- Wie Manuela Schwesig ein „unabhängiges“ Gutachten manipulierte
Am Freitag muss Manuela Schwesig im Untersuchungsausschuss zur „Klimastiftung“ aussagen. Brisante Recherchen zeigen, dass Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin die Auflösung der Stiftung verhinderte – offenbar, um ihr Gesicht zu wahren.
Manuela Schwesig ist ein Profi. Es gab Zeiten, da trauten Experten der ehemaligen Bundesfamilienministerin die Kanzler-Kandidatur zu. Ein Geheimnis ihres Erfolges ist ihre Volksnähe. Ein anderes ihr Geschick, mit Krisen umzugehen.
Ein Russlandtag 2018 in Rostock, während Russlands Präsident Wladimir Putin im Donbas Krieg führt? Bei Kritik daran verweist Schwesig auf ihren Amtsvorgänger Erwin Sellering, der das Format Jahre zuvor ins Leben gerufen hat. Eine von Gazprom geplante 20 Millionen Euro schwere Stiftung, um Nord Stream 2 zu vollenden? Die Ministerpräsidentin schiebt ihren Innenminister als Verantwortlichen vor. Eine politisch brisante Steuerakte über diese Stiftung, die im Kamin verbrennt? Manuela Schwesig will davon erst aus den Medien erfahren haben.
Manuela Schwesig, die am Freitag im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Schwerin aussagen muss, muss nun womöglich die nächste Krise meistern. Recherchen für das Buch „Nord Stream. Wie Deutschland Putins Krieg bezahlt“ zeigen: Schwesig hat ein unabhängiges Experten-Gutachten zur Klimastiftung vor der Veröffentlichung anpassen lassen. Gleich mehrere Passagen in dem Gutachten wurden gestrichen. Offenbar waren sie der Ministerpräsidentin politisch zu heikel.
Eine Klimastiftung wird zum Problem
Rückblick: Deutschland im April 2022. Nach Putins Kriegseskalation kann auch Schwesig nicht in Abrede stellen, dass Nord Stream 2 nie ein rein privatwirtschaftliches Projekt war. Ihre Klimastiftung ist für sie nun zum Problem geworden. Schwesig hatte das Stiftungskonstrukt im Januar 2021 gegründet, um mögliche US-Sanktionen gegen den Bau der Pipeline abzuwehren. Rund 200 Millionen Euro sind von Gazprom durch die Stiftung in den Pipelinebau geflossen. Der Trick: Der angebliche Hauptzweck ist der Klimaschutz, womit die Stiftung vordergründig gemeinwohlorientiert ist. Ein wirtschaftlicher Geschäftsbetrieb als angeblicher Nebenzweck hatte der Fertigstellung der Pipeline gedient.
Im Frühjahr 2022 dürfte die Staatskanzlei in Schwerin diese eine Frage umtreiben: Was tun, um das Image der Ministerpräsidentin zu retten? Schwesig entscheidet sich für die Flucht nach vorne. Sie kündigt einen russlandpolitischen Kurswechsel an. „Die Klima- und Umweltstiftung MV wird aufgelöst“, verspricht sie damals via Twitter, heute X.
Doch es gibt ein Problem. Der rechtliche Rahmen für eine Auflösung ist eng. Schwesig, selbst keine Juristin, beauftragt die Hamburger Rechtsprofessorin Birgit Weitemeyer als Gutachterin. Weitemeyer soll als unabhängige Expertin zeigen, wie die Stiftung rechtskonform beendet werden kann. Für einen Stundensatz von 300 Euro und eine Höchstvergütung von 10.000 Euro soll Birgit Weitemeyer der Politikerin in ihrem außenpolitischen Kurswechsel helfen.
Weitemeyer, Lehrstuhlinhaberin an der privaten Bucerius Law School in Hamburg, macht sich an die Arbeit. Am 4. Mai 2022, gut fünf Wochen nach Vertragsunterzeichnung für das Gutachten, kommt die Expertin nach Schwerin. In einer Pressekonferenz präsentiert sie die Ergebnisse. Sie möchte betonen, sagt Weitemeyer gleich zu Beginn, dass sie „keine Gefälligkeitsgutachten erstelle“. Manuela Schwesig wirkt zufrieden. Während Weitemeyer spricht, veröffentlicht die Ministerpräsidentin ein Foto des Gutachtens. Danach sagt Schwesig selbst in die TV-Kameras: „Frau Professorin Weitemeyer hat ihr Gutachten heute vorgestellt. Und ich bin froh, dass es jetzt vorliegt.“
Politisch brisante Passagen
Was die Öffentlichkeit nicht erfährt: Schwesig liegt das Gutachten nicht erst „jetzt“ vor. Die Rechtsprofessorin hat vor der offiziellen Präsentation per Video-Call in kleiner Runde, darunter Manuela Schwesig, das Gutachten vorab präsentiert. Am 4. Mai 2022 stellt Weitemeyer ein Gutachten vor, das an wichtigen Stellen überarbeitet wurde. Eine frühere Version enthält für die Ministerpräsidentin politisch brisante Passagen.
