krieg geflutet wird. Das Ziel ist dabei das gleiche wie seinerzeit die Unterstützung der RAF durch die Stasi: Die Kräfte zu stärken, die das System der westlichen Demokratien zu schwächen imstande sind.   

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