Aufklärung des Islam - Muslime dürfen sich nicht vor der Freiheit fürchten

Nie war die Aufklärung des Islam so notwendig wie heute. Abdel-Hakim Ourghi fordert deshalb eine Selbstkritik der Muslime. Dazu gehöre unter anderem, den Korantext historisch einzuordnen und Kritik am Propheten üben zu dürfen

Der Islam sei von zahlreichen Dogmen und Tabus geprägt, schreibt Abdel-Hakim Ourghi / picture alliance

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Der Autor leitet den Fachbereich Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg im Breisgau. Anfang September 2018 erscheint im Claudius-Verlag sein Buch «Ihr müsst kein Kopftuch tragen. Aufklären statt Verschleiern».

 

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Im Jahr 1930 schrieb der syrisch-libanesische Autor Schakib Arslan ein Buch mit dem Titel „Warum sind die Muslime zurückgeblieben, und warum kamen andere voran?“ Diese herausfordernde Frage stellt sich heute mehr denn je. 2002 diagnostizierte Abdelwahab Meddeb dem Islam einen pathologischen Zustand, eine Krankheit, die in seinem Körper wüte. Diese hausgemachte Krankheit bedarf mehr denn je eines innerislamischen Therapieprozesses auf der Basis eines Aufklärungsprogramms. Und tatsächlich ist das Weltbild der Muslime durch Herrschsucht, Zerstörungslust, Radikalität und Gewalt gekennzeichnet.

Niemals war die Aufklärung des Islam so sehr notwendig wie in der heutigen Situation. Sowohl Muslime als auch Nichtmuslime sehen die Dringlichkeit einer Islam- und Selbstkritik. Gewiss bleibt ein europäischer Islam den Grundsätzen der westlichen Moderne fremd, solange er nicht in der Lage ist, die eigene historische Entwicklung seit seiner Entstehung im siebten Jahrhundert kritisch zu hinterfragen. Nun, was bedeutet die Aufklärung des Islam?

Das Gegenteil von Aufklärung
 

Eine Renaissance des Islam, die sich zum Ziel setzt, die Religion in ihrer „ursprünglichen Form“ wieder zu beleben, durch die Rückkehr zum Koran und zur Tradition des Propheten, ignoriert die vielfältige Lebenswelt der Menschen. Auch bequeme Verschwörungstheorien als eine unbewusste Abwehr gegen die westliche Moderne, welche die Anderen für die Identitätskrise des Islam verantwortlich machen, scheinen heute nicht mehr vertretbar. Deren Rechtfertigung, dass die islamische Lehre nur schlecht umgesetzt sei und die Muslime die Verantwortung dafür trügen, stellt ein Verdrängen dar. Der Islam ist nicht von den Taten der Menschen zu trennen, weil jene sich an seinen Grundsätzen orientieren. Und auch die Strömung, welche vehement die westliche Zivilisation unter dem Vorwand des Identitätsverlusts ablehnt, ist zum Scheitern verurteilt.

Unsere Gegenwart ist die eigentliche Epoche der kritischen und reflektierenden Aufklärung, deren zentrale Aufgabe es ist, die islamische Ideengeschichte differenzierter wahrzunehmen. Wir Muslime können uns dadurch aus der historischen Unmündigkeit befreien, wenn wir uns unseres Verstandes ohne Anleitung eines Anderen bedienen. Um Anschluss an die westliche Moderne zu finden, ist es heute eine Notwendigkeit, dass Muslime ihren Glauben ohne Tabus, Denkverbote und Dogmen reflektieren.

Es braucht Mut
 

Die Aufklärung als Reformationsprogramm ist kein Übergang von einem Zustand in einen anderen. Sie ist ein „Ausgang“ im Sinne einer geistigen Bewegung, durch die die Muslime zum Gebrauch der Vernunft in ihrer Religion ermutigt werden. Das muslimische Individuum emanzipiert sich, es wird zum Akteur der Selbstbestimmung seiner religiösen Identität. Durch den Akt der freien Wahlentscheidung wird der Zeit der unüberlegten Nachahmung, die noch seine Gegenwart bestimmt, ein Ende gesetzt. Um sich selbst von der aus der Vergangenheit vererbten Identität zu lösen, benötigen die Muslime Mut.

Der Aufruf zur Renaissance des religiösen Diskurses ist nichts anderes als eine pointierte Akzentuierung der Freiheit des Individuums. Deshalb dürfen die Muslime sich nicht vor der Freiheit fürchten und vor ihr flüchten. Denn nur mit ihr kann der „ewige Frieden“ des Islam beginnen.

Dabei ist zwischen dem Selbstgebrauch der Vernunft und der Fremdbestimmung durch die Islamgelehrten zu unterscheiden. Die Aufklärung des Islam wird sich im Spannungsverhältnis zwischen der „Regierung des Selbst“ und der „Regierung der Anderen“ vollziehen. Die „Regierung der Anderen“ besteht darin, dass Muslime ohne den Gebrauch des eigenen Verstandes gemäß der Interpretationen früherer Islamgelehrter leben. Und die „Regierung des Selbst“ bedeutet in erster Linie, dass die Religion eine private Angelegenheit ist.

Gleichheit von Nichtmuslimen muss anerkannt werden
 

Dadurch trennt sich die Vernunft vom Gehorsam gegenüber religiösen Instanzen. Die Mündigkeit des Selbst beinhaltet auch die Autonomie des Korantextes und die Freiheit seiner Auslegung. Besonders durch die Vielfalt der zeitgenössischen Lesarten jenseits politischer Interessen können die Menschen selbst neu verstehen und entdecken.

Die Aufklärer können die Menschen von der Macht des konservativen Islam befreien, wie etwa von jener der muslimischen Dachverbände, wie DITIB und dem Zentralrat der Muslime. Die Aufgabe liegt darin, erstens auf die Defizite der kollektiven Identität im konservativen Islam hinzuweisen. Und zweitens, die Autonomie der Menschen in ihrem Denken und Handeln durch die Anwendung der kritischen Vernunft zu betonen. Zunächst einmal heißt es, mit dem Dogma zu brechen, dass Nichtmuslime „Ungläubige“ seien. Man müsste anerkennen, dass andere Religionen auf Augenhöhe stehen und prinzipiell als gleichwertig anzusehen sind. Auch sollte das Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass alle Menschen gleich frei sind und die gleichen Rechte besitzen.

Vier Reformvorschläge
 

Die Islamkritik zielt auf vier Sachverhalte ab. Erstens: gegenüber dem medinensischen Korantext mit seiner Legitimation zur Gewalt gegen Nichtmuslime oder zur Unterdrückung der Frauen. Solche Koranvorschriften entsprechen dem Geist der damaligen Situation, in der Muḥammad als Staatsmann einer irdischen Gemeinde in Medina situationsbedingte Koranstellen verkündete, die nur in ihrem historischen Wirkungskontext zu verstehen sind. Zweitens: gegenüber dem dogmatischen Prophetenbild, dessen Kritik von vielen Muslimen als Kränkung aufgefasst wird. Der Prophet war ein fehlbarer Mensch, der als Staatsmann dringender denn je kritisch zu betrachten ist. Drittens: gegenüber den Aussagen, die dem Propheten nach seinem Tod aus ideologischen Gründen zugeschrieben wurden und die seiner ursprünglichen Lehre in großen Teilen widersprechen. Viertens: gegenüber der herkömmlich-klassischen Wissenstradition, die in anderen Zeiten gedacht wurde und die Menschen in ihrer Mündigkeit einschränkt.