Die Rechtsprofessorin schreibt in der nicht veröffentlichten Originalfassung ihres Gutachtens: Nord Stream 2 sei ein Symbol für die prekäre Lage, „die Deutschland durch die zunehmende Abhängigkeit von russischem Gas für die Stromerzeugung in Kauf genommen hat, obwohl bereits seit 2014 deutlich wurde, dass Russland territoriale Bestrebungen in die Ukraine hatte“. Andere Staaten seien „weit weniger abhängig von russischen Gaslieferungen“, so die Gutachterin.
In der Gutachten-Variante, die der Öffentlichkeit am 4. Mai 2022 vorgelegt wurde, fehlen diese und weitere Passagen. In dem Original-Gutachten hatte die Jura-Professorin mehrere Möglichkeiten vorgeschlagen, wie die Klimastiftung beendet werden könne. Ein Weg, der in der uns vorliegenden vorherigen Originalfassung noch enthalten ist, sieht vor: Die Stiftung könne aufgehoben werden, weil ihre Gründung sittenwidrig gewesen sei. Denn die Stiftung habe den Zweck verfolgt, Nord Stream 2 fertigzustellen, obwohl Putin bereits völkerrechtswidrig die Krim annektiert hatte und seine territorialen Bestrebungen erkennen ließ. Schwesig soll bei dem Treffen in kleinem Kreise die Löschung auch dieser Passage gefordert haben, heißt es aus dem Teilnehmerkreis.
Hatte die Politikerin Angst vor Gesichtsverlust? Sinngemäß habe Schwesig begründet, die Passage sei politisch für sie nicht haltbar. Sie sei damals doch wirklich vom „Wandel durch Handel“ überzeugt gewesen und habe keine sittenwidrigen Absichten gehabt, habe sie beteuert. In der veröffentlichten Fassung steht plötzlich, „spätere Änderungen der tatsächlichen Verhältnisse“ würden die Gründung erst im Nachhinein sittenwidrig erscheinen lassen. Das passt zu Schwesigs Kurs: Seit 2014 hatte sie sämtliche Warnungen vor einer Kriegseskalation aus der Ukraine ignoriert. Nach dem 24. Februar 2022 rechtfertigte sie sich in der Öffentlichkeit, die Stiftungsgründung sei nur „mit dem Wissen von heute“ fragwürdig.
Das Anstandsgefühl und die guten Sitten
Eine weitere Änderung im Kontext der Sittenwidrigkeit, die Weitemeyer nach Schwesigs Anweisung aus dem Gutachten gelöscht haben soll, zeigt, dass die Ministerpräsidentin offenbar nicht bereit war, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um ihre umstrittene Stiftung wirklich zu beenden. Weitemeyer verweist im Originalgutachten auf den Präzedenzfall Markus Gäfgen. Im Jahr 2006 sorgte Magnus Gäfgen für bundesweite Entrüstung. Der verurteilte Mörder des Bankierssohns Jakob von Metzler wollte aus dem Gefängnis heraus eine Stiftung für misshandelte Kinder gründen. Gäfgen wollte, dass die Stiftung seinen eigenen Namen trägt. Die Stiftungsaufsicht in Rheinland-Pfalz verbot ihm die Gründung zunächst unter Verweis auf „das Anstandsgefühl und die guten Sitten“.
Als Weitemeyer in der Vorab-Gesprächsrunde in Schwerin auf den Präzedenzfall Gäfgen verwies, soll Schwesig empört reagiert und geweint haben. Der Grund: Schwesig bekam 2007 erstmals bundesweite Aufmerksamkeit, als ein Fall schwerer Kindesmisshandlung das Land erschütterte. Sie war damals SPD-Fraktionsvorsitzende im Schweriner Stadtrat, als ein junges Mädchen verhungert war, deren Eltern es über Monate nicht ausreichend ernährt hatten. Schwesig setzte sich damals vehement für die Aufklärung des Falls ein. Ohne diesen Fall wäre sie 2013 wohl nicht Bundesfamilienministerin geworden. Und ausgerechnet ihre Stiftung sollte nun unter Verweis auf den Fall eines Kindermörders beendet werden? Das sei politisch für sie nicht vermittelbar, soll Schwesig sinngemäß gesagt haben – und die Gutachterin zur Streichung auch dieser Passage aufgefordert haben.
