Die Mongolei und Covid-19 - Und täglich grüßt der Corona-Weckruf

Bislang ist die Mongolei glimpflich durch die Corona-Pandemie gekommen. Doch die wirtschaftlichen Folgen könnten für das nördliche Nachbarland Chinas noch einschneidend sein. Ob das eine neue Regierung verhindern kann, wird sich nach der morgigen Wahl zeigen.

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Wahlkampfveranstaltung der mongolischen Volkspartei mit Masken und Sicherheitsabstand / Foto: Friedrich-Ebert-Stiftung Mongolei

Autoreninfo

Alexander Schnorbusch (*1986) studierte Philosophie in München und Literarisches Schreiben in Leipzig. Er lebt in Ulan Bator, wo er für den Monsudar Verlag tätig ist und zwei Buchreihen mitherausgibt.

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Alexander Schnorbusch

Der Tag in meinem Viertel von Ulan Bator beginnt um acht Uhr mit einer Lautsprecherdurchsage vom Dach eines öffentlichen Gebäudes. Eine blecherne Frauenstimme weist auf die gegenwärtigen Corona-Beschränkungen hin: Maskenpflicht, Abstand halten, wenn möglich zuhause bleiben. Die Durchsage dauert etwa vierzig Sekunden und ist so laut, dass ich am Wochenende, trotz doppelt verglaster Fenster und Ohropax, davon geweckt werde. Nach dem morgendlichen Corona-Weckruf folgt die Durchsage dann noch zwei weitere Male in gleicher Lautstärke am Mittag und am Abend.  

Morgen wird in der Mongolei ein neues Parlament gewählt. Es kommt daher vor, dass zeitgleich zu der Corona-Durchsage auch noch ein Lautsprecherwagen mit der Tonband-Stimme eines Politikers vorbeifährt. Meistens handelt es sich dabei um einfache Kombis oder Minivans mit aufmontierten Boxen. Die Fahrer können die Lautstärke so weit aufdrehen, wie sie wollen – gegen die Corona-Durchsage kommen sie derzeit nicht an. Offen gesagt: Ich habe mich längst daran gewöhnt und bin froh, derzeit in Ulan Bator zu sein und nicht in, sagen wir, Gütersloh. 

Die dramatische Geschichte des mongolischen „Fall Null“ 

Der erste Corona-Fall wird in der Mongolei am 10. März bestätigt. Ein 57-jähriger französischer Staatsbürger und Mitarbeiter des Orano-Konzerns, der im Südosten der Mongolei zwei Uran-Minen betreibt, wird positiv auf das Virus getestet. Nachdem der Mann bereits am 2. März in Ulan Bator gelandet ist, treten fünf Tage später die ersten Symptome auf. Eigentlich sollte er sich zu diesem Zeitpunkt in Quarantäne befinden, denn seit dem 4. März gilt in der Mongolei für alle Einreisenden und kürzlich Eingereisten eine 14-tägige Quarantäne-Pflicht. Stattdessen geht der 57-jährige normal seiner Arbeit nach, isst mittags bei KFC, besucht Geschäfte und Restaurants. Am 7. März befindet er sich dann bereits in der Dorno-Gobi Provinz, wo er nach einer ärztlichen Untersuchung erneut aufgefordert wird, sich zu isolieren. Wieder missachtet der Mann die Anweisung, womit die Gesamtzahl seiner Kontakte auf insgesamt 500 steigt. 

Drei Tage später liegen die Testergebnisse vor und das mongolische Gesundheitsministerium informiert die Öffentlichkeit. Sämtliche Medien berichten, auch die Details werden bekannt. Nun dauert es nicht lange, bis sich der volle Name des Mannes und verschiedene Fotos über die sozialen Medien verbreiten, oft verbunden mit Vorwürfen, Beschimpfungen, vereinzelt auch Morddrohungen. Der französische Botschafter tritt vor die Presse, um an die Persönlichkeitsrechte des 57-Jährigen zu erinnern und seine Sorge um Leib und Leben seiner Landsleute in der Mongolei zum Ausdruck zu bringen. Der Auftritt des Botschafters kommt, vorsichtig ausgedrückt, nicht gut an. Keine Entschuldigung für die Achtlosigkeit seines Landsmannes? Keine Sorge um die Gesundheit der Mongolinnen und Mongolen? Während viele Unternehmen ihre ausländischen Mitarbeiter nicht mehr allein auf die Straße lassen, stellt sich dann auch noch heraus, dass die Krankheit bei dem Franzosen einen schweren Verlauf nimmt – und keiner seiner internationalen Kollegen bereit ist, ihn aus Dorno Gobi zurück nach Ulan Bator zu begleiten.   

