Karikatur von Osama Hajjaj
Osama Hajjaj

Mit Humor gegen Terror - Wie muslimische Karikaturisten den IS bekämpfen

Muslime hätten keinen Humor, Satire sei ihnen fremd. So ein weit verbreitetes Klischee. Dass das nicht stimmt, zeigen die vielen arabischen Karikaturisten, die sich bissig gegen den sogenannten Islamischen Staat richten. Humor ist ihre ultimative Waffe gegen den Terror

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Katharina Pfannkuch studierte Islamwissenschaft und Arabistik in Kiel, Leipzig, Dubai und Tunis. Sie veröffentlichte zwei Bücher über das islamische Finanzwesen und arbeitet seit 2012 als freie Journalistin. Neben Cicero Online schreibt sie u.a. auch für Die Welt, Deutsche Welle und Zeit Online.

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Terroristen, Kämpfer, Dschihadisten – von Begriffen wie diesen für Mitglieder des sogenannten Islamischen Staates (IS) hält Osama Hajjaj nichts. Für den Jordanier sind die Anhänger der Terrorgruppe, die auf realen und virtuellen Schlachtfeldern für den selbsternannten Kalifen Abu Bakr Al-Baghdadi zu Felde ziehen, nur eins: „Feiglinge“. Ein Wort, aus dem Verachtung spricht. Für die Zerstörungswut des IS, für seine Vereinnahmung islamischer Symbole und für seine Brutalität.

Doch Hajjaj wäre nicht der, der er ist, wenn er dem IS nur mit Worten begegnen würde: Der 41-jährige Karikaturist macht den IS immer wieder zum Thema seiner Zeichnungen. „Ich will diese Leute bloßstellen“, erklärt Hajjaj, „und klar machen, dass der IS nicht den Islam repräsentiert."

Dafür greift er zu einfachen, aber wirkungsvollen Bildern: Da knien fünf Geiseln mit gebeugtem Haupt vor vermummten, ganz in Schwarz gekleideten IS-Anhängern. Vier von ihnen halten Messer in den Händen, einer verliest einen Text. Es ist das mittlerweile auf zynische Weise klassisch anmutende Szenario der Hinrichtungsvideos, die der IS unermüdlich veröffentlicht. Die Körper der knienden Geiseln jedoch bilden in arabischer Schrift das Wort „Islam“. Nicht nur die Vereinnahmung der Religion wird hier sichtbar, Hajjaj stellt auch die muslimischen Opfer des IS in den Fokus, die in der medialen Öffentlichkeit oft untergehen.

Islam ist nicht gleich Terror
 

Muslimen und potentiellen IS-Sympathisanten, aber auch der nicht-muslimischen Öffentlichkeit möchte Hajjaj mit Karikaturen wie diesen zeigen, dass die Terrororganisation nicht synonym für die islamische Religion stehe. In seiner Heimat Jordanien macht er sich mit seinen Karikaturen jedoch nicht nur Freunde:  Zwar habe es nach dem brutalen Mord an dem jordanischen Piloten Mouath al-Kasasbeh einen öffentlichen Aufschrei in der Bevölkerung gegeben, erzählt Hajjaj. „Aber leider gibt es auch hier Menschen, die den IS direkt oder indirekt unterstützen, weil sie glauben, dass dessen Ideologie den ‚wahren‘ Islam repräsentiere.“

Immer wieder erhalte er Morddrohungen – einschüchtern lasse er sich aber nicht: „Freie Meinungsäußerung ist ein Menschenrecht. Menschen daran zu hindern, sich eines solchen Rechtes zu bedienen, ist der Gipfel der Barbarei.“ Fast trotzig veröffentlicht Hajjaj nahezu täglich Karikaturen auf Facebook: „Ich benutze soziale Netzwerke, um so viele Menschen wie möglich zu erreichen und sie dazu zu bringen, sich mit politischen und sozialen Themen zu befassen – auf lustige, sarkastische Weise.“

Humor als ultimative Waffe gegen den Terror der IS? Der ägyptische Karikaturist Hicham Rahma jedenfalls setzt das Lachen ganz bewusst als Motiv ein: Eine seiner Karikaturen zeigt zwei IS-Mitglieder, die sich eine Wassermelone teilen. Als ein dritter hinzukommt, hält der die halbrunden Fruchtstücke in den Mündern seiner Mitstreiter für ein Lächeln – und meint, die beiden der Ungläubigkeit überführt zu haben. Also zögert er nicht lange und erschießt sie.

„Diese Fundamentalisten brauchen für alles Regeln und Verbote. Mit Lachen und Humor können sie einfach nicht umgehen“, erklärt Rahma. Wie sein jordanischer Kollege Hajjaj sieht der 32-jährige Rahma in der freien Meinungsäußerung ein grundlegendes Menschenrecht – und setzt ebenfalls auf soziale Netzwerke als Plattform.