Vielleicht wird sie dazu befragt
Aber warum hat die Gutachterin überhaupt Passagen aus einem unabhängigen Gutachten gelöscht? Sie sagt auf Anfrage, dass „die Ergebnisse einer Begutachtung mit dem Auftraggeber besprochen“ würden, sei normal. Die Passage mit der Sittenwidrigkeit habe sie gestrichen, weil sie ihr „nach reiflicher Überlegung als zu weit hergeholt“ erschienen habe. Auch Manuela Schwesigs Pressesprecher behauptet, die Änderungen seien im Sinne der Gutachterin gewesen.
Seitdem das Gutachten der Rechtsexpertin veröffentlicht wurde, sind mehr als drei Jahre vergangen. Inzwischen hat Schwesigs Landesregierung verkündet, dass die Klimastiftung MV mit den Argumenten aus Weitemeyers Gutachten nicht beendet werden könne. Die Vorschläge zur Aufhebung der Klimastiftung aus der Original-Version des Rechtsgutachtens wollte die Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns nicht in Erwägung ziehen. Vielleicht wird sie zu diesen Vorgängen am Freitag als Zeugin, die im Untersuchungsausschuss in Schwerin aussagen muss, befragt.
Steffen Dobbert und Ulrich Thiele sind Autoren des Spiegel-Bestsellers „Nord Stream. Wie Deutschland Putins Krieg bezahlt“ (Klett-Cotta, 18 Euro)
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Was und für wen soll dabei etwas herauskommen? Mit u. ohne angeblich unabhängige Gutachten, in denen letztendlich genau das drinsteht wofür man mit einem entsprechenden Honorar zahlte, weiß man doch mittlerweile, dass Frau Ministerpräsidentin Schwesig wie alle anderen daran Beteiligten, Annektierung hin o. her, das Geschäft geht schließlich vor!, nur nach bestem Wissen u. Gewissen gehandelt hat. Was eine solche Veranstaltung, die der Aufdeckung von damit in Zusammenhang stehenden Unregelmäßigkeiten dient u. meist ausgeht wie das "Hornberger Schießen", so unnötig erscheinen lässt wie ein Kropf. Oder hat sich ohne mein Wissen an der Praxis "Die kleinen Ganoven enden am Strick, die großen lässt man laufen" zwischenzeitlich etwas geändert?
Außerdem weiß man ja inzwischen sogar den politischen
Gegner auf seiner Seite was billiges Gas u. Öl von unserem ehemals besten Lieferanten angeht. Was man inzwischen geläutert, mit höchster Empörung von sich weisen würde sollte dies
jemand ansprechen!
dann ist es ihr eigenes Interesse u. ihr Image. Nicht das Wohl des Volkes, dem zu dienen sie geschworen haben, steht im Mittelpunkt all ihres
Strebens, sondern ihr eigenes.
Dieses Faktum ist der Grund dafür, daß so schrecklich Vieles falsch läuft in Deutschland und überall auf der Welt.
Frau Schwesig ist keine Ausnahme, sondern der Regelfall.
Niemand steht mehr gerade für gravierende Fehler, die er begangen hat.
Da wird lieber gelogen und getrickst, was das Zeug hält, als daß jemand zugibt: "Ich habe - aus welchen Gründen auch immer - Fehler gemacht, die großen Schaden angerichtet haben, und ich übernehme die Verantwortung dafür, indem ich jetzt jemand anders meine Arbeit erledigen lasse."
Frauen sind in diesem Punkte keinen Deut besser als Männer. Man denke nur an die Teflon-Frau
von der Leyen.
Ob nun Politik den Charakter verdirbt o. ob nur verdorbene Charaktere überhaupt in hohe politische Ämter gelangen, ist letztlich egal.
In jedem Falle sind die Bürger die Dummen!