Doch was beginnt wie ein schlechter Traum, endet ausnahmsweise gut, ja fast wie im Märchen. Zwei Mongolen transportieren den Franzosen zurück in die Hauptstadt, wo der Chefarzt der Klinik die ganze Nacht an seinem Bett wacht. Verschiedene Medien berichten, dem Franzosen tue sein Verhalten furchtbar leid. Auf Facebook werden damit die versöhnlichen Stimmen, die es von Anfang an gab, zahlreicher. Als kurz darauf der Brief einer mongolischen Fünftklässlerin auftaucht, in dem sie dem Franzosen von ganzem Herzen gute Besserung wünscht, und als sich dann nun auch noch herausstellt, dass jener trotz  seiner Achtlosigkeit offenbar niemanden angesteckt hat, gewinnen in den sozialen Medien endgültig Mitgefühl und Zuversicht die Oberhand, und der Franzose erhält den optimistischen Beinahmen „Ankh-Otgon“: Der erste und der letzte.  

Erfolgreiche Corona-Eindämmungspolitik 

Soweit die Geschichte des mongolischen „Fall Null“, die auch eine kleine Geschichte der sozialen Medien in der Mongolei ist. Der inzwischen genesene Franzose wurde seinem Beinamen nicht ganz gerecht. Doch ist die Gesamtzahl der Infizierten auf lediglich 206 gestiegen, fast alle „importiert“, bei drei Millionen Einwohnern und immerhin knapp 21.000 durchgeführten Tests. Die meisten Infizierten sind repatriierte Studenten aus Russland, China, Südkorea, den USA und Europa. Offiziell ist bislang niemand an Covid19 gestorben. Die Frage nach der Dunkelziffer stellt sich in der Mongolei als direktem Nachbarland Chinas zwangsläufig. Ein größerer Ausbruch scheint bislang jedoch tatsächlich verhindert worden zu sein. Dafür sprechen zum einen die unauffälligen Todeszahlen im Jahresvergleich. Und dafür spricht zum anderen, dass die Mongolei, was den Zugang zu den sozialen Medien angeht, ein freies Land ist. Lange Schlangen vor Krankenhäusern und Krematorien, Bilder wie aus Wuhan oder Bergamo ließen sich hier niemals lange verheimlichen.  

Die Gründe für den Erfolg der mongolischen Corona-Politik lauten nach Einschätzung vieler Beobachter: Einführung einer allgemeinen Maskenpflicht bereits Ende Januar und somit mehr als einen Monat vor Bekanntwerden des ersten Falles; frühzeitige Schließung der Grenze zum Nachbarland China; rasche Aussetzung aller internationalen Flüge und konsequente Durchsetzung der Quarantäne-Regeln für heimgeholte Mongolen seit Mitte März. Das vergleichsweise geringe Durchschnittsalter der mongolischen Bevölkerung – es liegt bei 27 Jahren im Vergleich zu 44 in Deutschland – könnte ebenfalls eine Rolle spielen.  

Böses Erwachen für die mongolische Wirtschaft? 

So erfolgreich die mongolische Corona-Politik in medizinischer Hinsicht bislang ist: Für die Wirtschaft könnte das böse Erwachen noch kommen. Die Rohstoffexporte in das benachbarte China, die einen erheblichen Teil Prozent der mongolischen Wirtschaftsleistung ausmachen, sind eingebrochen. Kleine und mittelständische Unternehmen stehen vor massiven Herausforderungen. Dabei wäre die hochverschuldete Mongolei eigentlich gerade jetzt auf Wachstum und Devisenströme angewiesen. 

