Der Cellist Sergej Roldugin links) verwaltete Putins MilliardenvermögenDer Cellist Sergej Roldugin (links) soll Putins Vermögen verwaltet haben
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Roldugin, Gergiev, Frey und die Panama-Papiere - Künstler von Putins Gnaden

Putins Propaganda-Arm reicht bis in die westeuropäische Kulturprovinz: Bereits im Mai 2015 fragte Cicero, warum der Linzer Intendant Hans-Joachim Frey so gern Propaganda für Wladimir Putin macht und wie sein Verhältnis zu Putins Vertrautem Sergej Roldugin ist. Der spielt, das wissen wir heute, eine Schlüsselrolle in den Panama-Papieren

Autoreninfo

Axel Brüggemann ist Musikjournalist und lebt in Bremen. Zuletzt erschien der von ihm herausgegebene Band „Wie Krach zur Musik wird“ (Beltz&Gelberg-Verlag)

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In der Klassik-Welt ist der Cellist und Dirigent Sergej Roldugin weitgehend unbekannt. Heute, nach Veröffentlichung der Panama-Papiere, wissen wir, dass er neben der Musik noch andere Begabungen hat. Roldugin ist nicht nur einer von Wladimir Putins wichtigsten Vertrauten, sondern hat auch Überweisungen in Panama unterschrieben – die „Süddeutsche“ hält ihn für einen der wichtigsten Vasallen des Kremls.

Mir persönlich ist Roldugin im Konzertleben nie begegnet. Zum ersten Mal ist er mir in einer Recherche für den Cicero untergekommen, das war im März 2015. Damals habe ich über die politischen Verstrickungen in der Welt der Klassik geschrieben, darüber, wie Star-Dirigent Valery Gergiev in München für Putin trommelt, und dass der Kreml-Chef längst auch an anderen Orten die westeuropäische Kulturszene mitgestaltet. Dabei bin ich zunächst auf die Rolle des ehemaligen Bremer Intendanten und den Chef des Semperopern-Balls in Dresden gestoßen, auf Hans-Joachim Frey.

Hans-Joachim Frey fühlt sich in Russland zuhause


2013 wurde Frey gegen das Misstrauen des Linzer Vizebürgermeisters zum Chef des Brucknerhauses ernannt. Regelmäßig hatte er auf seiner Facebook-Seite erfundene Propaganda-Nachrichten einschlägiger Lügen-Seiten gepostet, etwa angebliche Beweise, dass russische Soldaten nichts mit den Kämpfen auf der Krim zu tun hätten. Irgendwann hat Frey diese Links gelöscht, stattdessen postete er russische Busse, die mit seinem Konterfei durch die Gegend fuhren. Österreichischen Zeitungen erklärt er gern, dass der Westen in Sachen Putin „sehr viel dämonisiere“. Offensichtlich ist Russland seit einiger Zeit die wahre Heimat des Intendanten.

Angefangen hat diese Freundschaft 2009, als Frey Putin auf dem Semperopern-Ball kennenlernte. Etwas später lief es im Leben von Hans-Joachim Frey nicht wirklich gut: Er musste das Theater Bremen verlassen, nachdem er hier Millionenschulden angehäuft hatte. In Deutschland und Westeuropa galt der Mann, der einst antrat, das Musiktheater durch Sponsoren zu finanzieren, als weitgehend gescheitert. Aber Frey konnte sich auf seinen neuen Männerfreund verlassen, Putins Kultur-Lobby fütterte ihn durch. Zunächst erhielt Frey Regieaufträge im sibirischen Ulan-Ude und in Irkutsk am Baikalsee. Das Propaganda-Organ „Russia Today“ lobte die Inszenierungen des „bekannten deutschen Regisseurs“, der hierzulande allerdings noch nie durch Regiearbeiten aufgefallen war.

Panama-Papiere werfen Fragen auf


Dann kam Linz. Und Putins neuer Freund hatte die Gelegenheit, sich bei seinem Retter zu revanchieren. Und das tut er bis heute nicht allein durch seine offenen Bekenntnisse zum russischen Staatschef, sondern auch, indem er regelmäßig dessen besten Freunde nach Linz einlädt. Im Cicero schrieben wir damals: „So hat Frey den aus Riga stammenden Dirigenten Sergej Roldugin an das Brucknerhaus verpflichtet. Dieser ist Taufpate von Putins Tochter Maria und feiert gern das Macho-Image des Präsidenten. In US-Zeitungen berichtet Roldugin, wie er mit dem jungen Wladimir in die Kirche ging, von Jugendlichen um eine Zigarette angeschnorrt und angegriffen wurde, woraufhin Putin einen der Jungen mit einem beherzten Judogriff aus dem Weg räumte. ‚Ich mochte die Art, wie er sich verteidigte’, schwärmt Roldugin.“

Freys langjährige Loyalität zum Kreml und seinem Lieblingskünstler wurde inzwischen erneut belohnt. Er wurde vom russischen Präsidenten persönlich mit dem etwas operettenhaften Titel „Botschafter für russische Kultur“ ausgestattet. Seither lädt Frey regelmäßig Klassik-Künstler, wichtige Intendanten und Meinungsmacher der Kultur zu Gesprächen und in Wettbewerbsjurys nach Russland ein und zeigt ihnen die Schönheit Moskaus.

Spätestens jetzt, nach der Enthüllung der Panama-Papiere, gibt es Anlass für Linz und seine Kulturpolitiker, sich zu fragen, ob sie mit Hans-Joachim Frey tatsächlich einen Brückenbauer zwischen Ost und West engagiert haben oder nicht doch einen eher mittelmäßigen Künstler, der allein von Putins Gnaden lebt. Der Fall Putin-Frey-Roldugin zeigt auf jeden Fall eines: Es sind nicht nur die Gérard Depardieus oder die Valery Gergievs, mit denen Putin kulturpolitische Stimmungen erzeugt – der Arm des Kremls reicht auch in die westeuropäischen Kulturprovinzen. 

Lesen Sie die Geschichte „Hofmusikanten - Fideln für die Scheichs, dirigieren vor Diktatoren“ hier.

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