Als hätte jemals ein Untersuchungsausschuss Folgen für die betroffenen Personen gebracht. Eine unabhängige Rechtsprofessorin ändert auftragsgemäß ihr Gutachten? Das ist doch völlig normal. Wer bezahlt bestimmt den Inhalt der Botschaft. Wir erleben etwas medialen Theaterdonner und das war es. Obwohl diese Frau vor ein ordentliches Gericht gehört und ihre Pensionsansprüche entzogen gehören, wird da gar nichts passieren. Und diese Rechtsprofessorin wird auch das nächste Mal behaupten, sie mache keine Gefälligkeitsgutachten. Ja, ja schon klar.
Unser älterer Sohn hat sich schon sehr früh dazu entschlossen, die Politik und - vor allem - die Politiker nicht ernst zu nehmen und sich lieber mit angenehmeren und wichtigeren Themen als Politik zu beschäftigen. Früher habe ich ihm Vorwürfe deshalb gemacht. Inzwischen weiß ich:
Er ist klüger als ich und hat sich richtig entschieden.
... eine schöne, charmante und kluge Frau, nur sie ist in der falschen Partei. Auf diese Weise vergeudet sie ihr politisches Talent. Das ist schade, denn sie ist auch eine Ostdeutsche. In der SPD wird sie nichts mehr, auch nicht nochmal Ministerpräsidentin, denn die SPD wird bei den Wahlen in MeckPomm total abschmieren. Die AfD wird in MeckPomm stärkste Partei. Das scheint sonnenklar. Die SPD wird mit der Linken nicht nochmal eine Koalition bilden können. Es wird schwierig für ein stabile Regierung. Die Schwesig hat sich zu ihrem Nachteil in eine Parteisoldatin der SPD verwandelt, oder besser: verwandeln lassen. Jetzt wird sie in der Partei "verwurstet". Sie tut mir schon ein bisschen leid. Arme Manuela! Aus der Traum.
... eine schöne, charmante und kluge Frau, nur sie ist in der falschen Partei. Auf diese Weise vergeudet sie ihr politisches Talent. Das ist schade, denn sie ist auch eine Ostdeutsche. In der SPD wird sie nichts mehr, auch nicht nochmal Ministerpräsidentin, denn die SPD wird bei den Wahlen in MeckPomm total abschmieren. Die AfD wird in MeckPomm stärkste Partei. Das scheint sonnenklar. Die SPD wird mit der Linken nicht nochmal eine Koalition bilden können. Es wird schwierig für ein stabile Regierung. Die Schwesig hat sich zu ihrem Nachteil in eine Parteisoldatin der SPD verwandelt, oder besser: verwandeln lassen. Jetzt wird sie in der Partei "verwurstet". Sie tut mir schon ein bisschen leid. Arme Manuela! Aus der Traum.
„Schön, charmant, klug“, Herr Funke? Sie werden ja richtig romantisch! Kennt man gar nicht von Ihren sonst meist recht „forschen“ Beiträgen. Ich finde diese Frau weder schön, noch klug. Zu „charmant“ kann ich nichts sagen. Dafür bin ich zu weit weg von ihr. Sie ist absolut nicht mein Fall. Und ihr Handeln während der Krebserkrankung fand ich daneben. Aber, « chacun a son goût », wie es so treffend auf deutsch heißt, lieber Herr Funke. Aber schön zu sehen, dass Sie nicht nur austeilen, sondern auch regelrecht schwärmen können! 👍
Bin zwar inzwischen ein "alter Knochen", aber immer noch entflammbar. Um die Schwesig ist es tatsächlich schade. Und sie war ja wirklich vor Jahren (vor dem Krebs) eine optische Schönheit in der Politik. In der SPD kann sie jetzt nichts mehr werden. Die SPD ist im Grunde politisch tot, hält sich nur noch mit Machtspielchen und Tricks über Wasser. Aber nun hat sie ja mit dem eitlen Gecken Merz einen idealen Sparringpartner gefunden. Den führt sie wie eine Handpuppe vor. Wie gesagt, schade um die Manuela. Wenn sie ´s kapiert hat, wird der Zug abgefahren sein. Wer zu spät kommt...
Dank an die beiden Autoren für den kritischen, fundierten Bericht. So sollte Journalismus funktionieren und agieren!
halte ich für aberwitzig. Sie ist eher ein eiskalter Machtmensch. Hochgespült durch Frauenquote, nicht durch besondere Leistungen. Die deutsche Politik wimmelt von solchen Frauen. VdLeyen, Baerbock, Esken, Lang, Bas, Faeser und wie sie alle heißen. So kann ein Land nur den Bach runtergehen.