Für umfangreiche Konjunkturprogramme wird im mongolischen Staatshaushalt kaum Spielraum sein. Die meisten Mongolen würden schon aufatmen, wenn Steuererhöhungen und größere Einschnitte im Bildungs- und Gesundheitssystem ausblieben. Noch ist es dazu nicht gekommen. Für die Monate April bis September befreite die Regierung Bürger und Unternehmen sogar von den Sozialabgaben. Zudem erhöhte sie das Kindergeld um von umgerechnet sieben auf zehn Euro im Monat. Wahlgeschenke? Spätestens nach Ende der Sommerpause im September, so glauben viele, geht es ans Eingemachte.  

Viele unabhängige Kandidaten bei den morgigen Wahlen 

Die mongolische Demokratie entwickelte sich über das letzte Jahrzehnt immer stärker zu einem Zwei-Parteien-System, in dem sich die Mongolische Volkspartei (MAN) und die Demokratische Partei (AN) an der Macht abwechseln. Zusammengenommen lesen sich die beiden Parteikürzel „MANAN“: Das mongolische Wort für „Nebel“. Die Ubiquität dieses Wortspiels vor großen Wahlen korrespondiert dieses Mal mit einer ungewöhnlich hohen Anzahl unabhängiger Kandidatinnen und Kandidaten, die es mit den beiden großen Parteien aufnehmen wollen. 201 sind es an der Zahl, obwohl es bei den letzten Parlamentswahlen von damals 69 nur ein einziger ins Parlament schaffte.   

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Mongolische Wahlwerbung / Foto: Alexander Schnorbusch

Der Wahlkampf ist in der Mongolei gesetzlich auf 21 Tage begrenzt. Aufgrund der Corona-Beschränkungen spielen die sozialen Medien in diesem Jahr eine noch wichtigere Rolle als bereits 2016. Einiges deutet daraufhin, dass die Mongolische Volkspartei ihre Mehrheit im Parlament wird verteidigen können. Viele Mongolinnen und Mongolen rechnen der aktuellen Regierung unter Premier Khurelsukh die erfolgreiche Corona-Politik hoch an. Die Tatsache, dass sich erst im vergangenen Jahr 14 Abgeordnete der MAN aus einem Staatsfond für kleine und mittlere Unternehmen bereicherten, tritt demgegenüber gegenwärtig in den Hintergrund. Zuverlässige Prognosen lassen sich wegen Änderungen im Wahlrecht sowie einer Neugliederung der Wahlkreise kaum treffen. Die Entscheidung fällt morgen an den Wahlurnen.  

Anmerkung des Autors: Die Friedrich-Ebert-Stiftung begleitet den Wahlkampf und die Wahl mit einem ausführlichen Fotoblog.

 

 

 

 

 

Bernd Muhlack | Di, 23. Juni 2020 - 18:00

Dieser Artikel fällt ja eigentlich unter die Rubrik "Wissen das die Welt nicht braucht", aber wie sagen die Juristen?
"Jeder Fall liegt anders!"

Mein Bezug zur Mongolei grenzt gegen Null, jedoch habe ich einen Nachbarn aus Nepal; das ist ja nur ein paar Stationen südlicher.
"Nächster Halt: Kathmandu!"

Sujan M; er wurde vor einigen Jahren adoptiert, bastelt just an seinem "Corona-Abitur"; ein Informatiker in spe!

Wie kommt man darauf in der Mongolei zu leben, arbeiten?
Ich habe weltweit etliche Bekannte, in der Mongolei allerdings nicht.

Ob ich das Wahlergebnis verfolgen sollte?
Straßenbeschallung per Lautsprecher erinnert etwas an Orwells 1984, isnt it?
Nun ja, jetzt bin ich zumindest marginal über die Mongolei informiert, warum auch nicht.

Herr Schnorbusch, ich schließe mit Frank Zappa, kennen Sie vielleicht.
Ein Konzert in Austin, Texas:
"Thank you, good night! & the best greetings to the people of mongolia!"
Das sei ihm spontan eingefallen...

Diese LP ist eine Rarität!

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