Wer sich dort und in arabischen Medien jenseits der Schreckensmeldungen verkündenden Schlagzeilen umsieht, findet nicht nur Karikaturen über den IS: Irakische, libanesische und palästinensische TV-Sender zeigen Satire-Videos über die Terrorgruppe, von Twitter aus verbreiten sich hämische Foto-Collagen über Abu Bakr al-Baghdadi. Der selbst ernannte Kalif hatte im vergangenen Sommer den Spott vieler Muslime in der arabischen Welt auf sich gezogen, als während seiner „Antrittsrede“ eine Uhr aus dem Ärmel seines schlichten Gewandes hervorblitzte.

Die Antwort heißt Satire
 

Auf die mediale Offensive des IS, die sich besonders durch professionell produziertes Film- und Videomaterial auszeichnet, antworten junge Araber und Araberinnen mit beißender Satire – ebenfalls im Videoformat. Zu den prominentesten Beispielen gehört das Video „The Prince“, entstanden im türkischen Gaziantep, nahe der syrischen Grenze. Hier sitzt Abu Bakr al-Baghdadi am Wegesrand und vertreibt sich die Zeit mit dem Smartphone. Er flirtet über Whatsapp mit einer „Ungläubigen“, nippt an einem Glas Wein, arabische Popmusik läuft im Radio.

Als ein marokkanischer Kämpfer auftaucht, schaltet er schnell auf religiöse Gesänge über Märtyrer um, tauscht das Weinglas gegen ein Glas Milch aus und legt das Smartphone beiseite. Er wolle nach Jerusalem und ins Paradies, sagt der Marokkaner euphorisch. Dort werde er weiße, blonde, grüne und schwarze Mädchen treffen, sagt ihm der Kalif voraus, während er ihm einen Bombengürtel umschnallt. Kaum ist der Attentäter außer Sichtweite und die Bombe detoniert, werden religiöses Liedgut und Milch wieder gegen Pop und Wein ausgetauscht.

Vier junge syrische Flüchtlinge stecken hinter diesem Video, das ihnen nicht nur Drohungen einbrachte und sie zwang, ihren Wohnort zu wechseln, sondern ihnen auch so viel Aufmerksamkeit verschaffte, dass sie mittlerweile eine eigene Webseite und einen YouTube-Kanal voller Parodien betreiben.

Auf YouTube sind auch der im kanadischen Ottawa studierende Syrer Anas Marwah und seine palästinensischen Kommilitonen Maher Barghouthi and Nader Kawash aktiv. In ihrer „Weekly Show“ zeigen sie etwa Werbespots für ein neues „iPhone ISIS 9 Air“, dessen Logbuch das Notieren von Getöteten vereinfacht, auf dem das IS-Handbuch mit Tipps zu Waffen bereits vorinstalliert ist und das die Ortung von Ungläubigen so einfach wie nie zuvor macht. Alles ganz im Stil eines Apple-Werbespots. Über 20.000 Klicks generieren Marwah und seine Kollegen mit ihren Videos, die sie in englischer und arabischer Sprache online stellen.

Ähnlich groß ist auch das Publikum des Panarabian Enquirer, dem nahöstlichen Pendant zum Satiremagazin Der Postillon. Die Autoren scheuen kein Tabu, um IS-Aktivisten der Lächerlichkeit preiszugeben: Da wird von einer fiktiven Pressekonferenz eines IS-Kommandeurs mit dem Namen Al Kufari („der Ungläubige“) berichtet, der die Tötung von Homosexuellen damit begründet, dass deren schöne Körper ihn zu unzüchtigen Gedanken animieren. Von seinem Kampf gegen Unsittlichkeiten in diversen unheiligen Ländern müsse er sich nun täglich in einem Männer-Massagesalon in Mosul erholen.  

Der IS als Karikatur seiner selbst – ein zufälliges Phänomen, geschuldet der technischen Möglichkeiten und der Eigendynamik, die häufig geteilte Inhalte in sozialen Netzwerken entwickeln können? Nicht ganz. Der nicht abreißende Strom von Karikaturen, Videos und Satire zeigt auch: Vielen Muslimen reicht es, sie wehren sich gegen die Hybris des IS und dessen Vereinnahmung ihrer religiösen Werte und Symbole. „Satire ist Humor, der die Geduld verloren hat“, wusste schon Kurt Tucholsky. Und auch Osama Hajjaj sieht keinen Grund dafür, sich in Geduld zu üben. Er wird auch weiterhin die Terrorgruppe karikieren. Für ihn ist klar: „Der IS hat keinerlei Würde.“

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